Finnen und Karelier zwischen Ost und West

Translated by Andreas F. Kelletat
 
Mit der Nachfrage nach Pelzen aus Skandinavien sowie der Nutzung eines Seeweges nach Osten entlang der Nordküste des Finnischen Meerbusens werden die Finnen auf den Weg in die Geschichte gebracht. Im Zuge der ideologischen Auseinandersetzungen zwischen der ost- und weströmischen Kirche geraten die Åland-lnseln und der Südwesten Finnlands in den westlichen Herrschaftsbereich, der sich später bis in das Gebiet der Karelier vorschiebt. Karelien wird zwischen Ost und West geteilt. Der Osten des Landes wird zunächst Handelspartner, dann Verbündeter und schließlich Teil des Nowgoroder Reiches. Der Westen Finnlands gehört unter dem Dach eines lockeren mittelalterlichen Staatsverbandes zu Schweden, so daß dieser Teil Finnlands zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine eigene Provinz bzw. ein eigenes Land bildet. Um die Angelegenheiten Finnlands kümmern sich Finnen – der Adel, der Klerus und vor allem der mächtige Bischof von Turku. Gemeinsam gestalten diese Männer die Politik ihres Landes, treten für die Ziele der Finnen ein und verfolgen in den Beziehungen zu Schweden und Nowgorod eine die Interessen Finnlands wahrende Außenpolitik.

Im 16. Jahrhundert ändert sich die Stellung Finnlands. Schweden wird so etwas wie eine Großmacht. Gustav Wasa formt aus dem mittelalterlichen, schwachen und zersplitterten Schweden einen zusammenhängenden Nationalstaat. Die Wirtschaft dieses neuzeitlichen Schweden ist zentralisiert und staatlich gelenkt, seine protestantische Kirche eine dem König unterstellte Institution. Diese beiden Machtfaktoren, der ökonomische und der ideologische, schaffen die Voraussetzung für die aggressive schwedische Außenpolitik. Die Zerrüttung der Sonderstellung Finnlands datiert genau von jenem Zeitpunkt, als die Kirche ihre aus der Ära des Katholizismus herrührende Macht einbüßt. In Finnland hatte sich die Kirche um die regionalen, finnischen Belange gekümmert. Als die Kirche verstaatlicht wird – als sie dazu gebracht wird, mit ihrer Finanzkraft den Interessen des Schwedischen Reiches zu dienen und mit dem von ihr organisierten Bildungswesen staatstreue Geistliche zu produzieren sowie Beamte und Vögte auszubilden – da dient sie nicht länger den eigenen Bedürfnissen der Finnen.
Dank der schwedischen Expansionspolitik erweiterten sich die Aufgaben und damit die Bedeutung des finnischen Adels, er lernte das Einmaleins der Eigenständigkeit und Gewinnsucht. Gierig trachtete diese führende Gesellschaftsschicht nach fetten Pfründen, sie expandierte und entwickelte ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein. Die schwedisch-polnischen Streitereien um den rechten König und Glauben festigten noch einmal die Stellung des Adels, bis sich schließlich im Jahre 1596 die hart bedrängten Bauern zum Aufstand entschlossen, weil sie glaubten, daß ohnehin nichts mehr zu verlieren sei. Der Aufruhr betraf die Provinzen Österbotten und Savo. Die Bauern wurden behandelt, wie man es aus eroberten oder okkupierten Ländern kennt, sie wurden niedergestreckt und abgeschlachtet, auch noch, nachdem sie sich bereits in aller Form unterworfen hatten. Es war eine Mordsarbeit, Hunderte von besiegten Bauern umzubringen, aber das wurde mit Fleiß und Hingabe erledigt. Nachdem den Bauern vom finnischen Adel Genick und Willenskraft gebrochen waren, kam er selbst an die Reihe. Der König präsentierte ihm die Rechnung und strich in die eigene Tasche, was vom Bauernstand noch geblieben war.
Die Überbleibsel des finnischen Adels wurden zu einem servilen Diener der Großmacht, so wie es die Kirche schon war.
Der finnische Außenhandel hatte sich den Interessen des Reiches, also der schwedischen Wirtschaft, zu fügen. Finnland wurde eine Kolonie. Gleichberechtigt durfte sie Leben und Besitz für Schweden hergeben, das sich in Mitteleuropa um die reine und wahre Ideologie kümmerte. Die Macht und Bedeutung des Reiches waren bald so groß, daß die Finnen verstummten. Erst im 16. Jahrhundert wurde die im Verlauf von vierhundert Jahren entstandene Sonderstellung Finnlands nachhaltig zerschlagen. Dieses 16. Jahrhundert bedeutete für Finnland eine so gewaltige ununterbrochene Folge von Niederlagen, daß sich die Geschichtsschreibung anstrengen mußte, in ihm irgendwas Brauchbares zu entdecken, etwas Fortschrittliches, in die Zukunft Weisendes, irgendwas Positives. Man einigte sich auf die finnische Sprache, die damals zur Sprache der Kirche wurde bzw. zu jener Sprache, in der die Propaganda des Königs im Volk verbreitet wurde. Sie war das rechte Mittel für diesen Zweck, und letztlich taugte sie sogar, das Schweden jetzt unterworfene Land von der übrigen Welt zu isolieren.
Im Großen Nordischen Krieg (1700-1721) brach die schwedische Vormachtstellung zusammen. Weite Teile Finnlands wurden verwüstet, seine Bevölkerung dezimiert, aber im Blick auf die weitere Entwicklung erwies sich die Gründung der Stadt Petersburg an der Mündung der Newa als das bedeutendste Resultat des Krieges. Mit der Verlegung seiner Hauptstadt dort an den Rand der Ostsee verschob Zar Peter gewissermaßen den Schwerpunkt seines Reiches mehr nach Westen, nach Norden, zum Meer hin, näher an Europa und näher an Finnland. Rußland wurde Ostseeanrainer und zum Schutz der Seeverbindungen seiner neuen Hauptstadt wurden Ingermanland, Karelien und die Baltischen Länder dem Zarenreich angegliedert. Schweden reagierte auf die Niederlage, indem es einerseits die Verteidigungsbereitschaft des finnischen Gebiets verstärkte, andererseits durch den Versuch, in zwei weiteren Kriegen die entstandenen Verluste zu kompensieren – vergeblich. Diese Kriege zeigten nur, daß Schweden den militärischen Anforderungen nicht mehr gewachsen war.
Die offenkundige Schwäche Schwedens veranlaßte in Finnland eine kleine Offiziersgruppe, nach Wegen zu suchen, wie das Land aus den ständigen Kriegen herausgehalten werden könnte.
Auf das, was die Finnen selbst wünschten, dachten oder vorschlugen, kam es jedoch überhaupt nicht an, als zwischen dem außenpolitisch aggressiven Frankreich und Alexander I. jener Vertrag geschlossen wurde, der Finnland dem russischen Einflußbereich überließ. Rußland besetzte Finnland im Krieg von 1808/09 und verkündete zunächst, das Land würde Rußland einverleibt, änderte dann aber seine Absichten und machte aus dem Großfürstentum Finnland ein zum russischen Reich gehörendes, gesondertes Gebiet, in dem die bisherige Rechts- und Gesellschaftsordnung erhalten blieb, aber als Großfürst der russische Zar regierte. In der Praxis übernahm Rußland die Verantwortung für die Verteidigungs- und Außenpolitik seines Großfürstentums. Aus finnischer Perspektive gab es nur eine einzige außenpolitische Frage: die Beziehung des Landes zu Rußland und die möglichst optimale Ausnutzung dieser Beziehung. Dagegen hatte Rußland zunächst keine Einwände, im Gegenteil, es wünschte, daß Finnland ein mit seiner neuen politischen Stellung zufriedener Partner würde.
Finnland verfügte vom Beginn der Autonomiezeit an über einen eigenen Staatshaushalt, hinzu kam noch das Recht, eigene Zölle festzusetzen. Die Grenze zwischen Zarenreich und Großfürstentum war sowohl eine Staats- wie eine Zollgrenze. Auf seine Importe erhob Finnland Zölle, seine Exporte nach Rußland aber waren nahezu zollfrei. Auf dieser Konstellation beruhten die Erstarkung der finnischen Wirtschaft und die Anfänge der finnischen Industrialisierung. Um aus seiner neuen Lage den größtmöglichen Nutzen zu ziehen, versuchte Finnland von den Kursschwankungen der Währung seines großen Handelspartners unabhängig zu werden und ein eigenes Münzwesen zu bekommen. Das gelang 1865 mit der Einführung der Mark, der Silbermark. Während Rußland am Silberkurs festhielt, ging Finnland zum Goldkurs über, wodurch eine entscheidende Abkoppelung vom Wirtschaftsleben des Zarenreichs erreicht wurde.
Diese mit weitreichenden Konsequenzen verbundenen Vorteile konnte Finnland vor allem deswegen erlangen, weil sie nur Schritt für Schritt auf den Gang der Entwicklung gebracht wurden und weil Rußland den Finnland betreffenden Entscheidungen nur geringe Aufmerksamkeit schenkte; waren es doch Entscheidungen, die lediglich die praktische Ebene betrafen und an den rechtlichen Beziehungen zwischen Zarenreich und Großfürstentum nichts änderten. Aus der Perspektive Rußlands war am wichtigsten, daß der russische Staat, vertreten durch seinen Zaren, die größte Macht in Finnland hatte, nämlich das Recht, die Außenpolitik zu bestimmen und das Land zu verteidigen, d.h. in Finnland Truppen und Stützpunkte zu unterhalten. Dies wiederum befreite das Großfürstentum von eigenen Verteidigungsausgaben.
So wie der finnische Außenhandel in Rußland Rechte genoß, die Rußland in Finnland nicht hatte, so waren die Finnen auch in bezug auf die Staatsangehörigkeit besser gestellt als die Russen. Sie waren Untertanen des Großfürstentums Finnland, hatten aber sowohl im Zarenreich wie im Ausland alle Rechte eines russischen Staatsangehörigen. Im Gegensatz dazu waren die Russen in Finnland Ausländer und nahezu schutzlos. Zur Wahrung ihrer Interessen gab es weder eine Botschaft, noch eine konsularische Vertretung, noch einen Konsul. Finnland war ein Teil des russischen Machtgebiets, aber andererseits war das russische Zarenreich ein fremder Staat.
Gegensätzliche Interessen der beiden Länder wurden im Konfliktfall durch eine Person, den Zaren, ausgeglichen, und zwar dergestalt, daß Finnlands Ministerstaatssekretär dem an die finnischen Gesetze gebundenen Großfürsten von Finnland die finnischen Angelegenheiten vortrug, der sodann mit dem an die Interessen Rußlands (oder an das, was man gerade darunter verstand) gebundenen Zaren Einvernehmen herstellen mußte. Dieser Entscheidungsprozeß wurde dadurch erleichtert und erschwert, daß der Großfürst von Finnland und der Zar von Rußland ein und dieselbe Person waren. Diese Person mußte sich demnach mit sich selbst ins Einvernehmen setzen. In ihr widerstrebten einander die Absicht der Finnen, ihre Stellung zu stärken und zu verbessern, und das Interesse Rußlands, dieses Verhalten sowohl zu verstehen als auch sich ihm zu widersetzen. Die dem Zaren vergönnte Stellung war unmöglich, und diffizil war auch die Aufgabe des vortragenden Ministerstaatssekretärs.
In diesem rechtlichen Rahmen erhielt die Wirtschaft Finnlands die Möglichkeit, in das Gebiet des Zarenreichs zu expandieren, zu einer Zeit, als sich das Zarenreich selbst auf die Stärkung seiner Großmachtstellung sowie auf seine imperialistischen Bestrebungen konzentrierte. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dehnte sich Rußland ununterbrochen nach Süden und Osten aus. Das noch kaum industrialisierte, fast gänzlich agrarische Zarenreich verwandte seine Ressourcen für diese Erweiterung seines Gebietes und für den Unterhalt der in solch weitem Gebiet erforderlichen Streitkräfte. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel verlief hingegen äußerst langsam. So konnte die Industrie Finnlands auf den kaufkräftigen Märkten Rußlands in eine sehr günstige Position geraten. Finnland besorgte sich Kapital aus den westlichen Ländern, nutzte die eigenen Rohstoffe und billigen Arbeitskräfte, und aus dem ununterbrochen expandierenden Zarenreich, von dem Finnland auf bekannte Weise ein Teil war, wurde eine Kolonie der finnischen Industrie.
Auf diesem Absatzgebiet konkurrierte Finnland erfolgreich mit großen Industrienationen, mit England und Deutschland. Obwohl der Schiffs- und Maschinenbau in diesen beiden Großmächten äußerst weit entwickelt war, konnte Finnland auf diesem Sektor eine beachtliche Stellung erreichen. Finnlands Zellulose- und Papierindustrie verdankt ihre Entstehung in erster Linie der russischen Nachfrage. Man kann behaupten, daß es den Finnen glückte, ihre Interessen zu gut zu wahren. Die Reaktion blieb nicht aus. Nach entsprechenden Verhandlungen wurde 1885 ein Zolltarif festgesetzt, der die nach Rußland gerichteten finnischen Exporte einer Reihe von Beschränkungen unterwarf. Das zum Zarenreich gehörende Großfürstentum Finnland hatte seine Stellung auf einem Gebiet mißbraucht, von dem man es im vorhinein kaum erwartet hätte, auf dem Gebiet der Wirtschaft. So war das nicht geplant gewesen.
Finnland hatte sich selbst in eine ungünstigere Lage gebracht, als sie 1809 für das Großfürstentum konzipiert worden war.
Im Rahmen der Legalität und ohne Augenmaß hatte sich Finnland Vorteile erschlichen, es hatte sich aufs Spekulieren verlegt. Seine neue Stellung war zu gut, um Bestand zu haben.
Aus finnischer Perspektive aber war jeder Versuch, die Sonderrechte des Landes zu beschneiden, ein Anschlag auf seine Grundrechte.

 

Originally published/Erstveröffentlichung in: Trajekt 5/1985. Beiträge zur finnischen, finnlandschwedischen, lappischen, estnischen, lettischen und litauischen Literatur. Helsinki/Stuttgart: Otava/Klett-Cotta, S. 181-184