Wenn also die Zeit gekommen ist, wo dem deutschen Schulmeister die herrliche Walpurgisnacht, der Ferienanfang, in den Gliedern zu spuken beginnt, und wo man, wie Jean Paul sagt, allerwegen die gebückte Creatur sich vom Boden aufrichten und den Himmel anlächeln sieht, dann wird dies öde Königsberg lebendig; es schüttelt den Stubenstaub von den Kleidern und wandert zur Villegiatur nach seinem samländischen Albano, seinem Aricia und Nemi. Zu Roß, zu Fuß, zu Wagen geht es Tag aus Tag ein durch das Steindammer Thor. Dort vor dem Thore liegt auf einem Ackerland an einer Allee der Humor Königsbergs begraben. Dort raufen auf dem Grabe Hippel’s muntere Ziegen das Gras aus, eine würdige Satyrgesellschaft auf der Gruft dieses schlafenden königsberger Faun. Hippel würde sich verwundern, sähe er diese Wanderzüge seiner nachgeborenen Mitbürger. Denn zu seiner Zeit wußte Königsberg weder, daß nur fünf Meilen entfernt ein reizender Strand läge, noch gab es damals überhaupt ostpreußische Badeörter. Nur der kurische Fischer in seinem Friesrock und in der blaurothen Kappe brachte den Stör und den Dorsch zu Markt, der Händler brachte den Bernstein und der Forstmann das Reh, den Hirsch und das Elennthier. Das ist also königsberger Cultur in aufsteigender Linie. Unsere Vorfahren zur Zeit Hippel’s, Kant’s und Hamann’s waren echte Pfahlbürger, Sie lebten eingepfercht in der düstern Hochmeisterstadt, und wenige kannten das mit der Stadtcultur steigende Bedürfniß eines Gegensatzes zu dem Leben in den Mauern, das Bedürfniß einer Sommerreise, eines Bades im Meere, eines Sommerhäuschens in der freien Natur. Ich weiß nicht, welch ein kühner Balboa es war, der im vorigen Jahrhundert die baltische Küste zuerst entdeckte und durch die Wälder Wege nach dem Meere bahnte. Kranz war das erste Bad, welches die Regierung anlegte — es ist noch heute eine Staatsrevenue, aber nicht zum Vortheil der Badegäste. Seitdem gibt es an der nördlichen Küste Samlands in einer Entfernung von vier Stunden, von dem Dorfe Rantau bis zu dem Leuchtthurm von Brüsterort kaum ein Stranddörfchen, das nicht Badegäste beherbergte.
Eine Wanderung in Sommertagen längs diesem Ufergürtel ist wie ein Spaziergang durch einen großen, lieblichen Garten. Der Charakter der Gegend ist ganz idyllische Anmuth, fast idyllischer als der von Rügens Küsten, auf denen der redselige Pastor Kosegarten seine „Jucunde“ dichtete. Die Natur thürmte hier weder Kreidefelsen noch Granitblöcke auf: sie bildete eine ihrer jüngsten Formationen, ein geschichtetes Sandufer und hier und da bizarr gestaltete Kegel von Thon und Ocker und zerrissene Vorberge, meist aber nur sanfte Uferabhänge von 80˗100 Fuß Höhe, welche zum Theil üppiger Pflanzenwuchs bedeckt. Dort blüht in malerischen Ranken die Winde, das gelbe Labkraut, die Erdbeere und die Brombeere, die stattliche Weidenrose (Epilobium) pflanzt dort ihre rothe Blütenpyramide auf, die Campanula wiegt ihre blauen Glocken im Seelüftchen und der bräutliche Rosmarin wuchert auf den Haidebergen. Wenn die Töchter der krystallenen Tiefe und die Erdentöchter Königsbergs aus dem Bade steigen, können sie die zarten Glieder auf dem weichen Sande gemächlich lagern und ungestört Kränze winden.
Das baltische Gestade ist von einer reizenden Harmlosigkeit und Verschwiegenheit, wie eine Schäferstunde. Die Wellen wiegen sich in dem melodischen Rhythmus fort und ziehen weiße Schäume ans Ufer, dann und wann schrillt eine flatternde Möve, der einzige Seevogel jener wenig belebten Küste, dann und wann wirft die Woge den Tang aus und mit ihm ein blitzendes Stück Bernstein, ein Geschenk für ein putzsüchtig Menschenkind; selten taucht der Seehund aus dem Wasser und sonnt sich auf einem Stein. Hier und da streicht ein Fischerkahn über die blaue See, die Netze auszuwerfen, und ein vorübersegelndes Schiff, ein Kauffahrer, der nach Riga oder Petersburg segelt, mit den Barbaren zu handeln, erscheint am fernsten Horizont, mit dunkeln Masten vorüberschwebend, gleich dem Nebelbilde eines fliegenden Holländers, von der Küste hinweggewiesen durch das warnende Wandelfeuer des Leuchtthurms von Brüsterort.
Niemand entzieht sich der stillen Poesie dieser baltischen Küstenoase. Wie das Kameel schmachtend nach dem Wasserbrunnen, so stürzt sich selbst der königsberger Gelehrte in die Blumen des samländischen Gestades, nachdem er ein unendlich langes Semester vor einem Dutzend Juristen Heineccius Antiquitäten, Edictum perpetuum, die Constitutionen und andere vortreffliche Sachen gelesen hat. Es ist ein ergreifender Anblick, einen Professor an den Busen der Natur stürzen zu sehen. Ich bekomme immer wieder ein menschlich Rühren über jene Osterscene im „Faust“, das Deutscheste, was Goethe geschrieben hat, wo der Professor Faust mit Wagner spazieren geht und mitten in der Gefühlsekstase der Naturberauschung ihm noch wie aus dem Kathedervortrage die professorlich stilisierten Worte entschlüpfen: „Aber die Sonne duldet kein Weißes.“ Der königsberger Wagner am samländischen Strande ist nicht mehr der Goethesche Famulus, denn erst nach vier Wochen Ferien sieht er sich an Wald und Feldern satt. Wie oft belauschte ich nicht den hochseligen Wagner als l’amore pensoso, bibel- oder pandektenvergessend an einem Rosmarinbusch niedergestreckt, die Augen träumerisch zu den Wölkchen erhoben, die er aus dem „Kosmos“ noch obenein mit Cirrus richtig zu bezeichnen vermag — ich weiß freilich nicht, ob ihm nicht dort oben manchmal die vier apokalyptischen Reiter in Rosa erschienen sind, oder die fünf Männer, Prachtausgaben vom Theodosianischen Codex in den Händen — aber ich sah es, wie er sich vollgetrunken hatte von des Lebens süßer Milch, Poesie, und hörte ihn vor sich hinträllern die Ode des Petrarca: Von Traum zu Traum, von Berg zu Berg führt mich die Liebe.
Doch steigen wir die weiße Uferdüne hinauf, setzen wir uns an dem Landweg; auf irgend einem Hünengrabe nieder (Kaporn nennen solches die Samländer), unter dem die Aschenurne eines der wilden Häuptlinge begraben liegt, welche Sie in der Chronik des Hartknoch von Passenheim leibhaftig abgebildet gesehen haben. Da wird sich die bunte Badewelt alsbald vorübertummeln, denn sobald die Nachmittagssonne scheint, kommt Alles in Bewegung, um „eine Partie zu machen“ in den Forst nach Warnicken, nach dem Leuchtthurm von Brüsterort, nach Wilhelmshorst und dem Hausenberg, nach Kram und den Katzengründen. Der Weg bedeckt sich bald mit Staubwolken — Wagen fahren hinter Wagen, selten eine städtische Equipage, denn das Fuhrwerk wird für das Bedürfniß des Augenblicks von dem Fischer und dem Ackerbauer gemiethet. Vier kleine Thiere unsaglicher Race, kaum für den Naturforscher bestimmbar, ziehen da einen sechsgesäßigen Leiterwagen von gleichfalls unsaglicher Einrichtung, auf dem zwölf oder zwanzig Badegäste in der heitersten Verwirrung Platz genommen haben. Hogarth würde es nicht verschmäht haben, eine solche samländische Landpartie darzustellen, oder eine Cavalcade von jungen Damen zu malen, welche hier die ersten verschämten Studien in der Emancipation machen, in dem sie ihren Strandklepper tummeln oder, von ihrem Cavalier am Zügel geführt, vorsichtig traben lassen. Ein zum Theil phantastisches Costüm erhöht den Reiz dieser Scene. Das Strandleben ist für den Königsberger zugleich sein Carneval, wo er urplötzlich die Lust verspürt, sich zu verwandeln. Die Garderobe wird mit Einem Schlag geändert. Frack, Atlasweste, Seidenkleid, Kastorhut bleibt im städtischen Schrank hängen. Die Familienmutter packt das abgetragene Zeug der Familie zusammen, denn „das ist gut genug fürs Land“. Ihrem besten Freunde, dem Rentier Goldmayer, den Sie noch vor acht Tagen in die Oper haben fahren sehen wie einen Marquis, begegnen Sie am Strande als einem ruinierten Mann wieder. Er trägt einen fallirten Comptoirrock und äußerst bankrotte Hosen, denn das ist gut genug fürs Land. Madame Goldmayer, welche Sie in der Kunstausstellung im blendenden Staate die Propyläen von Athen bewundern sahen und vor der lebendigen Griechenstaffage ausrufen hörten: „Welch ein munteres Völkchen, die Propyläen!“ — Madame Goldmayer, die alle durchreisenden Künstler in ihrem Salon versammelt, trägt am Strande einen schlichten braunen Kamelot und abgetragene Glacéhandschuhe; aber ihre interessante, schöne Tochter ist blaßroth gekleidet, und ein allerliebster Schäferhut mit flatternden Bändern sitzt keck auf ihrem Köpfchen. Die Alten maskirt die Oekonomie, die Jungen die Romantik. Der Commerzienrath wird zum Robinson, der Professor zum Diogenes, der junge Regierungsrath zum Rinaldo, der Gymnasialdirector zum schönen Schweizerbuben, der Pastor zum wilden Mann, einen ungenähten Rock auf dem Leibe und einen Baumast in der Hand, und Dichter und Maler lassen sich von weißen Händen Rosen um den Hut winden und blühende Haide.
Der fröhliche und gesunde Sinn der Königsberger wirft alles städtisch Förmliche ab inmitten der Natur. Nicht wie die großen Residenzen ist die königsberger Gesellschaft durch raffinirte Cultur verschroben. Was alle Fremden an unserer Stadt rühmen, offene Gastlichkeit, ein herzliches Entgegenkommen und die frischeste Familiarität, das ist der bleibende Charakter des königsberger Volkes. So hat auch das Leben in den samländischen Bädern überall denselben Charakter der urfrischen Natürlichkeit und der Familiarität. Fremde Elemente, Aristokratie, Ausländerei sind noch nicht hineingekommen. Das auf der entferntern kurischen Nehrung gelegene Kranz steht allein in dem Rufe einer steifen Gesellschaftlichkeit. In den samländischen Bädern bildet in der That Alles eine große Familie. Die Gäste kennen einander seit Jahren und finden sich als Bekannte in einer Gegend wieder, welche das Heimatliche mit dem Fremden angenehm verbindet. Der Einfluß einer reizenden Gegend, eines gemeinschaftlichen Vergnügens (denn Kranke gibt es dort fast gar nicht mehr) und eines erlösenden Naturlebens eint die Gesamtheit und verwischt selbst die politische Partei. Der samländische Badesommer ist ein großes königsberger und nur bürgerliches Familienfest. Die meisten Gäste sind aber auch Königsberger, denn nur eine kleine Zahl findet sich aus den Provinzialstädten ein. Freilich setzt sich auch die unausbleibliche Philisterei in den einzelnen Orten als sogenannter Stamm fest, in kleinen Familiengruppen, die ihre stereotypen Neigungen haben, was einen ergötzlichen Gegensatz zu dem Ganzen bildet. Es gibt auch Familien darunter, die als Eßkünstler berühmt sind und welche die Natur nur als das mit Blumen verzierte Tischtuch gebrauchen, auf dem sich der Kapaun mit Urbehagen verzehren läßt.
Begleiten Sie mich nun in den ersten und größten Badeort des nördlichen Samlandes, nach Neukuhren. Unter den Baderepubliken beansprucht diese die Hegemonie, weil einige Hundert Menschen darin zusammenkommen und die Menge überall auch die Macht ist. Die Lage dieses von Fischern und Ackerbauern bewohnten Dörfchens ist sehr schön. Es liegt hart auf dem Ufer, dessen malerische Partien hier beginnen, auf einem Berge, von dem man die immer schöne Aussicht auf das Meer und seine bewaldeten Gestade genießt. Die sogenannten Curhäuser, einfach und nicht ohne Geschmack gebaute zweistöckige Gastwohnungen, stehen in einem Garten unmittelbar auf dem Ufer, von dem eine kunstlose Treppe zur Badestelle hinunterführt. Der Badeapparat besteht dort in einer Reihe von strohernen Buden und in einem Badestrick, der etwa dreißig Fuß weit an Pfählen in die See geleitet ist. Der freie Gartenplatz zwischen den vier Curhäusern ist zu allen öffentlichen Vergnügungen bestimmt. Unter den samländischen Badeörtern ist gerade Neukuhren das Eldorado der jungen vergnügungssüchtigen Welt. Der königsberger Student, der Referendarius und der junge Kaufmann geben hier den Ton an, welcher immer einen Anstrich von familiärer Gemüthlichkeit, von burschikoser Ausgelassenheit und von flacher Aeußerlichkeit hat. Die jugendliche Gesellschaft erzeugt sich dort sogar eine specifische Localsprache und kuhrener Nationalgesänge, welche die Begeisterung aus einer Punschbowle geschöpft hat. In jeder Badesaison wird ein neues Gesellschaftslied zur Nationalhymne gestempelt, und man hört diese kuhrener Marseillaise bei jeder Gelegenheit, wo sich das junge Volk lustig macht. Man wählt übrigens einen Rath der Lustbarkeit, meist aus jungen Leuten, welche in den Künsten der Courtoisie bewandert sind. Diese Meister des Vergnügens sind die Götter der unauslöschlichen Heiterkeit und die Gesetzgeber der Freude, unter allen Gesetzgebern wol die glücklichsten. Sie beginnen ihr Amt damit, daß sie vor allen Dingen eine Musikbande, eine samländische Dorfkapelle, für die Badezeit miethen. Sie hat ihren Sitz unter einem wilden Birnbaum, wo sie Mittags das Andenken Mozart’s, Beethoven’s und Haydn’s auf höchst eindringliche Weise verherrlicht, Abends aber, sobald Hesperus über die See kommt und die Talglämpchen in den Bäumen glimmen, zum Tanz aufspielt. Regelmäßig tanzt dort die Jugend alle Abend unter dem Birnbaum auf der nackten Mutter Erde, in ländlicher Losgebundenheit, den Kornblumenkranz im Haar und die blühende Lust auf den Wangen — das naivste und frischeste Genrebild, das man sehen kann. Aber es gibt auch bisweilen ein vagabondirendes Theater, wobei das junge Publicum die Schauspieler durch Dazwischenspiel zu persifliren pflegt, eine Jongleurproduction, ein Feuerwerk eine Darstellung von lebenden Bildern, welche irgend ein junger königsberger Maler arrangirt. Dies muntere Völkchen hat auch seine genialen Anwandelungen.
In diesem Sommer besuchte Kiß den samländischen Strand. Er stellte eben die Reiterstatue Friedrich Wilhelm’s in Königsberg auf, Die Badewelt von Kuhren beschloß, den Meister der Amazone, den Heros der londoner Industrieausstellung auf das feierlichste zu empfangen und sogar zu krönen. Ein Lehrer eines Provinzialgymnasiums wurde also dazu gewonnen, in Anbetracht und in Erwägung seiner classischen Bildung, ein solennes Carmen zu verfassen. Der liebenswürdige Mann sperrte sich zwei Tage in sein Zimmer und citirte hinter den verschlossenen Laden Homer, Pindar und die Tragiker. Endlich erschien er am Tage des Empfangs, wie Mohammed aus der Höhle, und hatte sein Gedicht fix und fertig in der Hand, classische Distichen von schwerem Kaliber und für die Gelegenheit ganz wacker gedichtet. Der halbe Strand war auf den Platz von Kuhren geströmt, dieser Huldigung der Bildhauerkunst beizuwohnen. Unter der Vorhalle des Haupthauses saß die Damenwelt wie eine Cour d‘amour; hoch auf der capitolinischen Gasthaustreppe stand wartend der Festredner, im Begriff, seine Distichen spielen zu lassen, wenn der große Bildhauer erscheinen würde. Gegenüber stand auf einer andern Treppe die Musikbande mit erhobenen Fagotten, Trompeten und angesetzten Violinen, kaum noch zurückzuhalten, daß sie nicht in die Instrumente raste. So stand sich gegenüber eine ganze sprachlose Stunde lang unter dem blauen Himmel Poesie und Musik, die schwesterliche Bildhauerkunst erwartend. Selbst die Vögel saßen stumm und neugierig auf den Bäumen, die Lüfte schwierigen, das Meer lag in schauerlicher Erwartung, und die beiden jungen Mädchen, welche Lorbeerkranz und Carmen auf seidenen Kissen vor sich hielten, saßen da verschmachtend wie das heimliche Sehnen und die heimliche Liebe, von der Niemand nichts weiß. Auf einmal ein Posthorn hinter dem Garten – voransprengende Reiter mit Fahnen, das einholende Geleit, eine Equipage – Kiß! Die Musikbande fiel in die Instrumente wie grimme Leuen, die lange Hunger zwang, der Dichter schleuderte seine Distichen gegen den Wagen, Kiß, ein freundlicher alter Herr mit der weiblich-sanften Physiognomie Ole Bull’s stieg aus und neigte an der capitolinischen Treppe sein Haupt in Demuth. Der Dichter perorirte, die kranzspendende Leonore war verwirrt; sie fand nicht die Krönungsschädelstätte auf Kiß’ ehrwürdigem Haupte; aber sie half sich in einer verzweifelten Inspiration und hing ihm den Lorbeerkranz auf das Ohr, wie auf einen Nagel an der Wand. Tasso-Kiß lächelte, er schob den Kranz zurecht und sprach die große Phrase: „Nicht mir, dem Meister gebührt der Kranz.“ Er umarmte den Redner und theilte Rosen unter die Damen aus, die Musik jauchzte in die Trompeten, man ordnete einen Zug und führte den liebenswürdigen Meister im Triumphmarsch um den Gartenplatz.
Wir gehen nun durch das Dorf, vor dessen Häusern die Badegäste ihre Nomadenzelte aufgeschlagen haben. Am äußersten Ende steigt die Fahrstraße einen Hügel herunter in einen Hohlweg, hart am Meer, wo ein Geländer vor dem Absturz sichert. Von der Landseite zu hängen über den Weg grüne Berge mit schwankenden Birken und schäferlichen Buchen. Dort oben auf dem Ufer steht ein Bänkchen, das eben nur Raum hat für einen samländischen Romeo und seine Julia. Wenn der Mond durch die Birken scheint, finden Sie dort stets irgend ein hold verschlungenes Liebespaar die älteste Scene aus der Weltgeschichte wiederholen, welche jeder Maler einmal gemalt und jeder Dichter einmal besungen hat. Setzen wir uns auf dieses Bänkchen. Die Sonne ist eben ins Meer gesunken, Wasser und Küste hat sich in Violett getaucht und die Welle blinkt verstohlen durch die Uferbirken. Wollen Sie sentimental werden? Dies ist der rechte Ort und die rechte Stunde. Sehen Sie, dort drüben liegt Lappland. Die schöne Velkog, die weiße Lilie des Schnees, und der schwärzliche Anund sitzen eben am Feuer, wo der Thrankessel kocht, und die Liebe und die Flamme scheinen auf ihren Gesichtern wieder. Wissen Sie, warum ich an Lappland denke? Als ich im vorigen Jahr hier am Strande saß und über das Meer nach Norwegen hinüberdachte, brachte mir der Postbote just einen Brief. Er kam aus Lappland nach dem Samland, aus Likselö unter dem Polarkreise; es hatte ihn mir nicht die schöne Velkog geschrieben, die weiße Schneelilie, sondern ein naturforschender Freund. Er saß dort auf einem Granitblock und schrieb, während betrunkene Lappen um ihn her lagen und eine herzerquickende Hymne auf den rumspendenden Gastfreund quäkten. Seitdem fiel mir am Baltischen Meer unzählige mal, Heine’s Vers ein:
In Lappland sind schmuzige Leute,
Plattköpfig, breitmäulig und klein
Sie kauern ums Peuer und backen
Sich Fische und quäken und schrein.
Heine wird man nicht los, so oft man in das abendliche Meer sieht. Er hat eine wahrhafte Meerseele, — wie eine krystallhelle Sirene und wieder wie ein unfläthiger Seehund. Doch der Mond glänzt schon im Walde drüben. Sagen wir dem Plätzchen und dem Meer Lebewohl und wandern wir durch den Thau der Nacht, vorbei an den Hünengräbern, in den dunkeln Buchenwald hinein, längs des Wildbachs, der durch Gestrüpp sich seinen Weg bahnt. Der Glühwurm flimmt in den Büschen — sparsam legt ihn hier die Natur wie ein köstliches Juwel für den beglückten Finder in das Gras, daß man am Seltenen stillstehe und das Herz erlabe. Am Himmel schießen die Sternschnuppen. Sie müssen wissen, heute ist Sanct-Laurentiustag und da fallen die Sterne. Des Morgens findet sie der Fischer am Strand als Meerquallen; denn die hält er für geschneuzte Sterne. Das Käuzlein schreit und der Mond versteckt sich hinter den Wolken. Ich will Sie in dieser träumerischen Stille mit einem Lied von Lenau unterhalten; wenn ich in solcher Nacht umherschweife, muß ich oft an ihn und Meidling denken, wo sie ihn nun begraben haben. Es hat Keiner vor ihm so seelentief gesungen von der unergründlich schönen Nacht und dem Mondlicht auf der Haide. Doch still! Ein Lied schallt aus der Ferne. Ein samländischer Hirtenjunge singt auf den Bergen: „Morgenroth, Morgenroth, leuchtest mir zum frühen Tod.“ Das Lied ist das allgemeine Volkslied der samländischen Jugend. Die Kinder lernen es in den Schulen und gleich einem Vogel hat es sich in diesen Bergen eingenistet, welche es wie die idyllische Hirtennatur von Schwaben anheimeln. Ich habe mich oft auf diesen Bergen und in diesem Thalgrunde, wo die Heerden weiden, zu den Hirtenkindern hingelagert und einen Gesang von ihnen erbeten oder erkauft. Ich wollte mir ein paar samländische Volkslieder erlauschen, aber jedesmal hörte ich mit heller Kehle anheben: „Morgenroth, Morgenroth, leuchtest mir zum frühen Tod; bald wird die Trompete blasen, muß ich gleich mein Leben lassen, ich und mancher Kamerad.“ Diese Liederarmuth hat etwas Rührendes. Dank sei Hauff, daß er mit diesem ergreifenden Gesang auch unser Land beschenkt hat.
Im Wald wird es nicht mehr geheuer. Der gespenstige Moud zieht die weißen kalten Nebel auf, in denen die Kobolde tänzeln, und ganz umsponnen hat er sich schon mit einem Leichenschleier. Es ist kalt, gewinnen wir das freie Feld und das heimische Dörfchen.
Ich mache jetzt von der Gewalt Gebrauch, welche dem Dichter über alle Gestirne verliehen ist, und lasse es Morgen werden. Der Sonnenball steigt aus dem Meer - - - Licht, Luft und Lerchenjubel! Wir aber stehen wieder auf der Landstraße. Der Blick über die strahlende Meeresfläche, über das gelbe Ufer mit seinen schwarzen, umgestürzten Fischerkähnen, über die Haideberge und auf den dunkeln Forst im Hintergrunde ist sehr schön. Vor uns liegt ein Dörfchen, dessen Hütten schon rauchen. Es heißt Lapöhnen. Seit Jahren hat es seinen stehenden Charakter. Dort wohnen meistens nur die Stillen im Lande, die königsberger Pietisten, die Nachzügler des Zacharias Werner und des Pastors Mayer, welcher einst in einem weißen Laken mit Katzenschwänzchen gen Himmel fuhr, Bibeln verschlang, um sich visionär zu machen, und mit Pistolen von der Kanzel schoß. Es gibt eine Ironie in allen Dingen, die, meine ich, welche die Dinge ihrem Begriff gemäß zu localisiren pflegt. Die stille Gesellschaft trieb der Instinct in dies Dörfchen, welches allein unter den Dörfern dieser Küstenstrecke eine öde Umgebung hat. Doch der Blick über das Meer ist schön und weit, wie der in das himmlische Jenseits. Am Eingange von Lapöhnen sitzt zu jeder Tageszeit ein geisteskranker Bursche mit blonden Haaren und vertrübten Augen, am Zaun zusammengekauert, die Sphinx vor diesem Theben. Er streckt seine Hände aus und stammelt weinerlich: Einen Groschen! Einen Groschen! Geben wir dem armen Besessenen einen Groschen und gehen wir vorüber. Dort oben auf dem Berge steht schon der Prediger im langen schwarzen Rock, wie ein langer schwarzer Erzengel mit Flügeln der Morgenröthe an den Schultern, und spricht sein Halleluja zur Sonne, welche da still stehen blieb im Thal von Gibeon, da der Herr dem Josua in die Hand gab die Philister, die Kinder Ammon und die Kinder Moab. Und hinter uns ruft es: Einen Groschen, einen Groschen! aber vor uns her jubilirt die Lerche, das Meer wiegt sich in Wonne, die wilde Malve duftet, und drüben, nur tausend Schritte weit, rauchen gastlich die Schornsteine meines mir heimisch gewordenen Dörfchens. Kommen Sie zu trefflichen Menschen und freundlichen Gesichtern und zu einem saubern Frühstück, welches im bekränzten Zelt servirt ist und so gastlich gespendet wird, wie der braune Mokkatrank im Zelt des Arabers.
Das kleine Fischordorf, das mich so manchen Sommer beherbergt hat, heißt Sassau. Es ist das kleinste der ganzen Gegend, aber in überaus anmuthiger Umgebung und der Sitz weniger Familien, welche Natur und ein zurückgezogenes, heiteres Leben lieben. Das bescheidene Dörfchen ist der angenehmste Fanilienaufenthalt im Samlande. Zwölf Fischerhäuser und Bauerngehöfte stehen da im Kreise auf einem Hügelgelände, zum Theil in Gärten, wo der sauere Apfel und die sauere Kirsche reift. Mitten innen liegt ein Teich, eine trübe Lache — es ist ein komisches Bild von concentrischen Gruppirungen. Auf dem Teiche schwimmen die Gänse, un den Teich liegen die Schweine, welche der Dörfler au Pflöcke gebunden hat, um die Schweine her spielen die Kinder, dann folgt der Kranz von Hütten mit ländlicher und städtisch-ländlicher Staffage. Die Gegensätze zwischen dem culturlosen Menschen in seinen ältesten und rohesten Beschäftigungen und dem Menschen der Gegenwart und ihrer kosmischen Gedanken sind ergötzlich schneidend.
Sehen Sie, dert unter den Bäumen sitzt ein junges Mädchen mit schönen braunen Augen, den „Hyperion“ ‚oder die „Consuelo“ in der Hand, zwei Schritte von ihr wälzt sich das borstige Schwein, und frank und frei straft das Fischerweib den zweijährigen Jungen ab, der nichts am Leibe hat als ein entsetzlich schwarzes Hemd; eine Gänsemarjell (Marjell ist ein mundartliches Wort und heißt kleines Mädchen) jagt die schnatternden Gänse auf die Weide, eine Ruthe in der Hand; dort sprengt halbnackt ein sechsjähriger Roßjunge, ein wahrer Csikos, im sausenden Galopp durch das Dorf nach dem Roßgarten. Vor der Thüre jenes Häuschens, das unmittelbar ans Kornfeld stößt und worin der Philosoph Karl Rosenkranz wohnt, ist eine quäkende Fischerfamilie um das misriechende Fischfaß beschäftigt, die Dorsche auszuweiden. Dort drüben sehen Sie eine andere höchst lebhafte Gruppe. Die Bauern sind auf dem Gehöft des Schulzen versammelt. Dort schüttet man aus Körben unglaublich große Bernsteinmassen, die aus den Strandgruben heraufgebracht sind, in Wasserzuber und wäscht sie von der Erde rein. Der Bernsteinjude, unter den blondhaarigen Fischern Samlands ein doppelt auffallender Fremdling mit seinem schwarzen Bart, mit den scharfen Zügen des Orients, den furchtsam vigilanten Augen und den beweglichen Händen, steht an der Bütte und wacht über den Wäscher, daß er nicht ein köstliches Stück beiseite bringe. So steht in Brasilien am Cujaba der Wächter auch und paßt mit denselben furchtsamen Augen auf den Negersklaven, der aus der Dammerde die Diamanten aufwühlt und in dem Korbe wäscht. Einst trieben hier, wie man sagt, die Phönizier den Bernsteinhandel, jetzt treiben ihn ihre Verwandten, die Kinder Israel — das Geschäft blieb in der Familie. Der blinkende Bernstein hat etwas ungemein Anlockendes, und wie sollte er es nicht für den märchenhaften Sinn der Orientalen haben, welche sich so gern mit Dem schmücken, was das geheimnißvolle Meer spendet, mit der Perle Arabiens, mit der Muschel von Ceylon, der Koralle von Hindostan und der Bernsteinschnur vom Samland. Eben hebt der Wäscher ein funkelndes Stück Bernstein aus dem Zuber, es ist vom reinsten Blaßgelb, köstlich an Werth, groß wie eine Mannsfaust. Ich möchte es haben, einer schönen Freundin es zu schenken; aber es kostet ein paar Hundert Thaler. Die schlanke Zuleika, die Favoritodaliske des Omer-Pascha, wird es über’s Jahr als Toilettenkästchen neben sich stellen, gefüllt mit dem persischen Rosenölfläschchen, wenn sie unter den Teerebinthen von Damaskus liegt, die Mandoline im Schoos, und mit verliebten Augen einen Blumenstrauß entziffert. Der Phönizier schmunzelt und schließt das Stück schnell in den Kasten, zieht den Schlüssel ab und steckt ihn sorgsam in seine schmuzige Tasche. Man muß wissen, daß der Bernsteingewinn nicht mehr wie früher durch den Staat betrieben wird, sondern daß die einzelnen Dorfschaften jetzt das Recht haben, auf ihrem Territorium gegen eine Pachtabgabe den Bernstein zu fischen oder zu graben. Zu diesem Zweck machen sie mit dem Händler einen Pact.
Die Gesamtsumme des gelösten Geldes vertheilen unter sich die Bauern nach dem Maß der Arbeit. Im Durchschnitt gewinnt jeder aus der Bernsteingrube einen Ertrag von 100 Thalern; dazu kommt noch der Gewinn der Bernsteinlese aus dem Tang und der Bernsteinfischerei mit dem Schöpfnetze.
Begleiten Sie mich zu den sassauer Bernsteingruben (natürlich sind sie nicht die einzigen der Küste). Der Weg führt durch ein anumuthiges Thal, welches nach der Landseite zu malerische Bergpartien abschließen, über einen: Bach, die weißen Sauddünen hinauf. Wir halten hier an und blicken auf ein seltsames Schauspiel hinunter, auf ein offenes Bergwerk hart am Meer. Das Sandufer ist vom obersten Rande senkrecht 100 Fuß hoch abgegraben. Die steile weiße Wand flimmert wie eine polirte Marmorfläche, mit gelben, schwarzen, schneeweißen, rotlıbraunen Adern und Schichten — unten ein Gewühl von Arbeitern, von Männern, Weibern und Kindern. Ein Theil gräbt noch in die Tiefe, um auf die schwarze Bernsteinerde zu kommen; Andere karren den ausgegrabenen Sand, in langen Reihen hintereinander, auf dem Bretterstege bis ans Meer, wo die Karren umgestürzt werden und die ausgeworfene Erde: bereits einen hohen Wall gebildet hat, welcher gegen das Andrängen der Nordflut schützt. Der Aufseher sitzt vor seiner Strohbude. Die Gruppen geben ein höchst malerisches Bild, zu welchem Himmel, Düne und Meer den Rahmen bilden. Die rothen Kopftücher der Weiber, die weißen Hemdärmel, der blaue oder grüne Wollenrock bringen bunte Farben in dies Gemälde, und in manchem herculischen Fischer mit seinen nackten muskulösen Armen, die knarrende Karre schiebend oder den Spaten einsetzend, möchten Sie einen Masaniello des Nordens erblicken. Wenn die Vesperstunde kommt (das Avemariaglöckchen hört man freilich nicht) und sich die Gruppen lagern, gibt das pittoreske Bild, von oben beschaut, einen gar schönen Anblick. Sehen Sie, dort weiterhin ist das Strandbergwerk bereits vollendet und der Bernstein wird schon aus dem Humus gegraben oder vielmehr gestochen; vorsichtig setzt der Gräber seinen langen Spaten ein, dessen Eisen nur einen Zoll breit und etwa sechs Zoll lang ist; er durchsticht langsam die Erde, um den Stein abzulösen, der freilich oft genug zerstoßen wird.
Das bunte Leben scheint sich heute an dieser Stelle zu concentriren; dort weiterhin kämpfen eben Fischer mit der Brandung, ihre mit vollen Netzen beladenen Kähne ans Ufer zu bringen. Sie haben Flundern und Dorsche, den gewöhnlichen Fisch jener Küste, gefangen, auch wol einige Störe und wenige Butten. Die Kähne werden an den Strand gezogen und die Fische zum Theil auf der Stelle ausgeweidet, wobei die fernwitternde Krähe mit Geschrei herbeigeflogen kommt, die Fischeingeweide vom Sande aufzulesen.
Von dieser Uferstelle betrachtete ich am 28. Juli 1851 das großartigste Schauspiel, das ich in meinem Leben sah. Ich war mit einer kleinen Gesellschaft die Düne hinaufgestiegen. So weit das Auge reichte, sahen wir die Ufer und den über das Land ragenden Karlsberg bereits mit einem Menschengewühl bedeckt. Das waren Sonnenanbeter, welche zu diesem Meer pilgerten, die Broschüre des Dr. Busch, des Directors der königsberger Sternwarte, in der Hand und das gebräunte Glas und die Uhr in Bereitschaft. Wir setzten uns auf die höchsten Ufervorsprünge; — die Damen fragten nach dem Mond, wo er denn eigentlich stehe, nach dem Mondschatten, der direct über See von Schweden kommen und wie er denn aussehen werde, wie ein Nebel, oder wie ein Geist, oder wie die leibhaftige ägyptische Finsterniß. Ich setzte neben mich zwei blonde Fischerkinder und einen schwarzen Hund, um an Kind und Hund die Wirkung der Sonnenfinsternis zu betrachten. Die Kinder lachten und der Hund bellte, das war die Wirkung auf die drei unschuldigen Gemüther. Endlich schob der Mond seinen äußersten Rand gegen die Sonnenscheibe; die Spannung stieg von Minute zu Minute. Die Physiognomie des Himmels, der See und des Landes verwandelte sich seltsam. Das Meer verschleierte sich in einen grauen Duft, Düne und Uferstrand erstarben allgemach in einem geisterhaften Schein, indem die Büsche und Figuren lange Schatten warfen. Das Land mit seinen Hügeln, seinen Dörfern und Thälern tauchte sich in ein immer matter werdendes Übergangslicht, in einen Dämmer, etwa wie Wintersonnenschein und gespenstiger Mond. Die Natur bekam Kirchhofsgedanken und die fahlen Menschengesichter auch. Ich warf einen Blick in die Berusteinwerke hinunter. Diese Sklaven der Frohnarbeit karrten noch ihre schrillenden Karren, aber sie glichen nun den Arbeitern aus Dante’s Hölle, die im bleichen Dämmerschein ihre Lasten vor sich her wälzen. Plötzlich ein Ach! aus Aller Munde und das Schluchzen einer Dame. Der Mondschatten bedeckte uns, der blaue Himmel wurde Nacht, und rings über der See und dem Lande entglomm der Horizont in einem schwülen Feuerdampf. Die schwarze Mondscheibe hing am Himmel, eingefaßt von einem magischen Strahlenschein, von Flammenbüscheln, welche aus der bedeckten Sonne stiegen, eine wunderbare Weltkugel, ein unbeschreibliches Phänomen, ein durch die Himmel schwebender Gott, der sein Haupt verhüllt hat und in die Finsterniß weint. Aber tröstend blitzt das Sternlein auf, ein blaues helles Licht neben dem düstern Mond, Venus, der Stern der Liebe, herbeigelockt von der Nacht und dem bangen Menschengemüth, l’amor che muove’l sole e l'altre stelle. Dort auch erwachen Kastor und Pollux, die beiden Zwillingsbrüder, und nordwärts steigt herauf Merkur, der lichtverkündende Bote, und südwärts selbst kommt der alte rettende Gott Jupiter allgemach heraufstrahlend.
„Wie still und weit sind diese Welten!“
Es ist, als stände man im Hades und als müßte man den Lucifer sehen, wie er den Kain durch die unermeßlichen Räume führt. Solche dämonische Pracht und solche schauerlich schöne Stimmung der Natur wiederzugeben vermag nur, wer selbst den Hades sah, Aeschylus, Dante und Byron. Es gibt große Menschengemüther, in denen das Universum sich so abspiegelt, Himmel, Erde, die verfinsterte Sonne und die herabtröstenden Sterne, grauenhaft und doch so schön beleuchtet. — Ein strahlender, siegender, triumphierender Sonnenblick — und die Magie war verschwunden. Das Selbstbewußtsein und die Kritik gingen wieder auf. Wir stiegen die Düne herab ins Dorf. Ein Fischerweib erzählte uns voll Angst, daß sie geglaubt habe, der Jüngste Tag und der Antichrist sei gekommen, und daß die Gänse schreiend vom Felde und die Vögel gegen die Fenster geflogen wären. Stumm zerstreute sich die Gesellschaft.
Eines Tages machte ich mit meinen Freunden einen Spaziergang ins Land hinein. Wir gingen auf dem sandigen Fahrwege zwischen Kornfeldern nach einer kleinen Dorfhaide (Palwe). Ein wunderliches Etwas hart am Wege zog unsere Aufmerksamkeit auf sich; es war ein mit Weidengeflecht nach Gärtnerweise bestecktes Rasenstück. Auf ihm lagen Papiere und aufgeschlagene vergilbte Bücher, ein sonderbares Lesepult irgend eines Philosophen der Landstraße. An einem Stab hing eine hölzerne Büchse und darüber ein Placat. Wir lasen: „Hochgeehrte Reichsgrafen, Grafen und Barone, hochgeehrte Herren, ach! wie schrecklich war es doch, als die Christen mit Pech und Stroh bewickelt in den Gärten des Nero brannten; was haben sie da für Pein ausgestanden! Gehen Sie nicht vorüber, schenken Sie mir ein Buch.“ — Fürwahr, das ist seltsam. Das ist der arme Thoms, der studirt hinter dem Busch Kirchengeschichte oder Gutzkow’s „Nero“. Es war Niemand zu sehen. Vielleicht schlief der Thales Samlands in einem Graben und ließ derweilen die grauen Erdmännchen weiter studieren und den Wind die Bücher umblättern, die ja auch Wind sind. Ich nahm einige Bücher von diesem echt philosophischen Studirpult aus Sand und Gras unter dem lieben Himmel und der warmen Sonne (so ein Pult wäre sehr zu empfehlen den 'Transscendenzphilosophen) — eine alte Beschreibung von Italien, großväterlich erworben, Blanc’s „Wissenswürdigstes“, eine Geschichte der Märtyrer, Aufsätze über religiöse Fragen. Endlich entdeckten wir den armen Leseteufel. Ein schüchterner flachshaariger Junge in schlechten Kleidern, etwa vierzehnjährig, kam hervor. „Was soll dies? Wer bist du?“ Schluchzen war die Antwort. „Wer bist du, Kind, und was soll dies bedeuten?“ — „Ich heiße Klaus — ich bin aus dem Dorfe drüben und mein Vater ist ein armer Schneider — ich möchte was lernen — aber ich hab’ kein Buch.“ „Was möchtest du denn in der Welt werden?“ — „Schulmeister, Herr!“ — O Schulmeister, das Ideal dieser armen, wissenshungrigen Proletarierseele! Der arme Klaus war vernünftig; was wie Überspanntheit aussah, war nur die Qual des dunkeln Triebes und seine Katechismus- und Religionsüberfütterung in i der Schule, das Einzige, womit man die Köpfe der armen Jungen zu füllen pflegt, — „Wo bist du in der Schule gewesen?“ — „In Sanct-l.orenz, Herr, beim Schulmeister, und der Herr Pfarrer hat mich confirmirt — ich war schon fürs Seminar notirt, aber sie haben mich nicht hingebracht.“ — „Was willst du für ein Buch haben?“ — „Die Bibel!“ — „Guter Klaus, die Bibel taugt nichts für dich, die hat dir schon den Kopf verdreht; wir werden dir andere Bücher schenken, woraus du etwas lernen sollst. Komm morgen zu uns, wir werden dir zu helfen suchen.“ — Wir gingen nach Sanct-Lorenz in das Haus des Schulmeisters. Der alte Mann saß mitten in seiner Stube am Tische und schrieb auf das Papier gebückt und mit großer Emsigkeit und feierlichem Amtsgesicht. Wir fragten ihn nach Klaus. „Ja“, sagte er, „er ist ein guter Junge und sehr fleißig, aber dieser Junge ist kein tiefer Denker. Er wäre auch Schulmeister geworden, doch Sie wissen, ein Schulmeister muß musikalisch sein und sein Lied zu singen wissen. Nun aber kann der Junge, der Klaus, keinen Ton herausbringen. Ich habe ihn ein wenig auf die Gärtnerei einstudirt.“ — Dieselbe Auskunft gab uns der Pfarrer von Sanct-Lorenz. Also, armer Klaus, dein Loos ward geworfen; weil du kein tiefer Denker, nicht musikalisch bist, kannst du nicht Schulmeister mit zwanzig Thalern Gehalt fürs Jahr werden, sondern sollst ein lebenslustiger Gärtner sein. Er kam andern Tags zu uns, wir gaben ihm Bücher (ein Professor hatte ihm schon eine Bibel zugesteckt) und die Aussicht, ihn in einer Gärtnerei unterzubringen, was er mit Freude annahm. Wenn er doch am Ende ein tiefer Denker ist, wird er sich auf die Naturwissenschaften legen, und Sie werden ihn nach fünfzehn Jahren eine chinesische Flora herausgeben sehen, wenn nämlich die Mandschutartaren-Dynastie Tsing gestürzt und China der Forschung wird geöffnet sein.
Wir steigen jetzt die sassauer Hügel hinauf, um das nahegelegene reizende Dorf Rauschen zu betrachten. Es ist nach Neukuhren der größte Badeort dieser Gegend. Hohe Sanddünen und buschige Berge trennen es von der See. Es liegt tief in einem Sandkessel und auf dem Abhange der Seeberge, an einem malerischen, weithin gezogenen Teiche, in dem sich die Häuser und die Berge spiegeln. Nach der Landseite zu steigen die Berge hoch an; lilafarbige Haide blüht auf ihnen. Berg und schmaler Teich geben dieser Partie einen überraschend fremden, fast schottischen Charakter. Ich sah weder in Ihrem schönen Thüringen noch im Harz eine so ganz schäferlich-romantische Gegend; zumal wenn der Abendduft um die Höhen flimmert und der Hirt die Heerden von den Bergen treibt, oder wenn im Mondlicht die Nebel auf dem Teiche tanzen, gewährt Rauschen einen entzückenden Anblick. Ein Hohlweg, über dem Tannen stehen, führt zum Eingang des Dorfes. Dort liegt das kleine Gasthaus, schon in der Ferne erkennbar durch sein Dach von getheerter Pappe und seine weißen Wände. Unmittelbar hinter ihm erheben sich waldige Berge; ein klarer Quell rauscht da hervor, fällt in den Teich und treibt ganz in der Nähe eine Mühle. Unter der Linde am Mühlenteiche pflegen sich die Badegäste Abends ‚zu versammeln, Mittags findet man eine zahlreiche Gesellschaft vor dem Gasthause, wo ein öffentliches Zelt von Laub zum Frühstück oder zu einer Partie Domino oder Schach einladet. Die Wirtschaft ist echt dörflich. Im Saal wird an offener Tafel gespeist, aın Instrument gesungen, an gewissen Tagen eine Tanzsoirée gehalten; bei 30 Réaumur springt da das junge Volk in einer unsäglichen Dampfatmosphäre zur schrillenden Geige und zu Hyon’s‘ Horn. Die Jugend bildet in Rauschen, wie freilich fast überall, einen anarchischen Staat. Musikalischer Dilettantismus treibt hier seine Blüten; dies ist eine glückliche Durchbrechung des sonst ziemlich materiellen Vergnügens und der pedantischen Elemente. Denn Rauschen ist das Asyl der Professoren, der Pastoren, der Gymnasialdirectoren, der Beamten und des ganzen unseligen Geschlechts der Hieronymus Jobse, welche hier ihre Herbarienseelen vier Hundstagswochen lang vom feuchten Seewind durchziehen lassen. Alle Tage um 10 Uhr Morgens sieht man sie, das Handtuch um den Leib, mühsam die Dünen emporklettern, unten im Angesicht des keuschen Meeres die Kleider ablegen und in nackter Schöne als Borghese’sche Fechter auf dem Sande spazieren. — Kant und Herbart sind die Schutzheiligen von Rauschen. Sehen Sie, dort kommt ein altes originelles Männchen, ein Secretär oder Actuarius, im altmodischen schwarzen Leibrock mit spitzen Schößen auf uns zugewandelt und ruft von weitem: „Hospites maritimi, wollen wir ein wenig philosophieren? Dic mihi, quid est valetudo? Kann ein Tisch gesund sein? Minime! Gesundheit setzt voraus lebendige Organa. Gesundheit, habe ich dem Dr. Jacoby gesagt, ist die innere und äußere Harmonie eines organischen Wesens. Sed tamen, was ist Kraft?“ Nun folgt unter dem Applaus der Umstehenden eine haarscharfe Definition von Kraft, Macht, Gewalt, Pflicht, Recht u. s. w. Sehen Sie, das ist ein Bänkelsänger der großen Thaten des großen Kant; denn auch die Philosophie hat ihre Bänkelsänger und ihre Straßenleiern. Aber diese Originale aus der alten Zeit des Kant und des seligen Lampe sterben jetzt allmählig aus.
In diesem Sommer erlebte Rauschen ein seltsames Ereigniß. An einem heißen Mittage sah man von den Haidebergen jenseits des Teichs dichte Rauchwolken aufsteigen. Die Berge brannten. Ein Hirtenjunge mochte ein Feuer angezündet und dies sich selbst überlassen haben. Das Schauspiel war so neu wie großartig. Wir eilten, an den Brand zu kommen. Die Flamme schlug aus den dürren Haidebüschen auf und ergriff knisternd und fressend Gras und Gestrüpp. Der Wind trieb die Lohe weiter und wälzte die weißen Dampfwolken über die Berge — ein samländischer Prärienbrand, aber gefahrlos, denn das Feuer brannte ruhig in einem weiten Kranz, und von der Windseite lagerten sich die Badegäste an den Flammenbüschen, bis das vordringende Element sie zwang, den Platz zu ändern. Ein Forstmann ritt durch den Dampf; er wollte Leute auftreiben, den Brand zu ersticken. Aber Niemand kam; man ließ die Berge bis zum andern Tage brennen. Die blühenden Höhen waren zu phlegräischen Feldern geworden, grauenvoll verkohlt und mit Asche bedeckt.
Der Teich von Rauschen versumpft weiter ins Land hinein und endigt in einem waldüberdeckten Grund. Hier in den Wäldern und Bergen gibt es wildverworrene, labyrinthische Partien, die sogenannten Katzengründe, das Ziel mancher lustigen Tagesfahrt der Badegäste. Einer ihrer Theile ist besonders schön. Es ist das weite, von Buchen und Eichenwäldern umschlossene Thal von Schönwalde und von Kram. Man gelangt dazu vom Waldfahrwege, quer durch den Wald und die malerischen Farrnkräuter sich windend, bis man einen Haidehügel mitten in der Wildniß erreicht. Von hier aus blickt man in das reizende Waldthal. Ringsum wölbt sich der dunkle Laubwald, nur belebt von dem schreienden Habicht und dem flüchtigen Reh. Keine Quelle rieselt durch den Grund. Weiße Sandstreifen vertreten die Stelle des Wassers. Wir liegen in der blühenden Erica auf dem Thalabhange und unterhalten uns mit der schlüpfenden Eidechse und mit der Grille, die wir nicht fangen; freilich, dies ist ein Plätzchen von der heimlichsten Melancholie. Sehen Sie den malerischen Hügel dort dicht vor uns. Ein paar grüne Trauerweiden hängen auf ihn herab, und der Rosmarin, die Dunkelbeere und das Farrnkraut umziehen seinen Fuß. Ich weiß nicht, ob ein Hüne darunter schläft. Manchmal baue ich mir in der Phantasie eine Ruine auf irgend einen dieser verlassenen Hügel und betrachte dann, wie sie wol zu diesem Thale stimmen möchte. Doch gleich reiße ich sie wieder ein, denn diese Waldlandschaft würde ihre reizende Geschichtslosigkeit verlieren. Hier darf allein das Waldmärchen wohnen. In dieser stillen Wildniß sangen wir oft:
Rehlein, du im Wald,
Komm zur Wiesenaue
Spielen in dem Thaue,
Mond herüberwallt
Sicher ist’s im Dunkel,
Denn kein Waidmann lauscht,
Nur die Buche rauscht
In dem Lichtgefunkel.
Bald wird’s morgenhell,
Muß das Reh entspringen —
Jägerhorn thut klingen,
Kugel, die ist schnell!
Der einsame Grund ist die echte, heimatliche Wildniß für Tieck’s blonden Eckbert oder Uhland’s Harald. Der Wald wird lebendig. Wir hören jauchzende Stimmen und sehen durch die Bäume Schäferhüte und flatternde Kleider. Das ist eine katzengründliche Partie. Ich kenne sie wohl; es ist der Commerzienrath Strohmian, drei Fräulein Strohmian und die erste, die zweite, die dritte, die vierte Tante Strohmian, jede einen Butterstollen in der einen und einen blühenden Busch in der andern Hand und die sämmtlichen Werke der Gräfin Ida Hahn-Hahn im Leibe.
Schlagen wir uns seitwärts nach der Seeküste zu. Gleich von Rauschen ab westlich fort beginnt das Ufer steil und waldig zu werden. Hier drängen sich die schönsten Gruppen zusammen, Partien, welche Ihnen vielleicht schon aus Abbildungen bekannt sein werden. Tiefe Schluchten, wie sie Rügen nicht hat, zerreißen hier das Gestade und bilden groteske Uferformationen. Zunächst liegt die Gossuppschlucht, ein dichtes Waldgelände mit einer quelldurchrieselten, in das Meer hinabgehenden Kluft, deren eines Ufer sandig ist, während das andere von den schönsten pittoresken Waldgruppen überdeckt wird. Von hier wandert man immer hart am Ufer durch einen Wald nach dem einsam gelegenen Waldhäuschen. Überall gibt es hier Schluchten und Ruhepunkte am Ufer unter Tannen und Eichen, von wo aus man einen herrlichen Blick auf das Meer und das ausgebuchtete Gestade genießt. Dann führt der Küstenweg nach der Schlucht von Georgenswalde. Sie ist eine der schönsten des Samlandes, weil sie eng zwischen steilen Uferwänden in den mannichfachsten Windungen fortläuft, überwölbt von himmelanstrebenden Buchen und breitwipfligen Eichen und umrankt von blühendem Gestrüpp, während nach der See zu das Ufer wild herunterstürzt und hier und da eine Sandkuppe aufragt, auf welcher ein halbentwurzelter Baum als verlorener Posten steht.
Der Weg führt nun durch das freundliche Strandgut Georgenswalde nach der Oberförsterei von Warnicken. Dieser Ort ist durch seine Naturschönheit weit berühmt und der Fremde, der im Sommer Königsberg besucht, versäumt es nicht, dahinaus zu fahren. Wir kehren aus Hunger oder historischer Neugierde in dem kleinen Gasthof ein. Der Besitzer desselben ist nämlich gegenwärtig ein Mann, der zur Zeit der berliner Nationalversammlung der populärste Politiker in Deutschland war, Pieper, Abgeordneter vom Samland. Kleon war ein Gerber von Athen, Pieper ein Fleischer aus Fischhausen. Alle Welt kennt seine herrliche Rede, ich weiß nicht mehr von welchem Datum. Gehen wir in sein Zimmer; dort zeigt er uns sein Porträt mit einem Fragment einer seiner Reden, das Wappen der Gens Pieper, welches seine Partei für ihn hat malen lassen, ein rothes Schild mit goldenem Balken und darüber ein Leopard (das Wappen des berühmten Grafengeschlechts Pieper); er erzählt uns, wie er, als er noch auf der Linken saß, dem Fürsten Lichnowsky jedesmal hatte antworten müssen, und welche Gesandte ihn zur Tafel geladen; er zeigt uns endlich das Goldfischchen, welches er für seine Frau aus Berlin als Andenken mitgebracht hat. Sehen Sie diesen Mann, das ist die neueste Geschichte von Preußen, das ist das Satyrspiel zu der Tragödie von 1848 — ein Abgeordnetenporträt mit einem Stück Rede, ein Wappen, ein Erinnerungsgoldfischchen und Pieper — ja der Goldfisch bringt einen rührenden deutschen Zug in diese Revolutionsgeschichte. Mir ist, als sähe ich sie leibhaftig, diese Herren von Frankfurt und von Berlin, ein jeder sein Goldfischchen vor sich, auf den Bänken der Nationalversammlung, die zappelnde Phrase aus Hermann und Dorothea, aus Matthissons Elegien und aus Schiller’s Jungfrau von Orleans. Wackerer Redner Pieper, wahrhaftig, ich kann nicht spotten, denn ganz andere große Staatsmänner tragen die Pieperschelle im Lande herum und das Goldfischchen zum Andenken, das Goldfischehen aus dem märkischen Sumpf unserer Revolution.
Hundert Schritte vom Hotel de Pieper beginnt die Wolfsschlucht. Man steigt hinab wie in ein Blättermeer, dessen grüne Wogen über der Schlucht zusammenschlagen. An mancher Stelle scheint der Himmel kaum hindurch. Die Schlucht ist das im Sommer trockene, mit Geröll angefüllte Bett eines Wildbachs, über welches Brücken führen. Zerschmetterte Bäume sind hineingestürzt, andere hängen hinab, den Niedersturz drohend. Die üppigste Vegetation bedeckt die steilen Wände, die sich nach dem Meere zu erweitern. Man wandert in der Schlucht bergauf, bergab, immer längs des Baches in der grünen Walddämmerung, gewiegt von dem eintönigen Rauschen des Meers, das man noch nicht sieht, bis plötzlich die blaue See hereinstrahlt und sich dem Blicke die unendliche lichte Meerferne aufthut, ein überraschender Contrast zu der Enge der Schlucht und ihrem Dunkel: Wir setzen uns auf einen der Granitblöcke nieder, welche hier das Meer in großer Zahl an die Küste gewälzt hat; der Naturforscher sagt Ihnen, diese Blöcke kommen vom Nordpol, eingeklemmt in Eisschollen, und wir lachen über die Eisschollen und die eingeklemmten Naturforscher. Wir betrachten die beiden steilen Wände der Schlucht und steigen dann den hohen Jägersteig hinauf, den Blick bald auf das Meer, bald auf den mächtigen Waldwuchs neben, über, unter uns gerichtet. Ehedem stand auf der Jägerspitze ein Belvedere. Es ist zum Theil zerstört, weil die Küste mit der Zeit nachstürzt. Nun gehen wir längs des Strandes des senkrecht abgestürzten Ufers bis auf die Fuchsspitze, einen hohen, mit schwarzem Geländer eingefaßten Vorsprung, von dem der Blick hinab fast schwindelerregend und der Prospect ins Meer überraschend groß ist. Vom Uferrand führen Wege unmittelbar in den Park von Warnicken. Ich sah manchen herrlichen Park in Deutschland, doch keinen von dieser Schönheit. Er ist ein wahrhafter Urpark, von der Natur selbst an das Meer gepflanzt, dessen Wellen, vom Sturm aufgewühlt, donnern oder still durch die Rieseneichen schimmern und die man beständig rauschen hört, wem man unter jenen altersgrauen, moosbedeckten Bäumen liegt. Die Kunst that hier nichts, um die erhabene Natur blos zu der grotesken Arabeske einer schwülstigen Rococophantasie zu verhunzen; sie bahnte nur schattige Kreuz- und Querwege und stellte hier und da ein verwittertes Götterbild von Holz auf, die Vorstellung mythisch anzuregen, oder sie baute einen Sitz von Birkenstämmen auf irgend einer heimlichen Stelle, oder sie streute Blumensamen aus. Dort liegen die Gräber zweier Kinder, tief ins Laub versteckt, wie um sich vor kalten Fremdlingsblicken zu verwahren. Die Grasmücke und der Finke singt, der Specht hämmert, die Welle rauscht und die Blätter regen sich — die schönste Musik, die man haben kann, und auch ohne die Äolsharfe ertappen Sie sich in einer Stimmung, die zu Zeiten ihr Recht verlangt, wie ihren Spott. Die Rieseneiche streckt ihre gigantischen, knorrigen Äste weit hinaus in die nachbarliche Riesenbuche, und die Zweige bilden ein undurchdringliches Gewölbe. Unter diesen Bäumen gibt es viele von höchsten Alter. Eine Heidenopfereiche, welche noch die Zeiten vor Adalbert von Prag gesehen, benennt eine Tafel, aber der Blitz hat den Stamm nun zersplittert. Die Maler Königsbergs kommen hierher, um diese Waldesriesen zu malen und urwäldischen Baumschlag zu studiren. Betrachten Sie aber diese reiche Vegetation, welche, vom Seewind gefrischt, den Boden überdeckt. Die Campanula blüht hier in niegesehener Üppigkeit und gießt eine blaue Flut zwischen den Stämmen hin. Eine Augustnacht in diesem Park, wenn alles Laub von Licht trieft oder in Schwarz getaucht ist und der Glühwurm funkelt, ist schon verlebenswerth.
Warnicken ist der Gipfelpunkt der samländischen Natur. Hier erreichte sie ihre größte Schönheit, und damit sich begnügend, hörte sie auf, den Strand weiterhin reich auszustatten. Die Ufervegetation erstirbt von hier ab gegen Westen allmälig, aber desto grandioser treten bisweilen die nackten Uferbildungen hervor. Bei den Fischerdörfern Groß- und Kleinkuhren thürmt sich die Küste in bizarr geformten Kegeln und Pyramiden von blauem Thon, Sand und Eisenocker, fast im Übergang zur Sandsteinbildung. Dann folgt der Wachtbudenberg und endlich an der äußersten Nordwestspitze des Baltischen Meeres der Leuchtthurm von Brüsterort. Dagegen zieht sich ins Land hinein der schöne Forst von Warnicken. In ihm liegen anmuthige Förstereien, wie Hirschau und Wilhelmshorst, die täglich von den Gästen besucht werden. Wenn Sie einen Forstmann zum Freunde haben, können Sie mit ihm das Reh und den Hirsch jagen.
Der Leuchtthurm steckt die Warnungslichter auf. Wer Falkenaugen hat, sieht noch den Schatten des vorübersegelnden Dänenschiffs am Horizont — einst donnerten auch hier in diesen Gewässern die Kanonen des Dänen und des preußischen Schiffes Adler. Es dunkelt; hier an der Nordwestspitze der Halbinsel nehmen wir vom schönen Samland Abschied.
[1856]