Frühling in Kaunas: Henry Parland in Litauen

Translated by Mirko Bonné
Also available in English: Spring in Kaunas
 

Im Mai 1929 schickten seine Eltern den finnlandschwedischen Jura-Studenten und kurz zuvor erstveröffentlichten Dichter Henry Parland von Helsinki nach Kaunas (Kowno), der Hauptstadt Litauens. Sie wollten ihn vor Alkohol, Bohème und Modernismus bewahren. Es war der letzte Umzug für den jungen Autor, der anderthalb Jahre später in seinem Exil an Scharlach starb. Er wurde nur 22 Jahre alt. Beigesetzt wurde er in Kaunas.henry parland
Die Parlands, die auf der Karelischen Landzunge, in St. Petersburg sowie in Wiborg ansässig waren und auf baltendeutsche und englische Vorfahren zurückblickten, hatte sich nach der Russischen Revolution in Finnland niedergelassen. Wie viele andere Emigranten hatte die Familie ihre Domizile und anderen Vermögen in der Revolution verloren. Immerhin aber besaß sie die finnische Staatsbürgerschaft.
In Grankulla (Kauniainen) außerhalb von Helsinki begann Henry Parland als Vierzehnjähriger, eine schwedische Schule zu besuchen. Schwedisch wurde – nach Deutsch, Russisch und Finnisch – die vierte Sprache, die er beherrschte, und diejenige, in der er schrieb.
Nachdem er 1927 die Sekundarschule abgeschlossen hatte, folgten vier Semester eines Jura-Studiums an der Universität Helsinki, vielmehr noch aber ein „Studium des Lebens“ und Vorbereitungen auf ein Leben für die Literatur. Parland wurde Mitarbeiter der Zeitschrift Quosego. Tidskrift för ny generation (Quosego – Zeitschrift für die neue Generation, 1928–29), für die u. a. die älteren Modernisten Elmer Diktonius, Hagar Olsson, Gunnar Björling und Rabbe Enckell schrieben.
Der zielstrebige Parland hatte bereits im Herbst 1927 versucht, für eine Gedichtsammlung einen Verlag zu finden, allerdings vergebens. Ein Jahr später hatte er mehr Erfolg, sodass im Frühling 1929 die durchkomponierte Sammlung Idealrealisation (Idealverramschung) erschien, einer der fulminantesten finnlandschwedischen Gedichtbände des 20. Jahrhunderts. Das Buch besteht aus vier Abteilungen: „Flecken“, „Strümpfe“, „Grippe“ und „Grimassen“. Der Titel des Bandes und dessen Buchteil-Überschriften gehen auf einzelne der in der Sammlung enthaltenen Gedichte zurück. Die Gedichte sind extrem konzentriert, vier bis dreizehn Zeilen lang. Sie sind leicht, luftig, elliptisch und scheinbar Skizzen. Sie vermitteln sich durch Ansprechen des Lesers, durch Ausrufe, Fragen, Umgangssprache. Das lyrische Ich bewegt sich souverän in seiner poetischen Welt. Parlands Gedichte sind nicht gefühlskalt, sondern distanziert. Ein sehr häufig verwendetes Verfahren ist die Animation von Gegenständen. „Aufruhr der Dinge“ („Sakernas uppror“) lautete der treffende Titel eines von Parlands Texten in Quosego.
Parlands Doppelleben – vernachlässigte Studien, Kaschieren seiner Zahlungsunfähigkeit, Alkoholmissbrauch und verfahrene Liebesaffären – kam jedoch schließlich ans Licht. Noch immer war er minderjährig, und so schickten ihn seine Eltern – Idealrealisation war gerade aus der Druckerei gekommen – zu seinem Onkel Vilhelm Sesemann (1884–1963) in Litauen. Wenige Jahre nach der Revolution hatte auch Sesemann Sowjetrussland verlassen und war 1923 Professor für Philosophie an der Universität Kaunas geworden. Seine Familie allerdings lebte in Paris.
Henry Parlands Zeit in Litauen bedeutete zum Teil einen Neubeginn, ganz so, wie von seinen Eltern erhofft. Er erhielt eine Anstellung als Sekretär am Schwedischen Konsulat (halbtags), lernte Französisch (las Gide und Proust) und schrieb Artikel für litauische und finnlandschwedische Zeitungen und Zeitschriften. Er lernte litauische Autoren und Journalisten kennen. Seine Briefe aber erzählen ebenso von seiner Einsamkeit, Entfremdung und Sucht. Im Sommer 1929 wurden einige Gedichte in litauischer Übersetzung im Magazin Naujas Žodis (Neue Welt) veröffentlicht. Für die litauische Presse schrieb er Artikel auf Deutsch, vorrangig über finnische und nordische Literatur. Publiziert wurden sie in Vairas (Das Steuer), dem Magazin der regierenden Nationalpartei, im universitären Židynis (Der Herd), in der revolutionären Trecias Frontas (Die dritte Front) und in der wöchentlich erscheinenden Naujas Žodis.
Für die finnlandschwedische Presse berichtete er von Neuem, mit dem er in Berührung kam: dem jüdischen Theaterstudio, sowjet-russischen Filmen (in Finnland verboten), dem Grab des unbekannten Soldaten usw. Er schrieb außerdem die erste nordische Einführung in den russischen Formalismus in einem Artikel mit dem Titel „Den modernistiska dikten ur formalistisk synpunkt“ (Das modernistische Gedicht aus formalistischer Perspektive) für die fünfte Ausgabe von Quosego (die nie erschien; der Artikel wurde posthum veröffentlicht).
Darüber hinaus verfasste er einen Roman: Sönder (om framkallning av Veloxpapper) (Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier)), ein modernistisches, durch Proust und die Auffassung des russischen Formalismus von Automatisierung-und-Entfremdung inspiriertes Experiment. Sönder ist ein Meta-Roman und eine Liebesgeschichte, „in der es nicht um Liebe geht“ (wie Viktor Schklovskij sagen würde).
Parland schrieb auch neue Gedichte, darunter einige, die sich mit den in Litauen vorgefundenen Bedingungen beschäftigen und die nachfolgend in deutschsprachiger Übersetzung vorgestellt werden. Sie unterscheiden sich geringfügig von den Gedichten aus der Helsinki-Periode, indem sie weniger leicht, verspielt und ironisch anmuten, auch wenn diese Aspekte nicht gänzlich verschwunden sind. Die Gedichte über das jüdische Theater und das Grab des unbekannten Soldaten stammen aus seiner ersten Zeit in Kaunas, das dritte Gedicht dagegen entstand im Frühling 1930. Es fällt schwer, mit Gewissheit zu sagen, worauf die Beschreibung abzielt, wie viele unterschiedliche Leute und unterschiedliche Nationalitäten sich vor dem Monument versammeln: den Nationalismus, jene, die ihre Hüte abnehmen, die zittrige Stimme des Gedichts? Das Gedicht stellt eine gewissenhafte Beschreibung des internationalen, kosmopolitischen Umfelds dar, in dem sich Parland sein ganzes Leben lang eingebunden sah, wenngleich in unterschiedlicher Weise.
Gegen Ende 1930, kurz bevor Parland eine neue Anstellung in Ivar Kreugers Zündholz-Unternehmen antreten sollte, das in Litauen Fuß zu fassen versuchte, erkrankte er an Scharlachfieber und verstarb am 10. November.
Henry Parlands Werk wurde größtenteils posthum veröffentlicht. Auch wurde es in zahlreiche Sprachen übersetzt (Französisch, Deutsch, Russisch, Englisch, Finnisch, Litauisch). Hiervon sind zwei Editionen besonders erwähnenswert: Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier, 2007), die von September bis Oktober desselben Jahres als Fortsetzungsroman auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien, und Ideals Clearance (Idealverramschung, 2007), übersetzt von Johannes Göransson, zweisprachig mit dem schwedischen Original.
2008 wurde Henry Parlands hundertster Geburtstag unter anderem mit einem gutbesuchten internationalen Symposium in Hanasaari unweit Helsinki gefeiert.

 

Henry Parland

Drei Gedichte

Draußen am Grab des unbekannten Soldaten
in Kowno
hineingequetscht zwischen Juden Deutsche Litauer
mehr Juden
schüttelt es mich plötzlich vor dem
Patriotismus
sobald der Strom aufflackert
im Grabkreuz
und die ganzen Juden den Hut ziehen
vor der Nationalhymne.

 

Das jüdische Theater in Kowno

Die herrlichste Sprache
ist die stumme Sprache
der Hände.
Mit unseren Händen
greifen wir das Leben
und quetschen heraus
einen Fleck Sonnenschein
der an uns herabrieselt
und uns golden färbt.

 

Frühling in Kaunas

1
Frühling in Kaunas
Schmutz
und
Sonnenscheinpfützen
vergossen an Straßenecken.

2
Pass auf dann kriegst du keinen
Sonnendreck auf deine Klamotten
so sind bloß hässliche Flecken
auf deinem Wintermantel
von wahrhaftem Februarmodder.

3
Die Memel wälzt Eisschollen voran
wie eine Herde gemästeter Gänse.
Sie watscheln träge dahin
und gackern laut wenn
Brücken ihnen Angst einjagen wollen
mit ihren kruden Persönlichkeiten.

 

Literatur

Henry Parland, Idealrealisation (Idealverramschung), Helsinki: Söderströms 1929.
Henry Parland, Återsken (Betrachtungen), Helsinki: Söderströms 1932.
Henry Parland, Hamlet sade det vackrare: Samlade dikter (Hamlet sagte das schöner. Gesammelte Gedichte), hrsg. v. Oscar Parland, Helsinki: Söderströms 1964.
Henry Parland, Den stora Dagenefter: Samlad prosa I (Der große Morgen danach. Gesammelte Prosa I), hrsg. v. Oscar Parland, Helsinki: Söderströms 1966.
Henry Parland, Säginteannat: Samlad prosa II (Sag-nichts-weiter. Gesammelte Prosa II), hrsg. v. Oscar Parland, Helsinki: Söderströms 1971.
Henry Parland, Sönder (Om framkallning av Veloxpapper) (Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier)), Pilotserien, Stockholm: Författarförlaget 1987.
Henry Parland, Sönder (om framkallning av Veloxpapper) (Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier)), verl. und komm. v. Per Stam, Helsinki: Svenska litteratursällskapet i Finland / Stockholm: Atlantis 2005.
Oscar Parland, Kunskap och inlevelse: Essayer och minnen (Wissen und Gefühl. Essays und Erinnerungen), Helsinki: Schildts 1991.
Per Stam, „Henry Parland in Lithuania“ (Henry Parland in Litauen), Vilnius, Lithauische Literatur Kultur Geschichte Winter 1996 (Magazin der litauischen Schriftstellervereinigung), S. 112–131.
Per Stam, „Henri Parlandis Lietuvoje“, Metai: Literatura, Kritika, Eseistika 10: 1998, S. 123–137 (Litauische Übersetzung des Artikels in Vilnius).
Per Stam, Krapula: Henry Parland och romanprojektet Sönder, Uppsala: Abteilung der Vergleichenden Literaturwissenschaft der Universität Uppsala / Helsinki: Svenska litteratursällskapet i Finland 1998.
Per Stam, „,Det er redan poesi‘. Anteckningar om Henry Parlands litterära metod“ („Es ist schon Poesie“. Anmerkungen zu Henry Parlands literarischer Methode), Historiska och litteraturhistoriska studier (Historische und literaturhistorische Studien) 83, hrsg. v. Malin Bredbacka-Grahn und John Strömberg, Helsinki: Svenska litteratursällskapet i Finland 2008, S. 215–246.
Per Stam, „Ett småleende utan urskiljning. Nya dikter av Henry Parland“ (Ein mattes Lächeln ohne Trennung. Neue Gedichte von Henry Parland), Lyrikvännen 1–2: 2009, S. 28–32.

Übersetzungen von Henry Parlands Werken in Buchform

Henry Parland, Hamlet sanoi sen kauniimmin: kootut runot, übers. v. Brita Polttila, Porvoo, Helsinki, Juva: WSOY 1981.
Henry Parland, (z. B. schreiben wie gerade jetzt). Gedichte (Auswahl, schwedisch und deutsch), übers. v. Wolfgang Butt, Sammlung Trajekt 17, Stuttgart, Klett-Cotta / Helsinki: Ottava 1984.
Henry Parland, Rikki (velox-paperille vedostamisesta) (Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier)), übers. v. Hannu Nieminen, Helsinki: Tamara Press 1996.
Henry Parland, Pavasaris kaune (Vår i Kaunas / Frühling in Kaunas; Gedichte, Essays u. a.), übers. v. Petras Palilionis, Kaunas: Ryto varpas 2004.
Henry Parland, Déconstuctions, übers. v. Elena Balzamo. Paris: Belfond 2006 (zeitgleich mit dem in Gänze übersetzten Roman Idealrealisation erschien ein Booklet unter dem Titel Grimaces. Poèmes).
Henry Parland, Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier), übers. v. Renate Bleibtreu, Berlin: Friedenauer Presse 2007.
Henry Parland, Vdrebezgi (Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier)). Roman, übers. v. Olga Mäeots, Moskau: Tekst 2007 (der Band enthält zudem Stichotvorenija (Gedichte).
Henry Parland, Ideals Clearance, Brooklyn, New York: Ugly Duckling Press 2007.