Der knorrige Stamm. Demut als Edelmut in der finnlandschwedischen Literatur

Translated from Swedish by Klaus-Jürgen Liedtke

Finnland ist dicht bewaldet, entsprechend stark vertreten sind Bäume in der Literatur des Landes. Ich möchte die emblematische Rolle untersuchen, die in der finnlandschwedischen Literatur von den letzten Jahrzehnten Finnlands als Großfürstentum bis zur Ausrufung der unabhängigen Republik im Jahre 1917 und die Zeit zwischen den Weltkriegen hindurch ein Baum, die Kiefer, eingenommen hat. Die Betrachtung der politischen Geschichte unter basis-semiotischen Aspekten soll den Blick auf die Idee der Verbildlichung der schwedischsprachigen Bevölkerungsgruppe Finnlands als „Stamm der Krüppelkiefer“ richten. Ich werde versuchen, Entstehung und Verbreitung dieser Idee anhand ihrer Verwendung bei einer Reihe von Lyrikern des Landes nachzuzeichnen.
In Schwedisch hätte ich meinen Aufsatz Martallens stam betitelt: „Der knorrige Stamm“, was gleichermaßen Volks- wie Baumstamm bezeichnet. Das Wortspiel ist nicht sehr feinsinnig, aber gewollt: Das Projekt, auf das ich mich beziehe, versuchte, sowohl Volks- als auch Baumstamm ins Licht der Untersuchung zu rücken. Es war ein naturkundliches Unterfangen, welches auf ein Biotop und die Verwurzelung in demselben verweisen sollte.
Um meinem Ansatz ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit zu verleihen, habe ich eine Reihe von Bildbeispielen ausgewählt, die den rauhen Charme einer nordischen Art von Krüppelkiefern illustrieren.gnarled pine Auf dem Umschlag der 1931 erschienenen Ausgabe von Utskärs [In den äußeren Schären] von Elis Selin findet sich eine Kiefer, die dort eigentlich gar nicht sein dürfte – wie sollte sie auf Felsen Wurzeln schlagen? Selin war Vikar einer kleinen Gemeinde, zu der weit mehr Inseln und Felsenriffe gehörten als Mitglieder und die vom Festland weitgehend abgeschnitten war. Der Baum auf dem Umschlag von Utskärs ist ein Symbol der Einsamkeit. Auf einem anderen Buchumschlag wurde der Kiefer bedeutsamerweise ihr menschliches Äquivalent zur Seite gestellt. Der breitbeinig vor seinem Lotsenhaus stehende Mann, das Fernglas in Händen, schmückt die Ausgabe von 1912 des jährlich erscheinenden Almanachs der Freunde der schwedischsprachigen Volksschule, einer im Jahre 1882 gegründeten Gesellschaft zur Förderung der schwedischen Sprache innerhalb des Bildungssystems in Finnland. Der Lotse ist ein Bild der Unerschütterlichkeit inmitten von Sturm und Unwetter. Zu seiner Rechten hat der Künstler das von der Natur kreierte Gegenstück des Mannes plaziert: eine Krüppelkiefer, von unablässigem Wind gegen den Granitfelsen gepresst. Wie schon bei dem vorhergehenden Beispiel bemerkt, würde eine echte Kiefer an einem solchen Ort wohl kaum gedeihen, was uns nicht stören soll, besteht ihr bildlicher Zweck doch darin, die aufrechte Haltung des Mannes zu unterstreichen.
Arvid Mörne betrat zur Jahrhundertwende die literarische Bühne und muss als der geistige Vater des Symbols der Krüppelkiefer gesehen werden, welcher am eifrigsten zu dessen Verbreitung beitrug. Eine postum im Jahre 1946 veröffentlichte Ausgabe seiner Gedichte trug den Titel Solbärgning (Sonnenuntergang). Die Kiefer auf dem Umschlag ist gebrochen, entzwei, endlich zur Ruhe gekommen. Die angeführten Beispiele werden es verdeutlicht haben, dass diesem Baum das schwere Los zugefallen ist, ein leidvolles Dasein an der rauhen Schwelle zwischen Meer und Festland zu fristen. Und diese ist, poetisch ausgedrückt, genau das finnlandschwedische Biotop. Der schwedischsprachige Teil der Bevölkerung (etwa 13% im Jahre 1900) besiedelte die West- und Südküste des Landes sowie die Inseln, ist aber nie tiefer ins Inland vorgedrungen. Die erste kartographische Erfassung dieser demographischen Grenzlinien findet sich, in schwarz, auf dem Umschlag des Almanachs von 1897 der oben erwähnten Gesellschaft.
Fällt der menschliche Blick auf die Natur, so übernimmt diese Symbolfunktion; sie wird zu einer Quelle von Metaphern. Eine Inspirationsquelle, der sich der Mensch nur schwer entziehen kann, ist die Menschenähnlichkeit, von der er sich umgeben sieht. Vertretern der menschlichen Rasse ist es ein zwingendes Bedürfnis, die Erscheinungs- und Sprachformen anderer lebender Organismen in eine menschliche Ausdrucksform zu übersetzen.
Finnische Künstler und Dichter verbrachten den Großteil des ausgehenden 19. Jahrhunderts damit, die Natur mit symbolischer Bedeutung zu füllen, und entsprechend lernte die Öffentlichkeit, diese Bedeutung zu lesen. Viele der Texte waren direkte oder indirekte Nachfolger der Kalevala-Mode, welche ihren Ausgang im zweiten Viertel des Jahrhunderts nahm. Vorherrschend war eine in weitschweifigem Stil gehaltene Fabelform, ein Mittel, zu dem man greift, wenn der Zensor einem über die Schulter sieht. Die Texte waren durchgehend in höchstem Maße nationalistisch und schienen den finnischen Charakter des Landes zu unterstreichen. Es wuchs die Notwendigkeit, sich ebenfalls im Schwedischen der Natur als Symbolquelle zu bedienen, sollte diese Sprache in Finnland eine Zukunft haben. Der Sprachenkonflikt wurde zu einem zunehmend wichtigen Thema. Im Jahre 1863 wurde die Gleichberechtigung beider Sprachen verfügt. Der Grund für diese Verfügung war natürlich, die Gesetzeslage des Landes an die sprachlichen Gegebenheiten anzupassen. Vorgesehen war eine zwanzigjährige Übergangszeit bis zum endgültigen Inkrafttreten.
Die schwedischsprachige Bevölkerung stand dem Fortschritt der finnischen Sache nichtsdestoweniger mit Besorgnis gegenüber. Die Schwere der Befürchtungen variierte von Region zu Region. In der sich an der Südküste entlangziehenden Provinz Nyland (finnisch Uusimaa) war die, wenn auch hauchdünne Mehrheit (50,2 Prozent im Jahre 1880) der Bevölkerung schwedischsprachig. Wenn ich mich im folgenden hauptsächlich auf Nyland beziehe, dann weil Nyland die Hauptstadtprovinz war, ein Umstand, der sie zu einer Art Prüfstein machte, rangierten doch hier die sozialen, kulturellen und ökonomischen Unterschiede auf einer weiten Skala, sowohl innerhalb als auch zwischen den beiden Sprachgruppen. Die Mehrzahl meiner literarischen Beispiele stammt aus Nyland.
Die schwedischsprachigen Finnen fühlten sich durch die sogenannte Fennomanen-Bewegung bedroht, welche sich für ein rein finnischsprachiges Finnland einsetzte. Für die schwedischsprachigen Finnen war es an der Zeit, ihren Platz in Finnland zu behaupten - vorzugsweise mittels einer kraftvollen Bildersprache, die sich der bereits etablierten finnischen entgegenstellen konnte. Die Aufgabe dieser zu entwickelnden Bildersymbolik war es, das Schwedische zu thematisieren und das Volk mit der Erde, auf der es ansässig war, assoziativ zu verknüpfen. Vonnöten war ein „natürliches“ oder „organisches“ Bild, besonders dringlich nach der radikalen Reformierung des parlamentarischen Systems im Jahre 1906. Die Einführung des allgemeinen Wahlrechts konnte nur in einer politischen Unterrepräsentierung des schwedischen Bevölkerungsteiles resultieren. Eine neue Strategie musste entwickelt werden, Teil derer es sein musste, das schwedische Bauerntum (allmogen) davon zu überzeugen, dass es gemeinsame Interessen mit den höheren Gesellschaftsschichten verband. Und diese Strategie brauchte Symbole.
In einem Land, das in derartigem Ausmaß bewaldet ist, dürfte nicht überraschen, dass die Symbolwahl auf einen Baum fiel. Aber welchen Baum sollte man nehmen?
Übersät mit „panfinnischen“, urfinnischen Bäumen waren die Schriften von Johan Ludvig Runeberg, designierter Nationaldichter seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, und von Zacharias Topelius, dem beliebtesten Schriftsteller des Landes aus der gleichen Zeit. Beide schrieben in Schwedisch. Keiner der beiden betrachtete sich selbst als Schwede oder auch nur als Finnlandschwede. Die Begriffe des „schwedischen Finnlands“ und der „Finnlandschweden“ und ihre symbolische Ausstaffierung zur Unterscheidung jener Phänomene existierten bis in die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts nicht.
Im Jahr 1832 hatte Runeberg einen ethnographischen Aufsatz veröffentlicht, dessen Titel übersetzt lautete: Einige Worte über Natur, Volkscharakter und Lebensweise in der Gemeinde von Saarijärvi. Diese Gemeinde befindet sich im Herzen Finnlands, und Runebergs schwärmerisches Traktätchen diente der Verbreitung eines Bildes vom urtümlichen Finnen als Kreatur seiner landschaftlichen Umgebung: einfach, ehrlich, von philosophischem Gemüt und immerwährender Authentizität. Die ehrfurchtgebietenden Wälder jener Gegend werden zu einem Ort der Besinnung. „Sie zu durchstreifen ist, als wanderte man auf dem Grund des Meeres; in ununterbrochener, gleichmäßiger Stille hörst du nur, hoch über deinem Haupt, den Wind, wie er durch die Wipfel der Fichten und die wolkenhoch ragenden Kronen der Kiefern streicht.“ Die Fichte ist hier ein Baum, den man vor lauter Wald nicht sieht, während die hochstämmige Kiefer ein einsamer Riese ist. Es taucht noch ein dritter sehr finnischer Baum in der Literatur der Zeit auf: die Birke. In der Lyrik, wie der von Topelius, wurde die Birke als graziös, lieblich und von üppigem Blätterwuchs beschrieben.
Die Bäume, welche so hymnisch gepriesen wurden, waren allesamt im Landesinneren angesiedelt. Das Innere, das Herz des Landes und das urtümlich Finnische waren von der um 1800 herum geborenen Generation der Gründerväter assoziativ zusammenmanövriert worden. Mit der Zeit stießen ihre Vorlieben in den schwedischsprachigen Bezirken auf zunehmenden Unwillen. Machen wir einen weiten Sprung nach vorne zu den recht heftigen Auseinandersetzungen der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, so stoßen wir in mehreren schwedischsprachigen Tageszeitungen auf eine Serie von Artikeln zum Verhältnis von Küste und Poesie. Die Artikel sollten die Gefühle der Leser für ihre Heimaterde anregen, genauer gesagt, für deren Küstenlandschaften. Hier wurden die Koryphäen Runeberg und Topelius beschuldigt, finnlandschwedische Dichter verblendet zu haben gegenüber ihren eigenen dringlichsten Anliegen. Sie hätten sich zu weit entfernt, „fortgelockt von der Verführerin des Waldes“.
Tatsächlich dauerte es bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts, ehe die schwedischsprachige Dichtung die Küstenlandschaften für sich entdeckte. Die Begegnung wurde zu einem Schlüsselereignis ihrer Geschichte. Dies geschah, als sich der junge Karl August Tavaststjerna nach einem, wie er es nannte, erstickenden Sommer im Rauch binnenländischer Brandrodungen zur Küste von Helsinki aufmachte und von Ehrfurcht ergriffen auf die See hinausblickte. Die Geburtsstunde der eigentlichen finnlandschwedischen Literatur wird seither zumeist auf Tavaststjerna zurückdatiert.
Nun, da die Küstenregionen erreicht waren, welchen der erspähten Bäume sollte man wählen, den schwedischen Charakter zu verkörpern? Der erste Schriftsteller, welcher sich der Versform bediente, um seiner Forderung nach einer Zukunft für die schwedische Sprache in Finnland Ausdruck zu verleihen, war ein junger Student namens Josef Julius Wecksell. Sein Svenskan och Finskan [Schwedisch und Finnisch, 1860] ist ein in Dialogform gehaltenes Gedicht über die Nationalitätenfrage. „Finskan“ ist eine hochstämmige Kiefer im Herzen des Landes; „Svenskan“ ist eine kräftige Eiche auf einem stürmischen Felsenriff. Das Symbol der Eiche entstammt natürlich altgermanischem Erbe und wird demzufolge, in semiotischem Getändel, von Nicht-Eichen verabscheut. Im Jahre 1896 erklärte Eino Leino, der damals noch am Beginn seiner Karriere stand, bald aber der berühmteste finnische Dichter seiner Zeit werden sollte, dass jenem stämmigen Aristokraten nun seine letzte Stunde geschlagen habe. In seinem Gedicht Tarina suuresta tammmesta [Geschichte der gewaltigen Eiche] wird er auf Veranlassung von Väinämöinen, dem aus der Kalevala bekannten weisen Barden, gefällt. Die heilige Verfügung erreichte die Nation von der Krone einer riesigen Fichte herab.
Leinos Gedicht wurde von Arvid Mörne sofort entschieden kritisiert, der das lyrische Epos tendenziös, eintönig und gekünstelt nannte. Man vermag fast einen poetischen Plan hinter Mörnes Kritik zu erkennen. Er war auf der Suche nach einem Baum, welcher frei von Pathos sein sollte. Schon bald darauf wird er fündig in der Kiefer, die er „unseren heiligen Baum“ nennt. Die erste Person Plural steht hierbei für die Finnlandschweden. Und zunehmend ist es das verkümmerte Exemplar, das preisend besungen wird: die verwachsene und gemarterte Kiefer, die tapfer jedem Sturm standhält, weil sie fest verwurzelt auf dem „Vaterstrand“ steht. Dieser Ausdruck wurde geprägt oder zumindest in Umlauf gebracht von dem Dichter Theodor Lindh, welcher von Mörne als der Schöpfer finnlandschwedischer Meerespoesie gepriesen wurde. Juri Lotman hätte diesen Ausdruck als „minus device“ [Minusbegriff] bezeichnet. Wir wissen alle, dass es „Vaterland“ heißen müsste. Hier wird die Küste Nylands zur Heimaterde der patriotischen Finnlandschweden erklärt.
Dass die Finnlandschweden sich auf ein Randgebiet fixiert hatten, wurde schon 1891 von Juhani Aho höhnisch angemerkt. Dieser, ein Meister der finnischen Prosa und Ideologien wie der der „Jungfinnen“ verschrieben, erklärte: „Die Schweden haben sich das fruchtbarste Ackerland an der Küste gesichert. Als sie aber nur 15 Kilometer vom Meer entfernt auf Wald- und Sumpfgebiet trafen, drangen sie nicht weiter vor.“ Auf der anderen Seite ihres Randgebietes aber erstreckten sich weite Wassermassen, ein scheinbar grenzenloses und vom Sturm gepeitschtes Landschaftsbild, wie geschaffen für Heldentum. Und der nächstliegende feste Boden, so hätte angemerkt werden sollen, war keineswegs fruchtbares Ackerland, sondern karges Felsgestein. Dem Motiv des Biotops der knorrigen Bäume und eines knorrigen Volkes blieb Arvid Mörne fast fünfzig Jahe hindurch treu. Solbärgning, der 1946 postum erschienene Gedichtband, enthält ein handschriftliches Frontispiz mit dem Titel Bön i nyårsnatten [Gebet zur Neujahrsnacht]. Es folgt eine wörtliche Übersetzung:

Der Du in dieser Neujahrsnacht auf mich herunterblickst,
von Deinen fernen Sternenwelten
auf winterweiße Inseln, frostbedeckte Buchten,
auf mich, Deinen knorrigen Baum, dem Tode geweiht,
Deiner Krüppelkiefer in ihrer Felsspalte,
lass mich nur noch einen Lenz erleben,
einmal noch die grünen Nadeln tragen! Mach das Wunder geschehen
und lass für ein paar lächelnde Sekunden
die grünen Nadeln erahnen am Todesgehölz!

Das Bild der Krüppelkiefer, so schreibt Mörnes Biograph Hans Ruin, fasste für ihn die drei Dinge zusammen, die ihm am Herzen lagen: seinen Patriotismus, seine schwedische Herkunft und sein Herz für die Armen und Unterdrückten. Und es war nicht nur Mörnes Bild. Auch Ruin schloss sich der Krüppelkiefergemeinde an und setzte das Symbol auf nationaler Ebene ein. Es erscheint auf dem Umschlag seines nach dem Winterkrieg 1939/1940 erschienenen Buches Ett land stiger fram (1941). Der Titel bedeutet übersetzt etwa: „Eine Nation formiert sich“, was ausdrücken sollte, dass Finnland durch diesen Krieg endlich zu einer eigenen Identität gefunden hatte. Die Krüppelkiefer wurde während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer allgemein bekannten und in reichem Maße eingesetzten Metapher. Sie hat seither keine neuen Konnotationen hinzugewonnen, doch scheinen die etablierten Assoziationen selbst einem unspezifischen und gemischten Publikum immer noch gegenwärtig zu sein. Ein zu besonderem Anlass 1984 in der Helsinkier Tageszeitung Hufvudstadsbladet veröffentlichtes Sonett verdeutlicht dies. Das Gedicht setzt mit großer Sicherheit die beigesellten Assoziationen von hartnäckigem Trotz, mürrischer Stärke, Askese und Entschlossenheit ein. Es trägt den Titel Utskärstall [Felsenriffkiefer], und der Baum wird als „unser klassisches Symbol“ bezeichnet; es besteht aus einer Liste der oben angeführten Eigenschaften und noch einigen mehr. Hier braucht es keinerlei Überzeugungskünste: Das hier Beschriebene wird als real akzeptiert.
Ich möchte an dieser Stelle eine kurze Übersicht der Aufgaben geben, welche die Krüppelkiefer erfüllen sollte und auch erfüllte. Der Oberbegriff für die Auswahlpalette, aus welcher gewählt werden musste, soll im folgenden „Baum“ sein. Ich muss hinzufügen, dass meine Interpretation eine schamlos teleologische ist. Das zu Findende ist ihr schon bekannt.
Der Baum sollte aus einer Reihe von Gründen nicht von Adel sein. Die edle Eiche hatte abzudanken. Ich erwähnte schon die Reformierung des parlamentarischen Systems im Jahre 1906. Die Einführung des allgemeinen Wahlrechts hatte zur Folge, dass dem Bild des Finnlandschweden ein stärker bäuerlicher als gutsherrschaftlicher Anstrich verliehen werden musste. Dieser Ansatz war wichtig als Teil einer neuen Strategie für die schwedischsprachige Bevölkerung. Auch eignete er sich, die finnische Vorstellung von dem, was Schwedischsein in Finnland bedeutete, zu beeinflussen.
Trotzdem umweht die Krüppelkiefer ein gewisses aristokratisches Flair, ein Hauch von pauvres honteux. Sie beharrt im überheblichen Stolz auf ihren hochstämmigen Verwandten. Phänotypisch gleicht sie beispielsweise den verwachsenen Kiefernarten der Sierra Nevada, der aristata oder der longaeva, welche von Dendrologen als wahre Aristokraten angesehen werden. Ich glaube, die germanischen bzw. arischen Konnotationen der Krüppelkiefer lassen sich nur schwer übersehen, betrachtet man diesen Baum im Gegensatz zu den Horden von Fichten aus dem Osten. In den Heldengesängen eines V.K.E. Wichmann, einem unverkennbaren Wikingerkultisten, besser bekannt unter seinem nom de plume, Gånge Rolf [Rollo], werden diese Konnotationen mit einem rührenden Mangel an Schamgefühl orchestriert. In einem 1908 erschienenen Gedicht wendet er sich in der letzten Strophe an „meinen eigenen Stamm von arischem Blut und sonnigem schwedischen Gemüt“. Der Überlebenstrieb dieses Stammes wird verglichen mit „dem Daseinskampf der Kiefer auf einem Felsenriff / und der Blume in einer Felsspalte“. In ähnlicher Weise waren auch Kiefer und Lotse auf dem Umschlag des erwähnten Almanachs gegenübergestellt. Das Biotop machte sie gleich.
Der Baum musste rebellische Männlichkeit verkörpern und auch einen Kontrast darstellen zu Topelius’ Birke, dem Sinnbild der Anmut und Friedlichkeit der innerfinnischen Landschaften. Und er sollte eigenständig, stets wachsam sein, weswegen Laubbäume nicht in Frage kamen. Auf den äußersten Felsriffen der Schären kommen Erlen und Ebereschen viel häufiger vor als die Kiefer, doch behalten die beiden erstgenannten Arten eben im Winter ihre Blätter nicht. Außerdem sind sie strauchig, und auf den Strauch war schon Anspruch erhoben worden. Der einzige immergrüne Strauch des Landes war vergeben. In Beschlag genommen wurde er 1891 durch Juhani Ahos Betitelung der Finnen als „Wacholdervolk“, ein Epitheton, welches Aho fast ebenso eifrig wiederholte wie Mörne das seine. Es wurde Teil des nationalen Erbgutes.

Der Blitz schlägt die wilde Kiefer von der Krone hinab in Splitter, doch der Wacholderstrauch bleibt unversehrt. Pferdehufe und die Räder der Lafette beugen ihn zu Boden, doch der Wacholder bleibt ungebrochen. [...] Und wenn morgen diejenigen, die ihn gestern überrollten, kommen und nach ihren Spuren suchen, werden sie keine finden. Der Weg ist nicht mehr da, und der Wacholder scheint unberührt.

Ahos Thema hier ist, wie man sich einer Übermacht entgegenstellt, sei sie schwedisch, russisch oder eine andere. Er bezieht sich dabei direkt auf das seinerzeitige Bestreben Russlands, Finnland zu annektieren. Seine Gegenüberstellung - Beugen oder Brechen - ist altbewährt. Äsop, ebenso wie La Fontaine, hatte Eichenholz und Schilfrohr gegeneinandergesetzt. Juhani Aho tauscht nun dies klassische Begriffspaar gegen eines mit deutlichen nationalen Merkmalen aus. Der Baum als Wahrzeichen gibt den Forderungen nach Realismus und einem Widerstandssymbol nach. In gewisser Weise zog Ahos Wahl des Wacholderstrauchs die Entscheidung für die Krüppelkiefer nach sich: Die beiden sind sich derart ähnlich, dass ihre Verschiedenheit in den Vordergrund tritt. Diese Polemik erlaubt es, tiefer ins Detail zu gehen.
Einer der hier eingeführten Gegensätze ist der zwischen Kollektiv und Individuum. Ahos finnischer widerstandsfähiger Wacholder tritt in Massen auf. Der rauhe Schwede ist ein einsamer Held und wachsamer Vorposten, eine zentrale Gestalt, jedoch degradiert und nun die moralische Überlegenheit des Außenseiters preisend. Er übernimmt all diese Rollen in Mikael Lybecks Gedicht Trötta träd [Müde Bäume] (1903), dem berühmtesten, in jeder Anthologie vertretenen Beispiel für die Krüppelkieferpoesie. Die mittlere Strophe (von dreien) lautet: „Brich unsere Stämme, Sturm, und reiß die letzten / widerstehenden Wurzeln aus der uralten Erde! / Die Nacht wird ihren Schleier nicht heben, / die Wogen werden sich nicht glätten - / für uns gibt es keinen Morgen, / nur dies: zu brechen, nicht sich beugen... nur brechen.“
Das Gedicht enthält zwei Motive, politische Schicksalsschläge von Außen (Finnland gegen Russland) und Sprachenkonflikt im Innern (Schwedisch gegen Finnisch). Es wirft ähnliche Fragen auf wie der Text von Aho, doch verwendet es eine andere Metapher und erwartet einen völlig anderen Ausgang: Für uns wird ein neuer Tag nicht anbrechen.
Die auf ihren Felsen Wache stehenden Kiefern singen sich selbst ein Loblied der Minderheit. Einsam, wenige an der Zahl, vergessen - alles Anzeichen hochmütigen Selbstmitleids. Aber da ist auch die Möglichkeit des Zerbrechens, stillschweigend der Biegsamkeit, oder Fügsamkeit, des Wacholdervolkes gegenübergestellt. Lybecks Gedicht ist eine Apotheose des passiven Hochmuts, ob man es unter dem proschwedischen oder dem antirussischen Aspekt betrachtet. Man könnte es einen non possumus-Standpunkt nennen, der wahrscheinlich zu einem tragischen Ende führt. Der gebrochene Baum auf dem Umschlag von Arvid Mörnes Solbärgning zeigte uns das niedergeschriebene Finale. Und das war das letzte Mal, dass man von der Krüppelkiefer als aktiv-passiver Kraft hörte. Das Finnland, welches aus dem Zweiten Weltkrieg hervorging, wird in finnischer Geschichtsschreibung die Zweite Republik genannt. Sie war ein typisches Produkt der Nachkriegszeit, pragmatisch überlebensorientiert, mit wenig Verwendung für heldenhafte Eskapaden.