Der Fürst. Über Czesław Miłosz

Translated from Lithuanian and Polish by Claudia Sinnig

Wir können uns weder Willkommen noch Abschied sagen wir
                                                                    leben auf Archipelen
und dieses Wasser die Worte was sollen was sollen sie
                                                                                          Prinz1
Zbigniew Herbert: „Fortinbras‘ Klage“2

In Das, einem der letzten Bücher von Czesław Miłosz, das im Jahr 2000, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, erschien und als sein poetisches Testament bezeichnet werden kann, gesteht der Dichter eine Niederlage ein: „Ich wollte die Wahrheit sagen, / doch es gelang nicht.“ In dieser Aussage, scheint mir, liegt der springende Punkt von Miłoszs Poesie. Der vielen als Chronist des zwanzigsten Jahrhunderts geltende Lyriker zeugt in der Tat von einem der grundlegenden Fehlschläge des vergangenen Jahrhunderts – der Jagd nach der Wahrheit. Doch das ist einer jener Fehlschläge, die die Welt verändert haben, und insbesondere die Kunst: Wenn man nicht imstande ist, die Wahrheit zu sagen, dann kann man sie vielleicht beschreiben; und wenn man sie nicht beschreiben kann, dann kann man sie vielleicht erschaffen. Miłosz wurde zur Stimme seiner Epoche, weil es ihm gelang, sich der Wahrheit auf Umwegen zu nähern. Durch die Gratwanderung zwischen Philosophie und Fakten, zwischen Geschichte und persönlichen Erlebnissen, zwischen Physik und Metaphysik hat er tatsächlich Wahrheit, Geschichte und schließlich seine Biografie erschaffen. Da er aber bis zuletzt gegen Illusionen über die Welt wie über sich selbst kritisch blieb, grenzte er sich in dem erwähnten Buch rückhaltlos von der Biografie ab, indem er sie für erfunden erklärte. Worin also besteht die Hinterlassenschaft dieses kritischen und rebellischen Dichters? In den Ruinen des zwanzigsten Jahrhunderts? In den Fehlschlägen, die Wahrheit zu sagen und den Erfindungen, die sich fast über das gesamte Jahrhundert erstrecken?
Miłoszs Hinterlassenschaft ist ganz gewiss weit umfassender. Aber sie lässt sich nicht in ein paar Thesen pressen. Deshalb erkunde ich sie lieber an einem Gedicht, das wie seine gesamte Lyrik Momentaufnahme des Daseins und Selbstporträt zugleich ist.

VIPERA BERUS

Ich wollte die Wahrheit sagen,
doch es gelang nicht.
Beim Versuch zu beichten
konnte ich nichts bekennen.
An Psychoanalyse glaubte ich nicht,
da hätte ich erst recht gelogen.
So trage ich weiterhin die zusammengerollte Giftschlange der
Schuld in mir.
Und das ist für mich keineswegs Abstraktion.
Ich stehe im Torfmoor in Raudonka bei Jaszuny
und der Schwanz einer Giftschlange verschwindet gerade
hinter dem Moosbüschel
unter einer Zwergkiefer,
als ich den Abzug betätige
und eine Ladung Schrot aus der Berdan-Rifle feuere.
Bis heute weiß ich nicht, ob eines der Bleikügelchen
den ekligen weißen Bauch
oder das Zickzack auf dem Rücken der Vipera berus getroffen
hat.
Jedenfalls ist diese Schilderung einfacher
als geistige Abenteuer.3

Hier entrollt sich nach dem Prinzip des pars pro toto vor unseren Augen sowohl das ganze zwanzigste Jahrhundert als auch die Welt des Dichters, die nicht voneinander getrennt sind – der Dichter lebte mit den Schmerzen seiner Epoche und war ihre Stimme, wenngleich nur eine von vielen. Ein Mensch, für den die Wahrheit sein Leben lang wichtig gewesen ist, ein Dichter, der sein Leben lang einen Ausdruck für sie gesucht hat. Ein Mensch und Dichter von rebellischer Natur, der sich mit den Vorurteilen seiner Zeit nicht abfinden konnte, ja nicht einmal mit den Traditionen, der prometheisch seinen Weg suchte, ohne die großen europäischen (und amerikanischen) Dogmen des zwanzigsten Jahrhunderts anzuerkennen – konkret in diesem Gedicht: den Katholizismus und die Psychoanalyse, zwei Rezepte zur Erhaltung des seelischen Gleichgewichts. Aber Miłoszs Rebellion bestand weder in Zynismus noch in Atheismus; der Dichter wirkt eher wie ein Protagonist des Frühchristentums, der leidenschaftlich für die himmlische Liebe und das himmlische Licht kämpft, aber zugleich seinem heidnischen Erbe verbunden ist – seiner Liebe und Verehrung für die Natur, für das Leben. Die Schlange als Symbol der christlichen Schuld und die Schlangenjagd als Verbrechen gegen das heidnische Prinzip. Hier verschmelzen auf eine wohl nur für diesen Lyriker charakteristische Weise die Ebenen des Metaphysischen und des rauen, bisweilen sogar brutalen Alltäglichen. Und schließlich Miłoszs phänomenales Gedächtnis, das auch ein deutlich ethisches Gepräge hat – Schlangen und Bäume tragen Namen so wie Menschen; ihre Namen verleihen ihnen so wie im Mythos eine Existenz. Die Ortsnamen – Raudonka, Jaszuny4 – erinnern ein weiteres Mal an die litauischen Wurzeln des Dichters, an seine nicht erfundene Biografie. Das lyrische Subjekt ist sich nicht sicher, ob es die Schlange getroffen hat, aber das ist offenbar unwichtig: Der Lyriker bekannte einmal in einem Interview, dass für ihn das Bild das wichtigste ist. Also sind Bild und Gedächtnis – die Quellen des Schuldgefühls – zusammen auch Mittel der Erlösung; sie ermöglichen ihm, diese (echte oder angenommene oder metaphysische) Schuld zu bewältigen, indem er sich in einem Gedicht ausspricht.
So ist die gesamte Lyrik von Miłosz. In einem frühen Gedicht hatte er geschrieben, dass Poesie, die Menschen oder Völker nicht erlöst, verlogen ist. So war Miłosz wohl einer der letzten Künstler des Großfürstentums Litauen und einer der letzten Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts, der an die messianische Kraft des Wortes geglaubt hat.
Ist Miłosz nun ein Prophet gewesen, ein Messias des zwanzigsten Jahrhunderts? Seinem Freund Zbigniew Herbert hat er einmal gesagt: „Verstehst du, ich wollte und möchte dienen …“ Gewiss hat er damit einen Dienst im höheren Sinne gemeint, eine Berufung. Dafür hat er viel Mühe aufgewendet, und sein poetischer Dienst ist auch mit dem Nobelpreis honoriert worden. Und dennoch scheint Miłosz im Laufe der Jahre immer deutlicher das Illusorische seiner Mühen verstanden zu haben. Am besten illustriert dieses Verständnis vermutlich sein Gedicht „Geständnis“:

Auch ohne vollständig klar zu sehen
Wußte ich, was für diejenigen bleibt, die klein sind wie
ich:
Das Fest der kurzen Hoffnungen, die Versammlung der
Hochmütigen,
Das Turnier der Buckligen, die Literatur.5

Haben wir es hier tatsächlich mit einer weiteren Geschichte von einer zerstörten Illusion zu tun? Haben wir hier nicht nur einen weiteren literarischen Trick, die Spaltung oder Vervielfachung einer Persönlichkeit vor uns? Zbigniew Herbert hat sich über Miłosz noch strenger geäußert und erklärt, dass Miłosz wie der mythische Proteus Tausende von Gestalten hat, zu Metamorphosen (auch politischen) neigt, dass er ein gespaltener Mensch ohne klar umrissene nationale, metaphysische und moralische Existenz ist. Das grundlegende Problem von Miłosz, so Herbert, besteht in seinem „Mangel an Identitätsgefühl. Für diesen psychischen Defekt hat er einen Ausweg gefunden: Er hat sich zu einem Bürger des Großfürstentums Litauen oder der polnisch-litauischen Adelsrepublik erklärt. Das sieht schön aus, ist sehr vorteilhaft und entlässt ihn zugleich aus seinen Verpflichtungen gegenüber der Wirklichkeit.“
Nota bene, auf der Beziehung der beiden einst eng befreundeten Männer lag bereits ein Schatten, der ganz gewiss auch zu dem ohnehin kategorischen Ton von Herbert beitrug.
Ich zitiere hier nicht ohne Grund die harschen Worte des einen Dichters über den anderen. Dichter sind häufig erbarmungslos gegeneinander, das bezeugt auch Miłosz:

Und dennoch erträgt er neben sich keinen anderen Dichter,
den er verdächtigt besser zu sein als er selbst, und er neidet ihm jedes Lob.

Bereit ihn nicht nur zu töten, sondern ihn zu zerquetschen und vom Antlitz der Erde zu tilgen.6

Doch führe ich Zbigniew Herbert nicht an, um das Hervorbrechen von grausamen Naturgesetzen in der Dichtung zu demonstrieren. Eher um die Notwendigkeit und die Möglichkeiten eines intellektuellen Diskurses oder einer Interpretation aufzuzeigen. Die Welt ist nicht so, wie wir sie sehen, und sie war es auch für Miłosz nicht. Wenn wir Idole brauchen, dann bleibt uns nur der Zorn auf solche wie Herbert. Um die Wahrheit zu sagen, war sogar Miłosz erzürnt. Es ist aber weitaus interessanter und unvergleichlich wichtiger, einen von Widersprüchen zerrissenen Menschen kennenzulernen, als ein versteinerndes Idol anzubeten.
Miłosz hat von sich selbst gesagt, dass ein Dichter von Widersprüchen lebt. So gefällt er auch mir. Er war auf der Suche nach einem der wichtigsten Dinge – dem eigenen Wesen, der eigenen Identität. Ich stimme Herbert zu, dass es Miłosz an einem Identitätsgefühl gemangelt hat. Mir scheint, dass dieses Gefühl jedem Dichter fehlt, dass jeder Dichter zu seinen Odysseen aufbricht, um nach einem eigenen Ich zu suchen, dass er selbst bei der Rückkehr nach Ithaka nicht immer findet. Aber ich werde Herbert niemals darin zustimmen, dass Miłosz sich zu einem Bürger des Großfürstentums Litauen erklärt hat, um sich aus der Verantwortung zu ziehen.
Ich hatte Gelegenheiten, Czesław Miłosz persönlich kennenzulernen, ich habe ihn in seinem Haus in Berkeley besucht, wir haben uns einige Male in Kaunas und in seiner Heimat Šateniai [polnisch: Szetejnie] getroffen. Und stets hatte ich das Gefühl: ich habe einen leibhaftigen Bürger des Großfürstentums Litauen vor mir. Genauer, einen Fürsten. Ist es denn schließlich wichtig, von welchem Fürstentum?

1 Prinz: im polnischen Original „książę“ – Prinz oder Fürst; dagegen im Litauischen hier „kunigaikštis“ – Fürst (nicht, wie im Litauischen für Hamlet, „princas“); im litauischen Original des Essays hier ein Bezug zum Titel des Essays

2 Aus dem Polnischen von Karl Dedecius

3 Deutsch von Doreen Daume

4 Litauisch: Raudonė, Jašiūnai

5 Deutsch von Doreen Daume

6 „Sprawozdanie“ [Bericht]. In: Na brzegu rzeki [Am Flussufer], 1994. [Deutsch Claudia Sinnig]