Weiße Nächte und schwarze. Ein Briefwechsel

Translation from Finnish by Maximilian Murmann and from Swedish by Elna Lindgens
 
Januar 2001

Lieber Jaan,

Dein Brief erreichte mich just in dem Moment, als ein gewaltiger Wintersturm über Drumsö hereinbrach – welch greller Kontrast zu den milden Lüften Deiner Botticelli’schen Ebenen–, und ich denke an Deine schwärmerischen Zeilen über die Zugvögel. Denn leider hat der plötzliche Kälteeinbruch die Seidenschwänze in die Flucht getrieben. Enorme Scharen – man spricht von 15 000 Vögeln allein auf Drumsö!– haben uns den Januar hindurch Gesellschaft geleistet, angelockt von der reichen Vogelbeerernte des vergangenen Jahres. Im Schwarm bewegen sie sich wunderbar grazil, wie von einem unsichtbaren Ballettmeister gelenkt. Sie hinterlassen ein Gefühl der Leere, ich hatte mich so an das sirrende Geräusch in den Baumwipfeln gewöhnt. Wie weit südwärts sie wohl schon gekommen sind? Vielleicht ist Estlands Himmel jetzt voller Seidenschwänze?
Die Krähen hingegen bleiben, zäh wie die Krüppelkiefern und ebenso zeitlos. Selbst ihre hässlichen Stimmen vermitteln am Ende Geborgenheit und etwas Vertrautes – hier sind sie!–, unsere Gefährten unter dem Polarstern; sollen im Süden die Tauben doch gurren, wie sie wollen.
Noch nie waren die Seidenschwänze den ganzen Januar bei uns, ein Verdienst nicht nur der Vogelbeeren, sondern auch des milden Winters. Macht sich der Treibhauseffekt auch auf Drumsö bemerkbar? Das würde gewissermaßen veranschaulichen, wie schnell sich die Welt in elf Jahren verändert hat. Heute ist das freie Baltikum fester Bestandteil unseres Alltags, doch als wir uns das letzte Mal schrieben, wagten wir kaum, an das Wunder zu glauben1.
Im Nachhinein quälen mich dennoch die Blindheit und der Mangel an Sensibilität, die maßgeblich waren für Finnlands Haltung gegenüber dem baltischen Drama. Das Einzige, was zählte, war Paasikivis und Kekkonens alte, realpolitische Linie, in der kein Platz war für Revolutionen „singender“ Art; gegen militärische und geographische Fakten helfen keine Tagträume. Berüchtigt Mauro Koivistos Reaktion auf die Bilder, die das Fernsehen vom blutigen Vormarsch russischer Panzer in Wilna zeigte: „Und dann bringen sie es auch noch in Farbe!“
Wie sehr unsere Staatsführung in alten Mustern gefangen war, zeigt auch, dass man das Gelände der Botschaft in West-Berlin verkaufte, in der festen Überzeugung, Deutschland würde niemals wiedervereint. Hier hält der „Realist“ die Augen fest verschlossen, nicht der Träumer.
Du trauerst der stillschweigenden Solidarität nach, die einst die Nation zusammenhielt und die Dein freies Estland nun verloren hat. Die Symptome sind weltweit bekannt, und auch nördlich des Finnischen Meerbusens vernimmt man sie klar und mannigfaltig, im besten neoliberalen Geiste. Dennoch fällt es mir schwer, Deinen Pessimismus zu teilen; sich so überzeugend unter den Kandidaten für eine EU-Osterweiterung zu platzieren, das konnte nur einem vitalen, vielfältig begabten Volk gelingen. Ist nicht der Este von jeher ein Meister der Überlebenskunst?
Anatol Lieven behauptet sogar, smarter zu sein als andere Balten, und besitzt durchaus einiges von der Odysseus’schen Fähigkeit, sich möglichst unbeschadet aus jeder Klemme zu befreien. „Wir glauben nicht“, so heißt es in einem Zitat, „dass die beste Art, sich einer Wand zu nähern, die ist, mit dem Kopf dagegen zu rennen.“
Übrigens ist es schwindelerregend zu sehen, wie sehr der Abstand zwischen Estland und Finnland geschrumpft ist. Früher glich der Finnische Meerbusen einem Ozean, hinter dem sich Tallinn verbarg, fremd und fern wie einst Timbuktu. Heute braucht man im Sommer für die Überfahrt eine Stunde und fünfundvierzig Minuten und kann wählen, ob man in Borgå oder Tallinn zu Abend essen möchte (der einzige Nachteil der ultramodernen Katamarane ist, dass sie nicht für starken Seegang gemacht sind, die letzte Fahrt habe ich auf der Bordtoilette eingeschlossen verbracht).
Vielleicht ist diese neue Nähe auch ein Trugbild. Ich hatte schon immer das Gefühl, Ihr Esten seid viel mehr Europäer als wir, mit der Hanse im Gedächtnis und einer jahrhundertelangen deutschen Präsenz als zusätzlichem kosmopolitischen Einschlag. Es würde mich nicht wundern, wenn Ihr eines Tages die Freiheit der EU nutzt und Finnland den Rücken zuwendet, um stattdessen auf die Via Baltica und den Kontinent zu setzen.
Allzu beliebt können die Finnen in Tallinn nicht sein. Die Wodkatouristen sind zwar mit den Jahren etwas gemäßigter geworden, es bleiben aber genügend Unsitten, um die Bruderliebe immer wieder auf die Probe zu stellen. Der Finne geriert sich nach wie vor als Herr im estnischen Haus, stets mit den Verdiensten seines Landes protzend, ob Winterkrieg oder Nokia. Typisch auch, dass er sich weigert, Estnisch zu lernen, umgekehrt jedoch verlangt, dass der Este Finnisch lernt (welchem sich dieser immer häufiger widersetzt, verliert doch das finnische Fernsehen in Estland an Bedeutung). Es gefällt auch nicht jedem, dass immer mehr Aktienposten und Strandgrundstücke in finnischen Händen landen.
Gleichzeitig dürfte es das ausgemachte Ziel sein, Finnland das Wasser zu reichen, denn zumindest wirtschaftlich ist der Nachbar ein Vorbild, das zu neuen Taten anspornt. Finnland seinerseits blickt wohlwollend und beschützend auf seine Anverwandten im Süden, ist und bleibt doch Blut dicker als Wasser. Nicht umsonst schätzen wir Lennart Meri sehr, als Menschen wie als Staatsmann. Doch auch das hindert die Leute nicht daran, mit belustigtem Unterton festzustellen, dass die estnische Nationalhymne ihre Melodie von „Vårt Land“, der Hymne Finnlands, gestohlen hat – was kann das Verhältnis zwischen Geber und Nehmer besser verdeutlichen?
Weitaus schlimmer ist, dass die Esten in den Augen vieler Finnen immer häufiger mit Schmuggel und Drogenkriminalität in Verbindung gebracht werden. Das Land befindet sich auf bestem Weg, Haupteinfallstor für den Drogenhandel im Norden zu werden; erst vor Kurzem berichtete unser Fernsehen, der Zoll habe bei Esten und Russen innerhalb eines halben Jahres ganze 50 kg Amphetamin beschlagnahmt. Und als wäre das nicht genug, verkündete eine Abendzeitung lauthals, eine AIDS-Epidemie drohe, sich von den Bordellen in Tallinn nach Finnland auszubreiten.
In einem solchem Klima gedeihen die Vorurteile, und die Irritation wächst, allen Liebesbekundungen zum Trotz, auf beiden Seiten. Womöglich muss hier doch die EU als Heilmittel dienen, ist doch ein Prozess in Gang gesetzt, der nicht in Berlin enden muss, sondern auch neue Wege Richtung Finnland und Schweden eröffnen kann. Ich selbst hoffe auf die „skandinavischen“ Werte, die als zentraler Bestandteil künftiger estnischer Identität all das ersetzen mögen, was dem Land heute sowohl an (mafiösem) Wilden Osten wie (neokapitalistischem) Wilden Westen zu Eigen ist.
Für Dich, der Du Dich – wenn ich mich recht entsinne– von Anfang an dem europäischen Projekt gegenüber skeptisch gezeigt hast, riecht das vermutlich schon von Weitem nach nordischem Chauvinismus. Genug also der guten Ratschläge an den kleinen Bruder.
Hier auf Drumsö ist das Wetter plötzlich umgeschlagen, und ich erwache an einem Morgen mit strahlendem Sonnenschein und Raureif auf den Bäumen. Es ist fast übernatürlich still, als wäre die Landschaft aus Glas. Doch das Frühjahrslicht macht unruhig, entblößt den Staub und die Flecken im eigenen Leben, und ich ertappe mich dabei, wie ich mich nach dichtem Schneefall sehne, so dass man im weißen Nirwana der Flocken versinken kann. Das Geräusch des Schneepflugs zu früher Stunde macht mich immer glücklich, weiß ich doch, der Tag, der kommt, wird ein „solcher“ Tag.
Ja, das Baltikum ist frei, und Finnland Mitglied der EU, doch die elf Jahre, die hinter uns liegen, was haben sie mir persönlich beschert? Der Verlust vieler guter Freunde hat mich ärmer gemacht, so bin ich noch immer nicht darüber hinweg, dass Erkka Lehtola, der Kulturjournalist aus Tampere, mit seinem Witz und unbändigen Lebenshunger nicht mehr unter uns ist. Er hat sich auf vereisten Winterwegen im hohen Norden totgefahren. Wir gehörten eine Gruppe an, die jedes Jahr nach Europa reiste und in Rom, Madrid oder Istanbul so manche Weißweinflasche leerte.
Fort ist auch mein åländischer Apothekerfreund, ich habe ihn bis ins Terho-Hospiz begleitet, ein Ort nur für die Sterbenden. Hier, in unseren letzten Gesprächen, mussten wir uns über die verschiedenen Stadien des Krebses nichts mehr vormachen. Aber natürlich fürchtete man die Kerze, die verlässlich entzündet wurde, war jemand in der Nacht gestorben.
Einst nahm ich den Kirchenvater beim Wort: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werde.“ Das Leben ist das Material, aus dem wir eine neue und vollkommenere Persönlichkeit herausmeißeln, es gilt nie aufzugeben, nie zu ermüden in der Erschaffung des Menschen. Jetzt, in dem unbarmherzigen Frühjahrslicht, sehe ich, wie erbärmlich ich gescheitert bin: einzig das Beste war für mich als Leser und Kunstliebhaber gut genug, und doch bleibe ich der kraftlose und zwiegespaltene Egozentriker von damals.
Vielleicht sollte man sich nicht überheben. Vielleicht ist Montaigne der wahren Lebenskunst auf die Spur gekommen, wenn er von sich behauptet, nur ein Talent zu haben: zufrieden zu sein mit sich und dem, was er hat. Menschen, die chronisch unzufrieden sind mit sich selbst, sind gefährlicher als die, die mit ihrer irdischen Hinfälligkeit ihren Frieden gemacht haben. Warum es nicht halten wie der japanische Haiku-Dichter, der als einer in Erinnerung bleiben wollte, der Poesie und Pfirsiche liebte. Mehr nicht.
Wie es scheint, werde ich bis zu meinem Tod mit diesem Dilemma leben müssen, schwankend zwischen Thomas a Kempis und Li Po – Thomas mit seinem Traum vom Absoluten, Li Po mit seiner Schwäche für das zerbrechlich Menschliche.

 

Doch zurück zu unserer estnisch-finnischen Gegenwart. Nichts beschreibt besser, wofür gerade das heutige Finnland stehen will, als Deine Wörter „Neuheit“ und „Veränderung“. Dir ist in unserem Straßenbild sicher schon die explosionsartige Vermehrung von Mobiltelefonen aufgefallen; ein Volk, das früher bekannt dafür war, in zwei Sprachen zu schweigen, erweist sich nun als geradezu manisch gesprächig (wie viele Dummschwätzer habe ich nicht schon im Bus nach Drumsö ertragen müssen!). Alles nur wegen Nokia, dem Telekomriesen, der Weltmarktführer auf seinem Gebiet geworden ist und den Finnen zu einem neuen, robusten Selbstbewusstsein verholfen hat.
Das Telefon ist nur ein Teil des technischen Durchbruchs im Finnland der 90er-Jahre. Eigentlich handelt es sich noch immer um denselben Salto Mortale, der einst Alvar Aalto und den Funktionalismus bei uns ermöglichte. Vielleicht ist es das Fehlen einer starken urbanen Tradition (im zum Beispiel mitteleuropäischen Sinn), das Raum für Innovationen schafft und gleichzeitig die Unverbindlichkeit hervorbringt, die es braucht, um einen großen Wurf zu landen.
Wir dürfen nicht vergessen, dass es der Finne bereits als brandrodender Bauer gewohnt war rasch weiterzuziehen, wenn sich die Neurodung des Waldes nicht mehr lohnte.
Es ist erschreckend, wie viel Macht Fortschritt verleiht, Nokia ist mittlerweile ein Staat im Staate, auf den auch die Hochschulen bei der Ausgestaltung ihres Lehrplans Rücksicht nehmen müssen. Ein flapsiger Spruch über die „schmalen Schultern“ von Nokia-Chef Jorma Ollila in der universitätseigenen Zeitschrift genügte, um den Redakteur zwecks einer scharfen Rüge zum Rektor zu zitieren. Der Technologieboom hat die alten humanistischen Bildungsziele im Namen einer neuzeitlichen Effektivität aus dem Weg geräumt, und langsam untergräbt die „Ergebnisverantwortung“ selbst so zentrale Fächer wie Literatur und Philosophie.
Wehmütig denke ich an die glücklichen Jahre zurück, die ich nach dem Krieg an der Åbo Akademie verbringen durfte, einer Universität, die zu dem Zeitpunkt noch nicht verstaatlicht war und sich deshalb ein absolutes Minimum an Bürokratie leisten konnte. Das Studium dort war rundweg frei, niemand fragte, wann man vorhabe, seinen Abschluss zu machen. Der Rahmen war auf eine Art intim, wie sie heute vollkommen undenkbar scheint, mit Lehrern, die wirklich Zeit hatten für ihre Schüler; der Philosoph Rolf Lagerborg veranstaltete seine Seminare oft daheim in der Küche (und liebte es, wenn man ihm widersprach). Die Professoren waren gelehrte Männer mit europäischem Flair, für den åländischen Bauernsohn war es, als wäre er nach Oxford am Aura Å geraten.
An das altehrwürdige Domviertel von Åbo hat man sich nicht herangewagt, aber davon abgesehen ist das 20. Jahrhundert voll von abschreckenden Beispielen dafür, was die Anbetung von „Neuheit“ und „Veränderung“ für das Stadtbild bedeutet. Aaltos blendend weißes Enso-Gutzeit-Haus im Herzen Helsinkis ist eines davon (und hier zitiere ich mich selbst aus der Helsingin Sanomat). Es ist ein schönes, ausgemacht wohlproportioniertes Gebäude, das seinem venezianischen Vorbild Riva degli Schiavoni alle Ehre macht. Doch was hat es auf Skatudden verloren? Ein Stadtteil, der maßgeblich vom Jugendstil und der orthodoxen Uspenski-Kathedrale geprägt ist, wurde mit Gewalt zu einem Ausläufer der Esplanade gemacht.
Den Geist eines Ortes, den genius loci, so offenkundig zu kränken, kommt selbst in unseren Breitengraden selten vor. Das erinnert an Nils Erik Wickberg und seine Aussage über Architekten: sie sind wie Hunde, die unbedingt ihre Marke setzen müssen. Hier war ich, Alvar Aalto!
Das Unvermögen, eine architektonische Einheit zu wahren, macht sich auch auf dem Land zur Genüge bemerkbar. Kein Stilbruch war zu groß, als es vor allem in den 50er- und 60er-Jahren darum ging, das Alte beiseitezuschaffen und dem Neuen Platz zu machen. Der Abriss-Wahn traf vor allem die Holzhäuser; schätzungsweise sollen seit den 60er-Jahren 50 000 Holzhäuser verschwunden sein, alle vor dem 20. Jahrhundert errichtet – mit anderen Worten: fünf Siebtel des Gesamtbestandes. Und das in Finnland, das sich stolz das Land des Holzes nennt!
Holzhäuser wurden gering geschätzt, allein schon weil sie nach Armut und Rückständigkeit rochen, man wollte aus Materialien bauen, die Zukunft und „Entwicklung“ verhießen. Dass dies so rabiat vonstattenging, hängt sicher damit zusammen, dass der Modernismus ausgerechnet in Finnland einen unerhörten Triumph feierte. Ein Triumph, der aus ästhetischer Sicht radikale Eingriffe in die Umwelt legitimierte und gleichzeitig die reine Profitgier rechtfertigte.
Natürlich hast Du recht, dass der Finne auch eine unbezwingbare Sehnsucht zurück zum Unberührten und Ursprünglichen hat, und hier wird das Sommerhäuschen mit der Sauna und dem Bootssteg zu seinem heiligen Ort, zu dem, wofür er eigentlich lebt. Aber das, was Du die „Kultur der Stille“ nennst, hat – Ironie des Schicksals!– dem Leben einen neuen Stressfaktor beschert: schau Dir nur das Wochenend-Getümmel im Umland an, all die angespannten Mienen, wenn der Fahrplan ins Stocken gerät.
Auf meiner Etage wird es ab April schon still, sobald der Samstag näher rückt; ihren Höhepunkt erreicht die Auswanderungswelle zu Mittsommer, wenn selbst das lauschige, meeresumflutete Drumsö wie von einer Neutronenbombe getroffen scheint. Solange der Finne dieses Doppelleben führt, besteht wenig Hoffnung, dass er seiner urbanen Verantwortung voll gerecht wird.
Neben dem Phänomen Nokia war der Beitritt zur EU das Wichtigste, was Finnland in den 90er-Jahren widerfahren ist. Die Entscheidung fiel einem Volk, das es leid war, immer zwischen den Stühlen von Ost und West zu sitzen, leicht; in der Union meinte man, jemanden gefunden zu haben, an dessen Schulter man sich anlehnen könne, sollte eine Krise ausbrechen. Und welch Freude, endlich als Europäer anerkannt zu werden, nach so langer Zeit draußen in der Kälte! Ja, allein am Flughafen die richtige Schlange für die Passkontrolle wählen zu können, ließ einen frischen Wind verspüren.
Schweden hingegen brauchte die EU nicht im gleichen Maße, es hatte „immer“ zu Europa gehört, mit Stockholm als ebenbürtigem Partner von sowohl Wien als auch Paris.
Im Großen und Ganzen glaube ich, dass die Jahre in der EU den Finnen gut bekommen sind, das Scheue und mürrisch Introvertierte hat – vor allem bei den Jugendlichen – einer neuen Offenheit und Freizügigkeit Platz gemacht. Auch das Leben in den Cafés im sommerlichen Helsinki verströmt mittlerweile eine sehr willkommene, kontinentale Note. Was mich beunruhigt, ist jedoch, dass die EU-Euphorie Finnland dazu verleiten könnte, das im positiven Sinne Östliche in seiner historischen Erfahrung zu verneinen. In Brüssel verfügt nur Finnland über ein byzantinisches Erbe, ein Erbe, das eines Tages auch der sogenannten Osterweiterung die notwendige innere Dimension geben könnte.
Europa ist ein Thema, auf das ich später zurückkommen muss, gleiches gilt für Deine italienischen Eindrücke. Italien war meine erste Liebe, als ich 1961 als frisch gebackener Katholik durch Rom lief und unter anderem Papst Johannes XXIII. während einer mir unvergessenen Messe in San Paolo fuori le Mura erleben durfte (in Rom besuche ich immer sein Grab). In den Siebzigern hielt ich mich einige Sommer in Paestum auf, weniger der Tempel als der unendlichen Sandstrände wegen. Alle Himmelsrichtungen Italiens faszinieren mich, von Venedig im Norden bis Syrakus und Sizilien im Süden.
Einen prosaischen Minuspunkt muss ich dennoch erwähnen: die Kälte im Winter in den Häusern. Rabbe Enckell gestand, seit dem Winterkrieg nicht mehr so gefroren zu haben wie in Paestum. Bereitet Dir das keine Probleme? Selbst kämpfe ich gerade mit einer hartnäckigen Erkältung und beeile mich deshalb, diesen Brief zu beenden. Nicht einmal meine täglichen Fünf Tibeter – die damit beginnen, dass man wie ein Derwisch einundzwanzig Mal um die eigene Achse kreist – konnten mich diesmal retten.
Dein Finnisch ist ausgezeichnet, soweit ich das beurteilen kann. Wer weiß, in welch waschechte finnische Identität Du Dich eines Tages noch hineinschreibst.
Mit herzlichen Grüßen
Dein Johannes

20. Februar 2001

1 Anm. d. Ü.: Salminen bezieht sich hier auf seinen ersten Briefwechsel mit Kaplinski zwischen 1989 und 1990 am Vorabend der erneuten Unabhängigkeit Estlands: Jaan Kaplinski und Johannes Salminen, „Sjunger näktergalen än i Dorpat? En brevväxling mellan Jaan Kaplinski och Johannes Salminen“, Helsinki, Söderströms, 1990