Weiße Nächte und schwarze. Ein Briefwechsel

Translation from Finnish by Maximilian Murmann and from Swedish by Elna Lindgens
 
Januar 2001
 
Lieber Johannes,
ich hatte versprochen, noch im Jahr 2000 zu schreiben, habe es jedoch nicht geschafft, und wie ich in meiner kurzen Mitteilung erwähnte, beschloss ich, den ersten Brief in Italien zu beginnen, im Land der alten Falisker und Etrusker, in der kleinen Stadt Mazzano, die einigen Schriftstellern und Künstlern aus Finnland bekannt sein dürfte. Tiia und ich werden die nächsten zwei Monate hier leben und von der Gastfreundschaft von Paavo und Marjatta Jauhiainen sowie der Väinö-Tanner-Gesellschaft profitieren.
Wir kamen gleich zu Beginn des Jahres hierher, nachdem wir zunächst ein paar schöne Tage in Rom verbracht hatten, bei unseren alten Schriftstellerfreunden, dem derzeitigen Botschafter Estlands, Jaak Jõerüüt (er hatte seine Diplomatenlaufbahn in Helsinki begonnen) und seiner Ehefrau Viivi Luik. Wir kamen am Sonntag nach dem Dreikönigsfest in Mazzano an. Es regnete Nacht und Tag, und über den Bergen krachte der Donner. Wir dachten, dass uns die Götter der Etrusker auf diese Weise gewiss willkommen oder nicht willkommen heißen wollen, doch wir verfügten nicht über die alte Fähigkeit der etruskischen Priester, Blitze zu deuten, und waren nicht in der Lage, die Botschaft der Götter zu interpretieren.
Dass wir hier in Latium wohnen können, in einem Haus aus dem Mittelalter, zeigt bereits, wie sehr sich unser Leben in den letzten zehn Jahren verändert hat. Schließlich hatte ich mich auf meine erste Auslandsreise begeben, fünf Tage in Finnland, als ich bereits fünfundvierzig war, im Jahr 1986. Die Vorbereitungen meiner ersten Finnland-Reise kommen selbst mir vor wie eine unglaublich absurde Geschichte. Sie begann damit, dass ich zunächst zwei Tage lang von einem Arzt zum anderen lief, um alle nötigen Atteste zu besorgen. Davon kam ein gutes Dutzend zusammen. Aus irgendeinem Grund, vermutlich ging es um Autoritäts- oder Kostenfragen, gaben sich die Machthaber redlich Mühe, dass nur Staatsbürger mit einer guten Verfassung ins Ausland gelangten. Jetzt liegt es an jedem selbst, vor dem Aufbruch zu einer Reise eine Reiseversicherung abzuschließen, das ist für uns eine Neuerung, an die man sich gewöhnen muss.
Von uns haben sich noch nicht alle, insbesondere ältere Menschen, an die neuen Spielregeln des Lebens gewöhnt. Gewöhnung braucht Zeit und Energie, was die meisten von uns schlichtweg nicht haben. Und für die meisten ist Gewohnheit beinahe dasselbe wie Wahrheit. Obwohl sich die Esten die Sowjetwahrheiten im Allgemeinen nicht gerade zu eigen gemacht haben, gewöhnte man sich dennoch an das Sowjetleben. Darin gab es viel Abstoßendes, Dummes, Ungerechtes und auch Brutales, aber oft war das Sowjetleben angenehm. Es verlangte den Menschen nicht ab, sich groß anzustrengen, auf der Höhe der Zeit und konkurrenzfähig zu sein, und auch nicht, Zeit in Geld umzutauschen.
Die Veränderung, die in Hinblick auf Zeit und die Nutzung von Zeit stattgefunden hat, ist für mich und Gleichgesinnte vielleicht das Unangenehmste. Ich habe darüber zwei kurze Essays geschrieben, der erste trägt die Überschrift „Zeit und Denken“, wenn ich mich richtig erinnere. Die Grundidee des Essays bestand darin, dass es auf der Welt vier verschiedene Arten von Gesellschaften gab: solche, in denen Menschen viel Geld und Zeit haben; solche, in denen sie weder Geld noch Zeit haben; solche, in denen sie Zeit haben, aber kein Geld; und solche, in denen sie Geld haben, aber keine Zeit. Die sowjetische Intelligenz hatte kein Geld, aber sie hatte Zeit, die bisweilen gut genutzt worden war. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass es Juri Lotman und seinen Gesinnungsgenossen im Westen möglich gewesen wäre, ihre Semiotiktheorien ebenso effektiv zu entwickeln wie im ruhigen, und von der Außenwelt abgeschnittenen Tartu. Ich beendete meinen Essay mit der Feststellung, dass die schöne neue Welt des Westens, in der Zeit und Menschen mit allergrößter Effizienz genutzt werden, nicht mehr in der Lage sei, denkende Menschen hervorzubringen, sie müssten aus Osteuropa und Asien importiert werden, wo der Mensch noch ein denkendes Wesen ist, nicht nur ein Verbraucher, Wiederverwerter und Produzent fertiger Gedanken.
Ich habe bereits ein paar Monate überlegt, worüber ich eigentlich schreiben sollte. Das ist zur gleichen Zeit leicht und schwer: Es ist so viel geschehen, doch um das Geschehene zu begreifen, gab es nicht genug Zeit. Trotzdem sieht es aus, als ob für uns in Nordeuropa die Zeit der großen Ereignisse vorüber ist, und wir allmählich in der Lage sind zu begreifen, was geschehen ist, um uns an die veränderte Welt zu gewöhnen und unseren Platz darin zu finden. Dazu sind jedoch nicht alle in der Lage. In Estland, wie anderswo in Osteuropa, gibt es viele, die der ruppige neue Journalismus als Loser, als Verlierer bezeichnet. Es war sogar die Rede von einer verlorenen Generation, und irgendein junger Journalist schrieb, dass die Rentner nicht über die kleinen Renten klagen sollten: Schließlich hätten sie zur Sowjetzeit keine ordentliche Arbeit verrichtet. Es dürfte Dir nicht schwerfallen, Dir vorzustellen, welche Gefühle solche Texte in mir oder meinen Altersgenossen auslösen.
Unsere Zeit ist brutal, wenn auch auf eine andere Weise als die Sowjetzeit davor. Die stillschweigende Solidarität zwischen den Esten ist verschwunden, eine Solidarität, die aus dem Volk einen eigenartigen Geheimbund machte, in dem fast alle, vom Parteifunktionär bis zum einfachen Arbeiter, die gleiche Meinung über die Angelegenheiten des Vaterlands hatten oder zumindest eine andere Meinung als die Anführer des Kremls. Ich habe unser Volk verglichen mit den Bewohnern einer besetzten Stadt, die vereint sind im Kampf gegen den Feind, ihre Einheit aber umgehend einbüßen, sobald die Besatzer abgezogen sind. Bisweilen möchte ich eine kindische Frage stellen: Gibt es überhaupt noch ein Volk, eine estnische Nation; ist die Vorstellung Estlands bloß ein Überbleibsel der romantischen Literatur aus dem neunzehnten Jahrhundert und der romantischen Politik des zwanzigsten Jahrhunderts, eine Vorstellung, die die Politiker heute noch ausnutzen? Für wie lange? Wie lange werden es die armen Esten noch ertragen und bereitwillig glauben, dass sie mehr mit den estnischsprachigen Aufsteigern gemein haben als mit ihren armen russischen Nachbarn? Was verbindet einen Millionär aus Tallinn mit einem Arbeitslosen aus dem Südosten Estlands?
Ich selbst habe einen Großteil meiner Zeit zwischen zwei ehemaligen Provinzen in der Nähe von Tartu verbracht, umgeben von Wäldern und Gestrüpp. Oder vielmehr einstigen Wäldern; nun wurde der Großteil von ihnen in Geld umgetauscht, wie unsere Zeit. Der Erdmensch ist zu einem Waldmenschen geworden: In unserer Gegend ist der Wald für die meisten die einzige richtige Einkommensquelle. So lange genug Wald da ist. Die geliebten, vertrauten Landschaften haben sich völlig verändert, alte Pfade finden wir nicht mehr, ebenso wenig Orte zum Pilzesammeln. Die Veränderungen in den Wäldern waren so massiv wie in der Gesellschaft, kein Wunder, dass die Menschen unter einem Übel leiden, dass man heutzutage als Veränderungsstress bezeichnen könnte. So auch ich. Rührt mein Stress und meine Abscheu gegenüber der schönen neuen Welt nur von meinem Alter und davon, dass ich mich für meine Generation typisch - nicht besonders gut, aber dennoch - an das Sowjetleben gewöhnt hatte? Ich war zusammen mit den anderen Osteuropäern aus dem verschlafenen, platonischen Sowjettümpel in den Strom der heraklitischen neuen Welt geworfen worden. Viele von uns eignen sich nicht mehr für Wildwasser. Aber die Jüngeren werden sich vielleicht daran gewöhnen, für sie wird die heraklitische Welt genauso ihre eigene, wie die platonische für uns. Ich habe mir diesen Vergleich nicht selbst einfallen lassen: Meines Wissens schrieb bereits Russell seinerzeit, dass das rote Russland die utopischen Ideen aus Platons Politeia verwirklicht habe. Mein Lehrer Ain Kaalep hat gewiss nicht Russells Reiseerinnerungen aus Russland gelesen, aber auch er hielt die Sowjetunion für einen von Philosophen erfundenen und konstruierten Staat, und auch seiner Meinung nach war diese Erfindung völlig missglückt.
In der Sowjetunion erschienen uns viele Dinge selbstverständlich, über die man im Westen diskutierte und stritt. Wir fühlten uns wie Gefangene, vom Rest der Welt abgeschnitten. Für Gefangene ist Freiheit selbstverständlich das Wichtigste, und sie denken – wie wir zu jener Zeit – dass die Freiheit von sich aus, ganz automatisch, alle Probleme löst. Dies war ein Irrtum, ein ähnlicher Irrtum wie der unserer Großväter, als sie glaubten, dass der marxistisch-leninistische Sozialismus die Lösung parat hält. Verwirklichte Utopien und Wirklichkeit gewordene Märchen dürften zu den gefährlichsten Dingen auf der Erde gehören.
Mir scheint also, dass unsere schöne neue Welt auf einem Irrweg ist, dass wir wieder Sklaven einer fehlerhaften Ideologie sind, den falschen Göttern dienen. Aber ich versuche mich stets zu erinnern: Wenn irgendwo ein Fehler zu sein scheint, dann stelle sicher, dass er nicht in dir selbst ist. Es kann sein, dass ich falsch liege, dass meine eigenen Gewohnheiten, meine eigenen Wahrheiten fehlerhaft sind, dass ich selbst falschen Göttern diene. So habe ich versucht, die Motive meiner eigenen Einstellung zu reflektieren, aber bislang habe ich nicht viele Belege dafür gefunden, dass ich völlig falsch liege. Eher im Gegenteil. Die Geschehnisse der Welt scheinen darauf hinzudeuten, dass wir auf einen Eisberg zusteuern, dass sich die traurige Geschichte der Titanic wiederholen wird, und zwar in einem viel größeren Maßstab. Wir alle sind Passagiere auf dem Raumschiff Terra und wir haben keine Rettungsboote, mit denen wir in Folge eines Schiffsbruchs das Ufer erreichen könnten.
Einer der Abgötter unserer Zeit ist meiner Meinung nach die Zeit selbst, Chronos, aus dem wir Kronos gemacht haben, ein Ungeheuer, das seine eigenen Kinder verschlingt, so wie alle Revolutionen, die uns die letzten hundert Jahre versucht haben. So ist es auch bei uns in Estland geschehen, im Land der singenden Revolution.
Mich verblüfft seit meiner Jugend der Kult des Abgottes Zeit, der bemerkenswerterweise dem Westen und dem Osten gemein ist. Man wiederholte uns gegenüber stets, dass man „den Befehlen der Zeit gehorchen“ und „den Anforderungen der Zeit folgen“ solle. Gleichzeitig schrieb man, dass der Sozialismus und der Kommunismus für den Menschen seien, dass das Allerwichtigste der Mensch und sein Wohlbefinden sei. Darin liegt ein Widerspruch: Warum soll der Mensch, der Maßstab aller Dinge, das Wertvollste überhaupt, den Anforderungen der Zeit gehorchen; ist die Zeit also doch wichtiger als der Mensch selbst? Der Kult der Zeit hat im Westen seine eigenen Formen, aber er ist dort genauso mächtig und intolerant. Er zwingt uns, auf der Höhe der Zeit zu sein, mit den anderen um einen Platz an der Sonne zu kämpfen. Statt Parolen benutzt er Werbung und statt Gewalt Manipulation. Was glauben wir eigentlich, was die Zeit von uns verlangt? Meiner Meinung nach vor allem, dass wir mithetzen, mitlaufen. Man will aus dem Leben einen Wettlauf machen. Oder paradoxerweise: Die Zeit verlangt, dass wir keine Zeit haben, dass die Zeit über uns herrscht, und nicht wir über die Zeit. In der Sowjetunion ist es der Zeit nicht gelungen, Oberhand über die Menschen zu gewinnen: Wir hatten trotz allem Zeit. Vielleicht wurde das Sowjetregime gerade von der Zeit selbst gestürzt, nachdem sie beschlossen hatte, dass es ihr schlecht diente…
Im Sommer las ich die estnische Neuübersetzung von Laozis Daodejing und fand darin viel Neues und Wichtiges. Weißt Du, mit welchen Worten das Daodejing endet? Auf Chinesisch bu zheng – ohne zu streiten. Der alte, weise Verfasser warnt die Menschen mehrfach davor, nicht zu streiten. An dieser Stelle ist er, wie auch anderswo, ein Prophet der zeitgenössischen, der rot-grünen Gegenkultur…
Ich erwähnte bereits die wechselseitige Abhängigkeit von Denken und Zeit. Meiner Meinung nach können wir nicht denken, können wir keine denkenden Wesen sein, wenn wir nicht genug Zeit haben. Das Seltsame an unserer schönen neuen Welt ist, dass denkende Menschen, die Zeit benötigen, nicht genug davon haben, während die meisten wiederum nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Sie brauchen Möglichkeiten, um die Zeit zu füllen, Unterhaltung, für die man in der estnischen Sprache das einfallsreiche Wort „ajaviide“ gebraucht, Zeitvertreib.
Ich erinnere mich, als Kind den ersten Band von J.I. Perelmans „Unterhaltsame Physik“ gelesen zu haben, in dem von einem merkwürdigen Karussell die Rede ist, mit dem sich Menschen damals auf Jahrmärkten die Zeit vertrieben. Das Karussell war nichts als eine glatte, runde Scheibe, auf der sich Willige versammelten, und die sich mit immer größerer Geschwindigkeit drehte. Bald konnten sich die Ersten nicht mehr auf der Scheibe halten und fielen herab, mit Zunahme der Geschwindigkeit blieben immer weniger Menschen übrig, bis es schließlich auch die letzten von der Scheibe schleuderte. Nun scheint mir, dass diese Karussellscheibe eine Metapher ist für unsere von der Zeit beherrschte und beschleunigte Welt. Wie alle anderen Abgötter ist das Zeitkarussell eine Schöpfung von Menschen, von uns selbst, aber wie es so oft geschieht, hat sie sich verselbstständigt, sie hat sich entfremdet von ihren Schöpfern und sich ihrer bemächtigt. Die von uns entwickelte Ideologie, Wirtschaft und Technologie, sind zu unseren Herrschern aufgestiegen, wir sind zu Dienern unserer Schöpfungen geworden. Insofern bin ich zu demselben Schluss gekommen wie der Akademiker Georg Henrik von Wright: Er bezeichnet das von uns konstruierte und uns jetzt schon beherrschende System als Technosystem.
Die Zeit ist unser Gott, doch es gibt noch mehr Götter. Die Gefährten der Zeit sind Veränderung und Neuheit. Wieder wundert mich, warum sie zu inhärenten Werten geworden sind. Das Neue ist ja nicht unbedingt besser als das Alte. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Blitz, als ich einmal zu einer Untersuchung ins Krankenhaus ging und als Diagnose das mit einem Fragezeichen versehene Wort „Neoplasma“ erblickte. Zum Glück gab es in meinem Körper kein Neoplasma, keine Neubildung, nichts Neues. Aber Werbung und politische Propaganda wiederholen uns gegenüber immerzu, täglich, dass wir das Alte gegen das Neue eintauschen sollen. Uns werden neue Zahnpasten angeboten, neue Autos, Computer, Betriebssysteme, Parteien, Religionen. Die Losungen der Politiker sind die Wörter „Erneuerung“, „Veränderung“, „Revolution“. Selbstverständlich ist auch dies in gewisser Weise Unterhaltung, eine Flucht vor der Welt, eine Flucht vor der Welt der hier und jetzt stattfindenden Einbildungen, Utopien, Träume, eine Flucht vom Wirklichen ins Unwirkliche. Aber war der Mensch jemals zufrieden mit der Wirklichkeit? Für sie wurden stets Surrogate gesucht, andere Wirklichkeiten errichtet, seien sie mythologisch, künstlerisch oder virtuell. Unsere alltägliche Umgebung ist eine Mischung aus allen von ihnen, der Mensch lebt zur gleichen Zeit in vielen Welten. Aber mir scheint, dass Gleichgewicht hier ein wichtiger Maßstab ist. Und dieses ist meiner Meinung nach gestört, wir sind im Begriff, den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren, auf dem Weg in eine artifizielle Welt. Hinter dieser artifiziellen Welt kann ein Eisberg lauern.
Das Gleichgewicht ist zu einem der wichtigsten Konzepte in meinem Denken geworden, vielleicht habe ich es aus dem traditionellen chinesischen Denken erlernt. Für die Chinesen ist die Welt kein Schauplatz für den Kampf zwischen Gut und Böse wie etwa für die Diener Mithras, die Zeugen Jehovas oder die Bolschewiken. Die Chinesen streben nach Gleichgewicht. Meist bedeutet dies das Gleichgewicht zwischen Yin und Yang, die an sich weder schlecht noch gut sind. Auch ich denke, dass es wenige Dinge gibt, die vollkommen schlecht oder gut sind. Die Elemente der Welt – Erde, Feuer, Wasser, Luft – sind alten Lehren zufolge auch nicht gut oder schlecht. Schlecht heißt, wenn es von einem der Elemente zu viel oder zu wenig gibt. Dieser Gedanke ist auch der Antike alles andere als fremd, Überbleibsel davon finden wir noch in der alten europäischen Lehre von den Grundstoffen des menschlichen Körpers; aus ihr stammen die Begriffe „Melancholiker“, „Choleriker“, „Sanguiniker“ und „Phlegmatiker“. Dieser Lehre zufolge soll im Körper ein Gleichgewicht zwischen allen vier Stoffen herrschen.
Ich denke oft an das Gleichgewicht zwischen alt und neu, zwischen Bewahren und Erneuern, aber auch an das Gleichgewicht zwischen Ethik und Ästhetik. Meiner Meinung nach ist auch dieses Gleichgewicht gestört, ästhetische Werte sind wichtiger geworden als ethische. Als ästhetische Werte werden auch jene bezeichnet, die man normalerweise vielleicht nicht so bezeichnen würde: Neuheit, Größe, Stärke, Originalität. Das sind meines Erachtens Werte in der Kunst, aber nicht unbedingt im Leben der Menschen, obwohl das Leben stets auch eine ästhetische Dimension hat. Wir irren uns, wenn wir die ästhetische Dimension für wichtiger halten als andere. Derlei geschah meiner Meinung nach im Nazi-Deutschland und im faschistischen Italien. Vielleicht ist es kein kompletter Zufall, dass an der Spitze beider Länder Menschen standen, die in ihrer Jugend von einer Künstlerkarriere träumten, daran aber gescheitert waren oder sich nicht damit begnügten, was sie als Künstler erreicht hatten.
Hitler wollte Architekt werden, Goebbels begann als Schriftsteller, Mussolini war Journalist, d’Annunzio war ein Dichter, dessen Ansichten zufolge Himmel, Meer, Land und Heldentum gleichwertige ästhetische Phänomene seien. D’Annunzio und seine Gesinnungsgenossen ästhetisierten Kampf und Krieg, doch ihre Ästhetisierung entbehrte des dunklen Kultes von Zerstörung und Tod, der in der SS-Ideologie zum Vorschein kommt und in den Massenmord führt. Aber in einer rein ästhetischen Welt gibt es weder gut noch schlecht, ein großes Kunstwerk kann genauso gut das Leben preisen wie den Tod, Thanatos wie Eros. Zwischen den ästhetischen und politischen Bestrebungen des vergangenen Jahrhunderts gibt es eine teuflische Verbindung: Sie tritt gewissermaßen auch in einigen Ausrichtungen der zeitgenössischen Kunst zutage, in denen sowohl ästhetische als auch ethische Tabus von früher verworfen werden. Wenn es das Ziel der Kunst ist, Tabus zu brechen, zu schockieren, Menschen um jeden Preis zu erschüttern, brauchen wir bloß abzuwarten, bis die Gaskammern und Leichenstapel in den Konzentrationslagern der Nazis, die Friedhöfe der Gulags mit den Hunderten von herumliegenden Schädeln, auf denen bereits Moos zu wachsen begann, oder die von den Roten Khmer und den Extremisten Ruandas zurückgelassenen Schädelpyramiden von einem Theoretiker als Meisterwerke der Kunst des 20. Jahrhunderts proklamiert werden. Wird dann auch Folter zu Kunst? Wie viel Einfallsreichtum oder gar Genialität steckte in den Foltergeräten und -methoden des mittelalterlichen Europas und Chinas? Die Ästhetisierung des Lebens und der Welt hat eine eigene teuflische Logik und ehrlich gesagt macht mir das Angst. Ich erinnere mich zu klar an die Zeit Stalins; auch die Knochen meines Vater liegen in irgendeinem namenlosen Grab in Nordrussland, ich hoffe nur, dass das Grab tief genug ist und sie in Frieden ruhen können.
Tabus gehören in der menschlichen Kultur zu den wichtigsten Konzepten; es gibt Theorien, die sie mit der Kultur gleichsetzen: Die Kultur sei nichts anderes als ein großes, kompliziertes System aus Tabus. Wenn wir sie brechen, ist vielleicht sogar die Kultur selbst in Gefahr…
Aber sich Tabus zu widersetzen ist seit Urzeiten Teil der Kultur. Ich habe einmal für das finnische Werk Kirjojen kirja, „Das Buch der Bücher“, einen Essay über Gilgamesch verfasst, über den, wie ich finde, ersten typischen Helden der westlichen Literatur, der den Göttern und der von ihnen geschaffenen Weltordnung trotzt. Ich habe mich dem trotzigen Gilgamesch stets näher gefühlt als den Weisen und Einsichtigen, die vor ihm warnten. Bin ich nun, an der Schwelle zu meinem sechzigsten Geburtstag, selbst im Begriff einer von ihnen zu werden? Ich möchte es nicht. Aber vielleicht ist es so, dass es zwischen dem Bestehen und dem Brechen von Tabus ein Gleichgewicht geben sollte. Tabus selbst sind nicht schlecht, genauso wenig wie der Aufstand, schlecht ist eine Gesellschaft, in der jeder Aufstand erstickt wird, aber auch eine Gesellschaft, in der Aufstand und Widerstand Werte an sich sind. In der heutigen westlichen Welt stehen sich die totalitäre Aufsässigkeit und der totalitäre Konservativismus gegenüber – letzteren vertritt beispielsweise die extreme christliche Rechte in Amerika.

Als ich mit dem Schreiben des Briefs begann, dachte ich nicht, dass ich so viel über den Tod und die Gefahren schreiben würde, die unserer Kultur auflauern. Ich dachte, dass ich über Italien schreiben würde, wo es bis zuletzt unglaublich mild war, die ersten Schneeglöckchen im Wald gesprießt sind, und von den Dächern das Gurren der Tauben zu hören ist. In Italien versteht man besser, was Milan Kundera als die unerträgliche Leichtigkeit des Seins bezeichnet. Diese Leichtigkeit steckt im alltäglichen Leben, in der Kultur und selbst in der Religion. Aber dennoch: Hinter der italienischen Leichtigkeit gibt es etwas anderes. In solch einem Leben sind stets Gegensätze vorhanden – Genuss und dunkles Grübeln. Die aus Menschenknochen zusammengesetzten Rokoko-Dekorationen der Kapuzinerkirche Santa Maria della Concezione am Rande der Via Vittoria Veneto in Rom sind meiner Meinung nach ein gutes, wenn auch etwas anmaßendes Beispiel für die Symbiose von derlei Gegensätzen. Das Wissen um den Tod kann den Menschen entweder düster oder fröhlich stimmen, hier trifft gewöhnlich letzteres zu, wenn auch nicht immer, man denke zum Beispiel nur an Savonarola und seinen Einfluss auf Botticelli. Ein Freund meines Vaters, der seinerzeit in Tartu als Italienisch-Lektor wirkende und heute als Grand Old Man des italienischen Journalismus geschätzte wie gefürchtete Indro Montanelli erklärte mir, dass in Italien nichts besonders ernst genommen wird. So bewahrten die italienischen Faschisten und auch Kommunisten viel häufiger ihr menschliches Gesicht als die deutschen Nazis und die russischen Bolschewiken. Montanelli, der als Kriegskorrespondent beim Spanischen Bürgerkrieg dabei war (später auch in Finnland), sieht den Fluch der Spanier darin, dass sie stets ernst gewesen sind; in Italien wurde in den letzten hundert Jahren kein Bürgerkrieg geführt. Ein gewöhnlicher Italiener reagierte auf Mussolini und seine Eskapaden mit Sarkasmus, und als der Regierung klar wurde, dass der Krieg verloren war, gab man dem Duce den Laufpass und die Italiener taten ihr Bestes, um den ganzen Konflikt zu beenden. Diese Geschichte erinnert mich an den Gedanken eines katholischen deutschen Schriftstellers (seinen Namen habe ich vergessen und hier kann ich ihn nicht herausfinden), der den braven Soldaten Schwejk für ehrwürdiger hält als deutsche Kriegshelden, die sich bis zuletzt zur Wehr setzten. Es ist besser, wenn ein Mensch gutes Bier schätzt, gute Zigarren, gesellige Kartenspiele und Freudenmädchen als den Heldentod für das Vaterland, die Partei oder die Gesinnung zu sterben. Ich bin fast gleicher Meinung, obwohl ich selbst eher Asket bin als Genießer. Aber als Kriegskind habe ich nichts für Helden übrig, ebenso wenig wie die Figuren des Buchs – wieder erinnere ich mich nicht an den Verfasser und den Titel -, die Bewohner einer italienischen Kleinstadt, die beim Heranrücken der Alliierten die Macht in die Hand nehmen und d’Annunzios Losung „Besser ein toter Löwe als ein lebender Hund“ ins Gegenteil verkehren: „Besser ein lebender Hund als ein toter Löwe“. Auch ich mag die Behaglichkeit solcher Menschen, wie so viele Nordeuropäer, die mit der Kultur des Mittelmeers in Kontakt gekommen sind.

Ich fühle mich nicht zuhause im Estland von heute, aber ich würde mich hier im Süden wohl kaum besser fühlen. Der Mensch des Mittelmeers ist Teil einer Herde – Familie, Sippe, Gemeinschaft –, und die Gruppensolidarität ist hier oft wichtiger als Ethik, als allgemeine Moralregeln. Vielleicht liegt der Kern der Sache gerade darin, dass die Italiener nichts ernst nehmen, was nicht unmittelbar sie selbst und ihre Gruppe betrifft. Solche Äußerlichkeiten sind etwa der Staat und seine Gesetze, aber leider auch allgemeine Regeln, Ethik, Ökologie, Probleme der Welt und der Umwelt. Hier will man so leben, wie man immer gelebt hat, und man ist weniger willens, seine Lebensweise zu verändern als im Norden. Hier ist es auch heute noch üblich, Putzwasser aus dem Fenster auf die Straße zu kippen und Singvögel zu jagen – so wurde es schon immer gemacht, ganz egal, ob immer mehr Vogelarten in Europa bedroht sind.
Vögel sind für mich und viele Esten von Geburt an beinahe heilig. Ich erinnere mich, wie schockiert ich war, als ich zum ersten Mal hörte, dass man im Süden Europas Lerchen fängt und isst. Obwohl das Fangen von Vögeln nachvollziehbar ist, durch Italien verlaufen die Routen der Zugvögel auf ihrem Weg nach Afrika, im Herbst sind alle Parks und Büsche schwarz vor kleinen Vögeln. Aber… Ich habe einmal eine Auswahl von Märchen der Indianer Nordamerikas ins Estnische übersetzt. Darunter gab es eine Geschichte darüber, wie einst in einem Ort der Frühling ausblieb. Die weisen alten Männer und Frauen vermuteten, dass irgendein Kind mit Steinen nach Vögeln geworfen hatte. Der Schuldige wurde ausfindig gemacht, auf eine Eisscholle gesetzt und stromabwärts geschickt. Sofort kamen die Zugvögel und brachten den Frühling mit sich. Etwas aus diesen archaischen Glaubensvorstellungen ist auch noch bei uns in Nordeuropa erhalten, wir sind noch nicht rein soziale Wesen, wir gehören nicht ausschließlich zu unserer Gruppe, sondern wir sind auch Teil der lebenden Natur. Ich habe meine eigenen Schwalben, Lerchen, Grasmücken, meine eigene Nachtigall und meinen eigenen Pirol, die jedes Jahr in den Park und den Garten unseres Landhauses zurückkehren. Jedes Frühjahr warte ich auf ihre Ankunft, und wenn sie sich verspäten, bin ich nervös und niedergeschlagen. Welche Freude, wenn sie (oder ihre Nachkommen) wieder da sind. Ich weiß, dass die Situation der Zugvögel von Jahr zu Jahr schwieriger wird, es lauern immer mehr Gefahren auf ihren Routen, an ihren Überwinterungs- und Nistplätzen, und deshalb mache ich mir Sorgen. Wie würde ich dies einem enthusiastischen Vogeljäger aus Frankreich oder Italien verdeutlichen? Er würde sich nicht darum scheren.
Wo ist die Heimat der Zugvögel? Im Norden, wo sie nisten, oder in Afrika, wo sie eine viel längere Zeitspanne verbringen? Ich habe in letzter Zeit gesagt, dass ich kein Heimatland habe, aber ich habe ein Zuhause auf dem Land, ein Landhaus, wo ich den Großteil der Zeit lebe, als Nachbarn ein paar Menschen und viele kleine Vögel. In Estland und vermutlich auch in Finnland ist es für einen Menschen, der keine Heimat hat, leichter zu leben als in Italien. Es ist leichter für ihn, nicht Teil einer Gruppe zu sein. Da bei uns im Norden die meisten Menschen den meisten fremd sind, ist der Fremde dort weniger fremd als hier im Süden. So erscheint es mir und so sehen die Sache auch viele Italiener. Schließlich gibt es hier Menschen, die Finnland und Estland bewundern, wie unsereins oft Italien bewundert. Sie genießen die Möglichkeit, dass sie nicht Teil einer Herde sein müssen, dass sie still sein, schweigen dürfen. Manche Italiener und Franzosen sind in der Lage, an Finnland das zu schätzen, was ich als Kultur der Stille bezeichne. Stille, Ruhe, Hesychia – ihre Präsenz spüre ich, wenn ich im Spätherbst durch meinen Heimatwald spaziere, Anfang November über den Pielinen rudere oder im Winter in Pispala durch das Fenster Richtung Pyhäjärvi blicke. Und zu guter Letzt haben wir alle eine Heimat in dieser Ruhe der Stille, in Hesychia. Der Hesychasmus entstand im Mittelmeerraum, vielleicht als Kontrast zur alltäglichen Kultur, in der es dem Menschen nicht möglich ist, still zu sein. Schließlich haben auch Klöster eine eigene soziopsychologische Rolle, sie sind stets Rückzugsorte einer gewissen Gegenkultur gewesen, Rückzugsorte von Menschen, die nicht in ihr kulturelles Umfeld passen. Solche Menschen hat es immer gegeben, auch heute. Das finnische und estnische Kloster ist das Landhaus, die Sommerhütte, wir sind eher Eremiten als Mönche, ohne eigene Gruppe. Wir sehnen uns bisweilen nach Abgeschiedenheit, auch ich sehne mich danach, obwohl ich weiß, dass ich neben meiner Familie in vielen Ländern Leser habe, die mich verstehen. Dies ist mein eigenes virtuelles Kloster, wenn man so will. Sicher hast auch du eines, und ich vermute, dass wir zum Teil auch die gleiche Leserschaft haben.
Nach langen Überlegungen tat ich das Gegenteil von dem, was Du vorgeschlagen hast. Ich schrieb diesen Brief auf Finnisch. Aus verschiedensten Gründen: Ich wollte herausfinden, wie es mir gelingt. Ich wollte versuchen, in der finnischen Sprache zu denken, die sich in gewissen Zügen von der estnischen Sprache entscheidet. Auf Estnisch wären bestimmte Wortspiele beispielsweise nicht möglich gewesen. Und das Estnische ist tatsächlich nicht einmal meine Muttersprache, meine estnischstämmigen Großeltern beherrschten es nicht richtig, sie sprachen Südestnisch, was nicht bloß ein Dialekt ist, sondern eine echte Sprache. Meine Mutter sprach bereits Estnisch, aber ich musste all ihre Übersetzungen prüfen, denn auch ihr Estnisch war mangelhaft. So sprachen wir bei mir zuhause eine seltsame Sprache, die viele südestnische und deutsche Wörter und Phrasen beinhaltete. Du wirst meinen Brief redigiert erhalten, hoffentlich unterscheidet sich das Ergebnis nicht stark von einer möglichen Übersetzung. Hätte ich auf Estnisch geschrieben, würdest du einen anderen Brief erhalten, ich hätte auf Estnisch gedacht, ich weiß nicht, was ich dann genau geschrieben hätte. Aber wenn mein Vorhaben nicht gelungen ist, kann ich im Weiteren wieder auf Estnisch schreiben.
Ich schicke diesen Brief jetzt nach Finnland und hoffe, dass Du ihn bald lesen kannst. Entschuldige nochmals die Verzögerung, aber ich glaube, dass das Ergebnis so besser ist.
Mit herzlichen Grüßen vom Ufer des Treja,
Jaan
19.1.2001
 

Lieber Jaan,

Dein Brief erreichte mich just in dem Moment, als ein gewaltiger Wintersturm über Drumsö hereinbrach – welch greller Kontrast zu den milden Lüften Deiner Botticelli’schen Ebenen–, und ich denke an Deine schwärmerischen Zeilen über die Zugvögel. Denn leider hat der plötzliche Kälteeinbruch die Seidenschwänze in die Flucht getrieben. Enorme Scharen – man spricht von 15 000 Vögeln allein auf Drumsö!– haben uns den Januar hindurch Gesellschaft geleistet, angelockt von der reichen Vogelbeerernte des vergangenen Jahres. Im Schwarm bewegen sie sich wunderbar grazil, wie von einem unsichtbaren Ballettmeister gelenkt. Sie hinterlassen ein Gefühl der Leere, ich hatte mich so an das sirrende Geräusch in den Baumwipfeln gewöhnt. Wie weit südwärts sie wohl schon gekommen sind? Vielleicht ist Estlands Himmel jetzt voller Seidenschwänze?
Die Krähen hingegen bleiben, zäh wie die Krüppelkiefern und ebenso zeitlos. Selbst ihre hässlichen Stimmen vermitteln am Ende Geborgenheit und etwas Vertrautes – hier sind sie!–, unsere Gefährten unter dem Polarstern; sollen im Süden die Tauben doch gurren, wie sie wollen.
Noch nie waren die Seidenschwänze den ganzen Januar bei uns, ein Verdienst nicht nur der Vogelbeeren, sondern auch des milden Winters. Macht sich der Treibhauseffekt auch auf Drumsö bemerkbar? Das würde gewissermaßen veranschaulichen, wie schnell sich die Welt in elf Jahren verändert hat. Heute ist das freie Baltikum fester Bestandteil unseres Alltags, doch als wir uns das letzte Mal schrieben, wagten wir kaum, an das Wunder zu glauben1.
Im Nachhinein quälen mich dennoch die Blindheit und der Mangel an Sensibilität, die maßgeblich waren für Finnlands Haltung gegenüber dem baltischen Drama. Das Einzige, was zählte, war Paasikivis und Kekkonens alte, realpolitische Linie, in der kein Platz war für Revolutionen „singender“ Art; gegen militärische und geographische Fakten helfen keine Tagträume. Berüchtigt Mauro Koivistos Reaktion auf die Bilder, die das Fernsehen vom blutigen Vormarsch russischer Panzer in Wilna zeigte: „Und dann bringen sie es auch noch in Farbe!“
Wie sehr unsere Staatsführung in alten Mustern gefangen war, zeigt auch, dass man das Gelände der Botschaft in West-Berlin verkaufte, in der festen Überzeugung, Deutschland würde niemals wiedervereint. Hier hält der „Realist“ die Augen fest verschlossen, nicht der Träumer.
Du trauerst der stillschweigenden Solidarität nach, die einst die Nation zusammenhielt und die Dein freies Estland nun verloren hat. Die Symptome sind weltweit bekannt, und auch nördlich des Finnischen Meerbusens vernimmt man sie klar und mannigfaltig, im besten neoliberalen Geiste. Dennoch fällt es mir schwer, Deinen Pessimismus zu teilen; sich so überzeugend unter den Kandidaten für eine EU-Osterweiterung zu platzieren, das konnte nur einem vitalen, vielfältig begabten Volk gelingen. Ist nicht der Este von jeher ein Meister der Überlebenskunst?
Anatol Lieven behauptet sogar, smarter zu sein als andere Balten, und besitzt durchaus einiges von der Odysseus’schen Fähigkeit, sich möglichst unbeschadet aus jeder Klemme zu befreien. „Wir glauben nicht“, so heißt es in einem Zitat, „dass die beste Art, sich einer Wand zu nähern, die ist, mit dem Kopf dagegen zu rennen.“
Übrigens ist es schwindelerregend zu sehen, wie sehr der Abstand zwischen Estland und Finnland geschrumpft ist. Früher glich der Finnische Meerbusen einem Ozean, hinter dem sich Tallinn verbarg, fremd und fern wie einst Timbuktu. Heute braucht man im Sommer für die Überfahrt eine Stunde und fünfundvierzig Minuten und kann wählen, ob man in Borgå oder Tallinn zu Abend essen möchte (der einzige Nachteil der ultramodernen Katamarane ist, dass sie nicht für starken Seegang gemacht sind, die letzte Fahrt habe ich auf der Bordtoilette eingeschlossen verbracht).
Vielleicht ist diese neue Nähe auch ein Trugbild. Ich hatte schon immer das Gefühl, Ihr Esten seid viel mehr Europäer als wir, mit der Hanse im Gedächtnis und einer jahrhundertelangen deutschen Präsenz als zusätzlichem kosmopolitischen Einschlag. Es würde mich nicht wundern, wenn Ihr eines Tages die Freiheit der EU nutzt und Finnland den Rücken zuwendet, um stattdessen auf die Via Baltica und den Kontinent zu setzen.
Allzu beliebt können die Finnen in Tallinn nicht sein. Die Wodkatouristen sind zwar mit den Jahren etwas gemäßigter geworden, es bleiben aber genügend Unsitten, um die Bruderliebe immer wieder auf die Probe zu stellen. Der Finne geriert sich nach wie vor als Herr im estnischen Haus, stets mit den Verdiensten seines Landes protzend, ob Winterkrieg oder Nokia. Typisch auch, dass er sich weigert, Estnisch zu lernen, umgekehrt jedoch verlangt, dass der Este Finnisch lernt (welchem sich dieser immer häufiger widersetzt, verliert doch das finnische Fernsehen in Estland an Bedeutung). Es gefällt auch nicht jedem, dass immer mehr Aktienposten und Strandgrundstücke in finnischen Händen landen.
Gleichzeitig dürfte es das ausgemachte Ziel sein, Finnland das Wasser zu reichen, denn zumindest wirtschaftlich ist der Nachbar ein Vorbild, das zu neuen Taten anspornt. Finnland seinerseits blickt wohlwollend und beschützend auf seine Anverwandten im Süden, ist und bleibt doch Blut dicker als Wasser. Nicht umsonst schätzen wir Lennart Meri sehr, als Menschen wie als Staatsmann. Doch auch das hindert die Leute nicht daran, mit belustigtem Unterton festzustellen, dass die estnische Nationalhymne ihre Melodie von „Vårt Land“, der Hymne Finnlands, gestohlen hat – was kann das Verhältnis zwischen Geber und Nehmer besser verdeutlichen?
Weitaus schlimmer ist, dass die Esten in den Augen vieler Finnen immer häufiger mit Schmuggel und Drogenkriminalität in Verbindung gebracht werden. Das Land befindet sich auf bestem Weg, Haupteinfallstor für den Drogenhandel im Norden zu werden; erst vor Kurzem berichtete unser Fernsehen, der Zoll habe bei Esten und Russen innerhalb eines halben Jahres ganze 50 kg Amphetamin beschlagnahmt. Und als wäre das nicht genug, verkündete eine Abendzeitung lauthals, eine AIDS-Epidemie drohe, sich von den Bordellen in Tallinn nach Finnland auszubreiten.
In einem solchem Klima gedeihen die Vorurteile, und die Irritation wächst, allen Liebesbekundungen zum Trotz, auf beiden Seiten. Womöglich muss hier doch die EU als Heilmittel dienen, ist doch ein Prozess in Gang gesetzt, der nicht in Berlin enden muss, sondern auch neue Wege Richtung Finnland und Schweden eröffnen kann. Ich selbst hoffe auf die „skandinavischen“ Werte, die als zentraler Bestandteil künftiger estnischer Identität all das ersetzen mögen, was dem Land heute sowohl an (mafiösem) Wilden Osten wie (neokapitalistischem) Wilden Westen zu Eigen ist.
Für Dich, der Du Dich – wenn ich mich recht entsinne– von Anfang an dem europäischen Projekt gegenüber skeptisch gezeigt hast, riecht das vermutlich schon von Weitem nach nordischem Chauvinismus. Genug also der guten Ratschläge an den kleinen Bruder.
Hier auf Drumsö ist das Wetter plötzlich umgeschlagen, und ich erwache an einem Morgen mit strahlendem Sonnenschein und Raureif auf den Bäumen. Es ist fast übernatürlich still, als wäre die Landschaft aus Glas. Doch das Frühjahrslicht macht unruhig, entblößt den Staub und die Flecken im eigenen Leben, und ich ertappe mich dabei, wie ich mich nach dichtem Schneefall sehne, so dass man im weißen Nirwana der Flocken versinken kann. Das Geräusch des Schneepflugs zu früher Stunde macht mich immer glücklich, weiß ich doch, der Tag, der kommt, wird ein „solcher“ Tag.
Ja, das Baltikum ist frei, und Finnland Mitglied der EU, doch die elf Jahre, die hinter uns liegen, was haben sie mir persönlich beschert? Der Verlust vieler guter Freunde hat mich ärmer gemacht, so bin ich noch immer nicht darüber hinweg, dass Erkka Lehtola, der Kulturjournalist aus Tampere, mit seinem Witz und unbändigen Lebenshunger nicht mehr unter uns ist. Er hat sich auf vereisten Winterwegen im hohen Norden totgefahren. Wir gehörten eine Gruppe an, die jedes Jahr nach Europa reiste und in Rom, Madrid oder Istanbul so manche Weißweinflasche leerte.
Fort ist auch mein åländischer Apothekerfreund, ich habe ihn bis ins Terho-Hospiz begleitet, ein Ort nur für die Sterbenden. Hier, in unseren letzten Gesprächen, mussten wir uns über die verschiedenen Stadien des Krebses nichts mehr vormachen. Aber natürlich fürchtete man die Kerze, die verlässlich entzündet wurde, war jemand in der Nacht gestorben.
Einst nahm ich den Kirchenvater beim Wort: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werde.“ Das Leben ist das Material, aus dem wir eine neue und vollkommenere Persönlichkeit herausmeißeln, es gilt nie aufzugeben, nie zu ermüden in der Erschaffung des Menschen. Jetzt, in dem unbarmherzigen Frühjahrslicht, sehe ich, wie erbärmlich ich gescheitert bin: einzig das Beste war für mich als Leser und Kunstliebhaber gut genug, und doch bleibe ich der kraftlose und zwiegespaltene Egozentriker von damals.
Vielleicht sollte man sich nicht überheben. Vielleicht ist Montaigne der wahren Lebenskunst auf die Spur gekommen, wenn er von sich behauptet, nur ein Talent zu haben: zufrieden zu sein mit sich und dem, was er hat. Menschen, die chronisch unzufrieden sind mit sich selbst, sind gefährlicher als die, die mit ihrer irdischen Hinfälligkeit ihren Frieden gemacht haben. Warum es nicht halten wie der japanische Haiku-Dichter, der als einer in Erinnerung bleiben wollte, der Poesie und Pfirsiche liebte. Mehr nicht.
Wie es scheint, werde ich bis zu meinem Tod mit diesem Dilemma leben müssen, schwankend zwischen Thomas a Kempis und Li Po – Thomas mit seinem Traum vom Absoluten, Li Po mit seiner Schwäche für das zerbrechlich Menschliche.

Doch zurück zu unserer estnisch-finnischen Gegenwart. Nichts beschreibt besser, wofür gerade das heutige Finnland stehen will, als Deine Wörter „Neuheit“ und „Veränderung“. Dir ist in unserem Straßenbild sicher schon die explosionsartige Vermehrung von Mobiltelefonen aufgefallen; ein Volk, das früher bekannt dafür war, in zwei Sprachen zu schweigen, erweist sich nun als geradezu manisch gesprächig (wie viele Dummschwätzer habe ich nicht schon im Bus nach Drumsö ertragen müssen!). Alles nur wegen Nokia, dem Telekomriesen, der Weltmarktführer auf seinem Gebiet geworden ist und den Finnen zu einem neuen, robusten Selbstbewusstsein verholfen hat.

Das Telefon ist nur ein Teil des technischen Durchbruchs im Finnland der 90er-Jahre. Eigentlich handelt es sich noch immer um denselben Salto Mortale, der einst Alvar Aalto und den Funktionalismus bei uns ermöglichte. Vielleicht ist es das Fehlen einer starken urbanen Tradition (im zum Beispiel mitteleuropäischen Sinn), das Raum für Innovationen schafft und gleichzeitig die Unverbindlichkeit hervorbringt, die es braucht, um einen großen Wurf zu landen.
Wir dürfen nicht vergessen, dass es der Finne bereits als brandrodender Bauer gewohnt war rasch weiterzuziehen, wenn sich die Neurodung des Waldes nicht mehr lohnte.
Es ist erschreckend, wie viel Macht Fortschritt verleiht, Nokia ist mittlerweile ein Staat im Staate, auf den auch die Hochschulen bei der Ausgestaltung ihres Lehrplans Rücksicht nehmen müssen. Ein flapsiger Spruch über die „schmalen Schultern“ von Nokia-Chef Jorma Ollila in der universitätseigenen Zeitschrift genügte, um den Redakteur zwecks einer scharfen Rüge zum Rektor zu zitieren. Der Technologieboom hat die alten humanistischen Bildungsziele im Namen einer neuzeitlichen Effektivität aus dem Weg geräumt, und langsam untergräbt die „Ergebnisverantwortung“ selbst so zentrale Fächer wie Literatur und Philosophie.
Wehmütig denke ich an die glücklichen Jahre zurück, die ich nach dem Krieg an der Åbo Akademie verbringen durfte, einer Universität, die zu dem Zeitpunkt noch nicht verstaatlicht war und sich deshalb ein absolutes Minimum an Bürokratie leisten konnte. Das Studium dort war rundweg frei, niemand fragte, wann man vorhabe, seinen Abschluss zu machen. Der Rahmen war auf eine Art intim, wie sie heute vollkommen undenkbar scheint, mit Lehrern, die wirklich Zeit hatten für ihre Schüler; der Philosoph Rolf Lagerborg veranstaltete seine Seminare oft daheim in der Küche (und liebte es, wenn man ihm widersprach). Die Professoren waren gelehrte Männer mit europäischem Flair, für den åländischen Bauernsohn war es, als wäre er nach Oxford am Aura Å geraten.
An das altehrwürdige Domviertel von Åbo hat man sich nicht herangewagt, aber davon abgesehen ist das 20. Jahrhundert voll von abschreckenden Beispielen dafür, was die Anbetung von „Neuheit“ und „Veränderung“ für das Stadtbild bedeutet. Aaltos blendend weißes Enso-Gutzeit-Haus im Herzen Helsinkis ist eines davon (und hier zitiere ich mich selbst aus der Helsingin Sanomat). Es ist ein schönes, ausgemacht wohlproportioniertes Gebäude, das seinem venezianischen Vorbild Riva degli Schiavoni alle Ehre macht. Doch was hat es auf Skatudden verloren? Ein Stadtteil, der maßgeblich vom Jugendstil und der orthodoxen Uspenski-Kathedrale geprägt ist, wurde mit Gewalt zu einem Ausläufer der Esplanade gemacht.
Den Geist eines Ortes, den genius loci, so offenkundig zu kränken, kommt selbst in unseren Breitengraden selten vor. Das erinnert an Nils Erik Wickberg und seine Aussage über Architekten: sie sind wie Hunde, die unbedingt ihre Marke setzen müssen. Hier war ich, Alvar Aalto!
Das Unvermögen, eine architektonische Einheit zu wahren, macht sich auch auf dem Land zur Genüge bemerkbar. Kein Stilbruch war zu groß, als es vor allem in den 50er- und 60er-Jahren darum ging, das Alte beiseitezuschaffen und dem Neuen Platz zu machen. Der Abriss-Wahn traf vor allem die Holzhäuser; schätzungsweise sollen seit den 60er-Jahren 50 000 Holzhäuser verschwunden sein, alle vor dem 20. Jahrhundert errichtet – mit anderen Worten: fünf Siebtel des Gesamtbestandes. Und das in Finnland, das sich stolz das Land des Holzes nennt!
Holzhäuser wurden gering geschätzt, allein schon weil sie nach Armut und Rückständigkeit rochen, man wollte aus Materialien bauen, die Zukunft und „Entwicklung“ verhießen. Dass dies so rabiat vonstattenging, hängt sicher damit zusammen, dass der Modernismus ausgerechnet in Finnland einen unerhörten Triumph feierte. Ein Triumph, der aus ästhetischer Sicht radikale Eingriffe in die Umwelt legitimierte und gleichzeitig die reine Profitgier rechtfertigte.
Natürlich hast Du recht, dass der Finne auch eine unbezwingbare Sehnsucht zurück zum Unberührten und Ursprünglichen hat, und hier wird das Sommerhäuschen mit der Sauna und dem Bootssteg zu seinem heiligen Ort, zu dem, wofür er eigentlich lebt. Aber das, was Du die „Kultur der Stille“ nennst, hat – Ironie des Schicksals!– dem Leben einen neuen Stressfaktor beschert: schau Dir nur das Wochenend-Getümmel im Umland an, all die angespannten Mienen, wenn der Fahrplan ins Stocken gerät. Auf meiner Etage wird es ab April schon still, sobald der Samstag näher rückt; ihren Höhepunkt erreicht die Auswanderungswelle zu Mittsommer, wenn selbst das lauschige, meeresumflutete Drumsö wie von einer Neutronenbombe getroffen scheint. Solange der Finne dieses Doppelleben führt, besteht wenig Hoffnung, dass er seiner urbanen Verantwortung voll gerecht wird.
Neben dem Phänomen Nokia war der Beitritt zur EU das Wichtigste, was Finnland in den 90er-Jahren widerfahren ist. Die Entscheidung fiel einem Volk, das es leid war, immer zwischen den Stühlen von Ost und West zu sitzen, leicht; in der Union meinte man, jemanden gefunden zu haben, an dessen Schulter man sich anlehnen könne, sollte eine Krise ausbrechen. Und welch Freude, endlich als Europäer anerkannt zu werden, nach so langer Zeit draußen in der Kälte! Ja, allein am Flughafen die richtige Schlange für die Passkontrolle wählen zu können, ließ einen frischen Wind verspüren.
Schweden hingegen brauchte die EU nicht im gleichen Maße, es hatte „immer“ zu Europa gehört, mit Stockholm als ebenbürtigem Partner von sowohl Wien als auch Paris.
Im Großen und Ganzen glaube ich, dass die Jahre in der EU den Finnen gut bekommen sind, das Scheue und mürrisch Introvertierte hat – vor allem bei den Jugendlichen – einer neuen Offenheit und Freizügigkeit Platz gemacht. Auch das Leben in den Cafés im sommerlichen Helsinki verströmt mittlerweile eine sehr willkommene, kontinentale Note. Was mich beunruhigt, ist jedoch, dass die EU-Euphorie Finnland dazu verleiten könnte, das im positiven Sinne Östliche in seiner historischen Erfahrung zu verneinen. In Brüssel verfügt nur Finnland über ein byzantinisches Erbe, ein Erbe, das eines Tages auch der sogenannten Osterweiterung die notwendige innere Dimension geben könnte.
Europa ist ein Thema, auf das ich später zurückkommen muss, gleiches gilt für Deine italienischen Eindrücke. Italien war meine erste Liebe, als ich 1961 als frisch gebackener Katholik durch Rom lief und unter anderem Papst Johannes XXIII. während einer mir unvergessenen Messe in San Paolo fuori le Mura erleben durfte (in Rom besuche ich immer sein Grab). In den Siebzigern hielt ich mich einige Sommer in Paestum auf, weniger der Tempel als der unendlichen Sandstrände wegen. Alle Himmelsrichtungen Italiens faszinieren mich, von Venedig im Norden bis Syrakus und Sizilien im Süden.
Einen prosaischen Minuspunkt muss ich dennoch erwähnen: die Kälte im Winter in den Häusern. Rabbe Enckell gestand, seit dem Winterkrieg nicht mehr so gefroren zu haben wie in Paestum. Bereitet Dir das keine Probleme? Selbst kämpfe ich gerade mit einer hartnäckigen Erkältung und beeile mich deshalb, diesen Brief zu beenden. Nicht einmal meine täglichen Fünf Tibeter – die damit beginnen, dass man wie ein Derwisch einundzwanzig Mal um die eigene Achse kreist – konnten mich diesmal retten.
Dein Finnisch ist ausgezeichnet, soweit ich das beurteilen kann. Wer weiß, in welch waschechte finnische Identität Du Dich eines Tages noch hineinschreibst.
Mit herzlichen Grüßen
Dein Johannes

20. Februar 2001

1 Anm. d. Ü.: Johannes Salminen bezieht sich hier auf seinen ersten Briefwechsel mit Jaan Kaplinski zwischen 1989 und 1990 am Vorabend der erneuten Unabhängigkeit Estlands: Jaan Kaplinski und Johannes Salminen, „Sjunger näktergalen än i Dorpat? En brevväxling mellan Jaan Kaplinski och Johannes Salminen“, Helsinki, Söderströms, 1990