Русские лопари (Russkie lopari)

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Die russischen Lappen
Translated by Maria Rajer
 
Statt einer Einleitung: Eine Skizze vom Land der russischen Lappen

In weiter Ferne, an der Küste des „Eismeeres“ erstreckt sich über ein riesiges Gebiet zwischen dem Weißen Meer und dem Atlantischen Ozean Lappland1. Ein geradezu märchenhaftes Land, „das Land der Kälte und der ewigen Finsternis, das von Zauberern besiedelt ist“. So taucht das Land im finnischen Volksepos auf, als jenes „finstere Pohjola“, in dem die Helden des Kalevala so viel Leid erdulden mussten, in dem „der alte und wahrhafte Väinämöinen, der ewige Zaubersprecher“ beinahe durch die Hand des Lappen Joukahainen umkam. Dieses nebelumwobene Land, wo eine dicke Schneeschicht eine karge Pflanzenwelt unter sich bedeckt, wo im Winter undurchdringliche Finsternis herrscht, tauchte in der Vorstellung der Völker immer nur von seiner finsteren Seite auf, und auch in Lehrbücher und Anthologien fanden nur Beschreibungen des winterlichen Lapplands und Bilder Einzug, die das Land in der kalten Jahreszeit zeigen. Deswegen haben wir eine sehr einseitige Vorstellung von Lappland, die sich immer noch kaum von jener der Schöpfer des Kalevala unterscheidet.

An dieser Vorstellung ist in der Tat viel Wahres. Ein Großteil Lapplands ist von Schnee bedeckt, die Flüsse frieren zu, ab dem Herbst2 zeigt sich die Sonne kaum noch am Horizont und die Bewohner, die dazu verdammt sind, sehr lange in der Dunkelheit auszuharren, verbringen eintönige Tage in ungeduldiger Erwartung eines kurzen Sommers; doch in den Ebenen Lapplands, mitten in der Finsternis, mitten in der leblosen Natur, beginnt das Reich der wilden Wölfe, die in Rudeln, teils sehr großen Rudeln, durch die verschneiten Ebenen streifen, die Rentierherden der Lappen angreifen und bisweilen viele Tiere reißen. Aus dem Wald kommt der Bär, ein für die Lappen nicht minder gefährliches Raubtier, das durch seine Angriffe auf die Rentierherden ebenfalls viel Schaden anrichtet. In dieser Zeit wehen schreckliche Winde und lassen heftige Schneestürme aufziehen, die die spärlichen Behausungen der Lappen beinahe bis zu den Dächern zuwehen. Außerdem ist der lappländische Winter die Zeit des Nordlichts, dem die Einheimischen mit einer abergläubischen Angst begegnen. Der Himmel entflammt, ist mal von leuchtend roten, mal von grünblauen Streifen erfüllt, die sich zu Halbkreisen verbinden, helle Kränze bilden, sich lösen, auseinandergleiten, wieder verbinden, und ihre Farben und Formen immerzu verändern.

Es wirkt, als käme alles zusammen, um dem Lappen zu schaden – alle Kräfte der Natur scheinen danach zu trachten, das ohnehin schwere Leben des Lappen auszulöschen, als wollten sie den Menschen daran hindern, in dieses „Land der bösen Geister“ einzudringen und sich dort niederzulassen. Die Schneestürme und Nordlichter machen dem abergläubischen Lappen solche Angst, weil mit dieser grandiosen Naturerscheinung ein Glaube an finstere, böse Geister einhergeht. Wenn bei einem heftigen Schneegestöber der Wind in den Felsenspalten heult, ist es ein vor langer Zeit getötetes „Ungeheuer“, das sein Grab verlässt, und wehe dem, so die Volksüberlieferung, der diesem Ungeheuer begegnet, das schon zu Lebzeiten böswillig war – er wird es mit dem Leben bezahlen: Das Ungeheuer rächt seinen in ferner Zeit zurückliegenden Tod. Wenn das Nordlicht am Polarhimmel erscheint, sind es entweder die Geister von Verstorbenen, die in den Himmel steigen, oder Geister, die gegeneinander kämpfen. Im Winter und im Frühling sammelt sich an der Küste Eis; das Eis wächst an und türmt sich zu Bergen von ungeheuerlichem Ausmaß auf, diese werden mitunter plötzlich vom Wind getrieben, dann bewegen sie sich langsam und bedrohlich auf die Küste zu, prallen dort auf und tilgen Häuser, oder gar ganze Küstensiedlungen, vom Angesicht der Erde – und wehe den Bewohnern, die es nicht schaffen, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen: dann tilgt und vernichtet das Eis auch sie, wie es ihre Behausungen getilgt und vernichtet hat. Im Winter schläft die lappländische Erde lang, ohne ein Anzeichen von Leben, den menschenfeindlichen Naturkräften ganz ausgeliefert. In dieser Zeit, so Scheffer3, „fesselt die Kälte alles, nicht einmal die schnellsten Flüsse können widerstehen, sie werden von einer festen Eisschicht überzogen, deren Dicke zwei, drei oder sogar noch mehr Fuß beträgt. Selbst die breitesten Seen und tiefsten Meere liegen unter Eis gefangen, das so stark ist, dass es jedes Gewicht zu tragen vermag.“

Aber dieses ungünstige Wetter herrscht nicht das ganze Jahr. Es kommt der Frühling: In den Ebenen taut es, die Eisschichten verschwinden von den Flüssen und Seen; schmächtiges Gras tritt hervor, das helle Blatt der Moltebeere kämpft sich durch den noch nicht vollständig geschmolzenen Schnee; Sträucher und Bäume werfen ihre Schneebedeckung ab – und wieder glänzen die dunklen Nadeln der Fichten und Kiefern in der Sonne; wieder versieht die niedrige, schwache und unansehnliche Birke ihre Äste mit grünem Laub und streckt sie gen Süden, gleichsam vor Ohnmacht, sich gegen die arktischen Winde zu schützen. Es kommt der kurze, aber heiße Polarsommer. Der blaue, blasse Himmel schmiegt sich wie ein Überwurf an die Wälder und Sümpfe, spiegelt sich in den Flüssen und Seen. Und auch die Fauna zeigt sich erneut: Einige Schmetterlingsarten flattern zwischen den Blüten umher, welche hier und da als kleine Häuflein in den halbsumpfigen Senken blühen; einige Käferarten kommen hervor. Doch wo es die kleine Fauna gibt, gibt es auch ihren Feind, der danach trachtet, diese zu vernichten: Unzählige Rebhühner, Haselhühner und andere Vögel leben in den Wäldern, Hainen und Sümpfen. An den sumpfigen Flussufern und auf den Tiefwasserstrecken der Seen schwimmen ganze Schofe von Enten, die den Jäger ziemlich nah an sich heranlassen. Die Sonne geht nicht unter. Als rote Kugel steigt sie über den grauen Ozeanwellen auf und senkt sich gegen Abend zu ihnen, berührt sie ganz leicht und steigt wieder auf. Im Winter ist ständige Nacht, im Sommer ist ständiger Tag. Der nicht endende Tag erzeugt ein eigenartiges und gleichzeitig unangenehmes Gefühl bei einem Menschen, der dies nicht gewohnt ist. Die Nerven sind erschöpft von all den Eindrücken des Tages, verlangen nach Erholung, aber die Nacht kommt und kommt nicht, und nicht einmal die Dämmerung. Auch nachts ist es noch hell wie an einem bewölkten Tag. Längst nicht alle ertragen diese hellen Nordnächte, erst recht keine Menschen, die im Süden geboren wurden oder dort lange gelebt haben. Viele verfallen in eine Schwermut, die sie trotz dichter Vorhänge und geschlossener Fensterläden nicht schlafen lässt; sie bevorzugen es, tagsüber zu schlafen. Mir wurde sogar von Fällen berichtet, bei denen einige unserer Landsleute aus dem Süden ihren Dienst quittierten und um Versetzung baten, weil sie diese Nächte nicht ertrugen. Aber die Einheimischen sind es gewohnt; die Nächte verursachen bei ihnen keinerlei beklemmende Gefühle – sie sind glücklich, dass sie sich nach der undurchdringlichen Finsternis des Winters am Sonnenlicht sattsehen können. Im Sommer herrscht emsige Umtriebigkeit: In der kurzen, sehr kurzen Zeit gilt es viel zu schaffen, um später den langen Winter hindurch satt und versorgt zu sein.

Doch auch im Sommer ist die Natur zum lappländischen Bewohner nicht nur freundlich: Schwärme von Mücken und kleinen Fliegen, die aus den Sümpfen steigen, übersäen buchstäblich den Menschen, und es gibt kein Entkommen: Sie kriechen in die Augen, Nase, Ohren, unters Hemd – was man auch tut, um sie zu verscheuchen und zu töten, diese im Einzelnen unbedeutende, aber in der Masse unheimliche, feindselige Kraft nimmt nicht ab und treibt nicht bloß den Fremden, der diese Angriffe der „Mückengewalt“ nicht gewohnt ist, sondern auch den Lappen zur Verzweiflung.

Aber das ist noch nicht alles: Der Lappe nimmt jedes Unglück auf sich, damit seine Rentierherde, nachdem sie die winterlichen Schneestürme und Angriffe wilder Tiere überstanden hat, wieder zu Kräften kommt – doch das gelingt nicht immer. Mücken und Bremsen übersäen das Ren, die Bremsen stechen durch das Fell und legen unter der Haut Eier ab – wenn sich die Larven entwickeln, verursacht das beim Tier brennenden Schmerz, der bisweilen tödlich endet; während die Fliegen, die den Tieren in Ohren und Nase kriechen, sie in den Wahnsinn treiben. Es hilft auch nichts, wenn die Rentiere schon völlig außer sich ins Wasser stürzen, so tief, dass nur noch die Köpfe herausschauen, denn mitten im Fluss sind zwar tatsächlich keine Mücken, und auch die Bremsen lassen von ihren Opfern ab, doch sobald das Rentier seine Zuflucht auch nur für eine Minute verlässt und an Land kommt, wird es sofort von einer ganzen Schar von Feinden überfallen und belagert, bis es sich aus Verzweiflung wieder wie verrückt ins tiefe Wasser stürzt.

So ist Lappland im Sommer. Doch die Sonne strahlt in diesem Land nicht lange. „Schnell verfliegt der lappländische Sommer“, schon Mitte August werden die Tage kürzer, die Nächte dunkler; wieder ziehen kalte Winde auf und bringen Schnee und Frost. Bald bedeckt der Schnee einen riesigen Teil der lappländischen Erde, und sie sinkt wieder in einen langen Schlaf, bis ein paar indirekte Strahlen der Polarsonne sie für kurze Zeit zum Leben wecken. So verläuft das Jahr für Jahr, seit Jahrtausenden herrscht in diesem Land mal ständig Nacht mal ständig Tag.

So ist das typische Erscheinungsbild von diesem arktischen Land in seiner besten und in seiner schlimmsten Jahreszeit. Aber wie ist das Land selbst?

In der allgemeinen Vorstellung ist das Land eben und von Sümpfen überzogen, die sich über ein riesiges unüberschaubares Gebiet erstrecken. Große Flächen sind von Rentierflechte überwuchert, hier und da drängen sich kleine Sträucher und „verkrüppelte“ Birken. Diese Vorstellung ist richtig, aber sie trifft nur auf einen Teil des Landes zu – beim anderen widerspricht sie den tatsächlichen Gegebenheiten vollkommen. Andrej Burej gibt in seinem Schweden-Aufsatz folgende knappe, aber sehr treffende Charakterisierung Lapplands, wobei auch er nur einen Teil meint – aber nicht den ebenen, sondern den schwedischen und den russischen Teil, der mit der Zeit von der schwedischen und norwegischen unter die russische Herrschaft übergegangen ist. Bei Burej heißt es: „Lappland selbst ist die nördlichste der Provinzen, es nimmt eine ziemlich große Fläche ein und verfügt über üppige Wälder, Berge, Sümpfe, Seen und Flüsse. Es gibt keine Felder, aber an anderer Stelle finden sich riesige Weiden.“4 Diese Charakterisierung trifft auf große Teile von Russisch-Lappland zu. Es gilt in Lappland also zwei Landschaftstypen zu unterscheiden: Gebirge und Ebene, die keinerlei Gemeinsamkeiten aufweisen. Einer besteht aus Bergen, Felsspornen und den Ausläufern des Skandinavischen Gebirges, in deren Tälern sich unzählige Seen und Flüsse finden, der andere ist eben. J. Friis5 zieht folgende Grenze zwischen diesen zwei völlig unterschiedlichen Landschaften Lapplands: „Zieht man“, so sagt er, „eine Linie von der Stadt Kola in südöstlicher Richtung, so dass sie Lovosero durchschneidet und wieder das Meer bei Sosnovets erreicht, so theilt man nicht allein die Kola-Halbinsel in zwei fast gleiche Theile, sondern man zieht dadurch auch die Grenze zwischen dem bewaldeten und dem waldlosen Terrain. Das ganze Land nordöstlich von dieser Linie besteht aus fast ganz waldlosem Tundra-Terrain, südöstlich von derselben zeigt sich zuerst ein Streifen Birkenwald und dann ein Gemisch von Tannen- und Fichtenwald.“

In welchem Verhältnis stehen diese beiden Teile Lapplands zueinander? Das waldlose Gebiet nimmt in Russisch-Lappland 9/16, sprich mehr als 56 Prozent der gesamten Fläche Lapplands ein; das bewaldete Terrain 6/16, sprich 37,5 Prozent und die Seen und Sümpfe nur 1/16, sprich etwa 6 Prozent.6 Schon daraus lässt sich schließen, dass Lappland kein Land der Sümpfe ist, wie zumeist angenommen, denn es gilt die Tundra vom Sumpfgebiet zu unterscheiden: Die Sache ist nämlich, dass man zumindest im Gouvernement Kola unter dem Wort Tundra etwas vollkommen anderes versteht als das, was wir uns für gewöhnlich darunter vorstellen. Die Tundra ist keine riesige, ebene Fläche, die von Sümpfen überzogen ist, die nie vollständig auftauen und auf denen bloß Moltebeeren, Moosbeeren und andere sumpfige Vertreter der nordischen Flora vorkommen, und auf den Hügeln etwas niedriges Gesträuch. Ganz im Gegenteil: Sie ist ein trockenes (das ist ein notwendiges Merkmal im Gouvernement Kola) Gebiet, von Rentierflechte überwuchert – ganz gleich, ob hoch oben am Berg, im Wald oder in der Ebene; Hauptsache, es ist trocken und mit Flechte bewachsen, dann erhält es die Bezeichnung Tundra. So verstehen die Einheimischen die Tundra, Lappen wie Russen, und sie sind sogar beleidigt, wenn man ihnen sagt, dass man bei uns unter diesen Begriff Sümpfe fasst. Wenn man einen Lappen nach dem Weg fragt, kann die Antwort folgendermaßen klingen: So und so lange durch den Sumpf, so und so lange durch den dichten Wald, und dann kommt die Tundra – ab da geht es sich schon leichter.

Man könnte schon von Vornherein sagen, dass Lappland ein nicht sumpfiges Gebiet sein muss, denn wäre Lappland von Sümpfen überzogen, wäre der Großteil des Bodens feucht, woher nähmen dann die Lappen das Futter für ihre Rentierherden, die sich hauptsächlich von Flechten ernähren, welche wiederum nur an fraglos trockenen Orten wachsen.

Nehmen wir noch Angaben zum Landschaftsbild von Schwedisch-Lappland hinzu. Nach von Düben7 beträgt im schwedischen Teil die bergige Fläche 29,7%, die bewaldete Fläche 38,4% und die Fläche von Seen und Sümpfen 31,9%. Bedenkt man, dass auf diesen Teil Lapplands noch ein Großteil der Seen fällt, lässt sich mit Gewissheit schließen, dass auch dort die Anzahl der Sümpfe nicht besonders groß ist und sie nur eine sehr begrenzte Fläche einnehmen. Führen wir die Angaben für Russisch-Lappland und für Schwedisch-Lappland zusammen, kommen wir zu dem Ergebnis, dass 81% der gesamten Fläche trockene Gebiete und nur 19% Seen und Sümpfe sind. Ziehen wir davon noch die Fläche ab, die die Seen einnehmen, kommen wir abermals zu dem Schluss, dass Lappland vorrangig kein Sumpfland ist.

Wenn wir uns nun dem Landschaftsbild der ebenen und bergigen Gebiete zuwenden und mit dem unbewaldeten Tundra-Gebiet beginnen, so sieht er folgendermaßen aus: eine ebene Fläche, die so weit das Auge reicht mit Rentierflechte bewachsen ist, wodurch sie sommers wie winters wirkt, als wäre sie von Schnee bedeckt; in diesen Ebenen fließt hier und da ein Fluss, an seinen niedrigen Ufern bietet sich dem Betrachter ein öder, toter Anblick, fast ohne jede Spur vom Menschen; und diese Ebenen erstrecken sich immer weiter Richtung Norden, bis zur Küste des Nordmeeres, wo sie abbrechen, um dem Meer Platz zu machen und die Rentierflechte gegen die Gischt der grauen Wellen einzutauschen, die genauso öde und genauso unwirtlich sind wie die uferlosen Wellen der karg bewachsenen Tundra Lapplands. Auf dem Weg über das Nördliche Eismeer hat man sich an diesem öden Anblick sattgesehen: Von dieser Eintönigkeit und Ödnis befällt einen Menschen, der es nicht gewohnt ist, die Schwermut; dadurch erscheint ihm alles andere unwillkürlich grell, was selbiges Lappland in seinem anderen Teil zu bieten hat, welcher nicht minder eigenartig ist als der erste, aber unvergleichlich reicher und schöner.

Das lappländische Gebirge ist eine Fortsetzung des Skandinavischen Gebirges. Aus Norwegen, so schreibt Herr Wereschtschagin, „zieht es sich Richtung Süden, an der Südgrenze unseres Lapplands8 entlang zur Küste des Weißen Meeres, seine Ausläufer reichen bis Lappland an der Kandalakscha-Bucht. Gebirgskämme säumen nahezu durchgehend die Küsten Lapplands: die Tersk-Küste und die Murmansk-Küste.“9 Wie ist die Beschaffenheit dieses Gebirges? Selbiger Autor beschreibt es folgendermaßen: Das lappländische Gebirge, sagt er, ist nichts als aufeinandergeschichtete Massen von Granit, hier und da sprießen ein paar Grasbüschel, hier und da wächst eine kleine Birke oder Kiefer, fast ohne Äste an der Nordseite.“10 Diese Beschreibung trifft vollkommen zu, weil sie sich auf das Gebirge an der Murmansk-Küste des Nordmeeres bezieht. Gigantische Granitmassen türmen sich aufeinander; schwarz und finster fallen sie als vollkommen senkrechte Felswände steil ins Meer hinab; unzählige Granitbrocken liegen – Gott weiß, wann sie von den Gipfeln gestürzt sind – im Meer, werden von den Wellen umspült, bei Ebbe entblößt und bei Flut vollständig bedeckt. Zuweilen bilden die Felsen an der Küste von Wasser glattgeschliffene Senken und Stufen – hier versammeln sich Hunderte von Möwen für ihre Beute, sie fangen den Fisch im Meer oder plündern die Abfälle der Fischerei nahe den Siedlungen. Das sind die sogenannten Vogelmärkte. Einen merkwürdigen Eindruck hinterlassen diese finsteren Riesen mit einem großen, weißen Fleck aus Möwen, kreischend und immerzu in Bewegung. Auf den Berggipfeln inmitten der unzugänglichen Felsen, die zu erklimmen nahezu unmöglich ist, befinden sich unzählige Nester des Seetauchers und der Eiderente – gleich daneben nisten Adler, die, wenn sie auf Beutesuche sind, gemessen über die Gipfel segeln. Tatsächlich gibt es an diesen toten Felsen kaum Vegetation, selten klebt ein wenig grünes Gras an einer Steilwand, aber auch das wirkt welk und leblos wie die finsteren, schwarzen Steilwände, die ihm an ihrer Steinbrust Zuflucht bieten; selten krallt sich eine kleine Kiefer mit langen Wurzeln an den Fels oder neigt sich eine Polarbirke zum kalten Granit, liegt da gebeugt, kümmerlich, halbtot – die arme Schwester unserer üppigen, weitverzweigten Birke aus Zentralrussland. So sehen diese Felsen aus. Ein ganz anderes Bild bietet sich dem Betrachter beim Gebirge an der Kandalakscha-Bucht und im Inneren Lapplands. Bei der Einfahrt in die Kandalakscha-Bucht verblüfft der Anblick der Küste. Nach all den öden Felsen auf dem Weg über die Kem, erwartet man auch hier wieder dieselben grauen, grimmigen Granitmassen zu sehen, die als Inseln in die Wellen des Weißen Meers geworfen sind, ohne Vegetation, wenn man von den leblosen grauen und gelben Flechten absieht, die diese Felsen stellenweise überziehen – doch plötzlich sieht man, dass sich direkt an der Küste der blauen Bucht ziemlich hohe Berge erheben, die vom Fuße bis zum Gipfel mit dichtem Fichtenwald bewachsen sind, und in dem satten Grün zeigt sich mal ein dunkler Kiefernstamm, mal leuchtet eine Birke weiß mit ihrer Rinde. In der Tat gibt es hier nicht solche Bäume wie in Zentralrussland, wie in unseren nordöstlichen Gouvernements: weder die Kiefer noch die Fichte oder die Birke erreichen hier eine große Höhe, es ist, als wäre der Wald maximal zwanzig, dreißig Jahre alt. Nichtsdestoweniger lassen die weichen Konturen des Gebirges, das Grün, das es bedeckt, den Betrachter vergessen, dass er im fernen Norden ist. Hier ist eine Insel, mitten in die Bucht geworfen, die Insel hat die gleichen Umrisse wie die kleinen Inseln bei Kem, aber sie sieht ihnen überhaupt nicht ähnlich, weil sie von Wald bedeckt ist, dunkelnadelige Fichten wachsen über den glänzenden blauen Wellen, klettern hinauf bis zu den Gipfeln und zeichnen wunderschöne Silhouetten in den Nordhimmel. So ist das Gebirge bei Kandalakscha. Aber es wechselt seine Umrisse nochmal, wenn es ins Innere des Landes geht. Sobald man sich von Kandalakscha entfernt und die küstennahen Berge hinter sich gelassen hat, beginnt sich das Gebirge zu verändern, das landeinwärts zieht. An den Ufern des Sees Imandra erstrecken sich die Chibinen im Osten und die Gebirgskette der Tschunatundra im Westen. In den Senken schimmert mancherorts noch nicht getauter Schnee, irgendwo im dunklen Nadelwald rinnt der helle Strahl eines Bachs, der seinen Anfang an einem Gletscher in der Höhe nimmt. Die Berge sind vom Fuße bis zur Mitte in Wald gehüllt, danach hört die Vegetation auf, als hätte eine Zauberkraft den Bäumen untersagt, weiter hinaufzuklettern, und so ragen kahle Granitgipfel, mancherorts von Teppichen aus Rentierflechte zugedeckt, in den blassblauen Himmel. Doch viel typischer für Russisch-Lappland scheint mir der Bergkamm Olenja Tundra, der an den Ufern der Seen Murdosero und Pulosero verläuft. Man nennt diese Berge Tundra, weil Rentierflechte ihre Gipfel bedeckt. Der Kamm ist wie die Chibinen und die Tschuna halb mit Wald oder niedrigem Gesträuch bewachsen. Aber seine andere Hälfte liegt nicht wie bei den anderen Steinmassen bloß, sondern ist restlos in einen Teppich aus grünlich weißer Rentierflechte eingehüllt. Diese breiten, riesigen Gipfel verblüffen wohl nicht weniger als die Schneegipfel des rauen Kaukasus; was daran liegt, dass die Abwesenheit von Leben gleichermaßen spürbar ist, ob man die schneebedeckten oder diese vollständig von Rentierflechte überzogenen Gipfel betrachtet; allerdings ist die Farbe der Rentierflechte irgendwie sanfter, zärtlicher als der Glanz des weißen Schnees. Es scheint, als beginne hinter dieser Linie, wo der Wald aufhört und das unermessliche Reich der Rentierflechte beginnt, auch ein neues Leben, ein eigenartiges Leben, das dem unten, am Fuß des Berges, in nichts gleicht – als könnte sich demjenigen, der diese Höhen besteigt, eine neue zauberhafte Welt eröffnen.

Was den Wald betrifft, mit dem dieser Teil Lapplands bewachsen ist, so lässt er sich in zwei Gruppen unterteilen: den Wald, der die Berge überzieht, und den, der unten wächst. An den Bergen besteht der Wald hauptsächlich aus Fichten und Kiefern, teilweise auch aus Birken. Alle drei Baumarten werden nicht sehr groß: dünn und schwach, scheint es, als hätten sie keine Kraft, weiter zu wachsen; meist bedeckt eine Decke aus Rentierflechte den Boden, die trocken unter den Füßen knackt. Steigt man auf einen Berg und blickt um sich, stellt man fest, dass der Wald sich von Hügel zu Hügel immer weiter in die Ferne zieht, bis die Bäume zu einer Masse verfließen – und mit den Bäumen kriecht auch die Rentierflechte über den Boden, füllt die Lücken zwischen den Bäumen aus, umschließt ihre Wurzeln, und verschwindet mit ihnen in der Ferne. Von weitem scheint es, als läge eine dicke Schneeschicht in dem Wald, aber der Schnee glänzt eigenartig grün. Leben gibt es im Wald kaum. Kein Vogelgesang, kein ferner Laut von einem Tier, und auch kein Schmetterling, der sich hierher verirrt, selten nur krallt sich ein Käfer mit seinen starken Beinchen an die verästelte Flechte und klettert vorüber, genauso grau und trocken wie die Flechtendecke unter ihm.

Anders ist es in den Ebenen und Senken: Hier trifft man keine Kiefern an, sondern nur Fichten und Birken; beide noch niedriger und kümmerlicher als in den Bergen. Hier lässt der feuchte Untergrund eine üppigere Vegetation an Blumen zu; in den Senken ist sie zudem vor den lebensfeindlichen Winden geschützt, die sonst das Wachstum hemmen. Aber allzu üppig ist das Pflanzenreich auch hier nicht: Minze, Klette, Weidenröschen und andere Pflanzen sorgen für eine Farbenvielfalt auf der eintönig grünen Grasdecke. Von den Beeren ist hier die Moltebeere mit ihren reifen Früchten anzutreffen, sie sieht wunderschön aus inmitten des Grüns; an morastigeren Plätzen finden sich Moosbeeren, und dort, wo es trocken ist, schimmern schwarze Krähen- und Heidelbeeren; es finden sich auch Preiselbeeren in recht hoher Anzahl. Das sind die wichtigsten Vertreter der kargen lappländischen Flora. Sobald die Sommersonne die Senken und Ebenen wärmt, erscheinen auch Vertreter aus der Welt der Schmetterlinge und der Käfer. Ich selbst konnte von den Schmetterlingen nur den Großen Kohlweißling und den Distelfalter sehen. In diesen Wäldern herrscht, wie in den zuvor beschriebenen, eine Totenstille, hier, in den Tälern wird sie manchmal vom Summen eines Käfers oder einer Fliege unterbrochen, oder dem Flattern eines aufgeschreckten Rebhuhns. Diese Stille, diese Menschenleere ist typisch für Lappland; sie ist sein unterscheidendes Merkmal, ganz gleich, wo man sich innerhalb der Grenzen Lapplands aufhält, alles schweigt, als wäre es erstarrt, erfroren, als hätte alles, was hier lebt und atmet, Angst, einen Laut von sich zu geben, seine Existenz durch irgendetwas zu verraten.

Diese Stille, diese Lautlosigkeit wird nur durch das Tosen der Flüsse an den Stromschnellen unterbrochen. Ich hatte schon Gelegenheit anzumerken, dass Lappland reich an Gewässern ist, insbesondere in dem bergigen Teil. Unzählige Seen liegen in den Tälern. Seen von unterschiedlichster Größe und Form. Laut Wereschtschagin finden sich allein11 in Russisch-Lappland bis zu 700 Seen.12 Einige davon erreichen eindrucksvolle Ausmaße. Beispielsweise ist der Imandra nach den einen Angaben 90 Werst lang und 40 breit, nach anderen ist er 105 Werst lang und über 40 breit. Eine große Fläche beansprucht auch der Nuotosero, er ist schmal und lang, in ihm nimmt der Fluss Tulok seinen Anfang. Neben diesen zwei Seen gibt es noch viele andere, die, obwohl sie sich nicht mit den zwei genannten messen können, auch nicht als klein zu bezeichnen sind. Dazu gehören: der Kibosero, der Kowdosero, der Pjawosero. Und außerdem: der Kolosero, in dem der Fluss Kola seinen Anfang nimmt, der Pilmasosero, der Pulosero und der Murdosero, auf denen nicht selten beachtliche Stürme toben, sodass die Fahrt darauf nicht ungefährlich ist. Fast alle Seen verbinden untereinander Flüsse, die zuweilen ziemlich reich an Wasser sind, oder aber sie sind selbst der Ursprung eines Flusses, der entweder direkt oder auf dem Umweg durch mehrere andere Seen ins Eismeer oder Weiße Meer mündet. Als Wasserscheide dient das lappländische Gebirge. Ins Weiße Meer münden von den größeren Flüssen folgende: der Paz, nahe der norwegischen Grenze, der dafür berühmt ist, dass an seinem Ufer eine Siedlung liegt, in der die älteste Kirche Lapplands erhalten geblieben ist: die Kirche der Hl. Boris und Gleb; der Petschenga, an dessen Ufern sich das vom Lehrer Trifon gegründete Kloster befindet, dem Aufklärer der Lappen, dessen sterbliche Überreste dort verwahrt werden. (Über das Leben des Hl. Trifon und das Kloster an der Petschenga zu sprechen, wird an anderer Stelle noch Gelegenheit sein.) Der Tumola, der für seinen Wasserfall berühmt ist; der Kola, an dessen Mündung, am Kap, der sich durch den Einfall des Kola und des Tumola in der Bucht des Ozeans bildet, die Stadt Kola liegt, die zusammen mit dem Petschenga-Kloster eine wichtige Rolle in der Geschichte der Halbinsel Kola spielte und bis heute große Bedeutung hat; und außerdem noch der Jеrnyschnaja und der Iokanga.

Lapplands Flüsse zeichnen sich durch ihre starke Strömung aus, was dadurch zu erklären ist, dass das Gefälle der Oberfläche beträchtlich ist. Auf ihrem Weg müssen die Flüsse Hindernisse überwinden, die ihnen der steinige Untergrund Lapplands stellt. Man findet beinahe keinen Fluss, der nicht mindestens eine Stromschnelle hätte. Im Flussbett liegende große Steine versperren dem Fluss den freien Durchgang: Er rauscht, schäumt, tost, schwappt lärmend über die Gesteinsbarrieren, windet sich zwischen den Steinen durch, bis er die Stromschnelle überwindet. Doch nach der Stromschnelle beruhigt er sich nicht gleich: Erst fließt er aufgeregt und tosend weiter, später wird er allmählich ruhiger und letztlich ganz still, bis ihn das nächste Gesteinsrelief wieder tosen lässt und er mit Geheul die nächste Stromschnelle überwindet. Die Stromschnellen unterscheiden sich selbstverständlich in ihrer Größe: An manchen Stellen erreichen sie solche Höhen, dass das Wasser, das durch sie hindurchgeht, beträchtliche Wasserfälle bildet. Eine solche Stromschnelle gibt es auf der Tumola, sie wird von den Einheimischen einfach nur „Padun“ genannt. Andernorts sind die Stromschnellen zwar nicht hoch, aber folgen so dicht aufeinander, und obendrein ist manches Flussbett so voll mit Steinen, dass der Fluss nicht fahrbar ist. Das gilt beispielsweise für den Niwa: Reisende aus Kandalakscha müssen zu Fuß neben ihm hergehen. Aber auch sonst kommt es bei den lappländischen Flüssen ständig vor, dass man aus dem Boot steigen und es entweder hinter sich herschleppen oder es den Lappen überlassen muss, mit den tosenden Wellen zurechtzukommen, was sie mit einer bemerkenswerten Kunstfertigkeit tun, indem sie mutig zwischen den Steinen lavieren, an denen das Boot jeden Augenblick zerschellen könnte. Wenn man den Wald verlässt und eigentlich noch ziemlich weit vom Fluss entfernt ist, hört man schon den Lärm: Das ist der Fluss, der eine Stromschnelle überwindet; der Lärm wird immer größer, immer stärker und, beim Ufer angekommen, fällt es einem manchmal schwer, die Worte seines Gesprächspartners zu verstehen. Es ist ein monotoner Lärm, der einem Menschen, der es nicht gewohnt ist, auf die Nerven geht, und der in einer merkwürdigen Dissonanz zur Totenstille steht, von der man sich im Wald eben erst verabschiedet hat, denn dort ist es so still – wären da nicht die schmalen „Tierpfade“ zum Wasser, die immer wieder den Weg kreuzen, könnte man annehmen, der Wald wäre vollkommen unbewohnt.

Das absolute Gegenteil zu den Flüssen bilden die Seen: So tosend wie die ersten sind, so ruhig und lautlos sind die zweiten. Die Berge, genauso unbesiedelt und schweigsam, spiegeln sich mit ihren Wäldern und kahlen Gipfeln im stillen Wasser. Es ist, als wäre das Wasser eingefroren; man hört kein Ruderplätschern eines entgegenkommenden Bootes, sieht kein weißes Segel eines einheimischen Fischers in der Ferne. Selten entdeckt man am Ufer eine Kote, aus deren Spitze sich ein dünner Rauchstrahl zieht – das ist die Sommerbehausung eines Lappen, in die er aus dem Winterquartier wechselt, um sich der Fischerei zu widmen; selten sieht man ein Rentier am Ufer, sobald das Rentier wiederum den Menschen sieht, taxiert es ihn erschrocken und verschwindet rasch im Dickicht des Waldes. Das Einzige, das die schlafende Oberfläche des Sees belebt, sind die Scharen von Enten, Schlammläufern und anderen Wildvögeln, die hier in großer Zahl vorhanden sind. Mancherorts schwimmen ganze Entenschofe hinter der Steifen Segge hervor, ohne zu befürchten, dass ein Jäger sie schießt. Aber versucht man nur, das Boot in ihre Richtung zu lenken, erheben sie sich schnell in die Lüfte und entkommen der Bedrohung, oder aber sie tauchen unter Wasser und verweilen dort so lange, dass sie beim Auftauchen schon außer Schussweite sind. Außerdem belebt das „Springen“ der Lachse an den Stromschnellen die Stille des Sees. Mündet in den See ein Fluss, dessen Mündung lauter Stromschnellen hat, lässt sich nicht selten folgendes interessante Phänomen beobachten: Massen von jungen Lachsen schwimmen gegen den Strom, springen aus dem Wasser, um die Steine zu überwinden; ihre Schuppen glänzen in der Sonne, sie sprühen hundert Funken, Dutzende von Fischen springen in die Luft, fallen ins Wasser, springen wieder hoch. Aber sie sind das Einzige, was die Seen belebt, sonst schlafen diese bei ruhigem Wetter friedlich und genauso geheimnisvoll wie die lappländischen Wälder und Berge mit ihren kahlen oder flechtenbewachsenen Gipfeln. Aber sobald ein Wind aufzieht, schlägt der See, der fünf Minuten zuvor völlig still war, schwarze Wellen und schaukelt wutentfacht das arme Nordlandsboot des Lappen; überrascht solch ein Sturm jemanden auf dem Immandra- oder dem Nuot-See, dann, so berichteten mir die Lappen, fährt man nicht weiter, sondern legt am Ufer an und wartet, bis der Wind sich legt und keine Gefahr mehr für die Weiterreise darstellt. Und bei diesen Seen kommen Stürme häufig vor, dabei sind die Wellen schrecklich unregelmäßig, was eine Fahrt über die lappländischen Seen in der Tat nicht ganz ungefährlich macht.

Die lappländischen Flüsse und Seen sind reich an Fisch: Unmengen von Lachsen, Maränen und Kleinfischen fischt der Lappe jedes Jahr aus den Tiefen der Seen und Flüsse. Es gibt so viel Fisch, dass sich ganz Lappland schon seit Jahrhunderten davon ernährt und ihn auch als Ware für den Tauschhandel mit den Kolanern einsetzt. Doch außer Fisch finden sich in den lappländischen Flüssen Perlen, die den Lappen zwar nicht reich machen, aber ihm zumindest ein wenig bei seinem kargen Leben helfen, welches nicht bloß keinen Luxus, sondern auch den einfachsten Komfort nicht kennt. Aus den Flüssen Kola, Tulom, Lize und ein paar anderen fischt der Lappe Perlenmuscheln und verkauft die Perlen nach Kola oder Kem. Deswegen ist bei Frauen der Pomoren bis heute der Brauch erhalten geblieben, ihre Kopfbedeckung mit Perlen zu schmücken, ihren Hals mit Perlenketten zu behängen und nicht zuletzt Ohrringe aus Perlen zu tragen – die Perlen finden immer einen Abnehmer, wenn auch zu keinem hohen Preis, in Kola, Kem und anderen Pomoren-Städten, aber auch weiter südwärts, in den südlichen Siedlungen des Gouvernements Archangelsk, im Gouvernement Olonezk und teilweise auch im Gouvernement Wologodsk. Die Perlen, die man aus den lappländischen Flüssen gewinnt, sind bis auf wenige Ausnahmen, nicht besonders gut: Sie sind ungleichmäßig und nur sehr selten rund; ebenso selten sind wenigstens große, wenn auch ungleichmäßige Perlen; dafür finden sich in den Flüssen auch rosa Perlen, die vor Ort besonders hoch gehandelt werden.

Neben Federwild, Fisch und Perlen gibt es in Lappland viele Pelztiere: Füchse, Eichhörnchen, Hermeline und Polarfüchse, einst waren an den Flussufern sogar die teuren Biber anzutreffen. Aber davon hört man nur noch in Legenden, heute gibt es das wegen seines teuren Fells begehrte Tier in Lappland nicht mehr. Überhaupt muss man heute feststellen, dass Lappland in dieser Hinsicht verarmt: Durch die Raubnutzung des Wildes, sinkt seine Zahl Jahr für Jahr beträchtlich, und womöglich wird Lappland in nicht allzu ferner Zukunft genauso arm an Federwild sein, wie es bereits an Rentier arm ist, das in seiner wilden Form in Russisch-Lappland nicht mehr anzutreffen ist, außer in den Chibinen, wo man, wie die Lappen sagen, sehr selten mal ein nicht gezähmtes Rentier sieht.

Das ist in groben Zügen Lappland, wo die Lappen bereits seit vielen Jahrhunderten leben. Wie man sieht, ist es, trotz einiger Reichtümer, nicht sehr gastfreundlich zu seinen Kindern. Nur durch Schwerstarbeit, um den Preis großer Entbehrungen und grausamer Opfer, findet der Einheimische hier Mittel für sein Überleben. Nicht leicht ist es, das harte Klima zu ertragen, mit seinem Frost, den Schneestürmen im Winter und der reichlichen Hitze im Sommer. Es liegt auf der Hand, dass nur die Not, nur ein schweres Schicksal ein Volk hierherbringen und über so viele Jahrhunderte in den Grenzen des modernen Lapplands halten konnte, dass hier kein Volk aus freien Stücken bleiben würde. Im Kampf gegen die feindlichen Kräfte der Natur haben die Lappen einen vorübergehenden Sieg errungen, obwohl er ihnen seinen Stempel aufgeprägt, obwohl er ihnen ungeheuerliche Opfer abverlangt hat.

1 Russisch-Lappland erstreckt sich zwischen dem 66 und 70 Grad nördl. Breite und dem 30 und 4 ½ Grad östl. Länge vom Greenwich-Meridian. Es nimmt eine große Halbinsel ein, über 650 Werst von der Grenze Norwegens bis Kap Orlow, und innerhalb des Meridians etwa 400 Werst von der Siedlung Kereti bis zum Nordrand der Fischer-Halbinsel. Lapplands Umfang beträgt 2800 Werst, die Fläche bis zu 180 Tausend Quadratwerst oder 18.771.700 Dessjatinen, was etwa ein Viertel des Gouvernements Archangelsk ist. (Dergatschjow. Rus. Laplandija).

2 Der Winter setzt etwa Anfang Oktober ein; es fällt Schnee, die Flüsse frieren zu und kleinere Meeresbuchten werden von Eis bedeckt. Ende Oktober wird der Winterweg bereitet. Vom 13. November bis zum 8. Januar herrscht die Polarnacht. Im Dezember sinken in Lappland die Temperaturen bis -36° R und manchmal noch niedriger. In den Küstengegenden liegt der Frost selten über -30°R. Ab dem 5. Januar zeigt sich langsam die Sonne; Mitte April beginnt der Schnee zu schmelzen. In den ersten Maitagen befreien sich die Flüsse vom Eis; Pflanzen zeigen sich erst in der zweiten Maihälfte und nur an den Südhängen der Berge. Vom 12. Mai bis zum 9. Juli verschwindet die Sonne nicht vom Horizont. Im Inland ist der Sommer wärmer als an den Küsten des Meeres und des Ozeans. In den Bergregionen erreichen die Temperaturen bisweilen +18°R im Schatten, manchmal steigen sie sogar noch höher. Die Durchschnittstemperatur liegt im April bei +1,5°, im Mai bei +5,4°, im Juni bei +9,0°, im Juli bei 13,2°, im August bei +11,8°, im September bei +6°, im Oktober bei +0,9°, im November bei +2,6°. Am wärmsten war es an der Ara-Bucht, nämlich +26°R im Schatten. (Rus. Laplandija).

3 I. Schefferus. Lapponia. Francofurti. 1673. р. 19.

4 I. Schefferus. Lapponia. р. 22.

5 Friis. Russisch-Lapland. в А. Petermanns Mittheilungen. 1870, S. 361.

6 Ebd.

7 Düben. La Laponie et les Lapons in: Congrès international des Sciences Géographiques, S. 324. 1878.

8 Das Skandinavische Gebirge nimmt von Norwegen kommend den Großteil von Russisch-Lappland ein. An der Kandalakscha-Bucht und der Grenze zu Norwegen erreicht es Höhen von 1000 Fuß; ostwärts nimmt seine Höhe ab und beträgt noch maximal 500 Fuß. Seine Ausläufer erheben sich, mit Ausnahme der Kämme bei Kandalakscha und an den Tersk- und Murmansk-Küsten, im Inneren des Landes als einzelne Gruppen, die jeweils eigene Namen tragen. Nordwestlich vom Imandra-See verläuft das Mingub-Gebirge (die Tschuna-Tundra), östlich und nordöstlich vom selben See liegen die Chibinen. Die Chibinen verzweigen sich zu drei Ausläufern: der erste zieht sich nach Lowosero und weiter zur Murmansk-Küste (als Murmansk-Küste bezeichnet man die Küste des Eismeeres ab der norwegischen Grenze, manchmal auch von der Kola-Bucht bis Swjatoj Nos). Der zweite Ausläufer der Chibinen verläuft ostwärts am Fluss Ponoj und verbindet sich mit der bergigen Tersk-Küste. (So bezeichnet man die Küste von Swjatoj Nos bis zum Fluss Warsuga.) An dieser Küste finden sich Felsen von 50 bis 200 Fuß; die Höhe des Gebirgskamms beträgt 200 bis 500 Fuß. Der dritte Ausläufer der Chibinen geht südwärts zum Fluss Warsuga. Am Nordufer der Kola-Bucht erhebt sich das Letinsk-Gebirge mit einzelnen kuppelartigen Gipfeln, deren Höhe 500 Fuß beträgt. Auf der Fischer-Halbinsel zwischen Kola und der norwegischen Grenze türmt sich der hohe Fels Kekar auf (400 Fuß). Nördlich vom Mingub-Gebirge verläuft das Woltschje-Gebirge, hinter ihnen liegt linkerhand vom Fluss Kola das Olenje-Gebirge (die Olenja-Tundra), das die Seen Murdosero und Pulosero umgibt, weiter hinten folgen das Riktajbolsk-Gebirge und der Berg Ulba-Tschicha. Am Imandra-See erhebt sich der Berg Boschja Gora. Neben der Insel Sokowez erhebt sich der Sokolja Gora. Das sind die wichtigsten Berge Lapplands. Vielerorts fand man an diesen Gebirgskämmen Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Kobalt; außerdem findet sich hier Jaspis, Porphyr, Amethyst und schwarzer Marmor. (Rus.Lap.).

9 Wereschtschagin. Otscherki Archang. gub., S. 34.

10 Ebd.

11 In der Kola-Bucht fand Betling Kiefern, Fichten, Erlen, Espen und Traubenkirschen. Im bewaldeten Teil Lapplands zwischen Kola und Kandalakscha findet man Kiefern, Fichten und Tannen, seltener Vogelbeeren und Birken, noch seltener Erlen, Espen und Traubenkirschen. Die Dicke der Bäume liegt im Schnitt bei bis zu 9 Zoll, obwohl sich auch Bäume mit 30 Zoll Querschnitt finden (Rus. Lap.). Allerdings kann sich das nur auf die Gegenden Lapplands beziehen, die vor den Nordwinden geschützt gelegen sind.

12 Wereschtschagin. Otscherki Archang. gub., str. 37.

De ryska lapparna
Translated by Georg Gripenstad


  • Country in which the text is set
    Lapland, Russia
  • Featured locations
    Kola
  • Impact
    In the summer of 1887, Nikolai Kharuzin traveled to the Kola Peninsula on behalf of the Imperial Society for Friends of Natural History, Anthropology and Ethnography together with his sister Vera Kharuzina, who also was an ethnologist. During the research trip, he studied the culture of the Sámi (then called Lapps) in detail, and the volume Русские лопари (The Russian Lapps) was the result of these studies. It includes extensive ethnographic sketches of the history, everyday life and social structures of the "Russian" Sámi. Kharuzin's preoccupation with the legal system should also be emphasized here. Thus, the book contains descriptions of the organization of property and inheritance law, as well as of the administration of justice by people's courts. Kharuzin also devotes himself to religion and folk art. He collects fairy tales, myths and legends, which also find their way into the book.
    Kharuzin's work was awarded a gold medal by the Imperial Society for Friends of Natural History, Anthropology and Ethnography. To this day, his book The Russian Lapps is considered one of the major works in the study of the Sámi.

    Maria Rajer

  • Year of first publication
    1890
  • Place of first publication
    Moscow