Meine Stadt

  • Author
    Gintaras Grajauskas
Translated by Claudia Sinnig
Also available in Lithuanian: Mano miestas

Über die Stadt zu schreiben, in der du ständig lebst, in die du nach allen Spielen eines zivilisierten Menschen heimkehrst und der du schließlich mit stillschweigender Zustimmung geneigt bist, eines Tages sogar deine kostbaren Überreste zu überlassen, ist nicht leicht. Dieser Akt des Zusammenseins wird mit der Zeit zu einer Vereinigung, die tagtäglich ausgeprägtere Züge von Intimität annimmt. Das Schreiben über die eigene Stadt wird allmählich genau so schwer wie das öffentliche Erzählen über die eigene Lebensgefährtin: Man darf sich einerseits keine allzu große Emotionalität erlauben, damit das nicht in die intime Zweisamkeit eingeweihte Publikum nicht peinlich berührt zu hüsteln beginnt, kann sich andererseits aber auch nicht ausschließlich einer trockenen und leidenschaftslosen Faktensprache bedienen, als ginge es um die Präparierung eines Versuchskaninchens, bei der man sich nur ein einziges Gefühl leisten darf – gewöhnliches wissenschaftliches Interesse. In dieser Situation riskiert man jedes Mal, entweder wie ein exaltierter Narr oder wie ein herzloses Scheusal zu wirken. Für einen Schriftsteller ist das selbstverständlich nichts Neues, aber wenn ich zwischen diesen beiden Übeln die Wahl hätte, würde ich mich am liebsten für ein Drittes entscheiden – für eine synthetische Sowohl-Als-Auch-Variante, die eher dem Mythos eines modernen Schriftstellers entspricht. Der bestialische Clown, dieser gruselige Joker ist ohnehin eine viel lebendigere und viel wirklichere Figur. Natürlich eingedenk der Tatsache, dass hier eine Wirklichkeit in der Mythologie gemeint ist – sie entspricht einer bestimmten Art Greif, Chimäre oder Einhorn.

Beim Schreiben fiel mir plötzlich ein anderer, in gewisser Weise ähnlicher Text ein, der sogar in einer ziemlich ähnlichen Situation vorgetragen wurde. Der 1931 auf der Versammlung des Rotary Clubs in München von Thomas Mann gehaltene Vortrag über Nidden. Dieser Text trägt, wie Sie wahrscheinlich wissen, den Titel „Mein Sommerhaus“. Ein wunderbarer Titel, der gleich von Anfang an jegliche übertriebene Exaltation oder akademische Lebensferne verhindert. Die bedeutsamste Stelle dieses Vortrags ist den Elchen von Nidden gewidmet – sie werden sogar kurz mythologisch klassifiziert und auf diese Weise exzellent zwischen Greifen und Chimären, Gegenwartsschriftstellern und anderen mythischen Ungeheuern platziert: „Sie sind eine Mischung von Rind, Pferd, Hirsch, Kamel und Büffel, sehr langbeinig mit breit ausladendem Geweih.“

Thomas Mann erwähnt in seinem Vortrag auch die Dünen –
vielleicht fünf Mal höher als auf der Insel Sylt – und, selbstverständlich, das Meer, wobei er nicht vergißt, auf subtile Weise an den trügerischen Sog der Ostsee zu erinnern, der den Badenden auflauert.

In diesem Vortrag, der, wie gesagt, den Titel „Mein Sommerhaus“ trägt, gibt es auch eine bemerkenswerte Stelle, die hundertprozentig der von der Überschrift festgelegten Thematik entspricht. Dabei handelt es sich, um die Wahrheit zu sagen, um genau einen Satz. Hier ist er: „[D]ie großen Dünen […] sind wohl eine halbe Stunde von unserem Häuschen entfernt, auf einem sehr reizvollen Weg zu erreichen“. Mehr ist über das Sommerhaus nicht zu erfahren – aber damit haben wir auf wundersame Weise sogleich das gesamte Panorama vor Augen. Ich könnte schwören, dass ich beim Lesen nicht nur das Haus von Thomas Mann gesehen habe, sondern sogar die Zange auf dem Rand seines Kamins. Aus Elchen, Dünen und Meer erwächst plötzlich eine andere Wirklichkeit; unerwartet stellt sich heraus, dass ein solches Sprechen „von etwas völlig anderem“, wie es ein anderer Schriftsteller, der litauische Dichter Vytautas Bložė, ausgedrückt hat, tatsächlich die geradlinigste und genaueste Darstellung eines gegebenen Themas liefert.

Von diesem inspirierenden Vorbild ermuntert, kann ich ohne Furcht weiterschreiben – alles, was ich nun schreiben würde, würde über meine Stadt sein, selbst wenn ich über Rom, Jerusalem oder die Wüsten auf dem Mars schreiben würde.

Also werde ich Ihnen jetzt einfach von meiner Stadt erzählen – so, wie ich sie sehe und wie ich annehme sie zu kennen. Jawohl, ich eigne sie mir an. So, wie nur ich allein sie sehe – diese einzige Stadt, in der ich mein einziges und unwiederholbares Leben verbringe, eines von den vielen, zahllosen einzigen und unwiederholbaren Leben, die um mich herum stattfinden. Zweifellos unterscheidet sich die von mir beschriebene Stadt deutlich nicht nur von der offiziellen Stadt, die in Chroniken und historischen Einzeldarstellungen beschrieben ist, sondern auch von jener Stadt, die jeder einzelne Mensch, der in ihr lebt und sie jeden Tag auf den von ihm selbst erschaffenen Trajektorien durchschreitet, als die seine bezeichnet, bezeichnet hat und bezeichnen wird. Auch ich bewege mich auf den von mir selbst erschaffenen Trajektorien durch eine von mir selbst erschaffene Stadt – deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir einander irgendwann von Angesicht zu Angesicht in unseren eigenen Historien begegnen werden, ziemlich gering. Jedes Zusammentreffen dieser Art ist ein seltenes und einzigartiges Abenteuer. Eben dadurch erhält meine Erzählung einen gewissen Wert: Würde sie von einem anderen, möglicherweise ähnlichen Menschen mit dessen persönlichen Trajektorien und eigenen Begegnungen erzählt, dann würde er von einer ganz anderen Stadt sprechen. Er würde uns seine eigene Version von dem von ihm erschaffenen Modell der Stadt vortragen.

Aber genug davon – damit man mich nicht des Solipsismus, einer leichten Schizophrenie oder gar der schlau maskierten Propaganda der Quantenpsychologie bezichtigt.

Ich werde beim Schreiben versuchen, die von Thomas Mann erprobte Methode zu nutzen – sie ist wahrscheinlich auch die einzig mögliche, wenn man über eine Intimität sprechen möchte ohne banal oder vulgär zu sein. Ich werde versuchen, über Nebensächlichkeiten zu reden – über sehr lange Beine und sehr ausladende Geweihe, in der Hoffnung, dass in diesem verzweigten Dickicht bei genauerer Betrachtung etwas mehr erkennbar wird: eine zurückhaltende und ein bißchen schüchterne, mit keinerlei überzogenen Exaltationen ausgeschmückte Liebeserklärung.

Wenn ich über meine Stadt schreibe, kann ich jenen Menschen nicht umgehen, in dessen Pupillen und Nasenflügeln, Trommelfellen und Fingerspitzen diese Stadt – oder, genauer gesagt, seine subjektive Version von ihr – erschaffen wurde: Ich kann mich selbst nicht umgehen. Denn die Biografien von uns beiden – von mir und der Stadt – laufen in einem bestimmten Zeitabschnitt, der einem Augenblick oder einem Menschenalter entspricht, je nachdem, von welcher Seite dieser binären Figur aus man es betrachtet, auf schicksalhafte Weise zusammen.

Ich wurde in dieser Stadt nicht geboren – deshalb müsste ich mich eigentlich für einen Neuankömmling halten, so wie die Mehrheit ihrer Einwohner. Nach dem Krieg waren in Klaipėda überhaupt nur noch einige wenige Einheimische übrig – die meisten hatte es durch die Stürme des Krieges in den Westen verschlagen, viele andere waren getötet worden. Praktisch von Null begann eine neue Geschichte dieser Stadt – mit nur einer Handvoll Überlebender, die in ihren Ruinen umherirrten. Aber schon bald fanden sich in Klaipėda neue Bewohner ein: der zu jener Zeit vielerorten auszumachende Stamm sowjetischer Nomaden, der stets bereit war, das von ihm besiedelte Areal zu erweitern und sich in immer neue Territorien zu begeben, selbst von Kamtschatka aus. Diese Brigaden von russischsprachigen Offizieren und Matrosen, Parteifunktionären, dienstreisenden Bauarbeitern und freiberuflich rückfälligen Kriminellen wurden rasch durch eine dieser Gegend näherstehenden Völkerschaft aufgefüllt: Bauern aus der Žemaitija, die ein gewisses Misstrauen gegen das Meer hegten, sich aber noch recht gut an die hiesigen Märkte der Vorkriegszeit erinnern konnten, sowie, aus irgendeinem Grund, eine große Schar offenherziger Leute aus der Dzūkija, die auf Erlass irgendeines großen sowjetischen Visionärs von diesem entgegengesetzten Ende des Landes – aus Südostlitauen – ans Meer importiert wurden. Welche Utopie dieser Visionär vor Augen hatte, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht wurde in den Büros der kommunistischen Partei beschlossen, dass die an Sandböden gewöhnten Dzūken die karge Küstenlandschaft nicht allzu schwer nehmen würden, oder vielleicht stammte der hypothetische Visionär selbst aus jener Gegend, konnte sich einfach nicht an die trübsinnigen Žemaiten und die misstrauischen Russen gewöhnen, die in jedem Litauer immer einen verkappten Faschisten vermuteten, und wollte sich eine persönliche Enklave aus seinen eigenen Landsleuten schaffen. Wie dem auch sei, die geselligen Dzūken haben sich tatsächlich ohne große Schwierigkeiten an der Küste akklimatisiert, einige von ihnen wurden sogar berühmte Fischer – Pflüger des Meeres, war die damals modische Bezeichnung. Nicht nur die Dzūken haben sich akklimatisiert – im Laufe der Zeit nahm die gesamte bunte Wandergesellschaft allmählich gemeinsame charakterliche Eigenheiten und sogar bestimmte gemeinsame Züge im Erscheinungsbild an: eine besondere „Meeresgangart“ (selbst jene, die das Meer immer nur vom Strand in Melnragė aus betrachteten) sowie ein auf besondere Weise zusammengekniffenes Auge, mit denen sie ihre tief verborgene Überlegenheit über den gesamten Rest der Schöpfung – die Landratten – überspielten. So wurden die neuen Städter geboren, die keine Nomaden mehr waren, sondern sesshafte Klaipėdaer; und sie hatten unmerklich von früheren Generationen die Gewohnheiten und Sitten der Hafenstadt übernommen – jene in jedem Hafen der Welt anzutreffende Mischung aus Stolz und Frechheit, die in den Kneipen von Marseille und Rotterdam genauso leicht entflammbar ist wie in Klaipėda.

Da wir beim Mythos der Hafenkneipen sind, wäre es geradezu eine Sünde, sich nicht etwas genauer auf diesem semantischen Feld umzuschauen, auf dem wir ganz bestimmt einen furchtlosen Meerwolf mit Pfeife im Bart, Ring im Ohr und Dolch im Gürtel antreffen können. Vorzugsweise, selbstverständlich, auch mit einem Holzbein. Und mit authentischen Dokumenten – einer Landkarte mit Piratenschatz, nicht irgendein banaler Matrosenausweis. Besonders wünschenswert wäre das, wenn wir ein kleiner Junge wären, so wie ich damals.

 

Ein sowjetischer Seemann entsprach, offen gestanden, nicht ganz dem üblichen Modell von Stevenson oder Melville. Trotzdem hatte auch ein jeder von ihnen mehr als eine Geschichte über seinen eigenen Kampf mit Moby Dick auf Lager – selbst wenn es sich bei diesem vermutlich um einen aufdringlichen ersten Offizier für politische und erzieherische Angelegenheiten handelte, der auf einem Schiff zu jener Zeit eine ganze mächtige Organisation mit der Kurzbezeichnung KGB verkörperte. Solche Geschichten habe ich viele gehört – und auch Geschichten über ferne Häfen, in denen es immer warm ist und man nichts zu tun hat (was bei mir in diesem Augenblick, beim Niederschreiben, ein schier unbezwingbares Fernweh auslöst), Geschichten über mächtige Stürme und schlaue Kapitäne – und über dunkelhäutige schöne Frauen, die sich lustig machten über die in Parteigruppen herumlaufenden, von ihrem ersten Offizier eifrig beaufsichtigten sowjetischen Seeleute.

Im Heimathafen hingegen fanden sich nicht sehr viele Menschen, die das Bedürfnis hatten, sich über die Seeleute lustig zu machen – sie wurden verehrt und beneidet, und sie waren gefürchtet. Sogar die grünschnäbeligen Studenten der Seefahrthochschule, die das Meer noch gar nicht richtig gesehen hatten, wurden selbst von den hitzköpfigsten Männern der Stadt gemieden. Ein zu jener Zeit recht normaler Anblick war eine an einem Café, einer Kneipe oder bei einer Tanzveranstaltung blitzartig ausbrechende Schlägerei. Meistens nahmen daran auch einige Seeleute teil. Sie handelten beneidenswert abgestimmt und präzise. Zwei genaue, gut trainierte Bewegungen – und ihre Uniformgürtel mit einem Anker geschmückten, massiven Bronzeschnallen begannen, um eine kräftige Hand gewickelt, pfeifend die Luft zu schneiden. Eine furchtbare Waffe, die der berühmten patagonischen Bola in nichts nachstand und damals den Rücken von so manchem ortsansässigen Kraftprotz markierte.

Auch mein Onkel gehörte zu dieser privilegierten Kaste – und er war nicht nur irgendein Seemann oder Mechaniker, sondern ein echter Steuermann, litauisch „šturmanas“: Allein schon das Wort ist viel wert – Sturm, Angriff, Sturm und Drang. Etwas unbezwingbar Männliches verbarg sich in diesem magischen Wort, in den funkelnden Knöpfen der Paradeuniform und in der traditionellen Bravour der Seeleute. Nach ihrer Rückkehr von einer halbjährigen Fahrt tobten sich die Seeleute nach einem ungeschriebenen Gesetz aus: Drei Tage lang zogen sie durch die Kneipen von Klaipėda und warfen mit leichten Händen das schwer verdiente Geld heraus. Die Dreistesten von ihnen kehrten nach den lukullischen Besäufnissen zu ihren Frauen mit drei Taxis heim: In einem Fahrzeug reiste zu seiner Penelope Odysseus selbst, im zweiten sein Gepäck mit allen Geschenken und im dritten, feierlich auf dem Rücksitz, seine Uniformmütze. So kehren Triumphatoren heim. Aber Taxis waren Kleinigkeiten – selbst in den Kinos wurden diese Halbgötter außer der Reihe bedient, wenn man nur ihrer Uniform ansichtig wurde, oder, falls ein Halbgott incognito auftrat, des Seemannsausweises. Wenn ich mit Onkel Steuermann unterwegs war, galten auch für mich keine Verbote – mit ihm konnte auch ich mich eine Zeit lang wie ein Halbgott fühlen, jedenfalls so lang, bis die Vorräte der zu jener Zeit härtesten Währung unter den Kindern nicht aufgebraucht waren: Kaugummis. Da ich mehr als eine Stange hatte und die Kaugummis bei uns auf eine in der kapitalistischen Welt unbekannte und sogar schwer vorstellbare Weise gekaut wurden – von Mund zu Mund, während allmählich alle Geschmacks- und Geruchseigenschaften aus ihm wichen, durch die sich ein Bananen- von einem Erdbeerkaugummi unterschied, bis schließlich irgendein glücklicher Besitzer ihn aus Versehen verschluckte, zog sich das Glück fast eine Ewigkeit hin. Eben darin bestand vermutlich das einzige Anzeichen jenes entwickelten Sozialismus, der zur damaligen Zeit an jeder Ecke mit Lobeshymnen deklariert wurde – im gemeinsamen Kaugummi. Dem Besitzer stand das feudale Recht des ersten Kauens zu – sowie, zweifellos, die Achtung und Wertschätzung aller seiner Brüder und Schwestern im Kauen.

Wenn schließlich alle Geschenke verteilt waren, wenn die Wohnung um Haufen von Aladins Schätzen bereichert war – Jeans, Kleider, synthetische Teppiche, Schlüsselanhänger mit Ansichten von Santa Cruz de Tenerife, Kassettenrecorder, Postkarten mit zwinkernden, halbnackten Philippinerinnen – und die gesamte Verwandtschaft vom Schüler bis zur Großmutter ihre Garderobe um elitäre Plastiktüten mit Werbung für Wrangler Jeans komplettiert hatte, kehrte das Leben endlich in seine gewohnten Bahnen zurück. Die Tante schrie bereits wieder gelegentlich den Onkel an, sie vergaß immer öfter seine halbgöttliche Herkunft, die sich auf dem Festland als nicht sonderlich wertvoll erwies. Ein Seemann auf dem Festland ist unnütz und sogar komisch, so wie ein Pelikan in einer Hühnerfarm. Aber der Onkel lächelte nur hinterlistig und hielt sein Trumpf-Ass im Ärmel versteckt. Bis er eines Tages spürte, dass seine halbgöttliche Autorität auf einen bedrohlichen Bruchteil zusammengeschmolzen war, und er gleichsam beiläufig zur Tante sagte, na dann, gehen wir vielleicht in den Gutschein-Laden?

In der Sowjetunion existierten neben dem gewöhnlichen Handelsnetz, das für einfache Sterbliche vorgesehen war, noch mindestens drei weitere Arten von speziellen Geschäften: die „Berioska“-Läden für Ausländer, die speziellen Geschäfte für die Oberschicht der kommunistischen Partei und die „Albatros“-Verkaufsstellen für Seeleute, die in der Umgangssprache Gutschein-Läden1 genannt wurden. Die Seeleute hielten bei der Rückkehr von einer Fahrt einen Teil ihres Lohns in sogenannten Gutscheinen (“Bons“), auf denen ein Äquivalent in einfachen Rubeln geschrieben stand, doch die Kaufkraft im „Albatros“, wo man nicht nur tschechische Leuchter, sondern auch finnische Möbelgruppen erwerben konnte, war, milde ausgedrückt, nicht ganz äquivalent. Und hier, in den „Albatrossen“, spielte der Onkel zum letzten Mal nach Herzenslust seine halbgöttlichen Kräfte aus, lauschte mit geschlossenen Augen den letzten Seufzern der Tante, sammelte die letzten Dankeschöns mit Küssen und Umarmungen ein – und trat sodann mit einem Stöhnen die nächste „Fahrt hinaus“ an. Meistens wieder für ein halbes Jahr.

Und die am Ufer Zurückgebliebenen wurden sofort wieder vom Alltag erfasst. Die Männer und Frauen fuhren wieder mit säuerlich stinkenden morgendlichen Bussen zur Arbeit. Und nach der Arbeit hob das starke Geschlecht wieder das eine oder andere Glas Bier oder schloss sich mit seinen ständig kaputtgehenden Moskwitschs in den Garagen ein, während die Frauen wieder Schlange standen – nach bläulichen Inkubatorhühnchen oder Stiefeln vom Fabrikat „Roter Oktober“, nach ungarischen Erbsen in Konservendosen oder Würstchen, egal wonach, nach dem, was an einem gegebenen Tag, wie es damals hieß, „rausgeworfen wurde“. Und die glücklichsten Töchter Evas kamen nicht nur mit fast gefüllten Körben nach Hause, sondern auch geschmückt mit einer barbarisch schönen Kette aus aufgefädelten Toilettenpapierrollen, die wegen unbekannter Subtilitäten der Planwirtschaft in den Verkaufsregalen äußerst seltene Gäste waren. Man hätte sich ohne Weiteres einen irgendwo in den unermeßlichen Weiten des Sowjetlands ausgestreckten phantasmagorischen Hintern vorstellen können – einen gigantischen, von Kamtschatka bis Murmansk, der mit einem Schlag alle hygienischen Hilfsmittel des Proletariats verbrauchte. Jedoch war es, ehrlich gesagt, offenkundig, dass im entwickelten Sozialismus Toilettenpapier ein Luxusartikel war, vielleicht sogar ein Schmuckstück, ein veraltetes Relikt des Kleinbürgertums, nicht mehr. Für diese subtilen Bedürfnisse eigneten sich vorzüglich die billigen und, leider, für ihre offizielle Funktion – die Lektüre – völlig ungeeigneten Tageszeitungen der kommunistischen Partei, die wie edle Weine mit einer Vielzahl von Orden und Medaillen geschmückt waren! Und wenn vereinzelte verweichlichte Intelligenzler ihre kleinbürgerlichen Gewohnheiten noch nicht abgelegt hatten, dann konnten sie ihre übertriebenen ästhetischen Neigungen befriedigen, indem sie sich die Zeitungen auf Blättchen im gewünschten Format oder sogar zu Formen zurechtschnitten.

Das Meer jedoch – seine bloße Existenz – diktierte uns unsere Lebensweise, sowohl an den Feiertagen (das neue Jahr empfingen wir immer mit Salven von Leuchtraketen und bengalischem Feuer, die man von Schiffen mitgehen ließ) als auch im Alltag, und es erfasste sogar Sphären, die dem Marinismus fern standen, wie zum Beispiel die Kleidermode der Vorstadtjugendlichen. Als Inbegriff von Klasse für einen Jugendlichen – wenn du ein echter Teenager aus der Vorstadt von Klaipėda sein wolltest – galt zu jener Zeit ein echtes Matrosenshirt, die sogenannte telniaškė 2. Unsere Sprachwissenschaftler würden diesen furchtbaren lituanisierten Slawismus wahrscheinlich höflich als „Körperling“ übersetzen und das andere unverzichtbare Attribut der Männlichkeit, die štormovkė, als „Sturmling“; natürlich würde man – zu Recht – über sie lästern wegen dieser Ignoranz gegen Lebenswirklichkeit und Sprachgefühl. Als Sturmling könnte man vielleicht irgendeinen kleinen Vogel bezeichnen, der den Meteorologen hilft, Stürme vorauszusagen, aber ganz gewiss keine schwere, grobe Segeltuchjacke mit einer riesigen Kapuze und einknöpfbarem wattiertem Futter. Eine štormovkė ist eine štormovkė, sonst gar nichts.

Telniaškė, štormovkė und Jeans sind ernsthafte und solide Kleidungsstücke, die ganz offenkundig auf die soziale, aber auch auf die geographische Herkunft des Trägers verweisen. Die Jeans waren selbstverständlich meistens billige, aus einheimischer Produktion, die damals heimlich, wie sich erst später herausstellen sollte, in der Näherei für Militäruniformen von Vilkaviškis hergestellt wurden. Eine Täuschung von unglaublichem Ausmaß: In derselben Fabrik wurden also sowohl die Khakianzüge für die schneidigen Verteidiger des Sozialismus produziert als auch die schicken Jeans – also die „Fallstricke für die sowjetische Jugend“, wie sie ein hochrangiger Komsomol-Funktionär von Klaipėda nach seiner Rückkehr von einer seiner Exkursionen durch den verfaulenden Westen spitzzüngig zu bezeichnen pflegte! Eingedenk jedoch der traditionellen Charakterzüge der Litauer – ihrer angeborenen unternehmerischen Neigungen, ihrer Skepsis gegen jede Art von Staatsmacht sowie ihrer in langen Jahrhunderten der Okkupation entstandene, einzigartige nationale Konspirativität – ist an dieser Jeans-Täuschung nichts wirklich Verblüffendes: Selbst die höchsten Komsomol-Funktionäre, wie der soeben erwähnte, sind immer einmal wieder in diesen „Fallstricken für die sowjetische Jugend“ gesehen worden – dagegen war kein einziges Mal zu vernehmen, dass einer von ihnen jemals versucht hätte, sich aus diesen Fallstricken zu lösen (unter heroischem Einsatz der Gesundheit seiner Beine). Zudem hätte man, wenn man gewollt hätte, alle diese Verräter der sozialistischen Heimat leicht demaskieren können: Die Farbe der blauen Jeans aus Vilkaviškis, „Indigo Denim“, laut Etikett, hatte unverkennbar ähnliche chemische Eigenschaften wie die beliebte Schultinte namens „Vaivorykštė“ (Regenbogen) – und nicht nur im Farbton. Wenn man einen halben Tag in diesen Jeans herumstolziert war und sie abends auszog, konnte man mit Schrecken sehen, dass man durchaus auch an der Unterwäsche ein Etikett mit der magischen Aufschrift „Indigo Denim“ anbringen könnte. Bei genauerem Hinsehen konnte man sogar auf den eigenen gesättigt blauen Schenkeln die deutlichen Abdrücke der etwas dunkleren Säume ausmachen. Offenkundigere Indizienbeweise sind kaum vorstellbar: Alle Sklaven des Kapitalismus hatten blaue Beine.

Aber genug von diesen Exkursen in die Haute Couture – zurück zu jenem Punkt in unserer Geschichte, an dem mein Onkel Sindbad die letzten Wohltaten aus Aladins Höhle verteilt hatte und fortgefahren war mit den Argonauten, beschützt von Hermes und dem ersten Offizier, um wieder einmal ein goldenes Vlies zu suchen. Wie sie sich erinnern werden, waren wir beim Drängeln im öffentlichen Nahverkehr zusammen mit den anderen gewöhnlichen Penelopes zurückgeblieben. Was werden wohl zu jener Zeit die kleinen Telemachs gemacht haben, werden Sie sich vielleicht fragen.

Hafenstädte – und ganz besonders die Vorstädte von Hafenstädten – sind wie geschaffen für kleine Telemachs. Möglichkeiten sich zu vergnügen gibt es hier unzählige. Angefangen vom Hof unseres Hochhauses, in dem sich das versammelte internationale Publikum ständig in kulturelle Unterschiede vertiefte, die es aus erster Hand erfuhr: aus dem ersten besten Mund und auf dem eigenen Rücken.

Unvergeßlich sind auch die rituellen Wiederholungen der Großen Seefahrt in dem am Stadtrand sich erstreckenden Sumpf – dort fuhren die kleinen Argonauten mit selbst gezimmerten Flößen immer hinaus, um ihr Kolchis zu suchen, in den Labyrinthen inmitten des Schilfs mit den brütenden Schwänen.

Noch weiter entfernt, hinter dem Sumpf, lag ein weites Feld, auf dem während des Krieges ein Munitionslager gestanden hatte, das später bombardiert worden war. Dort musste man nur eine Weile auf den Knien herumkriechen, um sich die Taschen mit ziemlich gutem Schießpulver zu füllen – hervorragend geeignet für Kriegsspiele oder Streiche gegen die ewigen Feinde der Kinder, die Rentner, die ihre Tage mit Domino an einem Tischchen im Hof verbrachten.

Auf eine links von dem Sumpf befindliche Brachfläche brachten im Winter die Fahrzeuge der Straßenreinigung Unmengen von Schnee, der von den Straßen der Stadt stammte. Es waren richtiggehende Berge, die erst am Sommeranfang vollständig geschmolzen waren. Im Frühling begann der Schnee zu tauen und sich unter dem Druck seines Gewichts in Eis zu verwandeln. Dabei entstanden wahrscheinlich selbst für Höhlenforscher sehenswerte Abgründe und in der Sonne glitzernde Stalaktiten und Stalagmiten aus Eis. Manchmal gab ein vom Wasser ausgewaschener Übergang – eine Brücke aus Eis – unter der eigenen Last nach und stürzte donnernd ein. Manchmal haben wir diesen Brücken ein bisschen beim Einsturz geholfen.

Auf der rechten Seite des Sumpfs befand sich eine Fabrik für Stahlbetonkonstruktionen – wir kletterten immer über den Zaun und stießen auf Haufen von Stahlbetonblöcken und Rohren, die hervorragend zum Klettern, Fangen- und Versteckspiel geeignet waren. Am schönsten war es, wenn sich der Pförtner der Fabrik in das Spiel einschaltete, bewaffnet mit einem Jagdgewehr, das mit Salz geladen war; jedenfalls rief er selbst immer von fern: Wot ja wam sejtschas kak rubanu solju po schopam! (Was auf Russisch so viel bedeutete wie: Gleich versohl ich euch mit Salz die Ärsche!) Aber wir waren schnell und gewandt, und der Pförtner hinkte – selbst wenn er ein Gewehr hatte, war hinter dem Fabrikzaun sein Reich sowieso zu Ende.

Dieser gesamte, aus heutiger Sicht ziemlich makaber wirkende Spielplatz war üppig mit Agitationsmaterial geschmückt: riesige Plakate, die gute Riesen darstellten – Arbeiter und Kolchosbäuerinnen, optimistische Losungen auf rotem Stoff und betont bescheidene, in Schwarzweiß gehaltene Porträts von Mitgliedern des Politbüros. Es ergab zusammen mit den unablässig durch den bröckelnden Putz zum Vorschein kommenden alten deutschen Aufschriften merkwürdige Resonanzen. Als der 25. Parteitag der kommunistischen Partei der Sowjetunion bevorstand, erstellte irgendein Agitprop-Künstler von Allunions-Rang das Projekt einer voluminösen Figur – heute würden wir sagen, ein Objekt oder vielleicht eine Installation, die im Handumdrehen auf allen einigermaßen bedeutsamen Straßen und Plätzen in den Städten der Sowjetunion auftauchte. Dieses Objekt bestand aus einer gewaltigen hölzernen Karkasse und außen an sie angenagelten Brettern, die selbstverständlich mit angenehm schlichter roter Farbe angestrichen waren. Das Objekt stellte die riesige römische Zahl „XXV“ dar. Selbstredend erkannten neugierige junge Bürger des Sowjetlands sofort, dass im Boden des ersten „X“ dem Projekt entsprechend aus unerfindlichen Gründen eine Lücke gelassen worden war und dass sich im Inneren der Ziffern ein dunkles und geheimnisvolles kabbalistisches Labyrinth befand. Seine ersten Entdecker durchschritten es mit angehaltenem Atem, Streichhölzer und Feuerzeuge beleuchteten ihren Weg; doch das Geheimnis des Labyrinths hat sich ziemlich schnell herumgesprochen, und schon bald war der gesamte „XXV. Parteitag“ vom Getrappel kleiner Füße und von freudigem Kreischen erfüllt – Geräuschen, die jedes kindliche Fangen- oder Versteckspiel begleiten. Als das Phänomen zu einer bedrohlichen, massenhaften Erscheinung wurde und die gewöhnlichen Orte, an denen sich Kinder versammelten, Höfe und Stadien, plötzlich leer standen, als seien die Städte von dem legendären Rattenfänger heimgesucht worden, ergriffen die örtlichen Machthaber – wahrscheinlich von einem einfachen, fleißigen Verehrer heiliger Symbole darauf hingewiesen – Maßnahmen: Sie schickten Milizpatrouillen in den Kampf. Interessant, wie wohl der schriftliche Befehl ausgesehen hat: Die Kinder aus dem XXV. Parteitag der Kommunistischen Partei verscheuchen?

Diese Agitprop-Installation, die dank der Milizionäre zu einer Performance wurde, ist mir eingefallen, weil ich selbst im Inneren dieses Labyrinths genau zu jenem Zeitpunkt herumgeirrt bin, als sich die uniformierten Beamten in das Geschehen einmischten. Und ich befand mich in einer strategisch wirklich ungünstigen Position – irgendwo im unteren Teil des mittleren „X“, als ich aus Rufen verstand, dass sich in das Spiel zusätzliche Kräfte eingeschaltet hatten. Die meisten konnten sich retten, sie entkamen über den oberen Rand des „Parteitags“ und liefen auseinander; ein paar heulende und widerspenstige Widerständler konnten die Milizionäre durch den Boden des „X“ herausziehen. Ich aber blieb im Labyrinth – mit angehaltenem Atem hörte ich, wie einer der Beamten mit absichtlich kräftiger Stimme durch die Lücke rief: „Ich weiß, dass Ihr dort seid; steigt schnell heraus, weil ich gleich den Diensthund loslasse!“ Ich habe reglos etwa 2 Stunden dort gehockt, bis es dunkel wurde; erst dann wagte ich hinauszuschlüpfen und im Schutz der Dunkelheit nach Hause zu rennen.

Damals wohl begann ich vage zu ahnen, dass in einer Welt, in der im Wesentlichen nur zwei, in ständiger Konfrontation befindliche Lager existieren, die Einen mit den Uniformmützen und die Anderen mit den flinken Beinen, ich, der ich weder über das eine noch über das andere verfüge, zu einem Leben im Untergrund verurteilt bin. Wenigstens bis es dunkel wird und ich endlich nach Hause gehen kann.

Dieselbe Symbolik des Untergrunds erkenne ich jetzt auch in einem anderen, viel gefährlicheren Spiel von damals: unter die stählerne Brücke über die Dange zu gehen und zu warten – lang, manchmal fast einen halben Tag – bis auf den Gleisen eine echte Dampflok vorüberfährt, dämonisch schwarz und Bälle von Dampf ausstoßend. Und durch das Schienenbett hindurch den Bauch von Leviathan schimmern sehen.

Zum letzten Mal bin ich der Großen Bestie viele Jahre später ansichtig geworden – nach dem gemiedenen, doch letztlich nicht vermiedenen Dienst in der Sowjetarmee, am 13. Januar 19913. Die Menschen, die sich damals in Vilnius unbewaffnet den sowjetischen Panzern entgegenstellten, haben wahrscheinlich noch mehr gesehen – einige von ihnen haben ihr direkt in die Augen geblickt. Vor dem eigenen Tod.

Die Einwohner von Klaipėda sind damals in Massen auf die Straßen geströmt, um ihre Stadt zu verteidigen. Einige von ihnen habe ich aus der Nähe gesehen – zum ersten Mal wohl so nahe, dass ich erkennen konnte, wie verschieden sie alle sind und was sie alle für Klaipėdaer sind. Wir standen in der Stadtverwaltung und hatten die zu verteidigenden Fenster unter uns aufgeteilt, bewaffnet mit Metallstangen aus Armaturen und Molotowcocktails – obwohl auch aufwändigere Munition zu sehen war: Ein Armenier, der auf dem alten Markt Melonen verkaufte, hatte sein Messer mitgebracht – dasselbe, mit dem er sonst immer so geschickt die grünen Melonenköpfe aufschnitt. Ein bekannter Meister der östlichen Kampfsportarten hatte ein echtes Samuraischwert, ein Katana, dabei, während ich mir, als ich aus der Wohnung lief, eine dicke Klavierseite in die Jackentasche gesteckt hatte. Erzittere, sowjetischer Elitesoldat! 1863 waren wir viel schlechter bewaffnet – mit Dreschflegeln und Mistgabeln, aber kampflos haben wir uns nicht ergeben. Und jetzt werden wir uns auch nicht ergeben – kann sich denn jener lahme Alte ergeben, der herkam, um seine Stadt zu verteidigen und seine Freiheit, und der seinen Sohn, auch schon im fortgeschrittenen Alter, mitgebracht hat, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist und sogar mit dem gleichen Bein lahmt? Oder dieser da, mit den vielen Narben, und der, der immer lächelt, dieses nichts Gutes verheißende Lächeln, mit seinem offenen Mund voller Metallzähne, der auch so eine Armaturenstange in der Hand hat, nur eine doppelte, sorgfältig mit Isolierband umwickelte? Erzittert, Ihr sowjetischen Panzerfahrer – Ihr wisst noch nicht, was euch erwartet! Die Hauptstraße im Zentrum von Klaipėda ist vollgestopft; gegen eure gepanzerte Technik haben wir unsere eigenen Panzer losgeschickt – jeden, auch den letzten Abfalltransporter und alle Schneeräumfahrzeuge! Das wird wenigstens eine Schlacht, die bis in alle Ewigkeit in die ehrwürdige Geschichte dieser Stadt eingeht: Eure Panzerdivision gegen unsere Firma der Spezialtransporter!

Und als hätte sie gespürt, dass es nichts Absurderes geben kann, als diesen absurden Krieg zu gewinnen, blieb die Militärmaschine plötzlich stehen. Irgendetwas ging kaputt in ihrer stählernen Logik; irgendetwas klapperte und brannte durch.

Damals glaubten wir alle, dass wir den mächtigsten aller Feinde bezwungen hatten; wie alle Kinder der Revolution glaubten wir naiv, dass es am wichtigsten ist, den Drachen niederzuringen.

Doch was, wenn nun jemand eine ähnliche Methode erfinden würde, durch die die Logik der zivilen, bürokratischen Maschine klappert und durchbrennt?! (Mir fällt kein adäquates Epitheton für sie ein, sie ist gewiss nicht eisern, aber auch nicht leichter zu bezwingen, vielleicht ist sie einfach – aus Gummi?..)

Doch andererseits haben wir gar nicht viel Zeit gehabt, ein langweiliges Leben zu führen, ohne größere Erschütterungen, in dem man seine Adrenalinvorräte nur durch gewöhnliche Eintagsskandale auffüllt. Wahrscheinlich ist es an der Zeit, ein solches Leben zu erlernen. Ein Leben mit Einkaufszentren voll glitzerndem, billigem Überfluss, mit idiotischen Wolkenkratzern – karikaturartig verkleinerten Kopien der amerikanischen, und mit dem auf wundersame Weise der herrschenden Klasse erschienenen primitiven Kompositum „Marktwirtschaft“, das für sie genau wie früher das Kompositum „Marxismus-Leninismus“ die ganze Welt erklärt. Sesam, öffne dich. Und nicht zu Unrecht: Die grundlegende Regel ist geblieben – sie ist permanent und überlebt alle Gesellschaftsordnungen, Regimes und Okkupationen. Es ist jene Regel, die ich vor Kurzem erwähnt habe: Wenn du weder flinke Beine noch eine Uniformmütze hast, dann hast du das Spiel verloren. Es sei denn, du setzt dir in den Kopf, im Untergrund zu spielen. Deine einsamen Spiele, die niemand braucht, außer jenen, die ebenfalls im Untergrund leben.

Am Ende wäre, wenn ich meinen pseudochronologischen pseudovortragsartigen Stil imitieren wollte, eine Geschichte aus der Gegenwart angebracht. Nicht einmal eine Geschichte – ein Mikronarrativ. Jene auf den ersten Blick gleichsam bedeutungslosen Details – bedeutungslose, aber auf wundersame Weise eine ganze Gesamtheit organisierende Details. Die Elche von Thomas Mann, die auf ihren ausladenden Geweihen ein ganzes Panorama als Geschenk mitbringen.

Bereits seit geraumer Zeit wählt die Stadt Klaipėda einige ihrer verdienstvollsten Bürger – Personen aus Kultur und Kunst – und verleiht ihnen den Titel „Magister der Kultur von Klaipėda“ sowie, als Hoheitszeichen – die exakte Kopie eines Rings aus dem 15. Jahrhundert, der auf dem Gelände der Burg in unserer Stadt gefunden wurde.

Eine schöne und originelle Geste, für die es weder in Litauen noch – wage ich anzunehmen – irgendwo sonst in Europa etwas Vergleichbares gibt. Eine Geste, die mich dazu veranlasst, meinen eigenen Platz in der langen und farbenprächtigen Prozession der Bürger dieser Stadt zu spüren, die sich von Jahrhundert zu Jahrhundert bewegt. Umbrüche und Umstürze, Kriege und Epidemien haben ihr letztlich nichts anhaben können; beim Blick auf diesen Ring, der einmal einem unbekannten Bewohner dieser Stadt gehört hat, fühle ich den Sieg der Beständigkeit. Mehr noch: Ich fühle, dass ich ganz offenkundig zu derselben Loge gehöre, der auch der wahre Besitzer des Rings angehört hat – zur ehrwürdigen Loge der Bürger von Klaipėda. Und dann denke ich, dass die Tatsache, dass es mich, der ich in einer anderen Region von Litauen geboren wurde, trotz allem hierher in diese Gegend verschlug, in der einst meine Vorfahren gelebt haben, möglicherweise keine ganz zufällige ist.

Und ganz am Ende muss ich bekennen – die Geweihe meiner Elche sind dieses Mal noch ausladender als die von Thomas Mann: Ich sollte einen Vortrag über Klaipėda schreiben, aber das, was ich aufgeschrieben habe, wirkt auf eine ziemlich verdächtige Weise wie meine eigene Autobiografie. Obwohl daran, andererseits, nichts Erstaunliches ist: Schließlich heißt es ja, dass selbst ein Hund und sein Besitzer, wenn sie lang genug zusammenleben, einander gefährlich ähnlich werden.

Möge diese Gemeinsamkeit der Biografien nicht als Ausdruck meines Hochmuts verstanden werden, sondern ganz einfach als Kompliment – vielleicht sogar eines der größten Komplimente, die ein Mensch seiner Stadt machen kann.

[Vortrag auf dem 10. Internationalen Thomas-Mann-Festival, 2006]