Buddenbrooks. Verfall einer Familie

8.

Hiermit begannen schöne Sommerwochen für Tony Buddenbrook, kurzweiligere und angenehmere, als sie jemals in Travemünde erlebt hatte. Sie blühte auf, nichts lastete mehr auf ihr; in ihre Worte und Bewegungen kehrten Keckheit und Sorglosigkeit zurück. Der Konsul betrachtete sie mit Wohlgefallen, wenn er Sonntags mit Tom und Christian nach Travemünde kam. Dann speiste man an der Table d'hôte, trank bei der Kurmusik den Kaffee unter dem Zeltdach der Konditorei und sah drinnen im Saale der Roulette zu, um die lustige Leute, wie Justus Kröger und Peter Döhlmann, sich drängten: Der Konsul spielte niemals. –

Tony sonnte sich, sie badete, aß Bratwurst mit Pfeffernußsauce und machte weite Spaziergänge mit Morten: den Chausseeweg zum Nachbarort, den Strand entlang zu dem hoch gelegenen »Seetempel«:, der eine weite Aussicht über See und Land beherrschte, oder in das Wäldchen hinauf, das hinterm Kurhause lag und auf dessen Höhe die große Table d'hôte-Glocke hing ... Oder sie ruderten über die Trave zum »Priwal«, wo es Bernstein zu finden gab ...
Morten war ein unterhaltender Begleiter, wiewohl seine Meinungen ein wenig hitzig und absprechend waren. Er führte über alle Dinge ein strenges und gerechtes Urteil mit sich, das er mit Entschiedenheit hervorbrachte, obgleich er rot dabei wurde. Tony ward betrübt und sie schalt ihn, wenn er mit etwas ungeschickter aber zorniger Geste alle Adeligen für Idioten und Elende erklärte; aber sie war sehr stolz darauf, daß er ihr gegenüber offen und zutraulich seine Anschauungen aussprach, die er den Eltern verschwieg ... Einmal sagte er:
»Dies muß ich Ihnen noch erzählen: Auf meiner Bude in Göttingen habe ich ein vollkommenes Gerippe... wissen Sie, so ein Knochengerippe, notdürftig mit etwas Draht zusammengehalten. Na, diesem Gerippe habe ich eine alte Polizistenuniform angezogen... ha! Finden Sie das nicht ausgezeichnet? Aber sagen Sie es um Gottes Willen nicht meinem Vater« -
Es konnte nicht fehlen, daß Tony oftmals mit ihrer städtischen Bekanntschaft am Strande oder im Kurgarten verkehrte, daß sie zu dieser oder jener Réunion und Segelpartie hinzugezogen wurde. Dann saß Morten »auf den Steinen«. Diese Steine waren seit dem ersten Tage zwischen den beiden zur stehenden Redewendung geworden. »Auf den Steinen sitzen« das bedeutete: »Vereinsamt sein und sich langweilen«. Kam ein Regentag, der die See weit und breit in einen grauen Schleier hüllte, daß sie völlig mit dem tiefen Himmel zusammenfloß, der den Strand durchweichte und die Wege überschwemmte, dann sagte Tony:
»Heute müssen wir beide auf den Steinen sitzen... das heißt in der Veranda oder im Wohnzimmer. Es bleibt nichts übrig, als daß Sie mir Ihre Studentenlieder vorspielen, Morten, obgleich es mich greulich langweilt.«
»Ja«, sagte Morten, »setzen wir uns ... Aber, wissen Sie, wenn Sie dabei sind, so sind es keine Steine mehr!« ... Übrigens sagte er dergleichen nicht, wenn sein Vater zugegen war; seine Mutter durfte es hören.
»Was nun?« fragte der Lotsenkommandeur, wenn nach dem Mittagessen Tony und Morten gleichzeitig aufstanden und o sich anschickten, auf und davon zu gehen ... »Wohin mit den jungen Herrschaften?«
»Ja, ich darf Fräulein Antonie ein bißchen zum Seetempel begleiten.«
»So, darfst du das? - Sage mal, mein Sohn Filius, wäre es nicht am Ende angebrachter, du setztest dich auf deine Stube und repetiertest deine Nervenstränge? Du hast alles vergessen, bis du wieder nach Göttingen kommst...«
Frau Schwarzkopf aber sprach sanft: »Diederich, mein Gott! warum soll er nicht mitgehen? Laß ihn doch mitgehen! Er hat d doch Ferien! Und soll er denn gar nichts von unserem Besuche haben?« - So gingen sie.
Sie gingen den Strand entlang, ganz unten am Wasser, dort wo der Sand von der Flut benetzt, geglättet und gehärtet ist, sodaß man mühelos gehen kann; wo kleine, gewöhnliche, weiße Muscheln verstreut liegen und andere, längliche, große, opalisierende; dazwischen gelbgrünes, nasses Seegras mit runden, hohlen Früchten, welche knallen, wenn man sie zerdrückt; und Quallen, einfache, wasserfarbene sowohl wie rotgelbe, giftige, welche das Bein verbrennen, wenn man sie beim Baden berührt...
»Wollen Sie wissen, wie dumm ich früher war?« sagte Tony. »Ich wollte die bunten Sterne aus den Quallen heraus haben. Ich trug eine ganze Menge Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie säuberlich auf den Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten ... dann mußten die Sterne doch übrig bleiben! Ja, schön ... Als ich nachsah, war da ein ziemlich großer nasser Fleck. Es roch nur ein bißchen nach faulem Seetang...«
Sie gingen, das rhythmische Rauschen der langgestreckten Wellen neben sich, den frischen Salzwind im Gesicht, der frei und ohne Hindernis daherkommt, die Ohren umhüllt und einen angenehmen Schwindel, eine gedämpfte Betäubung hervorruft ... Sie gingen in diesem, weiten, still sausenden Frieden k am Meere, der jedes kleine Geräusch, ob fern oder nah, zu geheimnisvoller Bedeutung erhebt...
Links befanden sich zerklüftete Abhänge aus gelbem Lehm und Geröll, gleichförmig, mit immer neu hervorspringenden Ecken, welche die Biegungen der Küste verdeckten. Hier irgendwo, weil der Strand zu steinig wurde, kletterten sie hinauf, um droben durch das Gehölz den ansteigenden Weg zum Seetempel fortzusetzen. Der Seetempel, ein runder Pavillon, war aus rohen Borkenstämmen und Brettern erbaut, deren Innenseiten mit Inschriften, Initialen, Herzen, Gedichten bedeckt waren ... Tony und Morten setzten sich in eine der kleinen abgeteilten Kammern, die der See zugewandt waren und in denen es nach Holz roch wie in den Kabinen der Badeanstalt, auf die schmale, roh gezimmerte Bank im Hintergrunde.
Es war sehr still und feierlich hier oben, um diese Nachmittagsstunde. Ein paar Vögel schwatzten, und das leise Rauschen der Bäume vermischte sich mit dem des Meeres, das sich dort tief unten ausbreitete und in dessen Ferne das Takelwerk eines Schiffes zu sehen war. Geschützt vor dem Winde, der bislang um ihre Ohren gespielt hatte, empfanden sie plötzlich eine : nachdenklich stimmende Stille.
Tony erkundigte sich:
»Kommt der oder geht er?«
»Wie?« fragte Morten mit seiner schwerfälligen Stimme ... und als ob er aus irgend einer tiefen Abwesenheit erwachte, sagte er rasch: »Geht! Das ist der >Bürgermeister Steenbock<, der nach Rußland fährt. - Ich möchte nicht mit«, setzte er nach einer Pause hinzu. »Dort muß es noch empörender zugehen als bei uns!«
»So!« sagte Tony. » Nun gedenken Sie wieder mit den Adligen anzufangen, Morten, ich sehe es Ihrem Gesichte an. Es ist nicht schön von Ihnen ... Haben Sie jemals einen gekannt?«
»Nein!« rief Morten beinahe entrüstet. »Gott sei Dank!«
»Ja! ja, sehen Sie wohl? Ich aber. Ein Mädchen allerdings, Armgard von Schilling dort drüben, von der ich Ihnen schon erzählte. Nun, sie war gutmütiger, als Sie und ich, sie wußte kaum, daß sie Von hieß, sie aß Mettwurst und sprach von ihren Kühen ...«
»Sicherlich giebt es Ausnahmen, Fräulein Tony!« sagte er eifrig. »Aber hören Sie ... Sie sind eine junge Dame, Sie sehen alles persönlich an. Sie kennen einen Adligen und sagen: Aber er ist doch ein braver Mensch! Gewiß ... aber man braucht gar keinen zu kennen, um sie alle zu verurteilen! Denn es handelt sich um das Prinzip, wissen Sie, um die Einrichtung! Ja, darauf müssen Sie schweigen... Wie? Jemand braucht nur geboren zu werden, um ein Auserlesener und Edler zu sein ... der verächtlich auf uns andere herabblicken darf, ... die wir mit allen Verdiensten nicht auf seine Höhe gelangen können? ...« Morten sprach mit einer naiven und gutherzigen Entrüstung; er versuchte, Handbewegungen zu machen, sah selbst, daß sie ungeschickt waren, und unterließ sie wieder. Aber er redete fort. Er war in Stimmung. Er saß vorgebeugt, einen Daumen . zwischen den Knöpfen, seiner Joppe, und gab seinen gutmütigen Augen einen trotzigen Ausdruck... »Wir, die Bourgeoisie, der dritte Stand, wie wir bis jetzt genannt worden sind, wir wollen, daß nur noch ein Adel des Verdienstes bestehe, wir erkennen den faulen Adel nicht mehr an, wir leugnen die jetzige Rangordnung der Stände... wir wollen, daß alle Menschen frei, und gleich sind, daß niemand einer Person unterworfen ist, sondern alle nur den Gesetzen unterthänig sind! ... Es soll keine Privilegien und keine Willkür mehr geben!... Alle sollen gleichberechtigte Kinder des Staates sein, und wie keine Mittlerschaft mehr existiert zwischen dem Laien und dem lieben Gott, so soll auch der Bürger zum Staate in unmittelbarem Verhältnis stehen! ... Wir wollen Freiheit der Presse, der Gewerbe, des Handels ... Wir wollen, daß alle Menschen ohne Vorrechte miteinander konkurrieren können und daß dem Verdienste seine Krone wird! ,.. Aber wir sind geknechtet, geknebelt ... was wollte ich eben sagen? Ja, passen Sie auf: Vor vier Jahren sind die Bundesgesetze über die Universitäten und die Presse erneuert worden - schöne Gesetze! Es darf keine Wahrheit niedergeschrieben oder gelehrt werden, die vielleicht nicht mit der bestehenden Ordnung der Dinge übereinstimmt ... Verstehen Sie? Die Wahrheit wird unterdrückt, sie kommt nicht zum Worte ... und warum? einem idiotischen, veralteten, hinfälligen Zustand zuliebe, der, wie jedermann weiß, früher oder später ja dennoch abgeschafft werden wird ... Ich glaube, Sie begreifen diese Gemeinheit gar nicht! Die Gewalt, die dumme, rohe, augenblickliche Polizistengewalt, ganz ohne Verständnis für das Geistige und Neue ... Nein, von Allem abgesehen will ich nur noch Eines sagen ... Der König von Preußen hat ein großes Unrecht begangen! Damals, anno dreizehn, als die Franzosen im Lande waren, hat er uns gerufen und uns die Konstitution versprochen ... wir sind gekommen, wir haben Deutschland befreit...«
Tony, die ihn, das Kinn in die Hand gestützt, von der Seite betrachtete, überlegte einen Augenblick ernstlich, ob er selbst wohl wirklich geholfen haben könne, Napoleon zu vertreiben.
»... aber meinen Sie, daß das Versprechen eingelöst worden ist? Ach nein! - Der jetzige König ist ein Schönredner, ein Träumer, ein Romantiker, wie Sie, Fräulein Tony ... Denn Eines müssen Sie beachten: Wenn die Philosophen und Dichter eine Wahrheit, eine Anschauung, ein Prinzip soeben wieder überwunden und abgethan haben, dann kommt allmählich ein König, der nun gerade dabei angelangt ist, der nun gerade dies für das Neueste und Beste hält und sich danach benehmen zu müssen glaubt... Ja, so ist es mit dem Königtum bestellt! Die Könige sind nicht nur Menschen, sie sind sogar höchst mittelmäßige Menschen, sie sind immer um mehrere Postmeilen zurück ... Ach, mit Deutschland ist es gegangen, wie mit einem Burschenschafts-Studenten, der zur Zeit der Freiheitskriege seine mutige und begeisterte Jugend hatte und nun zum kläglichen Philister geworden ist...«
»Jaja«, sagte Tony. »Alles gut. Aber lassen Sie mich das Eine fragen ... Was geht Sie das eigentlich an? Sie sind ja gar kein Preuße ...«
»Ach, das ist alles Eins, Fräulein Buddenbrook! Ja, ich nenne Ihren Familiennamen und zwar mit Absicht... und ich müßte eigentlich noch >Demoiselle< Buddenbrook sagen, damit Ihnen Ihr ganzes Recht wird! Sind bei uns etwa die Menschen freier, gleicher, brüderlicher, als in Preußen? Schranken, Abstand, Aristokratie - hier wie dort! ... Sie haben Sympathie für die Adligen ... soll ich Ihnen sagen warum? Weil Sie selbst eine Adlige sind! Ja-ha, haben Sie das noch nicht gewußt? ... Ihr Vater ist ein großer Herr, und Sie sind eine Prinzeß. Ein Abgrund trennt Sie von uns Ändern, die wir nicht zu Ihrem Kreise von herrschenden Familien gehören. Sie können wohl einmal mit Einem von uns zur Erholung ein bißchen an der See spazieren gehen, aber wenn. Sie wieder in Ihren Kreis der Bevorzugten und Auserwählten treten, dann kann man auf den Steinen sitzen ...« Seine Stimme war ganz fremdartig erregt geworden.
»Morten«, sagte Tony traurig. »Nun haben Sie sich doch geärgert, wenn Sie auf den Steinen saßen! Ich habe Sie doch gebeten, sich vorstellen zu lassen ...«
»Oh, Sie nehmen die Sache wieder als junge Dame, zu persönlich, Fräulein Tony! Ich spreche doch im Prinzip... Ich sage, daß bei uns nicht mehr brüderliche Menschlichkeit herrscht, als in Preußen ... Und wenn ich persönlich spräche«, fuhr er nach einer kleinen Pause mit leiserer Stimme fort, aus der aber die eigentümliche Erregung nicht verschwunden war, »so würde ich nicht die Gegenwart meinen, sondern eher vielleicht die Zukunft,... wenn Sie als eine Madame So und so einmal endgültig in Ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines Lebens auf den Steinen sitzen kann ...«
Er schwieg, und auch Tony schwieg. Sie blickte ihn nicht mehr an, sondern nach der anderen Seite, auf die Bretterwand i neben ihr. Es herrschte ziemlich lange eine beklommene Stille.
»Erinnern Sie sich«, fing Morten wieder an, »daß ich Ihnen einmal sagte, ich hätte eine Frage an Sie zu richten? Ja, die beschäftigt mich seit dem ersten Nachmittage, als Sie hier ankamen, müssen Sie wissen ... Raten Sie nur nicht! Sie können unmöglich wissen, was ich meine. Ich frage ein anderes Mal, bei Gelegenheit; es hat keine Eile, es geht mich im Grunde gar nichts an, es ist bloß Neugierde ... Nein, heute will ich Ihnen nur das Eine verraten ... etwas Anderes ... Sehen Sie mal.«
Hierbei zog Morten aus einer Tasche seiner Joppe das Ende ; eines schmalen, buntgestreiften Bandes hervor und sah mit einem Gemisch von Erwartung und Triumph in Tonys Augen.
»Wie hübsch«, sagte sie verständnislos. »Was bedeutet das?«
Morten aber sprach feierlich:
»Das bedeutet, daß ich in Göttingen einer Burschenschaftsverbindung angehöre - nun wissen Sie es! Ich habe auch eine Mütze in diesen Farben, aber die habe ich für die Ferienzeit dem Gerippe in der Polizistenuniform aufgesetzt... denn hier dürfte ich mich nicht damit sehen lassen, verstehen Sie .,. Ich kann doch darauf rechnen, daß Sie reinen Mund halten? Wenn mein Vater von der Sache erführe, so gäbe es ein Unglück ...«
»Kein Wort, Morten! Nein, auf mich können Sie zählen! ... Aber ich weiß gar nichts davon ... Sind Sie Alle gegen die Adligen verschworen? ... Was wollen Sie?«
»Wir wollen die Freiheit!« sagte Morten.
»Die Freiheit?« fragte sie.
»Nun ja, die Freiheit, wissen Sie, die Freiheit...!« wiederholte er, indem er eine vage, ein wenig linkische aber begeisterte Armbewegung hinaus, hinunter, über die See hin vollführte, und zwar nicht nach jener Seite, wo die mecklenburgische Küste die Bucht beschränkte, sondern dorthin, wo das Meer offen war, wo es sich in immer schmaler werdenden grünen, blauen, gelben und grauen Streifen leicht gekräuselt, großartig und unabsehbar dem verwischten Horizont entgegendehnte ...
Tony folgte mit den Augen der Richtung seiner Hand; und während nicht viel fehlte, daß Beider Hände, die neben einander auf der rauhen Holzbank lagen, sich vereinigten, blickten sie gemeinsam in die selbe Ferne. Sie schwiegen lange, indes das Meer ruhig und schwerfällig zu ihnen heraufrauschte ... und Tony glaubte plötzlich einig zu sein mit Morten in einem großen, unbestimmten, ahnungsvollen und sehnsüchtigen Verständnis dessen, was »Freiheit« bedeutete.

9.

»Es ist merkwürdig, daß man sich an der See nicht langweilen kann, Morten. Liegen Sie einmal an einem anderen Orte drei oder vier Stunden lang auf dem Rücken, ohne etwas zu thun, ohne auch nur einem Gedanken nachzuhängen ...«
»Ja, ja ... Übrigens muß ich gestehen, daß ich mich früher manchmal gelangweilt habe, Fräulein Tony; aber das ist einige Wochen her...«
Der Herbst kam, der erste starke Wind hatte sich aufgemacht. Graue, dünne und zerrissene Wolken flatterten eilig über den Himmel. Die trübe, zerwühlte See war weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen, wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran, neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke Rundung bildeten, und stürzten lärmend über den Sand.
Die Saison war völlig zu Ende. Der Teil des Strandes, den sonst die Menge der Badegäste bevölkerte und wo jetzt die Pavillons zum Teile schon abgebrochen waren, lag mit wenigen Sitzkörben fast ausgestorben da. Aber Tony und Morten lagerten nachmittags in einer entfernten Gegend: Dort, wo die gelben Lehmwände begannen, und wo die Wellen am »Möwenstein« ihren Gischt hoch emporschleuderten. Morten hatte ihr einen fest geklopften Sandberg getürmt: daran lehnte sie mit dem Rücken, die Füße in Kreuzband-Schuhen und weißen Strümpfen übereinandergelegt, in ihrer weichen grauen Herbstjacke mit großen Knöpfen; Morten, ihr zugewandt, lag, das Kinn in die Hand gestützt, auf der Seite. Eine Möve schoß dann und wann über die See und ließ ihren Raubvogelschrei vernehmen. Sie sahen die grünen, mit Seegras durchwachsenen Wände der Wellen an, die drohend daherkamen und an dem Steinblock zerbarsten, der sich ihnen entgegenstellte ... in diesem irren, ewigen Getöse, das betäubt, stumm macht und das Gefühl der Zeit ertötet.
Endlich machte Morten eine Bewegung, als ob er sich selbst erweckte, und fragte:
»Nun werden Sie wohl bald abreisen, Fräulein Tony?«
»Nein ... wieso?« sagte Tony abwesend und ohne Verständnis.
»Ja, mein Gott, wir haben den zehnten September,... meine Ferien sind ohnehin bald zu Ende ... wie lange kann das noch dauern! Freuen Sie sich auf die Gesellschaften in der Stadt...? Sagen Sie mal: Es sind wohl liebenswürdige Herren, mit denen Sie tanzen ... Nein, das wollte ich auch nicht fragen! Jetzt müssen Sie mir Eines beantworten«, sagte er, indem er mit plötzlichem Entschlüsse sein Kinn in der Hand zurechtrückte und sie anblickte. »Es ist die Frage, die ich so lange aufgespart habe, ... wissen Sie? Nun! Wer ist Herr Grünlich?«
Tony fuhr zusammen, sah ihm rasch ins Gesicht und ließ dann ihre Augen umherschweifen wie Jemand, der an einen fernen Traum erinnert wird. Dabei wurde das Gefühl in ihr lebendig, das sie in der Zeit nach Herrn Grünlichs Werbung erprobt hatte: Das Gefühl persönlicher Wichtigkeit.
»Das wollen Sie wissen, Motten?« fragte sie ernst. »Nun, dann will ich es Ihnen sagen. Es war mir zwar höchst peinlich, verstehen Sie, daß Thomas den Namen am ersten Nachmittage erwähnte; aber da Sie ihn einmal gehört haben ... genug: Herr Grünlich, Bendix Grünlich, das ist ein Geschäftsfreund meines Vaters, ein wohlsituierter Kaufmann aus Hamburg, der in der Stadt um meine Hand angehalten hat... aber nein!« antwortete sie rasch auf eine Bewegung Mortens, »ich habe ihn zurückgewiesen, ich habe mich nicht entschließen können, ihm mein Jawort fürs Leben zu erteilen.«
»Und warum nicht... wenn ich fragen darf?« sagte Morten ungeschickt.
»Warum? O Gott, weil ich ihn nicht ausstehen konnte!« rief sie beinahe entrüstet ... »Sie hätten ihn kennen sollen, wie er aussah und wie er sich benahm! Unter Anderem hatte er goldgelbe Favoris ... völlig unnatürlich! Ich bin überzeugt, daß er sie mit dem Pulver frisierte, mit dem man die Weihnachtsnüsse vergoldet... Außerdem war er falsch. Er schwänzelte um meine Eltern herum und sprach ihnen in schamloser Weise nach dem Munde ...«
Morten unterbrach sie:
»Aber was heißt... Sie müssen mir noch Eines sagen ... was heißt: >Das putzt ganz ungemein<?«
Tony geriet in ein nervöses und kicherndes Lachen. »Ja ... so sprach er, Morten! Er sagte nicht: >Das nimmt sich gut aus<, oder: >Das schmückt das Zimmer<, sondern: >Das putzt ganz ungemein<... so albern war er, ich versichere Sie!... Dabei war er im höchsten Grade aufdringlich; er ließ nicht von mir ab, obgleich ich ihn niemals anders, als mit Ironie behandelte. Einmal machte er mir eine Scene, bei der er beinahe weinte ... ich bitte Sie: ein Mann, der weint...«
»Er muß Sie sehr verehrt haben«, sagte Morten leise. »Aber was ging mich das an!« rief sie erstaunt, indem sie sich an ihrem Sandberg zur Seite wandte...
»Sie sind grausam, Fräulein Tony ... Sind Sie immer grausam? Sagen Sie mir... Sie haben diesen Herrn Grünlich nicht leiden können, aber sind Sie jemals einem Anderen zugethan gewesen? ... Manchmal denke ich: Haben Sie vielleicht ein kaltes Herz? Eines will ich Ihnen sagen... es ist so wahr, daß ich es Ihnen beschwören kann: Ein Mann ist nicht albern, weil er darüber weint, daß Sie nichts von ihm wissen wollen ... das ist es. Ich bin nicht sicher, durchaus nicht sicher, daß ich nicht ebenfalls ... Sehen Sie, Sie sind ein verwöhntes, vornehmes Geschöpf... Moquieren Sie sich immer nur über die Leute, die zu Ihren Füßen liegen? Haben Sie wirklich ein kaltes Herz?«
Nach der kurzen Heiterkeit begann nun plötzlich Tonys Oberlippe zu zittern. Sie richtete ein Paar großer und betrübter Augen auf ihn, die langsam blank von Thränen wurden, und sagte leise:
»Nein, Morten, glauben Sie das von mir? ... Das müssen Sie nicht von mir glauben.«
»Ich glaube es ja auch nicht!« rief Morten mit einem Lachen, in dem Ergriffenheit und mühsam unterdrückter Jubel zu hören war ... Er wälzte sich völlig herum, so daß er nun auf dem Bauche neben ihr lag, ergriff, indem er die Ellenbogen aufstützte, mit beiden Händen die Ihre und sah mit seinen stahlblauen, gutmütigen Augen entzückt und begeistert in ihr Gesicht.
»Und Sie ... Sie moquieren sich nicht über mich, wenn ich Ihnen sage, daß ...«
»Ich weiß, Morten«, unterbrach sie ihn leise, während sie seitwärts auf ihre freie Hand blickte, die langsam den weichen, weißen Sand durch die Finger gleiten ließ.
»Sie wissen ...! Und Sie ... Sie, Fräulein Tony ...« »Ja, Morten. Ich halte große Stücke auf Sie. Ich habe Sie sehr gern. Ich habe Sie lieber, als Alle, die ich kenne.«
Er fuhr auf, er machte ein paar Armbewegungen und wußte nicht, was er thun sollte. Er sprang auf die Füße, warf sich sofort wieder bei ihr nieder und rief mit einer Stimme, die stockte, wankte, sich überschlug und wieder tönend wurde vor Glück:
»Ach, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Sehen Sie, nun bin ich so glücklich, wie noch niemals in meinem Leben...« Dann fing er an, ihre Hände zu küssen.
Plötzlich sagte er leiser:
»Sie werden nun bald nach der Stadt abreisen, Tony, und meine Ferien sind in vierzehn Tagen zu Ende ... dann muß ich wieder nach Göttingen. Aber wollen Sie mir versprechen, daß Sie diesen Nachmittag hier am Strande nicht vergessen werden, bis ich zurückkomme ... und Doktor bin ... und bei Ihrem Vater für uns bitten kann, so schwer es sein wird? Und daß Sie unterdessen keinen Herrn Grünlich erhören werden?... Oh, es wird nicht lange dauern, passen Sie auf! Ich werde arbeiten, wie ein ... und es ist gar nicht schwer ...«
»Ja, Morten«, sagte sie glücklich und abwesend, indem sie seine Augen, seinen Mund und seine Hände betrachtete, die die ihren hielten ..,
Er zog ihre Hand noch näher an seine Brust und fragte gedämpft und bittend:
»Wollen Sie mir daraufhin nicht ... Darf ich das nicht ... bekräftigen ...?«
Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht einmal an, sie schob nur ganz leise ihren Oberkörper am Sandberg ein wenig näher zu ihm hin, und Morten küßte sie langsam und umständlich auf den Mund. Dann sahen sie nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schämten sich über die Maße.

 

Buddenbrooks. En families forfald
Translated by Niels Brunse

Hermed begyndte nogle dejlige sommeruger for Tony Buddenbrook, behageligere og morsommere, end hun nogen sinde før havde oplevet i Travemünde. [...]

 
© S. Fischer Verlag, Frankfurt /
Gyldendal 
Buddenbrooks: The Decline of a Family
Translated by John E. Woods

And so began Tony Buddenbrook’s summer vacation – a few lovely weeks more pleasant and amusing than she had ever spent in Travemünde. [...]

 
 © S. Fischer Verlag, Frankfurt / Alfred A. Knopf, Inc. 
Buddenbrookid. Ühe perekonna langus
Translated by Jaan Kangilaski

Nõnda algasid Tooni Buddenbrookil kaunid suvenädalad, lõbusamad ja meeldivamad, mis ta iial veetnud Travemündes. [...]

 

© S. Fischer Verlag, Frankfurt 

Buddenbrookit. Erään suvun rappio
Translated by Ilona Nykyri

Tästä alkoivat Tony Buddenbrookin kauniit kesäviikot, rattoisimmat ja miellyttävimmät hänen koskaan Travemündessä viettämänsä. [...]

 

© S. Fischer Verlag, Frankfurt /

Búddenbrooks. Hnignunarsaga kaupmannsættar
Translated by Þorbjörg Bjarnar Friðriksdó́ttir

Nú hófst fögur sumartíđ fyrir Toný Búddenbrook, skemmtilegri og ljúfari en nokkru sinni fyrr í Travemünde. [...]

 

© S. Fischer Verlag, Frankfurt /

Budenbroki. Kādas dzimtas sairums
Translated by Lizete Skalbe, Kārlis Štrāls, Zelma Kroder

Sākās jaukas un gaišas vasaras dienas, interesantākas un patīkamākas, kāadas Tonija Budenbroka Trāvemindējebkad bija piedzīvojusi. [...]

 

© S. Fischer Verlag, Frankfurt /

Budenbrokai  
Translated by J. Vaznelis

Taip prasidėjo Antonijai Budenbrok gražiosios vasaros savaitės, greičiau prabėgusios ir malonesnės už visas bet kada anksčiau praleistas Travemiundėje. [...]

 

© S. Fischer Verlag, Frankfurt /

Buddenbrooks. En families forfall
Translated by Per Paulsen

Og nå begynte noen herlige sommeruker for Tony, hyggeligere og morsommere enn hun før hadde opplevd i Travemünde. [...]

 

 © S. Fischer Verlag, Frankfurt / Gyldendal

Buddenbrookowie
Translated by Ewa Librowiczowa

Dla Toni rozpoczęly się piękne dni letnie, weselsze i milsze od wszystkich, jakie kiedykolwiek spędziła w Travemünde. [...]

 

© S. Fischer Verlag, Frankfurt /

Будденбро́ки. История гибели одного семейства
Translated by Natalia Man

Так начались для Тони Будденброк эти летние дни, счастливые и быстролетные, каких она еще не знавала в Травемюнде. [...]

 

© S. Fischer Verlag, Frankfurt /

Buddenbrooks. En familjs förfall
Translated by Ulrika Wallenström

Härmed började för Tony Buddenbrook sköna sommarveckor, nöjsammare och angenämare än hon någonsin hade upplevt i Travemünde. [...]

 

© S. Fischer Verlag, Frankfurt /
Albert Bonniers Stockholm


  • Country in which the text is set
    Germany
  • Featured locations
    Lübeck
    Travemünde
    Möwenstein (Mövenstein)
  • Impact
    The novel portrays the fate of a patrician family in Lübeck between 1835 and 1877. Over four generations the family’s “decline” accelerates as the men become increasingly alienated from their inherited profession as merchants due to their increasing refinement and attraction to the life of the mind (music, philosophy). Their lifespan decreases from generation to generation. Along with her brothers Thomas and Christian, Tony Buddenbrooks belongs to the third generation and ultimately proves the most vital and hardy of the siblings. But she too is forced to make sacrifices. Shortly after coming of age she faces pressure from her family to marry a man she does not love, Bendix Grünlich, who is presented almost as a caricature of a businessman. However, Tony is permitted a brief hiatus in Travemünde, where she finds true love for only time in her life, a relationship she subsequently sacrifices for the “firm.”

    When writing about himself, Thomas Mann frequently refers to Buddenbrooks, his most popular novel and the one that saw his breakthrough as an author. The texts Bilse und ich (1906) and Lübeck als Geistige Lebensform (1926) are essential reading for any interpretation of Buddenbrooks. In both these texts Mann argues against an overly ‘realistic,’ autobiographic interpretation of the novel and particularly against seeing the work as somehow “peeking” into Lübeck society. In his portrayal of student-fraternity (Burschenschaft) member Morten Schwarzkopf, Mann seems to have drawn on the work of esteemed Danish literary critic Georg Brandes: Die Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrhunderts (Danish 1871 ff, German 1897, see vol.6: Das Junge Deutschland)

    Nobel Prize 1929 “in particular for [...] Buddenbrooks [...] as a classic work of modern times“, by 1930 the number of copies published had crossed the one-million mark.

    Hans Peter Neureuter

  • Balticness
    On a symbolic level the Baltic Sea—like love—comes to represent Tony’s experience of the infinite, the sea becomes the experience of the endless abyss.
  • Bibliographic information
    Thomas Mann: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Novel. Edited and revised by Eckhard Heftrich in cooperation with Stephan Stachorski and Herbert Lehnert. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke – Briefe – Tagebücher, vol. 1.1, p.145-158 (part 3, chapters 8-9); Kommentarband 1.2; Frankfurt am Main 2002.
  • Translations
    Language Year Translator
    Danish 1903 L. Stange
    Danish 1953 Johannes Wulff
    Danish 2002 Niels Brunse
    English 1935 Helen Tracy Lowe-Porter
    English 1994 John E. Woods
    Estonian 1936 Jaan Kangilaski
    Finnish 1925 Siiri Siegberg
    Finnish 2010 Ilona Nykyri
    Icelandic 1999 Þorbjörg Bjarnar Friðriksdó́ttir
    Latvian 1929 Lizete Skalbe, Kārlis Štrāls, Zelma Kroder
    Lithuanian 1930 K. Karnauskas
    Lithuanian 1968 J. Vaznelis
    Norwegian 1930 & 1952 Margrethe Kjær
    Norwegian 2005 Per Paulsen
    Polish 1931 Ewa Librowiczowa
    Polish 1971 Ewa Librowiczowa, rev. by Jan Bokiewicz, Wojciech Freudenreich
    Russian 1935 V. A. Zorgenfreja
    Russian 1953 Natalia Man
    Swedish 1904 Walborg Hedberg
    Swedish 1930 Alfred Wingren
    Swedish 1934 Curt Munthe
    Swedish 1952 Walborg Hedberg, rev. by Irma Nordvang
    Swedish 1975 Walborg Hedberg, rev. by Nils Holmberg
    Swedish 2005 Ulrika Wallenström
  • Year of first publication
    1901
  • Place of first publication
    Berlin