Bericht einer Flucht 1938/39
Als am 12. März 1938 in Wien die Nachricht vom Einmarsch der deutschen Truppen nach Österreich durchkam, von einer randalierenden Minderheit erhofft und einer nicht weniger lautstarken Mchrheit befürchtet, packte ich Reisepaß, Rasierzeug und andere Kleinigkeiten in ein Miniköfferchen und ging sofort in die Illegalität oder, wie man auch sagte, unter die Erde. Der Nervenkrieg und Schrecken ohne Ende waren vorbei – das Ende mit Schrecken war da, und nun hieß es nur noch: Rette sich, wer kann.
Ich hatte die Abschiedsansprache des Bundeskanzlers nicht gehört, doch als man mir später erzählte, er habe seine Rede mit einem »Gott schütze Österreich!« beendet, dachte ich auf gut berlinerisch: Ach, Jottchen, das langt nicht! Gott verhüllte sein Haupt und sah weg, als seine Ebenbilder durch den Schornstein rauchten, im KZ vernichtet und an der Wolga verheizt wurden.
Aus diesem schwachen Trost war nicht viel zu holen, und weder ich noch andere Österreicher hatten rosige Illusionen. Die braune Pest war über uns und würde uns zeigen, was eine Harke ist. Wir wußten seit 1933, lange vor der Kristallnacht, was jenseits des Inns gespielt wurde und was jeden erwartete, der sich nicht nur nicht gleichschalten ließ, sondern durch Abstammung oder durch politische Vergangenheit auf dem falschen Ast saß. Ich hockte am äußersten Rande und war fallreif – ein ganz fauler Apfel am Lebensbaum des deutschen Volkes.
Mir winkte kein KZ und blühte kein Zuchthaus, die immerhin eine minimale Möglichkeit des Überlebens geboten hätten. So hoffnungsvoll weit wäre ich gar nicht gekommen, weil es zu billig gewesen wäre. Ich fürchtete weniger die deutsche Gestapo, die sich erst einschießen mußte, aber desto mehr die Wiener SA, ihre politische und persönliche Rachsucht, für die sie auch ihre guten und gesunden Gründe hatte. Sie würde mich in der nächstgelegenen Kaserne erschlagen und meine Überreste ordnungsgemäß mit Stempel und Warenumsatzsteuer zur Ablöse ins Haus schicken, und sogar das nur symbolisch. Es gehörte zu ihrem Brauchtum, ihre Opfer nicht in großer Gala aufzubahren. Meine Frau würde eine gesalzene Rechnung erhalten und im besten Fall den Sarg oder die Urne zu schen bekommen. Soweit sie noch Wert darauf legte.
Meine Vermutung erwies sich als goldrichtig. Zwei Wochen später kamen nicht die Gestapo-Beamten, um mich abzuholen, sondern die SA. Aber da war ich schon weit weg.
Meine Vaterstadt Wien war eine gute deutsche Stadt und der Antisemitismus gehörte zur ideologischen Ausrüstung ihres Kleinbürgertums schon vom Mittelalter her. Aber das moderne Klein- und Großbürgertum war vorsichtig und ziemlich mäßig den Juden gegenüber, da niemand so ganz sicher war, ob er nicht auch eine jüdische Großmutter im Schrank stehen hatte. Wien war aber doch beträchtlich naziverseucht, ein skurriles Erbe der großdeutschen Bewegung, deren Träger komischerweise weder deutsch, da sie aus den Randgebieten und Sprachinseln der alten Habsburgermonarchie kamen, und noch weniger österreichisch waren, da man sie hier als provinzielle Zugereiste betrachtete. Sie fanden nicht richtig Anschluß und blieben eine politische Insel auch weiterhin. Ihr »Los von Rom!« fand beim katholischen Kleinbürgertum nicht viel Widerhall, und erst der Nationalsozialismus hob sie aus ihrer lächerlichen Isolierung und machte sie im 3. Reich salonfähig.
In Arbeiterkreisen konnte der Antisemitismus niemals Fuß fassen, im schlimmsten Fall an der Peripherie im Lumpenproletariat. Auch das hatte seine gewichtigen Ursachen. Die Wiener Arbeiterschaft war zwar einerseits ein Konglomerat der historischen Völker und Völkchen der alten Monarchie, aber andererseits durch Klassenbewußtsein und vor allem sprachlich eine homogene Masse. Die Tschechen und Slowaken, Polen und Ungarn, Italiener und Rumänen, Christen aller Bekenntnisse, Freidenker und natürlich auch Juden – alle wurden einkassiert und eingemeindet. Wer immer auch »Wienerisch« sprach oder sogar nur radebrechte oder »böhmakelte«, der war Wiener. Man war Wiener, nicht mehr und nicht minder. eher noch mehr. Das genügte für unsere »nationalen Belange«.
Wir waren außerdem viel zu arrogant, um uns von »zugereisten« sudetendeutschen Beamten, Lehrern und Rechtsanwälten, von einheimischen Gewerbetreibenden mit Meisterprüfung vorschreiben zu lassen, was und wie wir politisch zu denken hatten. Uns stand ein armer Jude näher als ein nationaler Universitätsprofessor, mochte er nun Spann oder – der hatte es nötig – Srbik heißen. Vielleicht ist es sein geschichtliches Verdienst, daß Robert Musil dieses Panoptikum im 'Mann ohne Eigenschaften’ der Nachwelt überliefert ha
Mit dem Antisemitismus gab es bei uns nicht nur nichts zu erben. Im Gegenteil – er stieß uns noch dazu ab, denn wir waren mit den Juden auch noch politisch versippt. Nicht nur durch die armen Schlucker des jüdischen Proletariats, sondern auch durch die Intelligenz, wobei sich allzu oft Intelligenz und armer Schlucker deckten. William Schlamm, 1923 noch ein einfacher Willy und noch nicht bei Springer im reaktionären Schlamm versunken, war mein erster Lehrer in politischer Ökonomie und Marxismus. Meine Lehrer und Freunde waren Juden. Durch Dr. Fassler, der 1933 seine Existenz aufs Spiel setzte und meine illegale Schußwunde im Oberschenkel behandelte, wurde ich mit Willi Reich bekannt, der die Psychoanalyse in den Marxismus einbauen wollte und den sie in den USA zu Tode hetzten, und mit David Bergmann, den sie 1936 in Moskau erschossen. Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, lächelte und rückte beide Augen zu, wenn er mich dabei ertappte, daß ich wieder einmal seine Frau, Raissa, um Geld für den Druck eines Flugblattes anschnorrte.
Juden waren die ’Kommunistenführer’ Friedl Fürnberg und Koritschoner. Vor einigen Jahren las ich das ausgezeichnete Buch von Ben-gavriёl über die österreichisch-ungarisch-jüdischen Verhältnisse vor dem Ersten Weltkrieg, ’Der Weg nach Tarschisch’. Ben-gavriёl erwähnt Koritschoner anläßlich eines »sozialdemokratischen Tumultes« vor dem Wiener Rathaus 1911, und da rief Koritschoner, jung und optimistisch: »Das ist die Revolution!« Ich sah und hörte ihn zum erstenmal 1923 vor der Karlskirche in Wien und war – auch jung und optimistisch – von seiner Rede hingerissen. 1979 erfuhr ich von Walter Stein in Wien, Koritschoner sei nach dem Einmarsch in die Sowjetunion geflüchtet, von Stalin an Hitler ausgeliefert worden, bis ungefähr 1940 auf freiem Fuß gewesen, dann aber für immer verschwunden.
Meine Kollegen in der ’Roten Fahne’ waren Juden: Schüller, Zucker und der extrem blonde und blauäugige Rudi Auerhahn, der an Rassemerkmalen Hitler und Goebbels zu Semiten degradierte; er fand sein Ende in Spanien. Meine intimsten Freunde, politisch und privat, Juden auch sie, waren die Geschwister Magaziner, die Geschwister Percy und Käthe Beck, Anni Fadenhecht, Kadmon, Sally und Robert Horopatzki, Resi Frankl, Quittner und das kuriose ’Genie in Lumpen’ Rosenbaum, der fünf Doktordiplome in den zerrissenen Taschen trug.
Nicht zu vergessen und ganz hoch oben: Karl Kraus. Er war nicht mein ’Freund’, er war zu groß und ich zu klein. Sein politisches Ziel schied sich von unserem. Er kritisierte die Gesellschaft – wir wollten sie verändern. Aber wo er mit seiner ’Fackel’ hineinleuchtete, sah man das Ungeziefer laufen, ob es nun die 'Neue Freie Presse’, das ’Wiener Journal’ oder ’Die Zeit’ waren, ganz zu schweigen davon, was er den sonstigen Dunkelmännern in Politik und Kultur servierte. Er war geliebt und gehaßt, gefürchtet und verehrt; wo er hintrat, wuchs kein Gras mehr. Er war Antisemit, wenn es gegen das Judentum ging, das mit der Börse und der Presse liiert war, und Philosemit, wenn es gegen die Antisemiten ging. Sonderbarerweise war er beleidigt, wenn man ihn den ’Fackel-Kraus’ nannte – ich hätte das als Ehre betrachtet.
Als der allerchristlichste und beinahe apostolische 'Prälat ohne Milde’, Dr. Ignaz Seipel, und der Wiener Polizeipräsident Schober im Juli 1927 über hundert unbewaffnete Arbeiter abknallen ließen (mit Dumdumgeschossen; ich habe mit eigenen Augen hinter dem brennenden Justizpalast die Wunden gesehen) und als Prälat Seipel nach dem Blutbad die Gerichte ermahnte, keine Milde gegen die Aufrührer walten zu lassen (sie ließen nicht), war es Karl Kraus, der als einziger liberaler Bürger protestierte. Demonstrativ und gezielt hielt er zugunsten der offen kommunistischen ’Roten Hilfe’ und der Opfer im Schönbrunner Weigl-Saal eine Lesung. Ich erinnere mich an diese Lesung als wäre es gestern gewesen. Der Saal war voll zum Bersten. In die Totenstille hinein las Kraus Heines 'Weber’, und beim Klang dieser metallenen Stimme liefen einem kalte Schauer über den Rücken. Der Saal saß wie erstarrt und hielt den Atem an. Karl Kraus webte den Fluch, den dreifachen Fluch, und jedermann im Saal wußte, gegen wen er gerichtet war.
Karl Kraus erlebte nicht mehr die Dritte Walpurgisnacht und die Letzten Tage der (damaligen) Menschheit – er starb 1936, zwei Jahre vor dem Einmarsch.
Es mag sein, daß die Spitzen der marxistischen Parteien damals 'verjudet' waren, aber das war unsere ureigenste Angelegenheit und nicht die unserer Gegner. Es war unsere Sache, wenn uns unsere jüdischen Führer von hinten besser gefielen als der Prälat Seipel und seine grünweißen und schwarzgelben Theaterhelden von vorne. An sich waren diese Kämpfe Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit, mochten sie auch noch so gut weltanschaulich getarnt sein. Es ging immer um den Schilling und wer ihn haben sollte. Es ging nicht um die Juden, sie boten nur die Angriffsfläche gegen die Arbeiterparteien. Im Industriellenverband am Schwarzenbergplatz waren genauso die Juden vertreten – soweit sie reich waren – wie in der SPÖ auf der Wienzeile. Diese Spaltung ging quer durchs Judentum.
Doch da schon mal die Frage von Weltanschauungen und -bildern angeschnitten ist, so waren wir es, die Arbeiter, die im Prinzip die besten Wiener Traditionen nationaler und religiöser Toleranz verkörperten, den urbanen Geist einer Stadt, der über den lokalbornierten christlich-germanischen Provinzialismus schon lange hätte hinausgewachsen sein sollen und es noch immer nicht wahr. Nicht zuletzt dank des Undanks jener dubiosen Deutschtumsbewacher, die ihr verschimmeltes 'Gedankengut' aus Böhmen und Mähren in unsere kosmopolitische Stadt eingeschmuggelt hatten. Sie repräsentierten zwar nicht den Besitz, aber die Bildung vom Gymnasium aufwärts und konnten nie genug unterstreichen, wie deutsch diese sei. Es waren nicht die katholischen Kongregationen und 'Marienkäferl' des christlichen Handwerker- und Kleinbürgertums, die Großdeutschland und den Nationalsozialismus propagierten, nicht die Alteingesessenen, sondern die Einwanderer aus Reichenberg und Teplitz-Schönau. Sie quasselten so gern, daß Wien eine deutsche Stadt sei, worin sie wieder nicht so ganz Unrecht hatten, verglichen mit den Städten, aus denen sie kamen, aus Prossnitz oder Litomischl, aber ihr 'deutsch' bedeutete etwas anderes. Sie meinten, daß die Deutschen über alle anderen Völker herrschen sollten. Schon ein vages Lippenbekenntnis hätte uns zu Deutschen gemacht, aber wir wollten nicht deutsch in ihrem Sinne sein, sondern nur Österreicher und am liebsten Wiener und sonst nichts. Sie glaubten durchaus, daß nur am deutschen Wesen die Welt genesen werde, bis Karl Kraus ihnen aufs Maul schlug und behauptete: »Am deutschen Wesen wird die Welt verwesen!« Nah daran war sie. Aber noch immer nicht ist aller Tage Abend, und was nicht ist, kann noch werden zwischen Narvik und Gibraltar.
Österreich wurde ans Hakenkreuz geschlagen. Die Ära der verhältnismäßig harmlosen bäuerlichen Brutalität trat ab. Die Zeit des Handwerks war vorbei. An seine Stelle trat die perfektionierte Epoche des technischen Holocaust. Ich will nicht leugnen, daß mir das Sitzfleisch mit Grundeis ging. Ich war kein Lesebuchheld. Doch am stärksten schreckte mich die Vorstellung, vor meinem Ende die SA um Gnade anzuwinseln. Keiner weiß, was er aushält, ehe er nicht auf die Probe gestellt wird.
Ich stand nicht nur mit Daten und Taten seit meinem neunzehnten Lebensjahr in den Archiven der Staatspolizei, ich stand auch ziemlich hoch oben auf der Abschußliste der örtlichen SA. Ich weiß heute nicht mehr, in wie viele Auftritte, Schlägereien, Krawalle und Gegendemonstrationen ich verwickelt war, nicht nur gegen die Nazis, sondern auch gegen ihre grünen Konkurrenten von der Heimwehr. Quer durch halb Wien von der Hohen Warte in Döbling bis zu den Rosensälen in Favoriten. Vielleicht aus Idealismus, vielleicht auch nur aus Abenteuerlust und Romantik; es waren die gleichen Triebfedern, die mich in meiner Kindheit und Jugend unstet werden ließen auf Erden: eine Abart der Blauen Blume, aber politisch und rotgefärbt. Ein bißchen Pech, wer weiß, und ich wäre den Nazis aufgesessen. Mit achtzehn suchte ich nach einer Betätigung, die über den Fußball und die Literatur hinausging, und da Hitler im März 1923 noch eine unbekannte lokale Größe in Bayern war, die erst durch den Hofbräuputsch bekannt wurde, kam er eben einige Monate zu spät. Das sind Spekulationen, so mehr zur Seite gesprochen. Denn schon in der Evangelischen Schule auf dem Karlsplatz bekam ich die Nase voll von der germanischen Deutschtümelei, die mir die sudetendeutschen Lehrer wie einer Mastgans in die Kehle quetschten, so daß ich für den Rest meines Lebens davon geheilt war. Meine Mitschüler, alles k.u.k. Beamtensöhne der diversen Gehaltsklassen, kaum. Sie schlürften schmatzend den großdeutschen Kohl in sich hinein, und wenn sie auch nach der Schule von besorgten Müttern und Gouvernanten abgeholt wurden, damit ihnen kein Leids geschehe, in der Klasse waren sie nibelungische Recken und jeder sein eigener Siegfried. Ich merkte nur zu bald, daß Deutschtum und Antisemitismus eine Religion für »bessere Leute« war, und ließ die Finger davon. Als Ideal stand mir Sitting Bull näher als der Playboy Siegfried, und aus unerfindlichen Gründen war der Superstar aller Straßenjungen der mexikanische Revolutionsgeneral Pancho Villa, 20 Jahre bevor er, dargestellt von Wallace Beery, mit dem Hit ’La cucaracha’ in Eisensteins Film seine Runde um die Welt machte.
Meine ersten bewußten Kontakte zum Judentum bekam ich in der Gemeindeschule. Sobald die Katholiken ihre Religionsstunde hatten und der »Herr Katechet« aufkreuzte, zogen Juden und Protestanten aus und wurden in irgendeine fremde Klasse gesetzt. Wir waren weder der katholischen Gnade noch der Ohrfeigen würdig, die der Herr Katechet freigebig verteilte, sofern einer in Glaubenssachen danebengriff. Das schuf zwischen uns Andersgläubigen eine gewisse Schicksalsgemeinschaft und gegenseitige Sympathie.
Nach allem, was mir über meine Schulkameraden und durch sie selber 1938 zu Ohren gekommen ist, war keiner von ihnen zu den Nazis übergelaufen: Wien blieb rot.
Eigentlich wußte keiner von uns, was sich draußen auf der Straße, auf den Bahnhöfen und an den Grenzen abspielte. Die Falle war zugeklappt, und es lohnte nicht, die Nase aus ihr hinauszustecken. Bis auf weiteres war ich am übelsten dran. Die Nazis würden zuerst mit den Marxisten und der Vaterländischen Front abrechnen. Mich und einige hundert Sozialdemokraten und Kommunisten hatten zuverlässige Polizeioffiziere mit der richtigen Gesinnung 1934 schon eine Woche vor dem Naziputsch hoppgenommen und in die evakuierte Fabrik Armbruster unter irgendeinem Vorwand in »Schutzhaft« gesetzt, um den braunen Bataillonen ein wenig den Weg zu ebnen. Dann ergab sich das Kuriosum, daß nach dem mißglückten Putsch die verhafteten Nazis im oberen Stockwerk saßen und wir im unteren, was durch die Fenster hinaus zu gewaltigen Schimpfkanonaden führte, denn für uns waren Dollfuß und Schuschnigg immer noch das kleinere Übel und der christliche Ständestaat uns immer noch lieber als Wotans braune Walhall. Als wir Anstalten trafen, das obere Stockwerk zu stürmen und die Nazis zu vermöbeln, stellte die Polizei schwere Maschinengewehre gegen uns auf, worauf wir uns unter dem Druck dieser unwiderstehlichen Argumente beruhigten. Wir, aber nicht der Kommunistische Jugendverband. Unter Androhung des Hungerstreiks forderte er unsere Freilassung, eine unzeitgemäße Forderung an einem untauglichen Ort. Wir waren weder in Irland, noch in Indien oder im zaristischen Rußland. Diesen winzigen Umstand hatte der Jugendverband bei seiner strengmarxistischen Analyse übersehen, und die Unentwegten landeten alle im christlich rotweißen Konzentrationslager Wöllersdorf, während wir Opportunisten später nach Hause gingen und uns die Bartstoppeln wegputzten,
Zu den »Rädelsführern« des Hungerstreiks gehörten, soweit ich mich erinnere, Josef (Pepi) Händler, allgemein seiner kleinen Statur wegen »Schropp« genannt, sein Jüngerer und noch kleinerer Bruder Franz, genannt »Bucki«, ein Draufgänger mit dem Herzen eines Löwen, sowie Gabler und Hedrich. Ihre weiteren Schicksale waren ein politisches Paradox. Josef Händler kam zunächst ins KZ Wöllersdorf, danach wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« auf achtzehn Monate ins Zuchthaus Stein an der Donau, und zurück nach Wöllersdorf; zur Jubelfeier des Anschlusses wurde er »amnestiert«, aber schon am 12. März wieder verhaftet und mit dem ersten Transport Österreicher am 4. April in Dachau eingeliefert. Die weiteren Stationen: KZ Mauthausen (130 000 Ermordete), wieder Dachau und später KZ Neuengamme bei Hamburg (75.000 Ermordete) bis zum Zusammenbruch des Großdeutschen Reiches. Hier setzt das Paradox ein. Er wurde – man könnte es so nennen – so rechtzeitig »aus dem Verkehr gezogen«, daß er überlebte. Die fürsorgliche Betreuung durch Gestapo und SS machte es ihm unmöglich, sich »staatsfeindlich zu betätigen«. Sein Bruder Franz sowie Gabler und Hedrich blieben zunächst unbehelligt, gingen aber in die österreichische Widerstandsbewegung und kamen in ihr um Sic wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Seit 1934 waren schon allzu viele Leichen mit oder ohne Kopf die Donau herabgeschwommen, und verglichen mit dem braunen Caliban war der provinziell-biedermännische Austrofaschismus eine mehr oder weniger heitere Angelegenheit. Alles war halt relativ, mit gewissen Einschränkungen sogar gemütlich. Man hatte die Demokratie liquidiert, Sozialdemokratie und Gewerkschaften ausgespielt und politische kaltgestellt. Wer sich damit abfand und nicht aufmuckte, blieb ungeschoren, und politische Jugendsünden zählten nicht. Diktatur, gemildert durch Schlamperei. Die katholischen Provinzpolitiker waren zwar nicht judenfreundlich, lehnten aber den Krach-Antisemitismus ab. Das bürgerliche Judentum stand wie die Wacht an der Donau hinter der Vaterländischen Front. Um Österreich zankten sich wie Hunde um den Knochen Hitler und Mussolini, und Hitler hatte die schärferen Zähne.
Nun, mochte es gewesen sein, wie es wolle: Meine größte Dummheit beging ich am 7. März 1938, vier Tage vor dem Einmarsch. In Wien wogten die Massen hin und her, die einen gegen, die andern für den Nationalsozialismus. Jeder haute sich mit jedem, und seltsamerweise war ich nicht mal dabei. Ich war friedlich geworden und spielte lieber Bridge. Durch meine Frau, eine Jüdin, war ich diesem angelsächsisch-jüdisch-plutokratischen Spiel zum Opfer gefallen, und aus dem jungen Rebellen war ein gesetzter Ehemann geworden, was weder neu noch originell ist. Im Sommer das Fahrrad, im Winter die Skier, an den Abenden Bridge und Bücher – ich hatte resigniert und begriffen, daß ich den Lauf der Weltgeschichte nicht ändern würde. Hitler und sein Nationalsozialismus beleidigten nicht nur meine Weltanschauung, was ich möglicherweise noch hingenommen hätte, sie störten auch meine Ruhe, das höchste Gut des Wieners. Ich war mächtig sauer auf ihn und die ganze Brut um ihn herum, vom Goldfasan bis zum simplen SA-Mann.
Am 7. März war ich gegen Abend bei Dr. Fassler gewesen, der in der Jaquingasse wohnte. Er war an die Fünfzig, Jude und Kommunist und nebenbei noch Weltkriegsteilnehmer, und wir hatten über die gegenwärtige Lage gesprochen. Er glaubte fest an den Einmarsch, ich – immer Optimist – nicht. »Sie werden es nicht wagen«, sagte ich. Und ob sie es wagten! Aber Fassler glaubte, sie würden auch nur mit Wasser kochen. »Ich glaube nicht an den Einmarsch«, sagte ich, »aber wenn sie kommen, werden sie mit Blut kochen.«
Eigentlich gefiel mir nur diese Phrase und die elegante Erwiderung, aber ich wußte damals doch nicht, wie prophetisch ich gesprochen hatte. Fassler war eines ihrer ersten Opfer. Die Gestapo holte ihn schon am folgenden Dienstag ab — vier Wochen später war er tot. Sie erschlugen ihn im ehemaligen Hotel Metropol, dem Hauptquartier der Gestapo. Nicht schnell. Langsam und mit preußischer Gründlichkeit. Sie gaben ihm Zeit, über Rasse und Weltanschauung nachzudenken. Dem Mord folgte der Rufmord. In einer Wiener Zeitung erschienen die Fotos von acht das Bild Fasslers, unter der Überschrift: »Acht jüdischen Ärzten, darunter auch jüdische Ärzte, die dem deutschen Volk nicht mehr schaden können.«
Die pessimistische Unterhaltung mit Fassler hatte mich gereizt und in mir eine aggressive Stimmung erzeugt, die sich sofort an der Kreuzung Rennweg – Fasangasse abreagierte. Der ’Völkische Beobachter' war angekommen und wurde dem Verkäufer, SA-Mann Sedlatschek, aus den Händen gerissen. Die Nazis blockierten in ihrer Kaufwut den ganzen Gehsteig der Länge und Breite nach. Ich schob mich unsanft durch das Gedrängel und schnell war ein Wirbel im Gang, wobei ich den Führer und Reichskanzler mit fäkalisch-rektalen Äußerungen belegte. Es erhob sich ein Wutgeheul, die Nazis schrien nach der Polizei, die prompt kam und mich – begleitet von zwanzig »Zeugen« – auf das Kommissariat Landstraße brachte.
»Schau, schau, wer kommt denn da schon wieder?«, empfing mich der Diensthabende, »wir hatten Sie schon abgeschrieben. Und noch dazu Führer und Reichskanzler; kleinlich sind Sie ja nicht.« Ich war auf dem Kommissariat alter Stammkunde und hatte in seinen Zellen mancherlei Vergehen abgesessen, zumeist verbotenes Plakatieren, da wir es uns nicht leisten konnten, Plakatwände zu mieten, oder Ruhestörung, und in diesen breiten Gummiparagraphen paßte so ziemlich alles, was der Polizei nicht behagte. Man hatte mich nie verhauen, weil ich nicht provozierte, sondern jede Konfrontation mit Humor hinnahm und den Polizisten nicht unnötige Schwierigkeiten machte. Im allgemeinen ist die Polizei noch der Wald, in dem man hineinruft und das entsprechende Echo bekommt. Außerdem war ich wirklich einer der ältesten Kunden und schon 1916 ins dicke Buch gekommen. Ich war als Elfjähriger ausgerissen, um über Schwechat, wo gemäß Metternich Asien beginnt, nach Ungarn zu wandern. Hinter Schwechat hatte mich die Gendarmerie aufgegriffen und dem Kommissariat Semmering überstellt. Dieses brachte mich auf das Kommissariat Landstraße, wo mich abends meine Großmutter abholte.
Zwischen mir und der Polizei Landstraße herrschte eine Art Burgfrieden, ein freund-feindliches Verhältnis. Man nahm meine Personalien und die Zeugenaussagen auf, dann warf man die zeternden Nazis hinaus, und der Diensthabende sagte, da sei ich mal ins falsche Näpfchen getreten und ob ich überhaupt wisse, was mir da blühen könne? Ich dachte nach und schlug vor: »Sechs Monate wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes.« – »So billig werden Sie nicht davonkommen; diese Zeiten sind vorbei. Gehen Sie nach Hause, und Gott sei Ihnen gnädig, wenn diese Burschen ans Ruder kommen.«
Jetzt waren diese Burschen am Ruder, und ich mußte sehen, wo ich abblieb. Ich konnte nicht kapitulieren und mich wie ein Schaf abschlachten lassen. Meine Zeit war um; ab mit mir!
2
Ich mußte weg. Es fragte sich nur – wohin und wie? Am Vorabend des Einmarsches war ich (Jahrgang 1905) 33 Jahre alt geworden, astrologisch ein Fisch, was ich zwar damals nicht wußte, aber wie ein Fisch war ich in allen Wässerchen geschwommen, sowohl in klaren als auch in trüben. Ich war kerngesund, zäh wie Leder, strapazengewohnt, sprachenkundig und mit Optimismus bis zum Rand gefüllt. Ich kannte Europa von Lappland bis zum Bosporus und von der Rôhne bis zur Narwa. Ich besaß zwei geschickte Hände, und das Oberstübchen war auch nicht leer. Außerhalb Wiens war ich Matrose und Kohlentrimmer, Erntearbeiter und Viehtreiber gewesen, als Reporter der ’Roten Fahne’ bei der Spartakiade in Moskau und Leningrad. Ich war hitzebeständig und kältefest, konnte essen wie Gargantua und hungern wie ein Fakir, marschieren wie ein Legionär und schlafen wie ein Murmeltier, Und ich hatte – ob Regen oder Sonnenschein – immer das Glück auf meiner Seite gehabt.
Für meine Flucht ins Blaue war mein Reisepaß ein Juwel. Damals wurde noch an den Grenzen fleißig gestempelt, hüben und drüben mit starken Farben und geometrischen Mustern in Grün, Blau und Rot. Mein Paß war verunziert durch (gestempelte) Eintragungen der österreichischen »Unterstützungsvereine« von Marseille bis Hamburg, Prag und Berlin, sowie mit der eine ganze Seite füllenden düsteren Bescheinigung, daß ich 1931 vom Konsulat Riga in Lettland auf Staatskosten nach Wien befördert worden sei. Als Krone dieser Schöpfung der Beruf: Seemann. Das machte aus einem politischen Flüchtling einen heuersuchenden Strandläufer und Vagabunden.
Und wohin? Das würde sich finden und mußte erstmal überlegt sein. Zum Glück im Unglück war meine Ehe kinderlos. Ich packte mein Miniköfferchen. Mit Geld sah es windig aus, was nicht sehr störte, denn früher oder später wäre es so oder so ausgegangen. Dem Anschein nach war schlimmer, daß ich keine Organisation hinter mir hatte, aber andrerseits hatte ich gegen Organisationen ein gesundes Mißtrauen und fühlte mich wohler und ungebundener als Einzelgänger, ein kleiner Privatunternehmer auf dem Meer der kommenden Emigration.
Wir übernachteten bei den Eltern meiner Frau. Die Fernsprechdrähte liefen heiß. Allen vier Kindern der Familie glückte es später, legal auszureisen, nach England und Australien, Bolivien und Mexiko. Die Schwiegereltern emigrierten nach Zagreb in Jugoslawien zu einem reichen Verwandten und verschwanden danach für immer durch einen mit bewältigter Endlösungs-Vergangenheit.
Ich selbst überlegte: Die Tschechen, Schweizer, Jugoslawen und Ungarn werden uns, ob Jude oder Christ, kaum mit Blumen empfangen. Es wird einen Massensturm zu den Grenzen geben. Zweihunderttausend werden türmen wollen – das hält kein Staat aus und sei er auch noch so wohlgesinnt, was aber nicht in seinen Grenzen liegt. Es gibt nur zwei Länder, die für mich in Frage kommen: Italien und Deutschland, beide kenne ich von innen und außen. Ich spreche Italienisch wie ein Südtiroler und Deutsch wie ein bajuwarischer Hamburger. In meinem Paß habe ich noch immer den Grenzstempel von der Ponte S. Luigi hinter Ventimiglia, und was einmal glückte, muß auch ein zweites Mal gehn. Mit dem Fahrrad nach Arnoldstein, und dann wird man ja sehn.
Um mich gründlich abzusetzen, benötigte ich Häfen und Schiffe; die gab es in Italien und Frankreich, nicht in Prag oder Bern. Auch ein deutsches Schiff war nicht auszuschließen, vorausgesetzt, daß man am andern Ende desertieren konnte. Ich konnte damals nicht wissen, was für ein ahnungsvoller Engel aus mir sprach. Ich desertierte später tatsächlich unter dem stolzen Hakenkreuz außerhalb seines Hoheitsgebiets, aber es lag kein Meer zwischen Heimat- und Zielhafen.
Niemand wußte einen besseren Plan. Am Sonnabend verabschiedete ich mich von meiner Mutter. Sie war gewohnt, daß ich ging und kam, nur daß es diesmal keine Wiederkehr gab. Sie ertrug es in der geheimen Hoffnung, daß Unkraut nicht vergehe.
Sonntag vormittag setzte ich mich auf mein leichtes Rennrad. Richtung Tarvisio. Vor dem Semmering sah ich die ersten Verhafteten, Landvolk der Vaterländischen Front Schuschniggs. Sie gingen schlicht und gottergeben. Man wird ihnen eine tüchtige Abreibung geben und sie wieder freilassen, dachte ich, sie gehören dem heiligen Nährstand an. Die SA tat wichtig und geschwollen. Morgen werden sie wieder die brav kuschenden Knechte ihres Brotherrn sein. Ich trat in die Pedale, den Semmering gings hinauf, den Semmering hinunter ins Mürztal. In einer Wirtschaft hinter Leoben erhielt ich die ersten Einweihungen in den Mythus des 20. Jahrhunderts beim Zuprosten. Ein Bauernjunge klärte den andern darüber auf, daß man keineswegs beim Prosten und Glasheben »Heil Hitler« sagen dürfe. Der Novize des jungen Ordens nahm es bescheiden zur Kenntnis. Ich auch – man lernt nie aus. Ich fuhr in die kalte Nacht hinein und übernachtete in einer Scheune. Am Wörthersee schlief ich in einem Gasthof und am Dienstag vormittag war ich an der Grenze bei Arnoldstein. Beinahe, noch nicht so ganz. Vor mir pflanzte sich eine bodenständige Schießbudenfigur mit Hütcvhen, Kniehosen und grünen Wadenstrümpfen auf. Am Straßenrand stand ein verdrießlicher Landjäger und sah herüber. Der lokale SA-Mann sagte dräuend wie Hagen von Tronje: »Halt! »Wohin?« — »Na, wohin denn schon von hier? An die Grenze.« – »Reisepaß,.«
Ich war verdutzt und überrollt. Ich gab ihm den Paß. Er blätterte ihn durch. Der Landjäger kam herüber und verhielt sich unparteiisch. »Ha, ein russisches Visum! Der Kerl ist in Rußland gewesen.« »Quatsch nicht«, sagte ich, »das Visum ist bulgarisch und auf der nächsten Seite ist das türkische.« »Wir müssen in Villach anrufen.«. Sagte die SA zur Landjägerei. »Was wissen die denn von mir. Ich bin doch Wiener«, gab ich zurück. Der Landjäger entschied kurz: »Bring ihn hinauf an die Grenze. Sollen die sich den Kopf zerbrechen.«
Der Grenzposten war von SA und SS besetzt. Mein SA-Mann meldete stramm: »Einen Verdächtigen angehalten.« Man umringte uns neugierig. Vermutlich war ich die erste Amtshandlung. Ein langer und durchaus sympathischer österreichischer SS-Mann saß auf einem Tisch und ließ die Beine baumeln. Je länger er in meinem Paß blätterte, desto mehr schüttelte er den Kopf. »Trelleborg 1936«, sagte er, »das ist doch in Schweden. Wie sind Sie denn nach Schweden gekommen?« »Über Prag, Berlin und Saßnitz, wie denn sonst?« — »Aber Österreicher durften doch überhaupt nicht nach Deutschland reisen. Wußten Sie das nicht?« — »Und ob ich es wußte. Aber wenn man sich über jede Kleinigkeit den Kopf zerbricht, kommt man nicht weit. Da bleibt man am besten zuhause. Ich habe nur die Grenzer in Zinnwald und Saßnitz gebeten, mir keinen Stempel in den Paß zu hauen, weil Schuschnigg es mir verübelt. Und sie taten mir den Gefallen.« – »Da sehen Sie. So verständnisvoll sind wir gegen unterdrückte Volksgenossen. Aber das ist jetzt vorbei. Jetzt wird es auch bei uns hier besser werden.« – »Das haben bisher noch alle gesagt. Die Roten, die Schwarzen, die Grünen und die Rotweißroten. Schlechter ist es geworden. Ich sehe nicht ein, warum es die Braunen besser machen sollen.«
Ich kannte meine Pappenheimer; sie wollen überzeugen. Die Grenzwache wurde zu einem Debattierklub. Alle redeten auf mich ein. »Der Führer, Brot und Arbeit.« Ich blieb der ungläubige Thomas, gab aber Schritt für Schritt nach. Ich wollte meinen Paß wiederhaben und über die Grenze. Ja, das sei wieder nicht so einfach. Ob ich Geld habe? Natürlich, hatte ich. Ja, aber als Deutscher dürfe ich nur 10 RM ausführen und mit so wenig ließen mich die Italiener nicht rein.
»Wieso Deutscher?« fragte ich. »Österreich ist seit Sonntag dem Reich angeschlossen. Wußten Sie das nicht?« – »Nee, aber schon gar nicht«, sagte ich und fuhr fort: »Bedeutet das, daß ich deutscher Staatsbürger bin und frei nach Deutschland reisen kann? Nach Hamburg oder Stettin? Wohin ich will und wo ich Arbeit bekomme?« – »Ja, das bedeutet es.« – »Na, damit ist ja der Fall erledigt; ich reise nach Deutschland.« Ich bekam meinen Paß zurück und wir schieden als die besten Freunde. Ich schwang mich aufs Rad, hob die Hand zu meinem ersten Hitlergruß und sauste hinunter nach Villach und weiter nach Klagenfurt. »Ja, mach nur einen Plan. Sei nur ein großes Licht. . .«
Ich fuhr mit dem Nachtzug zurück nach Wien. Die Stadt war ein einziges großes Narrenhaus. Man schrie und jubelte. Sechs Jahre später saßen sie auf den Trümmern und weinten, und keiner wollte es gewesen sein. Was teilweise stimmte. Sie wollten Arbeit und Brot, nicht den Krieg.
Ich ging nach Hause. Niemand hatte nach mir gefragt. Die SA feierte und erwartete den Führer. Sie kamen zehn Tage später in großem Ornat von Braunhemd bis Stiefel. Aber da war ich schon wieder weg.
Wunderbar sind die Wege des Herrn und auch der Bürokratie. Auf den Deutschen Reichsbahnen gab es eine 60 prozentige Ermäßigung für Ausländer. Daß Österreich nicht mehr Ausland war, hatte sich auf dem Österreichischen Verkehrsbüro noch nicht herumgesprochen; ich erhielt die 60 Prozent für die Strecke Passau – Hamburg.
Am 17. März 1938 um 21 Uhr reiste ich mit dem Personenzug vom Westbahnhof ab und sah Wien erst nach achtzehn Jahren wieder. In Wels wartete ich auf den Anschluß nach Passau. Am 18. März betrat ich den Boden des 3. Reiches und war in der Höhle des Löwen. Hier war der Nationalsozialismus fünf Jahre alt und Alltag. Der Grenzer hatte meinen Paß gestempelt, blau und rechteckig. »Passau – 18. März 1938«. Die Kommunisten feierten ihn als 'Tag der Pariser Kommune’. Am 18. März 1934 hatte mich meine zukünftige Frau ihren Eltern vorgestellt. Sie ertrugen es gefaßt.
Ich war im 3. Reich und fühlte mich erleichtert. Nun war alles nur noch halb so schlimm. Wenn sie mich schnappten, war ich nurmehr eine neutrale Nummer, ein unpersönlicher Gegner des Regimes. Ich war ein Fall für die Gestapo, kein Fall mehr für die Wiener SA.
Auf der Innbrücke sah ich das erste richtige Parteiabzeichen der NSDAP. Und sonst? Niemand trug irgendetwas Nationalsozialistisches. Wie in Österreich ohne, fiel man hier mit Hakenkreuz am Rockaufschlag unangenehm auf. Nur nicht auffallen! Ich warf mein blechernes Hakenkreuz in den Inn. Ich hatte es in Klagenfurt gekauft, das mieseste und billigste Hakenkreuz im Heiligen Reich Deutscher Nation. In einem Laden kaufte ich Brot. Es duftete und war ofenwarm. »Nanu«, sagte ich, »ich habe doch gelesen, daß das Brot erst nach 24 Stunden verkauft werden darf.« Die Bäckerin war keine Anhängerin der Gleichschaltung. Sie war ältlich und zaundürr. Sie streckte die Hand über den Ladentisch und wies nach Norden. »Ja, drüben, bei den Preußen«, fauchte sie. Ich ging zurück zum Bahnhof. Auf der Wechselstube beglückwünschte mich der Schalterbeamte. Ich sei der erste, der den neuen und für den Schilling günstigeren Kurs erhalte. Na eben, ich bitte Sie, was haben nur die Leute gegen den Hitler?
Am nächsten Morgen war ich in Hamburg, 1100 Kilometer außer Sichtweite der Wiener SA. Ich stellte mir die Mienen vor – der Vogel war ausgeflogen. Andrerseits muß ich der SA doch das positive Zeugnis ausstellen: Sie ließen es meine Frau nicht entgelten, obwohl sie Jüdin war. Hamburg war grau und trüb. Ich schrieb nach Wien. Dann saß ich in einem Park und fühlte mich hundemüde und ausgelaugt. Was tat ich hier? Hinter dem warmen Ofen ist es leicht, Pläne zu machen. Die Gleichung geht immer auf. Die Wirklichkeit ist anders. Ich hatte keinerlei Illusionen über das sympathisierende Ausland. Es war mißtrauisch. Jeder Emigrant war ein potentieller Spion oder Gestapoagent.
Ich habe Hamburg nie gemocht. Es war mir zu groß. Hier war man Provinzler und Vetter aus Dingsda, auch wenn man aus Wien kam. Aber ich liebe sein Platt. Das gab es damals noch. Und Schleswig-Holstein. Salomon hat es in seinem 'Fragebogen’ geschildert. Ich war damals dort, in den zwanziger Jahren. Entweder vor oder hinter mir flogen die Finanzämter in die Luft. Bauern, Bonzen, Bomben — aber jeder Landstreicher bekam sein Schinkenbrot, weil man sowieso schon pleite war. Nur reiche Bauern und Gutsbesitzer waren knauserig.
Erst jetzt, fern von zuhause, kam mir meine wirkliche Lage zu Bewußtsein. Ich war an der Öffnung des Sacks, aber noch immer im Sack. Bisher war alles nur Wunschdenken gewesen. Der Einmarsch und die Flucht hatten mich betäubt – nun erwachte ich. Ich war nicht mehr ein unbeschwerter Landstreicher, der jedem Landjäger ins Gesicht lachen konnte, weil nach dem Einlochen das Freilassen kam, sondern ein vogelfreier Flüchtling, dem jeder Hitlerpimpf das Genick brechen konnte. Ich fuhr auf einem Totenschiff und war das Nichts, das Nie, das Nimmer, das Niegewesen und das Niegedacht. Ich war eine Null und auf mich selbst gestellt. Zum ersten Mal in meinem Leben zweifelte ich an meinem Glück. Seitdem sind vierzig Jahre verflossen. Mein Glück ist mir treu geblieben. Aber heute noch überkommt mich das Gruseln, wenn ich an Hamburg 1938 zurückdenke.
Vermutlich war ich nach zwei schlaflosen Nächten übermüdet und sah deshalb nur schwarz. Jedenfalls schlug ich mir aus dem Kopf, als blinder Passagier mein Glück zu versuchen. Das Wagnis war mir zu groß. Was früher ein übermütiger Sport war, konnte jetzt Kopf und Kragen kosten. Ich schrieb Hamburg ab, schrieb mich auf meinen zweiten Plan fest. Auf nach Duisburg.
1931 hatte ich mich in Stettin mit einem jungen Wiener angefreundet, der mit seinem Kumpel Fritz die Hinterhöfe musikalisch beackerte und dabei gar nicht so schlecht lebte. Fritz haute auf die Gitarre, er sang, die Groschen fielen aus den Fenstern aufs Pflaster. Wir blieben einen Monat zusammen und sangen schmalzige Duette über Waldeslust und Stenka Rasin, dienten mit Fiakerlied und Ramona. Dann setzte ich mich auf SS 'Gudrun' als blinder Passagier nach Tallinn ab. Franz und Fritz nahmen über Finnland und Schweden Kurs auf Norwegen und landeten zuletzt in Holland, wo Franz den Kumpel wechselte und sich mehr oder weniger ansässig machte. Sein neuer Kumpel malte und machte Linoleumschnitte, die Franz verkaufte. Wir hatten einander geschrieben, und im März 1938 sahen wir uns in Wien wieder, kurz vor dem Einmarsch. »Wenn du türmst«, sagte er, »so komm zu uns nach Holland. Wir bringen dich durch. Wir haben ein großes Boot auf einer Werft in Leiden und brauchen einen, der was davon versteht. Dann dampfen wir ab. Merk dir die Anschrift: Schippers, Katendrechtsche Straat 26, Rotterdam. Sein Sohn Wim fährt auf einem Schlepper zwischen Rotterdam und Duisburg. Frag nach ihm auf der Schifferbörse, er schmuggelt dich bestimmt hinaus. Ich komm sobald wie möglich nach.« Ich prägte mir die Namen ein und fuhr nach Hamburg.
Ich tauschte meine letzte 100-Schilling-Note um und machte mich auf den Weg in die Eiffestraße hinter dem Berliner Tor, wo es ein Hotel für die »Kapitäne der Landstraße« gab. Mit Geduld mußte es mir glücken, einen Fernlaster in Richtung Rhein zu erwischen. Außerdem war ich herzlich müde und sehnte mich nach einem razziafreien Bett. Die Hamburger Polizei war schon in normalen Zeiten wie jede Großstadtpolente besonders scharf. 1929 hatte sie mich im ’Pik-As’, dem städtischen Obdachlosenasyl, ausgehoben und stadtverwiesen. Seitdem würde die Polizei nicht zahmer geworden sein, die Gestapo mischte mit, und Hamburg war ein extra böses Kommunistennest, wo es allerhand Arbeit gab.
Die Kapitäne der Landstraße waren zumeist auch die Besitzer ihrer Lastzüge und vermutlich dem Führer mehr als treu ergeben, da er ja Leben in den Betrieb gebracht hatte. Somit mußte ihr Hotel über jeglichen Verdacht staatsfeindlicher Umtriebe erhaben sein. Es galt nur hineinzukommen.
Es hat so seine Vorteile, Wiener zu sein, je nördlicher in Deutschland, umso sicherer. Und jetzt, als Beutegermane und Reichsheimkehrer war einem der Mythos des Goldenen Wienerherzens von doppeltem und dreifachem Nutzen. Als geborener Schauspieler scheint es der Wiener dem Ausland gegenüber tatsächlich nicht übel fertiggebracht zu haben, seine Bosheit und Aggressivität hinter der Maske der Gemütlichkeit zu verbergen. Unter sich alleingelassen sind die Wiener eher wie Hund und Katze und jeder Gemeinheit fähig.
Als ich den Hof des Fernfahrerhotels betrat, setzte ich mein sonnigstes Phäakenlächeln auf. entschlossen, mir die deutschen Brüder zu kaufen und sie zu überrollen. Ich übernachtete zweimal billig und gut, machte in der Kantine Bekanntschaften und brachte mit Dutzenden von Graf-Bobby-Witzen Stimmung in die Bude. Am Montag, den 21. März, nahmen mich zwei Fernfahrer nach Düsseldorf mit. Ich half ihnen beim Löschen der Fracht und fuhr hinunter nach Duisburg, um Wim Schippers zu suchen.
Es war stockfinster, als ich in den Hafen kam und Unterkunft in einer Kneipe fand, die im dortigen Volksmund mit einem schon mehr als anstößigen Namen belegt war und auch danach aussah. Eine regelrechte Fuselkneipe, und ihre Besitzerin sah aus, als sei sie geradewegs aus dem tückischen Pfefferkuchenhäuschen der Gebrüder Grimm gekommen. Doch der Schein trog, wie so oft. Dieses ältliche, magere Frauenzimmer war ein urgemütliches Haus, und es erwies sich, daß wir Landsleute waschechtester Sorte waren – auf höherer Grundlage jetzt, nach Ansicht der Prominenten im Reich. Als sie erfuhr, daß ich Wiener sei, ließ sie an den Nazibonzen kein gutes Haar. Vor sechs Wochen, erzählte sie, sei diese Brut gekommen und habe sie bei Strafe der Ausweisung gezwungen, deutsche Staatsbürgerin zu werden, und bei dieser Transaktion habe man ihr 300 RM abgeknöpft. »Und heute«, jammerte sie, „wäre ichs gratis.« »Ich würde gern 300 Emmchen bezahlen, wenn ich es nicht wäre«, sagte ich. Sie fragte, ob ich getürmt sei. Das gerade nicht, aber die ganze Richtung gefalle mir nicht, gab ich vorsichtig zurück. »Nichts wie Verordnungen und Erlasse und vor allem Zahlungen«, klagte sie. »Dazu Winterhilfe, Sommerhilfe, Sammelbüchsen und Abzeichen, Fahnenaushängen Pfötchenheben, und du mein Gott, was man nicht alles erlebt hat und noch erleben wird.«
Wir badeten in gegenseitiger Sympathie für das Alte und Antipathie gegen das Neue, und zuletzt ließ sie mich nicht nur billig, sondern auch unangemeldet übernachten. »Denn gegen diese Lumpen«, legte sie dar, »müssen wir Österreicher zusammenhalten.« Mir konnte es nur recht sein. In den folgenden Tagen trieb ich mich im Hafen herum und suchte erfolglos Wim Schippers. Der Himmel hing grau und schmutzig über der Waffen- und Devisenschmiede der Nation, die Butter war teuer und die Kanonen noch teurer, die Loreley kämmte ihr goldenes Haar und die Schuppen flossen den deutschen Rhein hinab.
Es zeigte sich, daß es viele gab, denen die ganze Richtung nicht paßte. Man meckerte und schimpfte, fügte jedoch vorsichtig hinzu, davon wisse der Adolf nichts. Sicher war sicher. Es gab trotz Aufrüstung, Arbeitsdienst und Wehrpflicht noch immer Arbeitslosigkeit, wenn auch nicht so massiv und verheerend wie damals, als Hitler an die Macht kam. Die Millionen Erwerbslosen waren von den Straßen verschwunden, die Löhne nicht gerade hinreißend, aber dafür stabil. Die Massen verhielten sich, wenn schon nicht vom Sessel gerissen, so immerhin neutral und loyal.
Ich lebte nicht schlecht und moralisch war ich wieder hoch oben. Hamburg war vergessen; ich hatte mich dem neuen und nur zu bekannten Leben als Außenseiter wieder angepaßt. Zwischen einst in Wien und jetzt in Duisburg lagen Lichtjahre. Ich vergaß und verdrängte, um mich ungefähr in der Waage zu halten. Ich schob alles von mir weg und ließ nichts aufkommen. Abends trieb ich mich in den Schifferkneipen herum und hielt die Ohren offen. Die Gäste waren eine internationale Mischung: Schweizer, Franzosen, Belgier, Holländer, Deutsche – das ganze Einzugsgebiet von Rhein, Main, Waal und Maas von Basel bis Rotterdam war vertreten. Ich hätte mehr als eine Gelegenheit gehabt, im innerdeutschen Verkehr anzumustern – er lag mir nur nicht. Früher oder später hätte ich eben doch die Karten auf den Tisch legen müssen.
Um mein Geld zu strecken, tat ich mich mit einem Kumpel zusammen. Er malte Osterkarten, und ich verkaufte sie in den grauen Mietskasernen von Duisburg bis Meiderich. Ich mußte nicht hungern und konnte meine Miete bezahlen. Wein und Zigaretten bekam ich abends in den Hafenkneipen, wenn ich den Gästen ein schmalziges Wienerlied hinlegte. Ich wartete nur noch auf das Wunder und eines Tages kam es frei Haus. Meiner schon verschwommenen Erinnerung nach muß es in der letzten Märzwoche gewesen sein, als ich spät abends in meine Quartierkneipe kam. Meine Wirtin zeigte auf mich und sagte zu einem Mann, der in der dunkelsten Ecke saß: »Das ist er!«
Einen Augenblick lang blieb mir das Herz stechen. Das also war das Ende. Dann sah ich genauer hin und erblickte einen älteren, breitschultrigen Mann in einer schwarzen Schifferjacke mit Messingknöpfen. Ich zog die Panikbremse an, holte tief Luft und hörte wieder, was die Wirtin sagte. »Das ist der Georg von der ‘Hildegard’, ein Stammgast. Er sucht einen Matrosen.« — »Und wohin?« — »Nach Rotterdam. Mit Kohlen. Das wäre doch was für dich.«
Und ob es war! Ich setzte mich zu Georg, und er fragte, ob ich was zum Trinken wolle. »Nur nichts Hartes«, sagte ich, »ich bin so gut wie abstinent, ausgenommen Kümmel, Korn und Rum.« Wir kamen schnell überein. Georg fragte mich, ob ich überhaupt eine Ahnung von einem Schiff habe, und ich sagte wahrheitsgemäß: »Oben und unten, an Deck und im Keller, nichts Unmenschliches ist mir fremd.« – »Und dein Paß ist in Ordnung?« – »Was heißt 'in Ordnung'? So gut wie ein Diplomatenpaß!« – »Das ist nämlich eine Notmusterung. Wir gehn morgen früh ab, und da ist das Arbeitsamt noch dicht.« – »Umso besser. Ämter sind ein Greuel vor Gott und den Menschen.« Ich beglich meine Rechnung bei der Wirtin, sie blinzelte mir verschwörerhaft zu. Dann schoben Georg und ich ab in die Finsternis, Richtung ’Hildegard’. Georg purrte den Kapitän aus der Koje und stellte mich vor. »Ein Befahrener, weiß Bescheid auf Schiffen.« – »Naja, dann ists ja jut. Und Papiere hat er?« Ich reichte sie ihm. Er prüfte sie gähnend und gab sie zurück. »In Ordnung. Geht schlafen, morgen ist ein harter Tag.« Den Seinen gibts der Herr auch im Café Rektum, und der Wiener geht nicht unter. Am nächsten Morgen warfen wir die Trossen los, und ein Schlepper bugsierte uns hinaus auf die gelben Wasser des Vater Rhein.
3
Nachmittags schwammen wir über die Grenze – das 3. Reich lag hinter mir. Hinter der Eisenbahnbrücke von Nijmegen gingen wir vor Anker und übernachteten. Ich fiel wie ein Stein in die Koje und schlief weg. Als Kohlentrimmer, und besonders wenn sich der Bunker leert und es draußen mit Windstärke 10 bläst, lernt man Gott fürchten und lieben. Doch so zwischendurch gibt es immer Pausen. Auf dem Lastkahn ’Hildegard’ gab es keine. Wir stemmten uns zu dritt gegen das Ruder. Vorne zerrte der Schlepper am Bug, hinten der nachfolgende Kahn am Achter, und dazwischen tat die starke Strömung mit uns, was ihr beliebte. Wir torkelten wie besoffen den Strom hinab. Der harte Wind drückte aus West und erhöhte die Möglichkeiten des Kräftespiels. Zwischendurch mußte ich immer wieder über das Fallreep ins Beiboot, das abzusaufen drohte, und es leerschöpfen. Ich begriff plötzlich, warum man in Duisburg einen Bogen um die 'Hildegard’ machte. Sie war ein schwimmender Sarg, halbleck, mit Stahltrossen aus Bismarcks Zeiten. Meine Hände waren blutig und geschwollen, in den Beinen hatte ich Blumendraht, aber seit dem 11. März schlief ich zum ersten Mal wieder sorgenfrei und unbeschwert. Die erste Runde war mit einem Punktsieg an mich gegangen.
In Rotterdam desertierte ich mit einem Vorschuß in der Tasche – ein doppeltes Delikt: eigenmächtige Lösung des Arbeitsverhältnisses, erstens ohne Benachrichtigung des Arbeitgebers, zweitens ohne die Zustimmung des Arbeitsamtes. Aber ich war erst am Beginn meiner Laufbahn als Übeltäter gegen die nationalsozialistische Weltordnung. Ehe noch ein Jahr verflossen war, kamen etliche Delikte dazu.
Ich ging zu den Schippers. Sie empfingen mich wie den verlorenen Sohn. Franz hatte mich angekündigt, aber seitdem nichts mehr von sich hören lassen. Der alte Schippers ging mit mir zur Gewerkschaft der Transportarbeiter, der ich 1929 im Internationalen Seemannsklub beigetreten war. Ich erhielt eine Unterstützung und nahm bei den Schippers Quartier – ungemeldet. Die Zeit verging. Franz und seinen Kumpel Josef hatte der Orkus oder das 3. Reich, was auf eins rauskommt, verschlungen, bis sie am 11. April tobend und schreiend die Holztreppe empordonnerten und wir einander in die Arme fielen. Franz Sanda war der geborene Schauspieler und ein Mezzofanti an Sprachbegabung. Er konnte erzählen wie Hadschi Halef Omar und begann: »Also wir kamen mit der Maschine an die holländische Grenze und zeigten unsere österreichischen Pässe. Nichts da, keine Einreise für Österreicher! Na gut, wir fuhren zurück nach Emmerich und bekamen anstandslos reichsdeutsche Flebben. Wieder zur Grenze. Ja, aber die Herren sind in Wien geboren und daher Österreicher. Zurück! In Emmerich quartierten wir uns bei einem pensionierten Zöllner ein und warteten auf das Wunder. Es kam wie bestellt. Der Führer befragte wieder einmal sein Volk, ob es mit seiner Politik einverstanden sei. Am 10. April in Cleve alle in Holland ansässigen Deutschen. Wir – nichts wie auf nach Cleve, wohin die Pflicht uns rief. Die Maschine ließen wir beim Zöllner. Die Deutschen kamen zu Hunderten aus allen Provinzen der Niederlande. Der Wahlvorsitzende wies mir genau mit dem Finger, wohin ich mein Kreuz zu setzen hatte: in den großen Kreis. Ich tat es, Josef auch, wir bekamen einen Stempel in den Paß und abends enterten wir den Sonderzug nach Amsterdam. Den Holländern wiesen wir lachend und jubelnd unsere Pässe, und keiner sah auch nur hinein. Um Mitternacht waren wir auf der Centraalstation in Amsterdam, und die Reise hatte uns keinen Heller gekostet. Niemand, der nach einem Fahrausweis fragte. Wir machten weiter nach Wormerveer, übernachteten bei den Schaaps, und jetzt sind wir hier. Aber der Ofen ist trotzdem aus – jetzt sind wir alle drei illegal im Königreich der Niederlande.«
Das war eine eiskalte Dusche. Unsere einzige Hoffnung war das Boot in Leiden. Später erwies sich, daß der Bootsbauer keinen Handschlag daran getan hatte. »Und warum nicht?« zischte Franz böse. Ja, die veränderte Lage, der Anschluß Österreichs, er habe gedacht, Franz kehre nicht mehr zurück. Franz knurrte und zügelte sein Temperament. Es lohnte nicht, den Mann zu verärgern. Ein Wink von ihm an die Polizei – und wir waren geliefert. Wir schlugen unser Hauptquartier in Zoeterwoud bei Leiden auf. Josef setzte sich nach Wormerveer an der Zaan ab und ging als lebende Provokation mit seiner Braut spazieren. Josef war ein begabter Maler, aber kein Geisteslicht. Und es kam, wie es kommen mußte.
Josef flog in hohem Bogen aus Holland hinaus. Nicht sofort. Die Polizei ließ sich Zeit, zog ihm erst alle Würmer aus der Nase. Danach ging sie an die Arbeit.
Josef hatte alles erzählt und nichts vergessen. Zuerst Hausdurchsuchung bei den Schippers. Die Polizei drehte jedes Blatt um. Wir flitzten auf Rädern hinauf nach Wormerveer. Josef saß aufgeblasen im Kreis der »Familie« und rauchte Chesterfield, den Arm patriarchalisch-besitzend um Annis Hals: Franz unterzog ihn einem Verhör 3. Grades. Anni weinte und Josef protestierte. »Was soll ich euch sagen«, erklärte er großartig, »die ganze Polizei steht hinter uns. Sie wird uns die Aufenthaltsbewilligung besorgen. Die Beamten sympathisieren mit uns. Der Kommissar war wie ein Vater zu mir.« Franz hob die Hände gegen den Himmel und murmelte: »Wie ein Vater. Wie ein Vater. Die väterliche Polizei. Der Freund der Armen und Bedrückten.« Franz stand da wie ein Prophet. Er sprach mit Engelszungen auf Josef ein. »Mensch, wir müssen verschwinden, untertauchen, nicht mehr sein! Pack deine Sachen und komm mit! Wir haben Dutzende Schlupfwinkel im Land.« Josef blieb bockbeinig. Er glaubte ans warme Nest, glaubte, an seinen zukünftigen Schwiegereltern einen Rückhalt gefunden zu haben. Ich hatte meine Zweifel. Dieser Transportarbeiterfamilie, politisch links, aber an Tradition konservativ, erschien der zugereiste Maler und Windbeutel keineswegs im gleichen Glanz wie dem blonden Töchterchen. Ihnen war ein solider holländischer Arbeiter lieber.
Aus Sicherheitsgründen waren wir in der Dunkelheit gekommen, wollten aber nicht bei den Schaaps übernachten, sondern radelten nach Zaandam zum ältesten Bruder der Schaaps. Franz erzählte, was vorgefallen war. Schaap sagte aufrichtig, er habe Josef nie richtig gemocht. Er sei faul und dumm und passe zu Hitler. Josef habe nie eine Weltanschauung gehabt und werde nie eine haben. Nicht einmal eine nationalsozialistische. Aber er werde für Hitler marschieren, ohne zu fragen, warum.
Als wir wieder nach Rotterdam kamen, erwarteten uns drei Briefe. Aus Wormerveer schrieb man, die Polizei habe Josef ausgehoben und an die Grenze gebracht. Aus Wien erhielt ich die Nachricht, daß Dr. Fassler im Allgemeinen Krankenhaus an Lungenentzündung gestorben sei, und von der jüdischen Kultusgemeinde in Prag die Bestätigung, daß ich mit einer Jüdin verheiratet sei und deshalb flüchten mußte. Dieses Zeugnis taugte nicht viel, aber es war besser als nichts. Mein schwacher Punkt war weiterhin, daß keine Organisation hinter mir stand. Die Kommunisten hatten mich 1930 aus der Partei hinausgeworfen, und meinen Krieg gegen die Nazis hatte ich privat geführt. Weder die 'Rote Hilfe’ noch der 'Matteottifonds’ kamen für mich in Frage. Ich war im politischen und konfessionellen Niemandsland. Auch meine Ehe war, gemäß Nürnberg, null und nichtig, wenn auch nur durch den Staatsanwalt die Nichtigkeitsklage erhoben werden konnte. Ich galt als Jude in der Reichskanzlei, aber nicht vor dem Sanhedrin, dem Hohen Rat in Jerusalem, und am allerwenigsten vor dem jüdischen Hilfskomitee in Amsterdam. Dieses Komitee und niemand sonst (außer den Nazis) bestimmte, wer ein Jude war und wer nicht.
Franz und Josef hatten eine schwungvolle Heimindustrie betrieben. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie wir lebten«, erzählte Franz, »wie der Herrgott in Frankreich. Zuerst machten wir Linoldrucke von Karl Marx, und ich verkaufte sie an alle sozialdemokratischen Arbeiterheime von Friesland bis Brabant. Der alte Knabe schielte zwar auf einem Auge, weil Josef das Messer ausgerutscht war, aber die Hauptsache war ja der Bart. Marx ging weg wie warme Semmeln. Als ganz Holland voll von unserm Marx war, machte Josef einen neuen Schnitt: den sozialdemokratischen Bürgermeister von Amsterdam. Dieser ging noch rasanter weg. So dumm der Junge auch ist, er hat Finger aus Gold. Dann malte er Ölbilder. Daran verdienten wir das Doppelte. Zuerst verkaufte ich das Reproduktionsrecht an Rotogravure in Leiden und strich zehn Gulden ein. Dann setzte ich das Bild für zwanzig Gulden bei Hausfrauen und unverstandenen Gattinnen ab. Josef hatte den richtigen Dreh gefunden, und die Weiber kauften wie verrückt. Er malte wie eine Maschine, ich hausierte und verkaufte nur so am laufenden Band. Ich legte mir die »Indian« zu und donnerte kreuz und quer durch Holland. Ich hatte große Pläne. Ich erstand für zwanzig Gulden das große Rettungsboot von der Holland-Amerika-Lijn und wollte auf große Fahrt. Wir hatten Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und zahlten unsere Steuern. Und jetzt ist alles kaputt dieses Anstreichers wegen. Ohne Josef sind wir aufgeschmissen. Mit Holland ist es aus. Ich liquidiere und fahre nach Memel. Dort hab ich ein Mädchen. Ich werde sie heiraten und ins Reich fahren. So leid es mir tut, du mußt jetzt selber sehen, wie du zurechtkommst. Aber ich lasse dich nicht auf dem Trockenen sitzen. Du wirst Geld haben noch und noch. Jetzt ziehe ich erstmal mit dir los und werde dich groß verkaufen.«
Franz zog mit mir eine große Schau ab. Wir flitzten durch Holland der Länge und Breite nach. Ich hatte nichts anderes zu tun, als stumm dazusitzen und gefährlich auszusehn. Franz redete. Er pries mich an als den heldenhaften Antifaschisten und Vorkämpfer der Demokratie. Ich wurde zum Lohengrin und Gralsritter der kleinen Völker. Nach der Vorstellung sammelte er ein. Das Geld kam. Man reichte uns weiter wie einen kostbaren Pokal. Man gab uns neue Anschriften von Stadt zu Stadt, von Provinz zu Provinz. Die Rolle lag mir nicht. Ich murrte, und Franz las mir die Leviten. »Was meckerst du da herum? Die Leute haben Geld und wissen nicht, wohin damit. Du bringst einen Funken Leben in ihre Eintönigkeit, sie sind dir dankbar dafür. Sie werden noch wochenlang von dir reden. Los, auf nach Utrecht!«
Der Frühling war unterdessen eingezogen. Die Blumenfelder explodierten in einer unvorstellbaren Farbenpracht zwischen Haarlem und Delft. Aber mit jedem Sonnenaufgang näherte sich der Tag des Abschieds. Anfang Juli war es soweit. Franz hatte alles verkauft, das Boot, die restlichen Bilder und mich. Nun saßen wir vor einem Haufen holländischer Gulden bei den Schlagmaats in Leiden. Franz packte sich damit die Taschen voll und ging zur Bank.
Er war ein Finanzgenie. Die Reichsmark stand, wenn ich mich recht entsinne, auf 76 Cent. Offiziell. Franz kaufte sie kiloweise zu 25 Cent. Diese eingehandelten Reichsmark hatten nur den nicht unbeträchtlichen Nachteil, daß ihre Einfuhr ins 3. Reich bei hohen Zuchthausstrafen verboten war. Franz nahm das Wagnis auf sich. Wir sperrten die Tür ab und machten uns an die Arbeit. Josef besaß drei große und gutsortierte Malkästen. Wir wickelten die Banknoten in dicke Schutzschichten von Pergamentpapier. Franz öffnete die Farbtuben von unten und bugsierte die Röllchen gekonnt hinein. Mir schob er meinen Anteil in Gulden hin, großzügig wie stets. »Und wenn du glaubst, daß diese Finanztransaktion damit abgeschlossen ist, irrst du dich. Das ist erst der Anfang.«
Die Welt von 1938 stand im Tierkreiszeichen des Pleitegeiers, einer heute nahezu unvorstellbaren Krise und einer weltweiten Arbeitslosigkeit. Der Welthandel war auf die Hälfte gesunken. Staaten schlossen sich gegeneinander ab und ihre Regierungen wurstelten auf die eine oder andere Art weiter. In Spanien tobte der Bürgerkrieg, Japan kämpfte gegen China. Der Abessinienkrieg war vorbei, aber Hitler sorgte durch den Anschluß Österreichs und den Druck auf die Tschechoslowakei dafür, daß die Unruhe nicht zur Ruhe entartete.
Die Staaten hatten damals – wie auch heute wieder – einen neuen Abgott entdeckt: den Valutafetisch. Litauen war keine Ausnahme. Es verkaufte an jedermann den Touristenlitas zu ermäßigtem Kurs, auch an Deutsche, um den Fremdenverkehr in Memel-Klaipeda zu heben. Das war die große Spekulation meines Kumpels Franz. Mit den eingeschmuggelten Reichsmark würde er in Berlin Litas kaufen, Massen von Litas zu herabgesetzten Sommerpreisen, und als Krösus in Memel leben. Dem stand allerdings entgegen, daß er genauso gut einige Jahre als Anti-Krösus in einem deutschen Zuchthaus verbringen konnte, weit weniger behaglich.
Er reiste an einem Freitag ab und sagte: »Du hast alle Adressen. Die vom Zöllner in Emmerich, die von Josef in Berlin und die von Mia in Memel.« »Ja«, sagte ich. Dann war ich wieder allein. Noch am gleichen Tag fuhr ich nach Rotterdam. Ich übernachtete im Deutschen Seemannsheim. Ich wollte nicht ewig den Schippers zur Last fallen, wollte auch selber ungestört mal wieder mit mir allein sein.
Ich war es nicht lange. Am frühen Morgen weckten mich zwei Kriminalbeamte. Ich sah auf die Uhr, sie zeigte auf fünf. »Früh seid ihr auf«, sagte ich auf holländisch. »Morgenstunde hat Gold im Munde«, antworteten sie fromm. »Kommen Sie mit.« Alle gesunden Selbsterhaltungsinstinkte hatten mich vor dem Seemannsheim gewarnt. Ich hatte ihre Warnsignale leichtsinnig in den Wind geschlagen. Nun war die Rechnung fällig. »Warum eigentlich?«, fragte ich beim Ankleiden. »Ich habe mich gestern ordnungsgemäß eingetragen und Geld habe ich auch.« – »Sie sind Österreicher. Darum.« – »Das bin ich nun wieder auch nicht. Seit dem 13. März bin ich Deutscher.« – »Für uns sind Sie Österreicher.«
Auf dem Weg zum Polizeipräsidium erzählte ich ihnen Bobbywitze, und wir landeten als die besten Freunde auf der Haagschen Veer, wo man viel über mich wußte – von den alten Zeiten in Holland her, aber nicht eine Sekunde lang stand ich im Verdacht, ein politischer Flüchtling zu sein. Ich hütete mich, darauf anzuspielen. Für die Polizei war ich ein Routinefall, ein Seemann ohne Schiff, ein Strandläufer und Herumtreiber, den man so schnell wie möglich loswerden wollte. Es fragte sich nur – wann? Am Samstag hatte die Haagsche Veer Hochbetrieb mit randalierenden Seeleuten. Sonntag war der Tag des Herrn. Also Montag. »Ja, am Montag«, sagte man. Die Holländer sind ein Volk von Händlern und empfänglich für jedes vernünftige Argument. Die ich vorbrachte, hatten Hand und Fuß: »Bis Montag …, das sind zwei Übernachtungen hier mit voller Verpflegung. Am Montag eine Fahrkarte für mich und eine Rückfahrkarte für den Beamten, nicht zu reden von seinem verlorenen Arbeitstag. Stimmt das?« Ja, das stimme. »Na eben«, fuhr ich fort, »dann bringt mich doch zum Bahnhof und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich heute noch über die Grenze reise. Ist das ein Vorschlag?« Man lachte und meinte, das sei eine vernünftige Lösung. Aber wenn man mich morgen noch in Holland finde, gebe es sechs Wochen Knast. Die nebenbei gesagt schon jetzt fällig gewesen wären, da man mich 1930 von Amsterdam aus an die Grenze gesetzt habe. Hier legte ich Verwahrung ein. »Freiwillig und auf eigenen Wunsch«, unterstrich ich, »was keineswegs eine Ausweisung ist, und wenn, so hat mir niemand was davon gesagt.« — »Gut, streiten wir nicht, aber jetzt sind Sie ausgewiesen.«
Ich glaubte, damit sei der Handel erledigt, aber es reichte noch nicht hin. Der Disput ging weiter. Die Polizei verlangte, ich solle eine Fahrkarte bis Duisburg kaufen, sie wolle mich – Ehrenwort hin, Ehrenwort her – doch so weit wie möglich von der Grenze wissen. »Warum nicht gleich nach Königsberg«, fragte ich bissig, »da bin ich doch noch weiter weg. Emmerich genügt. Da bin ich hinter der Grenze und der Rest ist meine Sache.« Die Polizei gab nach. Ein Beamter brachte mich zum Bahnhof. Als der Zug anfuhr, lächelten wir uns zu. Am Nachmittag stieg ich in Emmerich aus, das 3. Reich hatte mich wieder. Ein Grenzer mit der Siegesrune im Knopfloch blätterte in meinem Paß und sagte, der sei abgelaufen. Ich wies auf die Verlängerung hin, und er gab ihn wortlos zurück.
Ich fand Franz im Eigenheimhäuschen des pensionierten Zollbeamten. Auf dem kleinen Hof stand die schwere rote »Indian«. Franz war mit seinen Gefühlen wohl nicht so ganz einig, als er mich dort wiedersah. Er nahm mich resigniert hin, obwohl eine Königskobra im Rucksack für ihn weit weniger gefährlich gewesen wäre. »Naja, dann auf nach Memel«, sagte er, »irgendwie werden wir schon hinkommen.« Für den nicht unwahrscheinlichen Fall einer Straßenkontrolle kamen wir überein, daß er mich nicht kenne und als Anhalter von der Landstraße aufgelesen habe. Am nächsten Morgen trat er aufs Startpedal und wir knatterten ab nach Berlin, Richtung Hauptstadt des Tausendjährigen Reiches. Von der Maas bis an die Memel – immer wieder grölten wir es von Emmerich bis Berlin, teils aus Langeweile, teils um unser mulmiges Gefühl im Magen zu betäuben. Wir schafften es. Eine Woche später stiegen wir in Memel an Land, und ich hatte Hitlers Reich hinter mir, diesmal endgültig und unwiderruflich.
4
Drei Monate hatte ich jetzt als politischer Flüchtling gelebt und war kein Grünschnabel mehr. Man war in Sicherheit, solange die Räder rollten. Keine Gestapo konnte das Leben und Treiben von 70 Millionen Deutschen lückenfrei überwachen. Die Opposition, ob von rechts oder links, war weggewischt und unter der Oberfläche. Die Spitze war abrasiert und das Kroppzeug der Kleinen ungefährlich. Meine Freunde in Wien saßen entweder im KZ oder hatten »Loyalitätserklärungen« unterzeichnet. Man ließ sie in Frieden, denn sie sollten arbeiten und wieder arbeiten — für den Sieg. Der Krieg hing in der Luft. Vierzehn Monate später brach er aus.
Nach dem »Zusammenbruch« hat man versucht, das deutsche Volk entweder als das Opfer des zum Dämon hochgespielten Hitler hinzustellen oder es mitschuldig zu machen. Die Wahrheit darüber kann man weder messen noch wiegen. Ich weiß nur, daß die überwältigende Mehrheit und besonders die Weltkriegsgeneration gegen den Krieg waren. Sie hatten die Nase voll davon. Nach all den Jahren von Krieg, Hunger und Arbeitslosigkeit war es endlich wirtschaftlich aufwärtsgegangen. Es gab Arbeit und Brot, genau das, was Hitler versprochen hatte. Und nun wollte man den Aufschwung auch genießen. Mit oder ohne »Kraft durch Freude«, mit Kneipen, Skat und Kegelverein. Die Alten schreckte der Barras, der Dreck, die Läuse, die Kälte, der Hunger und die Strapazen. Die Mütter dachten an ihre Söhne. Die Frauen an ihre Männer. Die Mädchen an ihre Burschen. Die Österreicher waren sauer. Dem Befreiungstaumel war der nüchterne Alltag des Vierjahresplanes gefolgt. Fern von Grinzing oder dem Stammtisch lernten die jungen Männer unter den zackigen Kommandos preußischer Unteroffiziere den Stechschritt und vergaßen den k.u.k. Tänzelschritt. Die Mehrheit fürchtete den Krieg wie Tollwut und Cholera. Aber er kam, ob sie ihn guthieß oder nicht.
In der Woche zwischen Maas und Memel hatte ich begriffen, daß das Dasein eines politischen Flüchtlings eine Existenzform wie jede andere ist. Sie wurde zur Gewohnheit und zum Alltag. Der Krug ging jeden Tag zum Brunnen. Ich trug ihn vorsichtig, und jeder verstrichene Tag war ein Gewinn.
Wir waren bis Montag in Emmerich geblieben. Mit diabolischem Grinsen holte Franz die Reichsmarklappen aus den Tuben. Manche waren ölig, aber vollwertig. Sie gingen an die Tankstellen für Treibstoff von Emmerich bis Berlin. Die unbefleckten Scheine waren weiß wie Schnee. Franz kaufte Litas. Josef, der inzwischen in Berlin als Malergehilfe arbeitete, bekam seinen Anteil an den Gulden, aber zum amtlichen Kurs. Für diesen dicken Faulpelz habe er nicht das Zuchthaus riskiert, sagte Franz später zu mir.
Mein Glück ließ mich nicht im Stich. Franz hatte vor, mit der 'Tannenberg’ von Swinemünde nach Memel überzusetzen. Eine große deutsche Grenzstation war aber zu gefährlich für mich. Mein Paß war noch immer zweiter Güte, soweit man bei einem österreichischen Paß überhaupt von irgendeiner Güte reden konnte. Er war eine winzige Spur besser als gar keiner. Das reichte kaum. Ich sollte über Königsberg und Cranz. Die Hilfe kam von einer Seite, von der ich sie am wenigsten erwartete: von den Memeldeutschen. Diese hatten aus jeder Landung der 'Tannenberg’ in Memel eine großdeutsche Kundgebung gemacht. Die Litauer sahen eine Zeitlang friedlich zu. Als jedoch die Kundgebung zu Exzessen ausartete, griffen sie ein und spritzten die Deutschen mit Wasserwerfern auseinander. Darob große Entrüstung im 3. Reich, und da es noch zu früh war, in schimmernder Wehr einzugreifen – man hatte ein weitaus größeres Auge auf die Tschechoslowakei geworfen –, legte die 'Tannenberg’ überhaupt nicht mehr in Memel an. Diese Strafaktion ließ die Litauer kühl, erhitzte jedoch die Memeldeutschen umso mehr. Das Ausbleiben der deutschen Sommergäste bedeutete einen nicht unbeträchtlichen Verdienstausfall für sie.
Nun mußte auch Franz über Königsberg reisen. Wir verließen Berlin mit dem Nachtzug. Ich sah es erst 1956 wieder, arg zerzaust, und irgendwo unter den Ruinen liegt auch Franz Sanda begraben. Bis 1943 stand ich mit ihm noch in regelmäßigem Briefwechsel. In seinen letzten Briefen schrieb er über die furchtbaren Bombenangriffe und verwünschte Churchill – überzeugt von den Parolen, weil vom Unglück betroffen, oder der Zensur wegen – in die heißesten Tiefen der Hölle. Danach hörte ich nie wieder etwas von ihm oder seiner Frau.
Die kleine ’Cranzbek’ lief Memel von der Haffseite der Kurischen Nehrung her an. An der Grenze kam ich gerade noch mit dem bloßen Schrecken davon. Der Schiffsjunge traute nicht meinem rosafarbenen österreichischen Paß, verschwand damit irgendwohin, aber brachte ihn mir wieder. Weiter nichts – und ich konnte aufatmen, als die Trossen ins Wasser klatschten. Warum der Paß kontrolliert wurde – ob wegen des litauischen Bädervisums, wegen der mitgeführten Valuten, wegen der Zehn-Reichsmark-Sperre oder wegen des Passauer Grenzstempels –, weiß ich nicht. Meine extremste Hypothese: In Rossitten oder Pillkoppen wußte man noch immer nicht, daß Österreich dem Reich angeschlossen war. Wie dem auch sei, nie vor- und nie nachher bin ich mit weniger Spielraum durch die Maschen eines Netzes geschlüpft. Um Franz nicht mit in den Käscher zu reißen, hatte ich mich von ihm getrennt. Als das Dampferchen in Rossitten ablegte, und ich schon in Litauen war, kam er wieder zu mir: »Junge, Junge, das war knapp! Ich hatte dich hundertprozentig abgeschrieben.« »Ich weiß nicht mehr wo«, sagte ich, »aber irgendwo sagt Heinrich Heine das auch. Ich glaube im 'Wintermärchen’. Oder anderswo: 'Nicht jeden Tag geschieht ein Wunder so wie heute. ’Oder so ähnlich.«
In meinem Paß prangte ein litauisches Touristenvisum. Seit dem 10. März war ich zum erstenmal wieder legalisiert. Ich konnte ungestraft jedem Memeler Schutzmann ins treudeutsche Auge blicken. Ich tat es trotzdem nicht. Ein Monat währt nicht lang, und es war gesünder, wenn ich ihnen unbekannt blieb. Ich blieb in Memel bis zum 23. März 1939. Bis zum 31. Dezember 1938 mit einem gültigen Paß und einem abgelaufenen Sichtvermerk; ab 1. Januar 1939 mit einem ungültigen Paß. Ich wußte es nicht einmal. Erst später, in Kretinga, sagte mir ein tschechischer Emigrant, sein Paß sei zwar auch ungültig, aber meiner sei noch ’ungültiger’. Damit war ich ganz und gar unten durch. Es war schon schwierig, mit einem gültigen Paß eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen — von der Arbeitserlaubnis nicht zu reden — aber ohne Paß war es unmöglich. Ich war zur Illegalität verurteilt.
Wir bezogen bei Fräulein Krause, einer mageren ergrauten Dame mit unstillbarem Verlangen nach harten Getränken Quartier. Ich schrieb nach Wien, Prag und Rotterdam. Aus Rotterdam kam bald mein Zeugnis von der Prager Kultusgemeinde, das ich vorsichtshalber bei den Schippers deponiert hatte. Aus Wien kamen nur schlechte Nachrichten, aber bisher hatte man weder meine Frau noch ihre Familie belästigt. Erst später, als sich der »Volkszorn der Kristallnacht« entlud, wurde mein Schwiegervater ins KZ Dachau verschleppt. Er kam nach drei Monaten als Schatten zurück, um 1941 in Zagreb, diesmal von der Schwiegermutter begleitet, endgültig der »Endlösung« zum Opfer zu fallen.
Memel-Klaipeda, heute nur noch Klaipeda, war damals eine Stadt von 31 000 Einwohnern und 20 000 fanatischen Nationalsozialisten. Für sie bedeutete Hitler nicht Arbeit und Brot – denn das hatten sie, und mehr als reichlich –, sondern das leuchtende »Heim ins Reich«. Ihre Wohnungen zierten Hitlerbilder und -statuen, auf den Tischen lag ’Mein Kampf’, den keiner gelesen hatte. In Memel war der Nationalsozialismus reine Gefühlssache. Franz besaß einen perversen Humor. Er verkaufte mich als »Alten Kämpfer der Bewegung« an Mias zahllose Freundinnen, wobei er eigentlich »Kämpfer gegen die Bewegung« sagte, aber das »gegen die« so im Munde zerrieb, daß es als »der« herauskam. Die Marjellen waren breit um die Hüften, aßen für drei, liebten Simon Dach und schwärmten für Alfred Brust, den großen Heimatdichter. Wir gingen von Hand zu Hand und von Tisch zu Tisch, jeder reicher gedeckt als der vorhergehende. Durch Mias Schwester wurde Franz mein Schwager.
Der Abschnitt Baltikum – von Memel bis Tallinn – gehört zu den schwärzesten meines Lebens. Als ’Väg utan mål’ (Weg ohne Ziel) 1947 erschien, zerrissen mich meine damaligen Kritiker in der Luft und überschütteten mich mit Invektiven. Die Antwort aber auf meine Frage, wie sie sich selber unter den herrschenden Bedingungen – ohne Arbeitserlaubnis und Sprachkenntnisse und ohne zuverlässige politische oder konfessionelle Organisation im Hintergrund – in Litauen, Lettland und Estland durchgeschlagen hätten, sind sie mir bis heute schuldig geblieben. Mein Leib war nicht astral, sondern sehr irdisch. Er hatte Bedürfnisse, die ich befriedigen mußte. Die Zehn Gebote und Luthers Katechismus dispensierte ich auf unbestimmte Zeit. Ich mußte essen, ohne zu arbeiten, weil man mir das Recht auf Arbeit verweigerte.
Der Sommer verlief schön und friedlich für mich, ich hatte wenig Sorgen und viel Gesellschaft. Dann reisten Franz und Mia nach Berlin. Mein Sichtvermerk war abgelaufen und mit ihm die Legalität meiner Bleibe bei Fräulein Krause. Schließlich fand sich denn auch die Memeler Stadtpolizei bei ihr ein. Sie protestierte entrüstet gegen die Behauptung, der Ausländer wohne immer noch bei ihr. Ich stand im Nebenzimmer und hörte zu. Dann gingen die Schutzleute und ich 720g weg – an den Ostseestrand in eine für Sommerfreuden mit einem Feldbett ausstaffierte größere Badekabine. Zuletzt kampierte ich dort bei zwanzig Grad Frost und Grundeis im Waschbecken. Die Genossen holten mich zurück in die Stadt, und ich schlief mal da, mal dort, bis auch Memels Stunde schlug, im März 1939.
Inzwischen hatte ich mir einen neuen Paragraphen des deutschen Strafrechts angelacht. Im ’Baltischen Beobachter’ oder so ähnlich, einem von der litauischen Regierung ausgehaltenen Blättchen, das als Papierwellenbrecher eine Springflut aufhalten sollte, schrieb ich bissige Sachen gegen Reich und Nationalsozialismus, hingegen nicht so bissig, daß es eine diplomatische Affäre gegeben hätte. Als gelerntem Österreicher waren mir jesuitisch-demagogische Methoden nicht fremd, außerdem hatte ich immer und überall das große Vorbild Adolf Hitler vor Augen, mal als den glänzenden Ritter mit Harnisch und Fahne, mal in bayerischen Krachledernen, aber immer trutzig und kühn, oft auch kinderlieb – soweit sie deutsch waren. So nebenbei bekam ich auch gut bezahlt.
Der »Heim ins Reich«-Rummel setzte ein wie in Wien: dröhnende Aufmärsche der SA mit Fackeln und Braunhemden. Und immer wieder das zukunftsschwangere Lied »wenn alles in Scherben fällt«. Beinahe auf den Tag genau zogen die Einwohner Memels sechs Jahre später auf den großen Treck nach Westen, und die rote Fahne der Sowjetarmee wehte über den Scherben Memels.
Am 23. März marschierten deutsche Truppen in Tilsit über die Grenze. Ich verabschiedete mich von meinen Freunden. Sie nahmen den Einmarsch fatalistisch hin und wünschten mir Glück auf den Weg. Ich habe nie wieder von ihnen gehört. Mit dem letzten unkontrollierten Morgenzug setzte ich mich ins litauische Kretinga ab, ohne Visum und mit einem ungültigen Paß. Dann stand ich auf dem größten Provinzstadtmarktplatz, den ich je betreten hatte. Memel war irgendwie noch halbwestlich, aber Kretinga war voller Osten, einst russisch, nun litauisch und nach dem Kriege wieder russisch. Ich fühlte mich einsam und aufgeschmissen. Meine baltische Anabasis hatte begonnen.
5
Ich traf meinen jüdischen Zahnarzt, der mir im Winter einen Zahn gezogen hatte und wußte, daß ich Emigrant war, obwohl ich mit der jüdischen Gemeinde nichts zu tun gehabt hatte. Er fragte mich, was nun und wohin. Ich hob die Schultern. »Keine Ahnung. Mein österreichischer Paß ist ungültig. Ich muß über die grüne Grenze nach Lettland. Aber wie, weiß ich noch lange nicht.« — »Sie sind doch Jude.« — »Aber woher denn. Meine Frau ist Jüdin. Das macht aus mir noch keinen Juden. Nicht hier bei den Orthodoxen.« Er dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Kommen Sie mit. Ich werde aus Ihnen einen machen.« — »Mit Notbeschneidung? Das lieber nicht.« Er lachte. »Nein, ohne.«
Auf dem großen Hof, wo das jüdische Hilfskomitee amtierte, herrschte ein furchtbares Gedränge. Die reichen Juden, gut informiert und durch Vermögen im Ausland abgesichert, hatten sich beizeiten abgesetzt. Übrig blieben die armen, ein gewaltiger Haufe. Alle wollten Fahrkarten nach Kaunas. Sie belagerten den Rabbi, die höchste Instanz am Ort, der immer wieder erklärte, daß der Zug erst spät nachts nach Kaunas komme und daher am Schabbes »nix gereist« werde. Die rabiaten Proletarier protestierten und schrien, daß sie sich den Deibel um den Schabbes scherten, sondern weg aus diesem Kaff wollten. Es gab einen Riesentumult, der Rabbi gab nach. Sie bekamen ihre Fahrkarten und reisten abends in die Schabbesnacht hinein. Not brach nicht nur Eisen – sie brach auch den Schabbes.
Mein Zahnarzt war unterdessen beim Komitee gewesen und kam zurück, in den Händen Geld und ein Papier. »So, das hier reicht für eine Fahrkarte nach Skuodas und etwas Wegzehrung. Das Papier ist für die jüdische Gemeinde dort. Wenden Sie sich an Herrn Bernstein, er wird das Weitere veranlassen.« Ich öffnete das Blatt und konnte es nicht lesen. Alles auf hebräisch. Der Zahnarzt erklärte mir, es sei ein Schreiben an die dortige Gemeinde, eine Empfehlung, mich auf Kosten der Gemeinde Schiaulai über die grüne Grenze nach Libau zu schaffen. Stempel und Unterschrift. Ich dankte ihm, wir schüttelten uns die Hände, und mit dem nächsten Zug reiste ich hinauf nach Skuodas, von wo es nur noch wenige Kilometer bis zur lettischen Grenze waren. Meine erste Reise unter der Flagge des Davidsterns, und nicht meine letzte.
Skuodas war noch altrussischer als Kretinga und der Marktplatz noch größer. Herr Bernstein, der größte Kaufmann am Ort, empfing mich keineswegs als jüdischen Märtyrer und noch weniger mit offenen Armen. »Wir, immer wir sollen die Leute über die Grenze schaffen. Was das kostet! Wir sind eine arme Gemeinde.« »Schiaulai bezahlt«, sagte ich und wies auf das Schreiben. »Wissen Sie was«, sagte er, »fahren Sie nach Schiaulai. Wir geben Ihnen sogar das Geld dazu.« – »Am Schabbes wird nicht gereist.« – »Gut, reisen Sie am Sonntag. Abgemacht?« – »Nein. Gar nicht. Ich reise heute noch. Wozu alles auf die lange Bank schieben?« – »Am Schabbes wird nix gereist.« – »Wird. Not bricht Schabbes. Heute reisen einige Hundert von 'unsre Leit’ in den Schabbes hinein. Ausnahmezustand.«
Meine Frau hat immer behauptet, ich könne nicht jüdeln. Das mochte für den Wiener Meridian gelten, aber es stimmte nicht mehr im jüdischen Osten. Dort genügte der Wiener Dialekt in einer ausgewogenen Mischung von Burgtheater und Lemberg. Schließlich wuchs man nicht in einer stark angejudeten Stadt auf, ohne etwas von den Sitten und Gebräuchen der Juden abzubekommen.
Bernstein raufte sich die Haare und gab nach. Mir lag Schiaulai mehr als Skuodas. Es war eine große und reiche Judenstadt. Ich fuhr zurück nach Kretinga, stieg um und kam in der Dunkelheit in Schiaulai an. Ein junger Jude brachte mich vor die Tür des Oberrabbiners, und ich platzte in die Sabbatfeier hinein.
Die große Familie saß längs eines langen, weißgedeckten Tisches mit Kerzen und Tellern und starrte mich an. Die Erde tat sich vor mir auf. Ich war verlegen wie noch nie. Meine Schwiegereltern waren moderne Juden, die gerade noch mit einem seidenen Faden am Judentum hingen. Ich hatte niemals gelernt, wie man sich bei der Schabbesfeier eines orthodoxen Großrabbiners benimmt. Was sagt man? Was tut man? Nimmt man den Hut ab oder nicht? Alle trugen den sogenannten Schabbesdeckel, zumindest die Männer. Ich murmelte ein ’Schalom’ und wies mein Papierchen vor. Dann lud mich der Rabbi an den Tisch. Die Mahlzeit war zwar vorbei, aber man trug für mich auf. Ich verstand so viel, daß er entweder mich oder mein Essen segnete. Ich murmelte Unbestimmtes und Undeutliches, was alles zwischen Bibel und Thora bedeuten konnte. Die Familie unterhielt sich gedämpft und ließ kein Auge von mir. Der mächtige Vollbart des Rabbis bewegte sich leicht. Ich wünschte mich weit weg, sogar nach Skuodas. Mit Laien kam man zurecht. Und ausgerechnet ich, der blauäugige Goi, mußte auf diesen Sabbatleuchter der mosaischen Hierarchie stoßen, und weit und breit kein Zahnarzt, der mir aus der Klemme geholfen hätte. Doch, wie alles in Raum und Zeit, nahm auch diese peinliche Angelegenheit ein Ende. Wir tranken noch einen Schluck Sabbatwein, der Rabbi gab mir mein Papierchen zurück und wünschte mir alles Gute. Dann nahm mich sein jüngster Sohn treuherzig an die Hand und geleitete mich zum »Verein der frommen Leute«, wo ich übernachten sollte.
Eine alte Dame und eine saftstrotzende junge Jüdin empfingen mich und zeigten mir mein Kämmerchen. Im Verein herrschte ein gottloser Betrieb. Als Neubekehrter und Proselyt nahm ich erschüttert zur Kenntnis, daß einige Dutzend Jugendliche den Sabbat durch Billardspiel und Zigarettenrauchen schändeten.
Am Sonntag ging ich zum Komitee. Der Beamte fauchte erbittert und verwünschte Bernstein. »Sagen Sie diesem Schlemihl, daß wir für alle Kosten einstehen.« – »Das sagen Sie, ob aber Bernstein es glaubt? Geben Sie mir ein Papierchen, ein ganz kleines Papierchen mit Stempel und Unterschrift. Dann reise ich wieder ab. Sonst nicht.« Ich bekam das Papierchen. »Und zurück soll ich gehen? Wo ist das Reisegeld?« Er gab mir zwanzig Litas, in diesem Agrarland ein Vermögen, und ich unterschrieb die Quittung – von rechts nach links mit hebräischen Buchstaben.
Am Abend war ich wieder in Skuodas. Bernstein knurrte zufrieden und quartierte mich bei einer reizenden jüdischen Familie ein, die nebenbei mit dem jiddischschreibenden Nationalschriftsteller Scholem Alejchem entfernt verwandt war. Sein berühmtes Buch 'Rosinkes und Mandeles’ gehörte zu meinen Lieblingsbüchern, und soweit ich Jiddisch und Hebräisch verstand, hatte ich es aus diesem Buch. Am folgenden Donnerstag holte mich ein klappernder Bauernwagen ab. Es war die Zeit der Schneeschmelze. Arnold Zweig hat im ’Sergeanten Grischa’ und in 'Einsetzung eines Königs’ den litauischen Urwald beschrieben. Ich erlebte ihn beim Marsch über die grüne Grenze. Man steckte mich in dicke Filzstiefel, dann ging es hinein in die Sümpfe und Wasserläufe. Über uns das grüne Dach der Urwaldriesen, auf dem Schmugglerpfad Gebüsch von gewaltigen Ausmaßen. Ungeachtet der Morgenkälte schwitzte ich. Meine marschentwöhnten Beine gaben nach. Über kleinere Flüsse trug man mich auf dem Rücken. Es war schon hell, als wir in einem lettischen Bauernhaus abstiegen. Man bewirtete mich mit Milch, Schinken und Weißbrot, und maßlos waren Jubel und Gelächter, als ich mir eine Riesenscheibe des selbstgeräucherten Schinkens absäbelte. Um den Tisch saßen Giganten aus dem Sienkiewicz-Roman ’Die Sintflut’. Wir konnten uns zwar nicht verständigen, aber mein Schinkenmassaker hatte mir ihre Sympathien erworben.
Ich übersiedelte in einen lettischen Bauernwagen, und nach einigen Stunden auf einer holprigen Nebenstraße kam ich gegen Mittag in Libau an. Ich hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, irgendwann und irgendwo anmustern zu können. Ich ging zuerst zum Hafen. Viel war nicht los. Ein kleiner holländischer Familienfrachter. Ein Schwede. Letten. Ich ging zur jüdischen Gemeinde. Ich wollte eine Fahrkarte nach Riga und etwas Reisegeld. Es war Freitagnachmittag und die Schabbesruhe wieder aktuell. »Wer sagt, daß ich am Schabbes reise?«, fragte ich. »Gebt mir das Fahrgeld und laßt den Rest meine Sache sein. Die Sünde komme auf mein Haupt!« Ich erhielt Reisegeld und einige Lat darüber hinaus.
In der Dunkelheit stieg ich in Riga aus und wußte wieder einmal nicht, wohin. »Unrasiert und fern der Heimat«, mußte ich denken, »aber diesmal mit umgekehrter Marschroute.« 1931 hatten mich die Esten in Narwa drei Tage eingelocht und dann bei Walk an die Grenze gesetzt. An einem rauhen Novembertag kam ich damals nach Riga, unrasiert in einem langen Wintermantel, den mir ein alter weißgardistischer Oberst in Jöhvi geschenkt hatte, und sehr fern der Heimat. Aber 1931 gab es noch ein Österreich und sein Konsulat. Am Abend saß ich im Schnellzug nach Warschau und stieg zwei Tage später am Wiener Ostbahnhof aus. Das war einmal. Hinter mir lag nicht nur die breite Düna, sondern eine verlorene Welt.
Wo übernachten? war die erste Frage. Ich war rechtschaffen müde und schläfrig. Ich trabte, um mich wach zu halten, einige Male die Marienstraße auf und nieder, bis mir um Mitternacht der Kragen platzte und ich einige junge Juden ansprach und ihnen mein jüdisches Schicksal klagte. Einer von ihnen nahm mich sofort mit nach Hause. Die Wohnung war zwar überbelegt, aber die Armen und besonders die armen Juden nehmen die Kubikmeter nicht so genau. Und wenn sie es tun, hilft es auch nicht. Ich bekam einen Eckplatz und schlief sofort weg. Am Morgen erkundigte ich mich nach den Verhältnissen. Mein junger Freund sagte, ich müsse mich an Dr. Dubin wenden. »Und der ist wer?« – »Ein großer Mann!« erklärte die Mutter schwärmerisch. »Sagen wir lieber ein langer Mann, so einsneunzig«, sagte der Sohn. Die Mutter, verzückt: »Er ist unser Oberrabbiner.« »Leider«, sagte der Sohn. »Und wo kann man ihn finden?« – »Auf der Kultusgemeinde.«
In Kretinga hatte ich meine religiöse Mutation als Witz betrachtet. Ab Skuodas nahm ich sie ernst. Hier zumindest gab es kein Heil außer dem mosaischen. Ich hatte keinen legalen Anspruch auf jüdische Hilfe, aber einen moralischen. In Wien ist man entweder Anti- oder Philosemit. Dazwischen gibt es nichts. Ich war nicht Philosemit, weil ich mit einer Jüdin verheiratet war, sondern umgekehrt. Ich war es schon vorher, und meine Heirat eine nahezu gesetzmäßige Konsequenz. Einer – heute so gut wie vergessen –, der mich in meiner reiferen Jugend stark beeinflußt hat, war K. E. Franzos, der ostjüdische Schriftsteller. Es folgten Werfel, Feuchtwanger, Egon Erwin Kisch, Karl Kraus, die beiden Zweig, Scholem Alejchem und andere. Ich war kein Jude, aber wir lagen auf der gleichen Wellenlänge. Gegen die SA schlug ich mich nicht nur für den Sowjetstern, sondern indirekt auch für die Juden. So war die Lage, als ich mich in Riga zur ’Schul’ begab.
So fremd es bei meiner projüdischen Einstellung auch anmuten mag, ich besuchte zum ersten Mal eine Synagoge, und sie entsprach ganz den Vorstellungen des Wieners, der jede lärmende und lebhafte Handlung als »Es ging zu wie in einem Judentempel« schildert. Es gab keine gemeinsame Andacht. Jeder tat, was er wollte. Einige beteten, einige sangen, einige lasen lautstark Abschnitte aus der Thora, die meisten standen überhaupt nur umher und unterhielten sich. Ich begriff schnell, warum man im Baltikum auch als Jude nicht zu jüdeln brauchte. Ein wilder Haufe stand in einer Ecke und sprach das breiteste Wienerisch nördlich der Donau. Der Gattung nach typische Prachtexemplare der Rabauken aus der Gegend des Wiener Pratersterns. Wir verstanden uns sofort. Sie klagten ihr Leid: »Riga? Das ist ein jüdisches KZ mit Dubin als Lagerführer. Hier regieren die Gesetzestafeln der 300 Verbote. Am Schabbes wird nicht geraucht. Schweinefleisch ist Sünde. Hier lebt man koscher. Hier gibt es trefe und milchen,« – »Und wo ist Dubin jetzt?« – »Im Ausland. Sammelt Geld. Soll Montag zurückkommen. Leider. Ohne ihn wäre die Welt schöner. Er hat seine eigene Gestapo. Spitzel, die ihm alles zutragen. Wie war es in Memel?« – »Die Nazis haben nichts geerbt. Die jüdischen Wohnungen und Läden sind Ruinen. Alles kaputt. Mit Äxten kleingeschlagen. Und dann ab nach Litauen. Nicht einer ist geblieben. Mich haben sie über die grüne Grenze gebracht, und da bin ich jetzt.«
Am Montag ging ich zum deutschen Konsulat. Amtlich war ich noch immer Reichsbürger und Waffenträger der Nation und besaß ein Recht auf einen Paß. Ich baute mich vor dem Schalter auf und fragte, ob es stimme, daß die österreichischen Pässe ungültig seien. Ja, das stimme. »Und wo bekomme ich einen deutschen?« – »Bei uns hier.« – »Na, das ist ja großartig.« Der Beamte war jung und unerfahren. Er blätterte meinen Paß durch und sagte erschüttert, er sehe keinen lettischen Einreisestempel. »Gibts auch nicht. Ich kam vor drei Tagen als blinder Passagier aus Göteborg. Man hat mich still und leise an Land gesetzt.« Er seufzte leicht auf. »Und nach Deutschland wollen Sie nicht?« – »Nee, zu viel Disziplin und Arbeitsfront, Liegt mir nicht. Wann bekomme ich den Paß?« – »Ja, in einer Woche. Wir müssen ja erst in Berlin anfragen.« – »In einer Woche?! Mann Gottes, da bin ich schon wieder weg.« – »Aber wir wissen nichts über Sie.« – »Wieso nicht? Fragen Sie Ingenieur Schreiner. Der kennt mich.«
Innerhalb von zwanzig Minuten kreuzte Schreiner, Österreichs ehemaliger Konsul, auf und gab mir einen bitterbösen Blick. Ob ich schon wieder da sei? »Wieso schon wieder? Sind sieben Jahre ’schon wieder’? Sogar acht, wenn ich mich recht erinnere.« Der Streit um den Paß nahm homerische Dimensionen an und dauerte eine halbe Stunde. Schließlich gab der Beamte nach. »Bringen Sie heute noch zwei Paßbilder und holen Sie morgen den Paß ab. Wir stellen Ihnen einen Paß für ein Jahr aus und dann müssen Sie zurück nach Deutschland.« Schreiner und ich durch die Tür ab. Auf der Straße fauchte er wütend: »Wären Sie doch in Memel geblieben.« – »Woher wissen Sie das?« – »Weil ich nicht so dumm wie die da drinnen bin.« »Herr Schreiner«, sagte ich ernst, »wir sitzen im gleichen Boot. Ihre Frau ist Jüdin. Meine Großmutter kannte sie und ihre Eltern, die Ullmanns. Als ich ihr 31 von Ihnen erzählte, sagte sie sofort, die Ullmann Lili habe einen Ingenieur aus Riga geheiratet. Deshalb ist mir damals Ihre Frau so bekannt vorgekommen. Sie kannte mich noch als Kind. So klein ist die Welt, was?«
Ich weiß nicht, was aus Schreiner und seiner Frau geworden ist. Er gab mir zwanzig Lat, als ich ihm sagte, daß ich nach Tallinn wolle. Als ich die Paßbilder brachte, wollte mich der Beamte aushorchen. Ich lobte den Führer über den grünen Klee. »Aber«, fügte ich hinzu, »was gut für hundert Millionen Deutsche ist, ist noch lange nicht gut für mich. Ich bin Individualist und Außenseiter.« – »Der Führer wird auch Sie überzeugen!« – »Bestimmt. Aber wir wollen es aufschieben. Um ein Jahr, nicht wahr?«
Vom Hakenkreuz ging ich zum Davidstern. Das Hilfskomitee lehnte mich glatt ab. Nur ein beschnittener Jude sei ein Jude. Ich sagte, meine Mutter sei Jüdin gewesen und mein Vater Halbjude, also Mischling ersten Grades, und beide ’emanzipiert’. »Desto schlechter für Sie«, meinte man. Aber nun griff das jüdische Proletariat aus der Moskauer Vorstadt ein. Die armen Juden kamen um ihr Passah-Eßpaket und verfolgten gespannt unsern Streit. Sie nahmen Stellung für mich und tobten so lange, bis das Komitee mit einer Unterstützung herausrückte. Sie waren schon lange sauer auf die großen Herren und Oberpriester und nahmen mich als Vorwand, wieder einmal aufzubegehren. Ich zog mit der Rotte Korah ab in die Moskauer Vorstadt, und bis zu meiner Abreise nach Tallinn lebte ich bei ihnen wie in Abrahams Schoß.
Am nächsten Tag gab es auf dem Konsulat erneuten Streit. Ich weigerte mich, die Paßgebühr von drei Reichsmark zu bezahlen. Der Beamte machte seufzend ein Kreuz und gab mir den Paß. Ich hatte ihn! Wohnort: Riga. Nicht Wien. Das machte mich zum Auslandsdeutschen, beinahe zu einem baltischen Baron. Über mir öffnete sich der Himmel des Paßbesitzers. Ich war wieder Mensch!
Auf, nach Tallinn! Mein strategisches Ziel war Kirkenes am Eismeer. Aber schon gegen Mitternacht holte mich an der lettischen Grenze die Polizei aus dem Tallinner Schnellzug. Ich war wieder in Walk. »In ihrem Paß steht als Wohnort Riga, und Sie haben weder Einreisestempel noch Ausreisegenehmigung. Wie erklären Sie das?«, fragte der Beamte. »Das ist ein funkelnagelneuer Paß«, sagte ich, »und da er in Riga ausgestellt ist, ist mein Wohnort natürlich Riga. Aber ich war nicht in Riga ansässig.« – »Und wo ist Ihr alter Paß?« – »Auf dem Konsulat.« »Und wo sind Sie eingereist?« – »In Libau. Als blinder Passagier.« Der Beamte seufzte und rief Riga an. Er erklärte den Fall und übergab mir den Hörer. Der Mann am anderen Ende sprach perfekt Deutsch. Ich spielte meine Platte ab. Der Beamte lachte und gab mir die Ausreise frei. Der Zug fuhr mit zwanzig Minuten Verspätung ab. Der estnische Grenzer lächelte und schlug, ohne den Paß auch nur anzusehen, den dreikantigen Stempel hinein. »Wenn dieser Paß nicht in Ordnung ist«, sagte er, »dann ist es keiner.«
Mein Sitznachbar, ein estnischer Zirkusartist, erzählte mir, daß durch den Zug das Gerücht gelaufen sei, man habe einen deutschen Spion verhaftet, und nebenbei, daß in Lettland ansässige Ausländer von der Steuerbehörde eine Ausreisegenehmigung haben müßten. Damit sie nicht auskneifen.
Am Morgen war ich in Tallinn. Fröstelnd stand ich mit meinem Miniköfferchen auf dem Bahnsteig. Das Gerücht im Zug hatte mir zu denken gegeben. Fünf Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war in den baltischen Staaten jeder Deutsche ein potentieller Spion des 3. Reiches.
Meine Lage hatte sich wieder verschlechtert, war aber immer noch besser als ein Jahr zuvor in Wien. Ich besaß eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Monate. Ich nutzte sie bis zum letzten Tag aus. Der Schatzmeister des Hilfskomitees und Besitzer eines großen Kleiderladens auf der Suur Karja, Eidelmann, schickte mich sofort weiter zum Oberrabbiner Berliner auf der Narwa Maantee, der sich als munterer und beleibter Herr erwies, ganz im Gegensatz zu seinem Amtsbruder in Riga. Er fragte mich, ob ich ’gemaalt’ sei, also beschnitten. »Das nicht, dafür aber tätowiert«, erwiderte ich und entblößte meinen linken Arm. Er lachte Tränen und sagte, er sei nur für Juden zuständig, doch ich sei ein Fall für Malkin, den reichsten Holzhändler Estlands.
Ich traf Malkin im 'Jüdischen Klub'. Er war ein großer schöner Mann, dem man nirgends den Juden angesehen hätte, und er nahm mich in ein Verhör, das mich von oben bis unten zerlegte. Zum Abschluß sagte er, daß ich zwar der unechteste Jude sei, den er in Tallinn habe, dafür aber der echteste Emigrant. Darauf tranken wir einen Wodka. Er sagte frei heraus, daß ihn meine Erzählung und das Zeugnis der Prager Kultusgemeinde überzeugt hätten, und setzte durch, daß ich auf die Unterstützungsliste kam.
Ich war nicht völlig mittellos; von Freunden in Holland erhielt ich ab und an Zuwendungen in Guldenscheinen, die als eiserne Reserve verstaut wurden. In Tallinn verdiente ich auch durch Gelegenheitsarbeit auf den Holzstapelplätzen einige Kronen.
Inzwischen war es meiner Frau geglückt, nach England zu emigrieren, und was sie über England schrieb, war auch nicht ermunternd. Der Antisemitismus war in England genauso gehässig wie in Deutschland, nur ohne Kristallnächte und Nürnberger Gesetze. Sie wurde angefeindet und beschimpft, ärger als im 3. Reich, da sie unbehelligt und legal emigriert war. Ihre Familie war zerstreut über die Erde als neue Diaspora. Meine Mutter verfolgte meinen Weg mit dem Finger auf der Landkarte und schrieb unter falschem Absender, daß den Wienern Anschluß und Nationalsozialismus zum Halse raushingen. Franz schrieb aus Berlin humoristisch wie immer. Er arbeitete in einer Motorradwerkstatt, und Josef schippte am Westwall gegen die Einkreisung Deutschlands. Wir schrieben uns in einer Geheimsprache von Holländisch und Wienerisch mit tschechischen Brocken als Würze. Wir spielten ein Verdreh- und Verwechselspiel am verlängerten Stammtisch, wo Smaragdsucher SS und Sauerampfer SA bedeutete.
In Estland fürchtete man sowohl die Russen als auch die Deutschen. Als im Frühjahr Eisensteins 'Alexander Newski' vor ausverkauften Häusern und unter gewaltigen antideutschen Kundgebungen lief, protestierte die deutsche Gesandtschaft, und der Film wurde vom Spielplan gestrichen.
Der erzwungene Müßiggang und das Gefühl nahezu perfekter Isolation fraßen an mir. Am Nachmittag mimte ich den unverwüstlichen Optimisten, nachts kippte ich um und stürzte ein wie ein Kartenhaus. Nirgendwo auf meinem Fluchtweg ist es mir von außen gesehen so gut gegangen wie in Tallinn, und nirgendwo habe ich mich elender gefühlt, nicht vor- und nicht nachher. Ich las eine Menge, wie gewöhnlich, spielte Schach, streifte umher im Kadriorg-Park und bis hinaus zum Pirita Kloster. Ich wohnte im Seemannsheim auf der Uus Sadama. Stundenlang saß ich auf einem Poller und sah hinaus auf den Hafen, hinter mir das graue Zollhäuschen – vermutlich aus der Zeit Peters des Großen –, wo mich die Polizei 1931 empfangen, meinen Paß gestempelt und mich weitergeschickt hatte, wohin ich nur wollte. Als ich 1977 anläßlich des Paul-Keres-Gedenkschachturniers in Gesellschaft von fünfhundert ziemlich angeheiterten Finnen Tallinn wiedersah, stand das Häuschen noch immer dort, genauso grau und verfallen wie vor 46 Jahren.
Im Mai besserte sich das Wetter, meine Stimmung stieg. Die Aufenthaltserlaubnis lief ab. Ich suchte nicht um Verlängerung nach. Ich war des sonst so herzigen Städtchens reichlich müde. Eidelmann und Malkin rüsteten mich aus: blaue Sommerjacke, graue Flanellhosen, Unterwäsche – dann setzte ich auf der 'SS Suomi' nach Helsinki über. Am Abend war ich wieder in Tallinn, bei Licht besehen mit einer neuen Aufenthaltserlaubnis für zwei Monate. Eidelmann winselte leise auf. Malkin lachte. Die Finnen hatten mich abgewiesen.
Seltsam sind die Wege des Herrn. Er liebt nicht die einfachen und gradlinigen. Verwickelt müssen sie sein, auf daß man ja seinen weisen Finger erkenne. Malkin und ich berieten, was zu tun sei. »Da hilft nur eine glatte Durchreise nach Schweden«, sagte ich. »Der einzige Hafen dort oben ist Luleå.« Malkin kaufte einen Fahrausweis Helsinki-Luleå, via Kerava-Lapua, damals zwei Namen, die mir nichts sagten, wenn ich auch Lapua von der Politik her im Ohr hatte. Und doch – siehe oben die Wege des Herrn! – erhielten sie Klang und Bedeutung für den Rest meines Lebens. Sie blitzten nicht sekundenlang auf, um wieder aus dem Gedächtnis zu verschwinden, sondern festigten sich zu den zwei Angelpunkten, die mich an Finnland banden. Kerava wurde zu meinem Umschlagplatz, durch den ich beim Zirkus 'Suomen Tivoli' und damit in Finnland Fuß faßte – und in Lapua diente ich als Kriegsfreiwilliger in der finnischen Armee. Ich habe jenen für mich so historischen Fahrausweis jahrelang mit mir umhergetragen – eine Art Fetisch oder Talisman –, bis er mir irgendwann einmal verlorenging.
Der Beginn meines erneuten Durchbruchversuches war nicht vielversprechend. An Deck der ’SS Suomi’ empfing mich der Zahlmeister mit abwehrender Gebärde. Er erklärte mir, die finnische Polizei habe ihm verboten, mich überhaupt an Bord zu lassen und noch mehr, mich mitzunehmen, denn man habe schon genug vagabundierende Seeleute und Strandläufer in Finnland. Ich hielt ihm den Fahrschein unter die Nase. »Durchreise, glatte reine Durchreise«, sagte ich. Er gab den Weg frei. Am Hafen stand ein junger Mann mit eisblauen Augen und der blauweißen Kokarde auf der Mütze und blickte mich sauer an. Es gab eine erneute Debatte, aber der Fahrausweis stach jede Karte. Der Beamte stempelte meinen Paß und sagte: »Wenn wir Sie morgen noch in Helsinki finden, fliegen Sie für ewige Zeiten aus Finnland hinaus.« »Ihr Wort in Gottes Ohr«, sagte ich. Ich hatte sowieso nicht die Absicht, in Finnland zu bleiben.
Ich traf den streng pflichtergebenen jungen Mann im Februar 40 wieder. In Lapua. Es war Leutnant Ari Kauhanen von der Staatspolizei. Der sich mir gegenüber immer korrekt und sogar freundschaftlich verhalten hat. Nach Beendigung des Finnischen Winterkriegs rettete er mich vor der Auslieferung.
Ich trat hinaus auf die Straße. Es war Dienstag, der 6. Juni 1939, und ich war im sechsten und letzten Land auf meiner Reise ohne Ziel.
(Originally published in Trajekt 1/1981)