Blå Jungfrun. Die Blaue Jungfrau

Translated by Karl-Ludwig Wetzig
Also available in Swedish: Blå Jungfrun

In der nördlichen Einfahrt in den Kalmarsund zwischen Öland und dem schwedischen Festland, das hier zu Småland gehört, liegt sie: „Blå Jungfrun”, die Blaue Jungfrau, überwacht wie eine hohe Felsenburg die gesamte Schifffahrt, die um sie herum vor sich geht, wie sie es seit den frühen Zeiten der Wikingerschiffe über die mittelalterliche Handelsschifffahrt bis zum heutigen Schiffsverkehr getan hat. Ebensogut wie sie einer Felsenburg ähnlich sieht, kann man auch sagen, sie gleiche einem riesigen, prähistorischen Seeungeheuer, das an die Oberfläche gekommen sei und seinen gewölbten Riesenbuckel über den Horizont erhebe. Und genauso könnte sie ein lockendes Ithaka von den griechischen Inseln sein, das Träumen und Visionen Raum gibt.
Diese Felsinsel muss zu den ersten Landmarken gehören, auf die sich mein Augenmerk richtete, als mich mein Vater, ein Fischer und Küstenbauer, mit zum Ufer nahm und mich mit seinem Arbeitsplatz bekannt machte. Im Alter von etwa sechs Jahren durfte ich ihn zum ersten Mal in seinem Motorboot zu der Insel begleiten. Seit damals habe ich sie in meinem sechsundsiebzigjährigen Leben nur noch ein einziges Mal besucht, zusammen mit einer Gruppe Touristen. Ich gehöre zu denen, die sich diese Felsenburg und das Seemonster als Ort für Träume und Fantasien bewahren möchten, und da befinde ich mich in guter Gesellschaft mit den fantastischen Beschreibungen, die zur See fahrende und andere Autoren von dieser Insel hinterlassen haben.
Der letzte katholische Erzbischof Schwedens, Olaus Magnus (1490-1557) schreibt in seinem großen Werk Historia de gentibus septentrionalibus (deutsche Übersetzung 1567: „Beschreibung allerley Gelegenheyte, Sitten, Gebräuchen und Gewonheyten der mitnächtigen Völker...”) unter anderem Folgendes über die Blaue Jungfrau: „Nicht weit von mitnächtigen Gestaden hat es eynen grossen Berg, den nennen die Schiffleuth die Jungfrau. Denn die, so an seiner Anfarth außsteigen, geben demselbigen Berg, als man sonst den Meydlin pflegt zu thuen, kleyne Geschencklin, als Händschuch, Seyden, Gürtel und deßgleichen. Und man hellt darfür, daß ihnen der Berg für solche Geschenck nicht undanckbar sey, wie man denn eyn alte Histori saget, daß auff eyn Zeit eyner, der etwas geschencket hatte, seie durch eyne Stimm, die oben herabgefallen, vermahnet worden, daß er von dannen weichen wölle, oder er werde sonst in Gefährligkeyt kommen, und als er solches gethon, ist er erhalten worden. Die andern aber seind in große Gefährligkeyt kommen. Man saget, daß die Unholden und Hexin in mitnächtigen Ländern alle Jar zu gewisser Zeit auff disem Berg zusammenkommen und von ihrer Kunst disputieren. Welche die letst unter ihnen kompt, die straffet und plaget der Teuffel sehr übel.” [zit. nach Olaus Magnus: Die Wunder des Nordens, Eichborn, Frankfurt/Main 2006, S. 157f.]
Meine beiden eigenen Fahrten haben mir keine Einblicke in diese magische Welt vergönnt, aber ich entsinne mich einer mächtigen und gänzlich unberührten Natur, einer Berg- und Schluchtenlandschaft, die sich sehr von der Ölands unterscheidet. Ich erinnere mich an einige Hasen, die zwischen den Klippen aufsprangen, ich erinnere mich an die tiefen Grotten, an den Laubwald auf der Südseite, an das Labyrinth „Trojaborg”, das vielleicht von Schiffbrüchigen angelegt wurde, und an das blaue Meer rund um die Insel. Am höchsten Punkt steht man gut sechsundachtzig Meter über dem Spiegel der Ostsee; das ist eine recht beträchtliche Höhe, wenn man bedenkt, dass die Insel, genauer gemessen, nur wenig mehr als einen Kilometer lang und 840 Meter breit ist. Die Gesamtfläche beträgt sechsundsechzig Hektar. Da sowohl Öland als auch die småländische Küstenlandschaft flach sind, macht die steile Erhebung der Insel einen imposanten Eindruck.

Meine beiden Fahrten fanden jeweils im Sommer statt, und die Bilder in meiner Erinnerung fielen friedlich pastoral aus. Es gibt schlimmere, bedeutend schwärzere, nicht niedergeschriebene Erinnerungen, die mit den Schiffbrüchigen in der Tiefe versunken sind.

Olaus Magnus deutet an, Seefahrer hätten die Insel Jungfrau „genannt”, um Gefahren abzuwenden.

In diesem Fall handelt es sich um ein Noahwort, also um eine Ersatzbezeichnung an Stelle des tabubelegten wirklichen Namens, den man nicht aussprechen durfte. Olaus Magnus Geschichtswerk ist aus zeitlichem Abstand und auf Grund von Hörensagen geschrieben, und zu den Hexenkünsten sagt er, darüber wisse man nichts Genaueres. Es gab allerdings auch Reisende, die persönlich mit der Insel in Berührung kamen. Einer von ihnen war Antonis Goeteeris, in den Jahren 1615/16 ein holländischer Gesandter in Schweden. Sein Bericht ähnelt dem von Olaus Magnus, doch schmückt er ihn auf freizügigere Weise aus und berichtet, wenn ein Seefahrer zur Insel komme, ohne etwas von ihren Geheimnissen zu wissen, sehe er nicht viel mehr als eine kahle, abweisende Klippe; sei er hingegen mit der Insel vertraut, lasse sein Schiff bei ihr ankern und rudere in einem Boot an Land, dann könne er eine völlig andere Insel sehen und erleben. Sogleich gelange man zu einem paradiesischen Garten mit Äpfeln, Birnen, Kirschen und anderen Früchten, die man frei pflücken dürfe. Dort stehe ein Zelt aus Seide, in dem sich viele „sehr schöne Jungfrauen” in schönen Kleidern aufhielten, und mit diesen könne man „ohne Scham das Werk der Liebe treiben, sich gut traktieren und der Wollust pflegen, ohne einen Schaden davonzutragen”. Der Gesandte hat all das sicher nicht selbst erlebt, doch beruft er sich auf das, was ihm der Schiffsgeistliche erzählt habe.
Die verschiedenen Berichte und Reiseerzählungen lassen sich in einer langen Kette aneinanderreihen, in der Wirkliches vorbehaltlos neben Fantastischem steht. Bereits aus dem fünfzehnten Jahrhundert existiert eine Mirakelbeschreibung, die berichtet, wie ein lübisches Schiff nahe der Insel in einen schweren Sturm geriet. Nachdem die Mannschaft jedoch ein Gelübde auf das Kruzifix des Stockholmer Dominikanerklosters abgelegt hatte, „wurde der Wind günstig, und sie konnten die Fahrt ohne Gefahr fortsetzen”. Offenbar handelt es sich um mündlich überlieferte Geschichten, die teils auf Angst vor der Unberechenbarkeit der Natur, teils auf ebenso alten Träumen von einem Märchenland beruhten, das vom Alltag so verschieden wie möglich war. Was Blåkulla und das dortige wilde Treiben der Hexen mit dem Teufel angeht, gibt es auch eine düstere und historische Realität. [AdÜ: Blåkulla ist ein anderer Name der Insel, der ursprünglich Blockula lautete. Damit wird eine Verwandtschaft zum Blocksberg oder Brocken im Harz erkennbar. Mit „Block” im Sinne „klotzartige Erhebung” wurden früher häufig Orte bezeichnet, die man mit Hexentreiben in Verbindung brachte.] In mehreren der Hexenprozesse, die im 17. Jahrhundert in Schweden grassierten, erscheint die Blaue Jungfrau als gedachter Treffpunkt, und etliche Frauen mussten mit ihrem Leben dafür büßen, dass sie nach irrwitzigen Anschuldigungen und Folter „gestanden”, an Hexensabbaten teilgenommen zu haben.
Für eine neuzeitlichere und auf wissenschaftlicher Grundlage erfolgte Untersuchung der Natur auf der Insel steht Carl von Linné, der sie 1741 auf seiner Reise nach Öland und Gotland ebenfalls besuchte. Er beschreibt ihre Topografie und Flora mit den Augen und der Wissbegier des Wissenschaftlers, doch durch sein stilistisches Vermögen handelt es sich auch um ein gutes Stück „Poesie in Dingen”, um eine Schrift von Carl Jonas Love Almqvist (Om poesi i sak, 1839) zu zitieren.
Die verschiedenen, hier aus dem Zusammenhang gelöst angeführten Zitate aus Reisebeschreibungen verschiedener Jahrhunderte zeigen, wie sagenumsponnen die Blaue Jungfrau gewesen ist, und auch wenn heute niemand mehr an diese Geschichten glaubt, verleihen sie der einsamen Insel noch immer einen gewissen geheimnisvollen Nimbus. „Man weiß nie und kann nie sicher sein”, vertraute mir kürzlich ein älterer Tourist nach einem Tagesausflug auf die Insel an, der mit zunehmendem Wind und einem Gewitter geendet hatte.
Eine Sage, die noch immer ein wenig im Umlauf ist, enthält die Vorstellung von einem unterirdischen Kanal, der von der Burgruine Borgholm zu einer Quelle auf dem Gipfel von Blå Jungfrun führen soll. Eine unglücklich verliebte junge Frau habe sich in den „Jungfrauenbrunnen” in der Ruine gestürzt, und nach einiger Zeit sei ihr Leichnam in der Quelle auf der Blauen Jungfrau an die Oberfläche getrieben. – Es handelt sich um eine Strecke von ungefähr sechzig Kilometern unter dem Meeresboden. Wann dieser tragische Brunnensturz stattgefunden haben soll, wer die Frau war, und wer ihren Körper fand, weiß ich nicht. Doch solche Geschichten brauchen keine Beweise, sie führen ein souveränes Eigenleben und erinnern uns daran, dass das Universum erst da endet, wo unsere Fantasie aufhört.

Es dürfte wohl auch mit dieser herausfordernden und magischen Anziehungskraft zu tun haben, dass der schwedische Nationaldichter Verner von Heidenstam Blå Jungfrun als Bühne für seine wohlinszenierte Hochzeit mit Olga Viberg auswählte. Die Insel als dem Meer ausgesetztes, heidnisches Eiland, gefährlich, sagenumwoben – das alles muss dem visionären Fantasiemenschen Heidenstam in seinem Versuch, nach der Sinnlichkeit der Renaissance und in totaler Lebensbejahung zu leben, sehr zupass gekommen sein. Es war eine Hochzeit, an der ein großer Teil des damaligen schwedischen Parnasses in Togen gewandet teilnahm – etliche Fotografien dokumentieren das Ereignis; nur von der Braut existiert keine Aufnahme.

Doch nicht Heidenstams Happening sicherte der Blauen Jungfrau einen unangefochtenen Platz in der schwedischen Literatur. Schon rund hundertfünfzig Jahre vorher, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollendete Schwedens größter romantischer Dichter, Erik Johan Stagnelius, sein Drama Thorsten Fiskare, das auf der Blauen Jungfrau spielt.

Forscher sind sich einig, dass es sich um Stagnelius’ letztes bedeutendes Werk handelt, das er wahrscheinlich 1823 abschloss. Darin ließ er seine früheren, überromantisierten Schauspiele hinter sich und nahm stilistisch den humorvollen, scherzenden Ton aus seinen früheren Gelegenheitsgedichten wieder auf und erneuerte ihn. Ebenso verabschiedete er sich darin von seinen oft pathetisch heroischen Schauplätzen mit Ritterburgen und Ähnlichem, die als Szenerie seiner früheren Dramen dienten, und suchte sich einen Schauplatz in der Nähe von Öland, wo er geboren wurde und seine Kindheit verbrachte.

Der Fischer Thorsten landet nach einem Sturm im Kalmarsund auf Blå Jungfru. In der Ferne erkennt er die Umrisse von Öland, wo seine Frau Annika vergeblich auf ihn wartet. Er befiehlt seine Seele „in die Hände des Schöpfers” und bittet die Engel, seiner Frau und den Kindern einen Gruß von ihm zu übermitteln. Da hört er plötzlich eine Stimme aus dem Innern der Insel, die ihn ruft. Schnell verändert sich die Bühne: aus einer unzugänglichen Klippe wird die Insel zu einem Königreich, in dem der Elfenkönig Germund zusammen mit seiner Königin Blanka, der Tochter Siska, verschiedenen Jungfern und weiteren unterirdischen Wesen herrscht.

Es ist deutlich zu erkennen, dass Stagnelius mit den Geschichten über die Insel bestens vertraut war. Aus diesem wimmelnden, fantastischen Reservoir von Gestalten erschafft er sein festliches und satirisch-komisches Lustspiel, das gerade durch seine Komik einen besonderen Platz in seinem Werk einnimmt.

Thorsten wird vom König eingeladen, der ihm zu verstehen gibt, dass er über unermessliche Reichtümer verfügt und ihm der Fischer als geeigneter Mann für seine Tochter genehm wäre, die sich auch Hals über Kopf in ihn verliebt. Im Handumdrehen vergisst Thorsten seine arme verzweifelte Frau, der er doch gerade erst via Gott und seinen Engeln so schmachtende Grüße geschickt hat, und überlässt sich Liebesfantasien nach seiner bevorstehenden neuen Hochzeit. Seine nassen Fischerkleider darf er gegen ein Harlekinkostüm mit Narrenschellen tauschen und merkt nicht, was für einen jämmerlichen Tropf er in dieser neuen Kleidung abgibt und das dass Ganze lediglich eine grausame Posse auf seine Kosten darstellt. Man bietet ihm Wein an, und er betrinkt sich heftig, wird übermütig und ausfallend: „Hol mich der Teufel! Hier sagt man zu recht: reich wie ein Troll. Hier zeigt es sich”. –

Plötzlich kommt Thorsten im kalten Wasser zu sich. Eine Magd fragt ihn höhnisch von der Klippe herab: „War das Bett nicht weich? Ist ihm nicht warm? Möchte er wieder ins Bett gepackt werden?”

Thorsten begreift, dass das Ganze eine Täuschung war, und das Stück endet mit dem sarkastischen Rat der Magd: „So trolle er sich nun heim zu Annika und den Kindern / und im Herzen verwahre er gut den Rat / dem Glück zu misstrauen, wenn es zu groß wird.”

So weit Stagnelius, so weit Heidenstam und die Volkssagen. Die Blaue Jungfrau liegt noch immer im Kalmarsund, und von einer Klippe, der man sich früher nur in schreckstarrem Staunen näherte, ist sie heute zu einer lockenden Touristenattraktion avanciert.

Es hätte aber auch leicht schlecht ausgehen können. Die Insel besteht nämlich aus Granit, gutem Granit, der anfangs des 20. Jahrhunderts die Steinindustrie lockte, ihn auszubeuten. Der Abbau, der in Gang gesetzt wurde, hätte leicht in eine katastrophale Naturzerstörung ausarten und mehr oder weniger zur Zerstörung der Insel führen können, wenn nicht wache Menschen rechtzeitig beobachtet hätten, was dort vor sich ging. Die Sache kam vor den Reichstag und verschiedene Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, die Insel solle als nationales Naturdenkmal erhalten bleiben. Schließlich wurde das Problem dadurch gelöst, dass der Investor Torsten Krueger 35.000 Kronen spendete, mit denen die Insel freigekauft wurde. 1926 nahm Ihre königliche Majestät Blå Jungfrun dann als Geschenk entgegen, und sie wurde zu einem Nationalpark erklärt.

Dennoch ist es zu einem gewissen Abbau gekommen, und ich entsinne mich noch eines älteren Mannes, der in meiner Kindheit als Steinbrucharbeiter auf der Insel lebte und erzählte, dass im Fortgang der Arbeiten auch Felsritzungen auf dem blank geschliffenen Granit zerstört worden seien. Über den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte kann ich mir kein Urteil bilden, und ich habe auch nichts dergleichen aus anderen Quellen gehört. Vielleicht wollte der alte Steinbrucharbeiter damit seine Erinnerungen an ein hartes Arbeitsleben etwas dramatisieren und vergolden.

Wie auch immer, die Blaue Jungfrau befindet sich noch an ihrem Ort und lockt durch ihre Sagen und die eigentümlich symmetrische Form, die die Natur ihr verliehen hat, weiterhin Touristen an und setzt die Fantasie immer wieder aufs Neue in Bewegung.