Jahrestage

Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen. Der straffe Überschlag, schon weißlich gestriemt, umwickelt einen runden Hohlraum Luft, der von der klaren Masse zerdrückt wird, als sei da ein Geheimnis gemacht und zerstört worden. Die zerplatzende Woge stößt Kinder von den Füßen, wirbelt sie rundum, zerrt sie flach über den graupligen Grund. Jenseits der Brandung ziehen die Wellen die Schwimmende an ausgestreckten Händen über ihren Rücken. Der Wind ist flatterig, bei solchem drucklosen Wind ist die Ostsee in ein Plätschern ausgelaufen. Das Wort für die kurzen Wellen der Ostsee ist kabbelig gewesen.

Das Dorf liegt auf einer schmalen Nehrung vor der Küste New Jerseys, zwei Eisenbahnstunden südlich von New York. Die Gemeinde hat den breiten Sandstrand abgezäunt und verkauft Fremden den Zutritt für vierzig Dollar je Saison, an den Eingängen lümmeln uniformierte Rentner und suchen die Kleidung der Badegäste nach den Erlaubnisplaketten ab. Offen ist der Atlantik für die Bewohner der Strandvillen, die behäbig unter vielflächigen Schrägdächern sitzen, mit Veranden, doppelstöckigen Galerien, bunten Markisen, auf dem Felsdamm oberhalb der Hurrikangrenze. Die dunkelhäutige Dienerschaft des Ortes füllt eine eigene Kirche, aber Neger sollen hier nicht Häuser kaufen oder Wohnungen mieten oder liegen in dem weißen grobkörnigen Sand. Auch Juden sind hier nicht erwünscht. Sie ist nicht sicher, ob Juden vor 1933 noch mieten durften in dem Fischerdorf vor Jerichow, sie kann sich nicht erinnern an ein Verbotsschild aus den Jahren danach. Sie hat hier einen Bungalow auf der Buchtseite von Freunden auf zehn Tage geliehen. Die Leute im Nachbarhaus nehmen die Post an und lesen die Ansichtenkarten, die das Kind aus dem Ferienlager an »dear Miss C.« schreibt, aber sie beharren auf der Anrede »Mrs. Cresspahl«, und mögen auch sie für eine Katholikin irischer Abstammung ansehen.

Ge-sine Cress-pål
ick peer di dine Hackn dål

Der Himmel ist lange hell gewesen, blau und weißwolkig, die Horizontlinie dunstig. Das Licht drückt die Lider nieder. Zwischen den kostspieligen Liegestühlen und Decken ist viel Strand unbelegen, aus den benachbarten Gesprächen dringen Worte wie aus einer Vergangenheit in den Schlaf. Der Sand ist noch schwer vom gestrigen Regen und läßt sich zu festen weichen Kissen zusammenschieben. Quer über den Himmel ziehen winzige Flugzeuge Spruchbänder, die Getränke und Läden und Restaurants anpreisen. Weiter draußen, über der gedrängten Herde der Sportfischerboote, üben zwei Düsenjäger Orientierung. Die Brandung stürzt in den Einschlag eines schweren Geschosses und zerspritzt in den prasselnden Geräuschen, die das Dorfkino abends in Weltkriegsfilmen vorführt. Sie wacht auf von einzelnen Regentropfen und sieht wieder das bläuliche Schindelfeld einer Dachneigung im verdüsterten Licht als ein pelziges Strohdach in einer mecklenburgischen Gegend, an einer anderen Küste.

An die Gemeindeverwaltung von Rande bei Jerichow. Als ehemalige Bürgerin von Jerichow, und als ehemals regelmäßige Besucherin von Rande, bitte ich Sie höflichst um Auskunft, wie viele Sommergäste jüdischen Glaubens vor dem Jahr 1933 in Rande gezählt wurden. Mit Dank für Ihre Mühe.

Abends ist der Strand hart von der Nässe, mit Poren gelöchert, und drückt den Muschelsplitt schärfer gegen die Sohlen. Die auslaufenden Wellen schlagen ihr so hart gegen die Knöchel, daß sie sich oft vertritt. Im Stillstehen holt das Wasser ihr in zwei Anläufen den Grund unter den Füßen hervor, spült sie zu. Nach solchem Regen hat die Ostsee einen gelinden, fast gleichmäßigen Saum ans Land gewischt. Beim Strandlaufen an der Ostsee gab es ein Spiel, bei dem die Kinder dem Vordermann jenen Fuß, der eben nach vorn anheben wollte, mit einem raschen Kantenschlag hinter die Ferse des stehenden Beins hakten, dem Kind das sie war, und der erste Fall war unbegreiflich. Sie geht auf den Leuchtturm zu, dessen wiederkehrender Blitz zunehmende Schnitze aus dem blauen Schatten hackt. Alle paar Schritte versucht sie, sich von den Wellen aus dem Stand schubsen zu lassen, aber sie kann das Gefühl zwischen Stolpern und Aufprall nicht wieder finden.

Can you teach me the trick, Miss C.? It might not be known in this country.

An der israelisch-jordanischen Front ist wieder geschossen worden. In New Haven sollen Bürger afrikanischer Abstammung Schaufenster einschlagen und Brandbomben werfen.

Am nächsten Morgen ist der früheste Küstenzug nach New York auf dem freien Feld vor der Bucht aufgefahren, invalides Gerät mit Pfandplaketten unter dem Firmennamen. Jakob hätte so verwahrloste Wagen nicht vom Abstellgleis gelassen. Die verstriemten Fenster rahmen Bilder, weißgetünchte Holzhäuser in grauem Licht, Privathäfen in Lagunen, halbwache Frühstücksterrassen unter schweren Laubschatten, Flußmündungen, letzte Durchblicke zum Meer hinter Molen, die Ansichten vergangener Ferien. Waren es Ferien? Im Sommer 1942 setzte Cresspahl sie in Gneez in einen Zug nach Ribnitz und erklärte ihr, wie sie da vom Bahnhof zum Hafen gehen sollte. Sie war so verstört von der Trennung, ihr fiel nicht Angst vor der Reise ein. Der Fischlanddampfer im Hafen von Ribnitz war ihr vorgekommen wie eine fette schwarze Ente. Auf der Ausfahrt in den Saaler Bodden hatte sie den ribnitzer Kirchturm im Blick behalten, den von Körkwitz dazugezählt, dann die Düne von Neuhaus auswendig gelernt, die ganze Fahrt bis Althagen rückwärts gewandt, um den Rückweg zur Eisenbahn, nach Jerichow später nicht zu verfehlen. 1942 im Sommer wollte Cresspahl das Kind eher aus dem Weg haben. Aus seinem Weg hatte er sie 1951 geschickt, in den Südosten Mecklenburgs, fünf Stunden von Jerichow. Der Bahnhof von Wendisch Burg lag höher als die Stadt, vom Ende des blausandigen Bahnsteigs war der Ostrand des Untersees zu sehen, stumpf im Nachmittag. Sie merkte erst an der Sperre, daß Klaus Niebuhr sie die ganze Zeit in ihrem unschlüssigen Dastehen beobachtet hatte, wortlos, bequem auf das Stangengeländer gestützt, neun Jahre älter als das Kind, das sie erinnerte. Er hatte ein Mädchen namens Babendererde mitgebracht. Sie war eine von denen mit dem unbedachten Lächeln, und Gesine nickte vorsichtig, als Klaus ihren Namen nannte. Sie fürchtete auch, daß er wußte, warum Cresspahl sie vorläufig nicht in Jerichow haben wollte. Ferien waren es kaum. Der Zug rollt gemächlich auf kleinstädtische Vorplätze, Fahrgäste in Büroanzügen treten aus der Dämmerung unter den Dächern hervor, jeder allein mit seinem Aktenkoffer, und legen sich im Zug auf den niedergestellten Sitzen schlafen. Jetzt züngelt die Sonne über den Hausfirsten, wirft Fäuste voll Licht über tiefliegendes Feld. Die Stichbahn von Gneez nach Jerichow war in weitem Abstand an den Dörfern vorbeigeführt, die Stationen waren rote Bauklötze mit giebligen Teerdächern, vor denen wenige Leute mit Einkaufstaschen warteten. Die Fahrschüler stellten sich auf den Bahnsteigen so auf, daß sie vor Gneez alle im dritten und vierten Abteil hinter dem Gepäckwagen versammelt waren. An dieser Strecke lernte Jakob die Eisenbahn. Jakob in dem schwarzen Kittel sah aus seiner Bremserkabine so geduldig auf die Gruppe der Oberschüler herunter, als wollte er Cresspahls Tochter nicht erkennen. Mit neunzehn Jahren mag er die Leute noch nach Ständen unterschieden haben. Von den rostbrandigen Sümpfen New Jerseys über stelzige Brücken schwankt der Zug in die Palisaden und abwärts in den Tunnel unter dem Hudson nach New York, und sie steht schon lange in der Reihe der Wochenendurlauber und Tagesurlauber im Mittelgang, gelegentlich um einen halben Fuß vortretend, angetreten zum Rennen auf die Wagentür, die Rolltreppe, die verwinkelten Bauverschalungen des Pennsylvania Bahnhofs, in die Westseitenlinie der Ubahn, in die Linie nach Flushing, auf die Rolltreppe aus dem blauen Gewölbe auf die Ecke der Zweiundvierzigsten Straße am Bahnhof Grand Central. Später als eine Stunde darf sie nicht an ihren Arbeitstisch kommen, und eine Stunde zu spät nur heute, nach dem Urlaub. 

*

Im August 1931 saß Cresspahl in einem schattigen Garten an der Travemündung, mit dem Rücken zur Ostsee, und las in einer englischen Zeitung, die fünf Tage alt war. Er war damals in seinen Vierzigern, mit schweren Knochen und einem festen Bauch über dem Gürtel, breit in den Schultern. In seinem graugrünen Manchesteranzug mit Knickerbockers sah er ländlicher aus als die Badegäste um ihn, er betrug sich vorsichtig und seine Hände waren klobig, aber der Kellner sah es, wenn er die Hand hob, und setzte ihm das Bier bald neben die Hand, nicht ohne Redensarten. Darauf antwortete Cresspahl mit leisem, vergeßlichem Knurren. Er sah an seiner zerknitterten Zeitung vorbei auf einen Tisch in der sonnigen Mitte des Gartens, an dem eine Familie aus Mecklenburg saß, jedoch in einer zerstreuten Art, als habe er seine veralteten Nachrichten satt. Er war damals füllig im Gesicht, mit trockener schon harter Haut. In der Stirn war sein langer Kopf schmaler. Sein Haar war noch hell, kurz in kleinen wirbligen Knäueln. Er hatte einen aufmerksamen, nicht deutbaren Blick, und die Lippen waren leicht vorgeschoben, wie auf dem Bild in seinem Reisepaß, den ich ihm zwanzig Jahre später gestohlen habe.

Er war vor fünf Tagen aus England abgefahren. Er hatte in Mecklenburg seine Schwester verheiratet an einen Vorarbeiter beim Wasserstraßenamt, Martin Niebuhr. Er hatte das Essen im Ratskeller von Waren gestiftet. Er hatte sich Niebuhr zwei Tage lang angesehen, ehe er ihm tausend Mark gab, als Darlehen. Er hatte das Grab seines Vaters auf dem Friedhof von Malchow auf zwanzig Jahre im voraus bezahlt. Er hatte seiner Mutter eine Rente hinterlassen. Hatte er sich nicht losgekauft? Er hatte einen Vetter im Holsteinischen besucht und ihm einen Tag Korn einfahren helfen. Er hatte seinen Paß um fünf Jahre verlängern lassen, nach den Vorschriften für die Einbürgerung. Er hatte noch fünfundzwanzig Pfund in der Tasche und wollte nur wenig davon ausgeben, bis er zurück war in Richmond, in seiner Werkstatt voll teuren Werkzeugs, bei verläßlicher Kundschaft, in seinen zwei Zimmern am Manor Grove, in dem Haus, auf das er ein Gebot gemacht hatte. Er hatte auf der Reise noch einmal gesehen, wo er ein Kind gewesen war, wo er das Handwerk gelernt hatte, wo er zum Krieg eingezogen wurde, wo die Kapp-Putschisten ihn in einen Kartoffelkeller gesperrt hatten, wo jetzt die Nazis sich mit den Kommunisten schlugen. Er hatte nicht vor, noch einmal zu kommen.

Die Luft war trocken und ging schnell. Die warmen Schatten flackerten. Der Seewind schlug Fetzen von Kurkonzert in den Garten. Es war Friede. Das Bild ist chamois getönt, vergilbend. Was fand Cresspahl an meiner Mutter?

Meine Mutter war 1931 fünfundzwanzig Jahre alt, die zweitjüngste von den Töchtern Papenbrocks. Auf Familienbildern steht sie hinten, die Hände verschränkt, den Kopf leicht schräg geneigt, nicht lächelnd. Man sah ihr an, daß sie noch nie anders denn aus freien Stücken gearbeitet hatte. Sie war so mittel groß wie ich, trug unser Haar in einem Nackenknoten, dunkles, locker fallendes Haar um ihr kleines, gehorsames, ein bißchen gelbliches Gesicht. Sie sah jetzt besorgt aus. Sie hob selten den Blick vom Tischtuch und knetete ihre Finger, als wäre sie gleich ratlos. Sie allein hatte gemerkt, daß der Mann, der sie ebenmäßig ohne ein Nicken beobachtete, ihnen nachgegangen war von der Priwallfähre bis an den nächsten freien Gartentisch. Der alte Papenbrock lag mit seinem ganzen Gewicht gegen seine Lehne und quengelte mit dem Kellner, oder mit seiner Frau, wenn die Bedienung an anderen Tischen stand. Meine Großmutter, das Schaf, sagte wie in der Kirche: Ja, Albert. Gewiß, Albert. Der Kellner stand an Cresspahls Seite und sagte: Nich daß ich weiß. Wochenende. Kommen viel vom Land rüber. Gute Familien. Mein Herr.

Ich war hübsch, Gesine.

Und er sah doch eher aus wie ein Arbeiter.

Dafür hatten wir einen Blick, Gesine.

Cresspahl stand an der Fähre zum Priwall, als die Papenbrocks in die Vorderreihe kamen, auf der Fähre stand er gegen den Schlagbaum gestützt, den Rücken zu ihnen. Auf der anderen Seite ließ er sie an sich vorbeigehen zu Alberts Lieferwagen und verlor sich bald unter den Spaziergängern in der dick überlaubten Villenstraße. Am Abend fuhr Cresspahl mit einem gemieteten Auto zurück nach Mecklenburg, über den Priwall, entlang der Pötenitzer Wiek, entlang der Küste nach Jerichow. Mein Vater, als sein Boot nach England in Hamburg ablegte, nahm sich ein Zimmer im Lübecker Hof in Jerichow. Gesine Cresspahl wird an manchen Mittagen eingeladen in ein italienisches Restaurant an der Dritten Avenue. Hinter dem Haus ist ein Garten zwischen efeubewachsenen Ziegel wänden. Die Tische unter den bunten Sonnenschirmen sind mit rotweiß karierten Decken belegt, der Straßenlärm fällt nur dumpf übers Dach, und das Gespräch befaßt sich mit den Chinesen. Was machen die Chinesen?

Die Chinesen stecken die britische Botschaft in Peking an und verprügeln den Geschäftsträger. Das machen die Chinesen.

*

Jerichow zu Anfang der dreißiger Jahre war eine der kleinsten Städte in Mecklenburg-Schwerin, ein Marktort mit zweitausendeinhunderteinundfünfzig Einwohnern, einwärts der Ostsee zwischen Lübeck und Wismar gelegen, ein Nest aus niedrigen Ziegelbauten entlang einer Straße aus Kopfsteinen, ausgespannt zwischen einem zweistöckigen Rathaus mit falschen Klassikrillen und einer Kirche aus der romanischen Zeit, deren Turm mit einer Bischofsmütze verglichen wird; lang und spitz läuft er zu, und wie die Mütze eines Bischofs hat er Schildgiebel an allen vier Stirnen. Um den Marktplatz im Norden, zur See hin, standen ein Hotel, die Bürgermeisterei, eine Bank, die Raiffeisenkasse, Wollenbergs Eisenwarenlager, Papenbrocks Haus und Handlung, die alte Stadt, hier gingen Nebenstraßen ab, Kattrepel, Kurze Straße, die Bäk, Schulstraße, Bahnhofstraße. Am südlichen Ende, um Kirche und Friedhof herum, war die erste Stadt gewesen, fünf Gänge zwischen Fachwerkhäusern, bis sie abbrannte, 1732, erst im neunzehnten Jahrhundert wieder zugestellt mit gedrungenen Backsteinhäusern, Schulter an Schulter unter sparsamen Dächern, da steht heute das Postamt, das Konsumkaufhaus, die Ziegelei hinter dem Friedhof, die Ziegeleivilla. Um die Stadt herum waren viele Scheunen übrig, die Nebenstraßen waren bald Feldwege, und neben Schaufenstern in der Hauptstraße standen hölzerne Hoftore. Da, auf hundertzwanzig Hektar, wohnten Ackerbürger, Kaufleute, Handwerker. Cresspahl kam von Süden, auf der Gneezer Chaussee, und fuhr über die Hauptstraße am Marktplatz vorbei heraus aus Jerichow, denn er fing nun an, die Stadt zu erwarten. Da war die Stadt zu Ende, bis zur See lagen Felder. Jerichow war keine Stadt. Es hatte ein Stadtrecht von 1240, es hatte einen Gemeinderat, es bezog Elektrizität vom Kraftwerk Herrenwyk, es hatte ein Telefonnetz mit Selbstanschluß, einen Bahnhof, aber Jerichow gehörte der Ritterschaft, deren Güter es umgaben. Das war nicht mit dem Brand gekommen. Die Ritterschaft hatte den Bauern, die das Land urbar gemacht hatten, ihre Höfe genommen, ihre Felder den eigenen zugeschlagen, sie leibeigen gemacht, und das schwächliche, über die Ohren verschuldete Fürstenhaus hatte ihnen das Recht dazu im grundgesetzlichen Erbvergleich von 1755 bestätigt. Von den Dörfern, die Jerichow stark gemacht hatten, gab es noch drei, winzige, ärmliche Siedlungen. In diesem Winkel regierte der Adel, Arbeitgeber, Bürgermeister, Gerichtsherr über seine Tagelöhner, als Raubritter berühmt geworden, als Unternehmer wohlhabend. Jerichow war wiederum nicht weit von dem Rodedorf, als das es angefangen hatte. Von der Schiffahrt war es ausgeschlossen durch die großen Häfen, seine Entfernung vom Meer. Wo ein Hafen für Jerichow hätte sein können, saß das Fischerdorf Rande, schon am Anfang des Jahrhunderts reich genug für Grand Hotels, Erbgroßherzog, Stadt Hamburg. Jerichow war eine Station geblieben auf dem Weg nach Rande, früher die Diligencen wie jetzt die Omnibusse gaben die zahlkräftigen Badegäste nicht ab. Der Handel kam nicht über die schmalen Chausseen, die großen Straßen zogen tief im Süden an ihm vorbei. Der Ritterschaft war Jerichow so recht, als ein Kontor, ein Lagerplatz, ein Handelsort, eine Verladestelle für den Weizen und die Zuckerrüben. Die Ritterschaft brauchte keine Stadt. Jerichow bekam seine Bahnlinie nach Gneez, zur Hauptstrecke zwischen Hamburg und Stettin, weil die Ritterschaft das Transportmittel brauchte. Jerichow war zu arm, sich eine Kanalisation zu bauen; die Ritterschaft brauchte sie nicht. Es gab kein Kino in Jerichow; die Ritterschaft war nicht für die Erfindung. Jerichows Industrie, die Ziegelei, war ritterschaftlich. Ihnen gehörte die Bank, die meisten der Häuser, der Lübecker Hof. Der Lübecker Hof hatte eine Klärgrube. Die Ritterschaft kaufte in Jerichow Ersatzteile für ihre Maschinen, sie benutzte die Verwaltung, die Polizei, die Rechtsanwälte, Papenbrocks Speicher, aber ihre großen Geschäfte machte sie in Lübeck ab, ihre Kinder schickte sie auf Internate in Preußen, den Gottesdienst hielten sie in ihren eigenen Kapellen und begraben ließen sie sich hinter ihren Schlössern. In der Erntezeit, wenn der Weg nach Ratzeburg oder Schwerin zu weit war, fuhren die Herren abends zum Lübecker Hof und spielten Karten an ihrem eigenen Tisch, gewichtige, leutselige, dröhnende Männer, die sich in ihrem Plattdeutsch suhlten. Cresspahl bei seinem Bier hielten sie, wegen des großstädtischen Kennzeichens an seinem Auto, für einen Handelsreisenden.

Seine Hauptstraße, die schmale Schneise aus der Rodezeit, nannte Jerichow die Stadtstraße.

Cresspahl erkundigte sich beim Frühstück nach dem Wetter. Er ging in die kleinen Läden, kaufte Schreibpapier oder Hemden von der besseren Sorte und fragte nebenbei. Er stand eine Weile auf dem Weg hinter dem Hof von Heinz Zoll, der hier die besseren Tischlerarbeiten machte, und besah sich das Holzlager im offenen Schuppen. Er fing an, sein Bier im Krug zu trinken, bei Peter Wulff. Peter Wulff war in seinem Alter, weniger prall damals, ein nicht beflissener, maulfauler Wirt, der Cresspahls geduldiges Warten beobachtete wie der ihn. Cresspahl schrieb eine offene Postkarte nach Richmond und gab sie dem Hoteldiener zum Einwerfen. Er besuchte den Rechtsanwalt Jansen. Er ging nach Rande und aß im Hotel Stadt Hamburg zu Abend. Er las alle Anzeigen im Gneezer Tageblatt auf der Seite für Jerichow und Umgebung. Er ging nicht langsamer, wenn er an Papenbrocks Einfahrt vorbeikam, aber seine Gänge brachten ihn da vorbei, und er wußte nach einer Weile, daß der junge Mann, der im Hof beim Sackabladen die Aufsicht führte, Horst Papenbrock war, der Erbe, damals 31 Jahre. Zwischen fliehendem Kinn und fliehender Stirn war Horsts Gesicht so spitz wie ein Fisch. Cresspahl sah den alten Papenbrock durchs offene Fenster am Schreibtisch, schwitzend über seinem behaglichen zarten Bauch, so heftig nickend vor Höflichkeit, als dienerte er im Sitzen. Offenbar handelte er mit der vornehmen Kundschaft nicht gern, oder nicht lange, Papenbrock, der so knausrig war, daß er sich einen Personenwagen nicht leistete und die Familie im Lieferauto zum Kaffeetrinken nach Travemünde fuhr. Meine Mutter sah Cresspahl nicht. Er sah meine Großmutter in der Bäckerei verkaufen helfen, eine ergebene flinke Alte mit einer etwas süßlichen Redeweise, besonders zu Kindern. Hier grüßte Cresspahl im Vorbeigehen, durch die offene Tür.

und ich war nie ein Schaf, Gesine.

Dich haben sie auf die Seite geschmissen, dir haben sie die Pfoten zusammengebunden, dir haben sie den Hals mit Knien gegen die Tenne gedrückt, dir haben sie mit einer stumpfen Schere die Wolle abgerissen, und du hast das Maul nicht aufgemacht, Louise geborene Utecht aus der Hageböcker Straße in Güstrow, du Schaf.

Cresspahl wußte, daß Horst Papenbrock und der Ackerbürger Griem Nazis waren und zu ihren Schlägereien nach Gneez mußten, weil die Sozialdemokraten in Jerichow ihre Nachbarn, Verwandten, Stadtverordneten waren. Er wußte, daß Papenbrock mit seiner Getreidehandlung, seiner Bäckerei, seinen Lieferungen aufs Land der reichste Mann in Jerichow war, und daß er außerdem noch Geld verlieh. Er wußte, daß die Geschichte hier lediglich eine Franzosenschanze hinterlassen hatte, an der Küste, acht Kilometer entfernt. Er wußte, daß noch ein Tischler sich in Jerichow nicht halten konnte. Jerichow ist umgeben von Weizenfeldern, im Süden hinter dem Bruch ist der Gräfinnenwald, dann fassen übermannshohe Hecken Wiesen ein. Das Wetter ist das der See. Der meiste Wind ist westlich, vornehmlich im hohen Sommer und Winter. Hier ist es kühl. Hier sind die meisten trüben Tage im Land. Hier regnet es seltener als anderswo in Mecklenburg, und Gewitter kommt nicht oft vorbei. Die Apfelblüte ist spät, Mitte Mai, der Winterroggen ist reif am 25. Juli. Der Frost setzt später ein und verschwindet früher als im übrigen Land, aber er dringt kaum in den Boden, denn die Luft ist immer bewegt vom Wind, hier. 

*

Wir kennen Annie Fleury seit fünf Jahren, als sie noch Killainen hieß und in den Gebäuden der Vereinten Nationen den Touristen die Kunstwerke und Symbole erklärte, damals wenig über zwanzig, eine dralle, eine quicke Person mit Apfelblütenfarben, die eines Tages sehr enttäuscht in unserer Tür stand. Denn Cresspahls zeigen nicht ihren Namen über dem Klingelknopf, und sie hatte die früheren Bewohnerinnen des Appartements 204 besuchen wollen. Sie ist auch von der Ostsee, der bottnischen, ein Bauernkind, das mit Stipendien nach Helsinki und Genf gekommen war. Sie konnte so lachen über ihre Geschichten, ihre Vergeßlichkeit, ihre zwei linken Hände wir haben sie behalten. Einmal haben wir sie gekränkt, weil wir die evangelische Kirche eine Firma mit beschränkter Haftung nannten, aber sie war nicht betrübt ihretwegen, sondern über uns, und sie kam wieder, brachte skandinavisches Spielzeug für das Kind, blieb über Nacht, eine Freundin, die darauf bestand, von Nutzen zu sein. Damals machte sie noch Pantomimen nach den amerikanischen Formalitäten, die einer Verabredung vorausgehen, und in der Handtasche hatte sie das Bild eines Jungen, der in Kaskinen auf sie wartete, ein Großhändlerssohn, der gern und gut eine Fremdsprachensekretärin zur Frau nehmen wollte. Sie nahm keinen Fernsehjournalisten, nicht den Seifenhändler aus St. Louis, sie nahm F. F. Fleury, einen Romanisten aus Boston, der sein Geld mit der Schreibmaschine verdient. Er versprach ihr das richtige Leben, ein Leben auf dem Lande, und uns gefiel nicht seine Art Französisch zu sprechen, weil er wie Paulchen Möllendorff in Gneez seiner Stimme Gewalt antut beim ausländischen Artikulieren, als verstelle er sich, nicht nur den Mund, und wir bekamen die Einladung zur Hochzeitsfeier so spät, daß wir es nicht einmal mit Flugzeugen noch geschafft haben. Wenn wir sie besuchen in ihrem Farmhaus in Vermont, das er tatsächlich hat anzahlen können mit seinen Obersetzungen, zeigt er sich lange nicht, läßt sich den Nachmittag in seinem Dachzimmer alt werden, während wir mit Annie das Haus für den Sonntag herrichten. Denn das Haus ist nicht nur so ehrwürdig wie ein Museumsstück, vor Alter geht es auch an vielen Stellen kaputt, und weil Mr. Fleury hier nicht die Kräfte zeigt, die er oft genug beim Universitätsfußball dargestellt hat, kommt unsere Freundin mit dem Haushalt nicht nach, mit drei Kindern,

  1. F. F. Fleury jun., der Boxer: sagt Marie;

  2. Annina S., das Apfelkind: sagt Marie;

  3. Francis R., das Knickebein: sagt Marie;

und weil sie nicht nur abends mit Mr. Fleury die »erlesenen Stellen« seines Tagespensums besprechen, sondern auch es tagsüber ins Reine schreiben muß. Sie schien fröhlich beim Aufräumen und Braten, und obwohl wir allein waren, alle Kinder im nassen Wald, hat sie nicht versucht zu klagen, nur daß sie F. F. Fleury fast nicht wahrzunehmen schien, als er sich in der Küche blicken ließ, ihm ohne ein Wort zu trinken gab, ohne Aufforderung ihm immer ein neues Glas zubereitete, fünf bis zum Abendessen, viele durch das Essen hindurch und hinterher, bis er endlich aus seinem bockigen, gewalttätigen Schweigen herausfand in den Streit, den Annie ohne Gegenwehr über sich ergehen ließ, etwas krumm sitzend, mit sonderbar waagerechten Schultern, die Hände zwischen den Knien, fast heiter, als geschehe nun das Erwartete.

*

Wenn Alexander Paepcke reiste, bereitete er die Reise vor. Er suchte die kürzeste Fahrzeit heraus und den günstigsten Anschluß, und von der Haustür an mußte seine Familie sich nach keiner als seiner Uhr richten. Als er im nassen Juni 1942 aufs Fischland fuhr, richtete sich der Zug nach Stralsund nicht nach Alexanders Uhr und kam zu spät an, als daß der nach Ribnitz noch hätte warten können. Alexander war gekränkt über die zwei Stunden Wartens in Stralsund. Zwar bediente er den Krieg nun in der Zivilverwaltung der besetzten französischen Gebiete, aber in der Gestalt einer Zugverspätung erkannte er den Krieg nicht, da es ein Zug in Deutschland war, der ihm das angetan hatte.

Deswegen stand das Kind Cresspahl lange Zeit auf dem ribnitzer Bahnhof unter einer Werbetafel für Schachenmayr-Wolle und mochte von Alexander nicht glauben, daß er sie im Stich ließ. Sie machte sich fast zu spät auf, den Weg zum Hafen zu suchen. Auf dem Fischlanddampfer zogen sie eben den Steg ein. Er saß da wie eine fette schwarze Ente, die es eilig hat. Sie setzte sich mit dem Gesicht nach hinten. Der Vater hatte sie von sich weggeschickt, obwohl in Mecklenburg noch Schule gehalten wurde. Hinter dem Schiff blieb der Kirchturm von Ribnitz zurück, dann der von Körkwitz, dann die Düne von Neuhaus. Es war möglich, daß sie Jerichow nicht wieder fand.

Sie stand den halben Nachmittag an der Anlegebucht von Althagen, ein neunjähriges Kind in einem zu oft gewaschenen, zu langen Kleid, einen verrutschten Hahnenkamm auf dem Kopf. Sie hatte keine Karte für die Rückfahrt. Das Taschengeld für die Reise war fast ganz für die Fahrt mit dem Schiff draufgegangen. Sie konnte nicht beweisen, daß sie nach Jerichow gehörte. Sie fürchtete, das Paepckesche Ferienhaus nicht mehr zu finden nach den drei Jahren. Sie stand auf der rechten Seite der Bucht, die damals schon etwas verschilft war. Die Schiffsschraube hatte Pflanzen im Wasser losgerissen.

Dann kam Paepcke mit dem Dampfer, der die Arbeiter aus Ribnitz zurückbrachte. Er war nun auf eine entschlossene Weise zufrieden. Stralsund war doch gut gewesen für den Besuch in einem Spielzeugladen. Er hatte Geschenke gemacht. Er kam wieder einmal nach Mecklenburg. Hier war er nicht ein stettiner Eckenpisser. Paepcke war mit weißen Hosen angetan, und auf dem Kopf hatte er einen weißen Hut. Er hielt das Kind Gesine für getröstet, weil er sich mit einem Geschenk bei ihr entschuldigt hatte, aber das Taschenmesser von Alexander glich bis auf eine kleine Schramme dem, das sie schon hatte.

Paepcke fragte nach Jerichow, nach Methfessel, nach Gesines Französisch, nach Aggie Brüshaver. Da waren doch auch Kinder mit so wohligen Namensanfängen: Martin, Matthias und Marlene Dietrich. Gesine sagte: Die sind doch tot.

Das verstand Alexander nicht. Wie konnten denn so kleine Kinder auf einmal tot sein!

Sie hatten in Rostock gewohnt, in der Straße An der Jakobikirche. Am 25. April, als die Royal Air Force nach Rostock kam, hatte Aggie Nachtdienst in der Klinik, und ihre Kinder waren allein zu Hause, als sie verbrannten.

Paepcke ließ sich etwas geniert versprechen, daß Gesine es seinen Kindern nicht erzählen werde. Sie begriff ihn nicht. Die hatten Marlene doch gar nicht gekannt.

Der Dorfweg war schattig. Wenn Licht durch Hofeinfahrten schlug, war es weiß. Die Häuser waren durch hohe Knicks gegen den Wind geschützt. Als die beiden Dorfjungen mit ihren Schiebkarren vor einem Loch in dem dichten Gebüsch anhielten, erkannte Gesine das Haus wieder. Es war ein langer Ziegelkaten unter einem Rohrdach, die Westwand weiß und dann gelb überstrichen. Im Dach war ein Fledermausfenster (nicht zwei). Es ging so tief hinein von dem Knick, auf den Fußboden tiefer als die Schwelle; man fühlte sich in das Haus hineinrutschen.

Der Garten war ganz wild geworden. Sorgfältig angelegt, mit einer Terrasse für Blumen und einer niedrigeren für Gemüse, war er nun zugewachsen mit Gras, Unkraut, überlebenden Blumen, ausgeschlagenen Büschen, die ihn dicht umstanden. Zum Bodden hin war eine Pforte, die auf einen wieder umwachsenen Rasenplatz führte, und der Rundlauf war noch heil. Wenn drei Kinder sich an die Seile hingen und zu laufen anfingen, konnten sie bald hoch über den Büschen im Kreis fliegen. Nun fingen die Ferien auf die richtige Art an, denn alle kamen sicher ab, keins stieß gegen die eiserne Stange.

Die Zimmer hatten Namen. Oben, im Boddenzimmer, schliefen Hilde und Alexander. Das Fürstenzimmer war Domäne des Großonkels, blieb abgeschlossen. Die Kinder waren im »Atteljé« untergebracht. Im Aufwachen war ein regelmäßiges, dumpfes Geräusch zu hören. Das kam von den Küstenbatterien, die auf dem Hohen Ufer zur Übung die See beschossen. Durch das Haus drang Alexanders Stimme. Er fluchte auf das Militär, das schon wieder hier war wie der Swinegel.

Das Haus hatte ein Großonkel Alexanders schon um 1902 gekauft, von einem Maler, der an den Katen ein Atelier angebaut hatte. Eine Kachelküche im Keller hatte sein müssen, auch ein Speiseaufzug, für die Küche eine Pumpe. Am liebsten aber holten die Paepckes ihr Wasser mit einem Strick und Eimer aus dem Brunnen auf dem Hof. So klares Wasser habe ich nie wieder gesehen.

Vom Ostzimmer oben war tief hinunterzusehen auf den morgenweißen Bodden, die Boddenwiesen, die lange Wochen unter Wasser standen. Das Wasser ging bis an die Knöchel. Darin zu gehen war angenehm, wegen des platschenden Gefühls unter den Sohlen, und nicht geheuer, weil es so tat wie das Moor in Büchern. Oft lagen vor dem dünnen Horizont Zeesenboote still, ohne die braunen Segel nach der Nachtarbeit.

Zum Westen hin, wo die See war, stieg das Land hoch auf. Noch heute, auf einem steilen Weg, erwarte ich die Ostsee, die das Kind damals unverhofft von oben gesehen hat.

Westwind, wie meist, schlug uns entgegen. Links des Weges lagen die Nagelschen Felder; auf der rechten Seite stand ein einziges Haus, dick verpackt gegen die See mit dornigem Gestrüpp. Dies Haus hatte eine Sonnenuhr. Weil der Schafbock an diesem ersten Morgen verschlafen hatte, oder anderswo zu tun, kamen wir unangefochten bis zum Rand der Küste und kletterten sie hinunter. Dabei brach Boden los. Hilde lief schon lange hinter uns her, wir hatten sie wegen des landein stehenden Windes nicht rufen hören. Wir wurden streng vermahnt, einmal wegen Hildes Angst, zum anderen, weil wir das Hohe Ufer beschädigt hatten. - Dumm wie ein Badegast! wurde ein Wort dieses Sommers, und ist lange geblieben. Die Schwalben höhlten das ohnehin bröcklige Ufer schon genug aus.

Paepcke war entschlossen zu Ferien. Keine Zeitungen. Nichts da, Radio! Weit schwamm er hinaus, und wenn er angenehm atmend zurückkam, sagte Hilde mehrmals und vorwurfsvoll seinen Vornamen, als beginne sie ihm erst jetzt nachzurufen. Alexander brachte den Kindern das Schwimmen bei, auch indem er ihnen einredete, sie könnten es bereits. Er sprach von einer »Sandbank«, die zwei Meter vom Strand entfernt war, und als er die Kinder bis dahin hatte, schwammen sie ihm weiter nach.

Der Strand war spärlich mit Strandkörben bestanden. Es war still, denn von den althäger Büdnern vermieteten nicht viele, und ohnedies galt der Ort als Dorf, das benachbarte Ahrenshoop hingegen, im pommerschen Preußen, als »Badeort«. Althagen hatte ein einziges Hotel, benannt nach der Ostsee, der es an der Straße gegenüberstand. Es schrieb sich mit einem accent circonflex, und Paepcke wollte es Gesine erklären. Leider wußte sie es von »ihren« Franzosen in Jerichow, und er mußte sich gleich wieder etwas für die anderen Kinder ausdenken, damit sie nicht gekränkt waren.

Es war inzwischen noch ein Kind gekommen, Klaus Niebuhr aus Friedenau in Berlin. Der Knabe tat sich viel darauf zugute, daß er allein bis hierher (»auf das platte Land«) gereist war, aber Eberhardt, Junior, zu lange mit den drei Mädchen zusammen, hatte sich eine neue Sicht auf die Welt zugelegt. Er unterstützte nicht die männliche Seite, sondern verwies auf Gesine, die auch allein gekommen war. Der Mann Klaus war gekränkt, obendrein von einem Mädchen überrundet worden zu sein, und nun war endlich die Gelegenheit, ein Taschenmesser zu verschenken.

Im Ostseehotel hätte Alexander Paepcke sich hinsetzen können mit seinen Kumpanen, da schmeckte ihnen das Bier nicht. Das Kurhaus in Ahrenshoop, es hatte zu feine Gesellschaft. Paepcke betrachtete sich selbst als Gesellschaft, selber fein. Er ging manchmal mit Reineke Voss ins »Seezeichen«, sprach dem Unternehmen aber durch die Bezeichnung »Setzeichen« sein Mißtrauen aus. Am liebsten tranken sie in Malchen Saatmanns Konditorei. Im Winter ein Platz für die Einheimischen, war sie im Sommer auch Gartencafé. Malchen war eine propere Frau, fest, stramm; ich weiß nichts für ihr Gesicht und würde sie erkennen. Malchen sprach kein Wort zuviel, nicht einmal zu Kindern, aber sogar Kinder hatten das Gefühl, reell bedient zu werden.

Nirgends roch der Kuchen so gut wie bei Malchen Saatmann. Das Fischland war arm an Gerüchen; da ist der Geruch von Salzwasser, von Fischen, von verfaulendem Tang. Nach dem Krieg habe ich nicht wiedergefunden bei Malchen Saatmann, wie der Laden roch. Die Kinder kauften am liebsten »Schnecken«. Wenn sie nach der Verkaufszeit Brot holen sollten, durften sie von der Toreinfahrt im rückwärtigen Teil des Hauses in die Backstube gehen. Es waren Ferien, mit Ereignissen an jedem Tag.

Wenn es regnete, spielte Alexander mit »seinen« Kindern Mensch Ärgere Dich Nicht. Er nannte es aber Pakesi, so wie Cresspahl es aus London mitgebracht hatte, nach dem Hindiwort für 25, Pacheesi; und weil es etwas Britisches war, wurde es auch mit seinen besonderen Regeln gespielt: daß zwei Figuren gleicher Farbe auf einem Feld stehen bleiben dürfen und obendrein eine Barriere bilden; daß eine Figur auf den Ausgangsfeldern aller Farben frei ist (»Home Rule«); daß drei Sechsen zuviel Glück sind und eine Rückkehr nach Hause bedeuten. Paepckes Alexandra konnte es am wenigsten aushalten, wenn ihre Figuren zurückgeworfen wurden; in ihrer Haut schlug das Erröten ganz tief durch, und dafür schämte sie sich noch. Wer gerade mit Verlieren beschäftigt war, mochte nicht gern herausfinden, auf welche Weise denn alles sich zum Guten für ihn wendete. Paepckes Gutmütigkeit kam ihn aber schwer an; am Ende starrte er wortlos, mit bösem Blick auf seine verlorene Partie, und war ein Mensch, Der Sich Ärgert.

Das Haus war nicht so herrschaftlich geblieben, wie Alexanders Großonkel es geplant hatte, mit antiquarischen Möbeln und kargen Wänden. Alexander hatte dorthin ausrangierte Stücke aus seinen früheren Haushalten verschleppt, halb kaputt, mit rissigen Bezügen, eben recht für Kinder. In allen Zimmern standen Blumen. In jedem Zimmer konnte ein Kind allein sein. Dort, auf einem wackligen Sofa mit sanft sich aufbäumenden Seitenlehnen, habe ich mich ins Morgenland gelesen, schritt auf Marmorstufen hinab zum Wasser, wo große Fische anlegten, und war Harun al-Raschid.

Alexander hatte seine Ferien in Althagen verbracht, seit er sechs Jahre alt war, er sprach das Fischländer Platt wie die Fischländer und duzte sich durchs ganze Dorf; nun bestanden sie darauf, daß seine Kinder nicht fremd taten. Die später ihren Kapitän geheiratet hat, stand vor ihrer Tür und nahm uns mit zu ihrem Abendessen. Wo der Flur sich verbreitert, hatte sie ihre Küche, eine von der alten Art, mit einem Steinherd, auf dem es in vielen Töpfen brutzelte, da gingen und kamen Leute, holten sich einen Schluck Wasser mit der Schöpfkelle aus dem Wassereimer, setzten sich zum Essen hin, ließen sich einen eingießen, waren nur für ein Wort hier. Diese Geselligkeit war was lohnt. Sie war nicht beleidigt, als uns der Speck widerstand, sie machte uns Mettwurstbrote, und als dann immer noch ein Mißtrauen in unseren Mienen zu entdecken war, schickte sie uns mit den Stullen nach Hause, und dort erbarmte sich Alexander und aß sie sämtlich auf. Es hat aber seiner mecklenburgischen Reputation ein wenig geschadet.

Abends, wenn wir von der See kamen, trafen wir auf gleichaltrige Kinder, die Kühe nach Hause trieben. Die Nacht auf dem Fischland war zu rauh für Milchkühe. Alexandra starrte verzaubert auf Inge Niemann, vor deren Stock die Kuh so geruhig her ging, und Paepcke bat Inge, seinem Kind Kuh und Stock abzutreten. Paepcke war vergeßlich an jenem Abend, er ging weiter. Aber alle Kühe gingen weiter, und Alexandras blieb stehen. Sie nahm sich auch die Freiheit, noch ein wenig vom Wegrand zu fressen. Alexandra sah mich an, aber ich mochte ihr nicht raten, das Tier zu hauen. In ihrer Verzweiflung gab Alexandra dem Biest einen freundlichen Schubs, und die Kuh sah verwundert hinter sich, uns gerade in die Augen. Aus dieser mißlichen Lage rettete uns Alexander, der unterwegs doch über die Kinder nachgedacht hatte.

Und niemals mit einem barften Kopf ins Bett.

Be wise then, children, while you may,

For swiftly time is flying.

The thoughtless man, who laughs to-day,

To-morrow will be dying.

Cresspahl, der sein Kommen ausgeschlossen hatte, kam zu Ende des Juli. Alexander freute sich auf die Abende einer ganzen Woche und sagte: Bist'n goden Minschen, Hinrich!

Einmal hatte Paepcke doch auf der Post in Ahrenshoop zu tun, nahm sich ein paar von seinen Kindern und ging auf dem Boddendeich spazieren, am Dornenhaus vorbei und an der Mühle, die heute nicht mehr steht, bis zur alten Schanze. Auf der Ahrenshooper Straße sah er seinen Cresspahl unterwegs mit einem Mann, der nicht anders zu taxieren war als auf Kurhaus, auf feine Gesellschaft. Einer, der nach Berlin aussah, nach Beamtem, nach Parteiabzeichen. Das Parteiabzeichen erblickte Paepcke, als er die beiden überholte, und er hörte, daß Cresspahl mit dem anderen auf eine eifrige Weise zu Gange war. Mit »Fritz« redete er ihn an. Cresspahl kam gleich hinter Paepcke vor der Post an. - He hett mi föe'n Badegast nåmn: sagte er ohne Aufforderung, und Paepcke mußte sich entschließen, ihm zu glauben. Es sah aber Cresspahl nicht ähnlich, sich von einem Fremden für einen Badegast ansprechen zu lassen und dann noch mit ihm spazieren zu gehen, in Gespräch doch und die Hände behaglich auf dem Rücken.

Dat harr Alexander nich vedeint, Cresspahl.

Un wenn ick't em seggt harr, harr he dat vedeint, Gesine?

Du hest em nicht truut.

He süll mi nich truun mötn.

In der Nacht bombardierten die Alliierten Hamburg. Hamburg war vom Fischland aus nicht zu sehen.

In diesem Sommer traute Alexander sich nach langem Genieren, Cresspahl etwas zu fragen. Es waren nun doch ein paar tausend Mark Schulden mehr, als er verkraften konnte. Cresspahl galt nicht als geizig, doch als sparsam, und Alexander, zu seiner ungläubigen Verblüffung, wurde alle Verpflichtungen auf einmal los. Cresspahl fragte nicht einmal, was die im einzelnen waren. Sie sprachen obenhin von Rückzahlungen. Cresspahl verließ sich darauf, daß Gesine ein Anteil an Paepckes althäger Haus überschrieben würde, wenn Alexander es von seinem Großonkel erben sollte. Es galt nicht, aber Alexander hat sich daran gehalten und schrieb es in Kiew in sein Testament. Hilde hat es nie erfahren. So hat Cresspahl damals an vielen Stellen in Mecklenburg Geld für sein Kind versteckt; für den Fall, daß sie ihn erwischten. Daß sie ihm den Kopf abschlügen.

Es war ein ganz stiller Sommer. In der Luft waren nicht die Flugzeuge wie in Jerichow. Das morgendliche Wummern der Küstenbatterie, am Tag war es vergessen wie das nächtliche Nebelhorn, das auch nicht zu sehen war.

Dann sollte Cresspahl noch den Paepckeschen Streit schlichten: ob das Leuchtfeuer, vom Hohen Ufer zu sehen, das von Warnemünde oder das von Poel war.

Dann erzählte Alexander Paepcke etwas ungenau von der Zivilverwaltung der besetzten Gebiete Frankreichs. Der Urlauberzug Berlin-Paris stand ihm ungemütlich bevor, und der ausgewachsene Mensch seufzte, als er einen kleinen Lederkoffer anbrachte, den die Kinder bisher nicht bemerkt hatten. In dem Koffer war ein Kepi für Paepcke junior. Christine bekam eine Trachtenpuppe aus der Bretagne, mit der sie dann schlief, solange sie noch lebte. Für Alexandra war ein Puppengeschirr, außen golden. Für Klaus Niebuhr fiel ein Lineal mit französischer Beschriftung ab, und den Koffer, ein großmannsmäßiges Spielzeug, sollte Gesine haben. Und was bekam des Soldaten Weib? Die Kinder waren fast verstört, daß es nun auch noch zu Alexanders Abreise Geschenke gab, und Alexander in seinem Vergnügen an ihrer Freude sagte leichthin, namentlich von dem Puppengeschirr: Hab ich aus einem Hotel mitgenommen. Das Gold war eine sehr überzeugende Farbe, und seine Tochter fragte entsetzt: Geht denn das? Paepcke sagte breit und genußvoll: Jåå; wurde sich Cresspahls Blick bewußt und setzte hinzu, geniert und ganz Major der Reserve: Du dat hev ick betålt du!

Einmal fragte Hilde versehentlich nach der Bombennacht von Lübeck. Cresspahl hielt sich heraus damit, daß er in Wendisch Burg gewesen war.

Er sagte aber, was sich in Jerichow als Erzählung hielt: Es habe ausgesehen wie ein friedliches Feuer in der hellen Nacht. Zum Glück sei es so laut gewesen, trotz der 25 Kilometer Entfernung.

Und wieder hatte Gesine die Wahl. Sie konnte in Althagen noch bleiben. Die mecklenburgischen Schulferien endeten am 1. September, und sie konnte bis dahin mit den Paepckes nach Pommern. Cresspahl sah sie gar nicht an, hielt die Hand über die Augen, suchte die abendliche See nach etwas ab. Sie blickte an ihm empor, konnte sein Gesicht kaum erkennen, sagte ohne Überlegung: Ick will mit na Jerichow. Næm mi mit.

Ein Glück, daß das Feuer in Lübeck so laut war?

Die Bomben, Gesine. So konnte einer sich weniger vorstellen. Das nahm der Lärm weg.  

*

Es mochte zu spät sein für das althäger Boot, da mochte nicht Fahrgelegenheit sein für sechs Leute mit Koffern und Taschen; Alexander führte seinen Anhang schräg über den Bahnhofsplatz zu einem Ambulanzauto, das auf eine gefährliche Weise amtlich aussah. Er sprach die Kinder an wie die Kranken, stopfte sie unduldsam auf das Bahrenbett, darunter daneben, freute sich an ihrem Entsetzen, ihrem Erstaunen, ihrem Entzücken über das neue Abenteuer. Auf der Fischlandstraße fuhr ein Wagen des Städtischen Krankenhauses in einer sehr eiligen Sache nach Norden. Alexander war stolz auf die Gefälligkeit eines alten Freundes aus der Leonia, noch mehr aber darauf, daß ihm ein solches Vehikel eingefallen war. Er sang laut und behaglich mit den Kindern den ganzen Weg, und keines kam auf einen Verdacht.

Der Abend war sehr lang für die Kinder, aber aus dem Haus ließ Alexander sie nicht. Sie fühlten sich nicht beobachtet; er ließ sie nicht aus den Augen. Gesine sollte von Jerichow erzählen, und er brachte ihr in einer Viertelstunde die Bruchrechnung bei, die die Schule ihr nicht hatte in den Kopf rammen können. Alexandra wurde an den Kleiderschrank geschickt und sollte bei ihrer Rückkehr auftreten als die Königin von Saba. Alexander war am Morgen aus der Sowjetunion angekommen und hatte seine Familie erst auf dem stettiner Bahnhof wiedergesehen. Er fragte Paepcke junior nach seiner Schule aus und unterwies ihn in neuen Tricks beim Abschreiben, »wenn dir das Wasser mal bis zum Hals steht, Jung«. Für Christine führte er vor, wie sie mit zwei Jahren aus einem Becher getrunken hatte. War er voll, hielt sie ihn fest in beiden Händen, den leeren hatte sie achtlos fallen lassen. Christine war nun sieben Jahre alt und sah begeistert an, daß sie als kleines Kind einen Finger vom Becher abgespreizt hatte, auf die vornehme Art, bevor sie ihn als unbrauchbar aufgab, so wie Alexander; sie lachte noch mehr als die anderen, ganz ungekränkt. Alexander war nicht imstande, ein Kind zu kränken. An diesem Abend wurde viel von Vergangenem geredet, auch von Lisbeth. Lisbeths Kind begriff, daß die tote Mutter hier bekannt war als eine in allem erfreuliche Person, schön schon mit acht Jahren, mit Leuten und Tieren freund ihr ganzes Leben, in einer spöttischen Art, die Zärtlichkeit hatte verstecken sollen. Lisbeths Schwester sprach nicht viel, gab Alexander mit halben Sätzen Stichworte, drückte manchmal mit beiden Zeigefingern gegen ihre Nasenwurzel, als müsse sie gegen einen Schmerz angehen. Den Kindern kam sie nur müde vor, und keines ahnte ein Unglück. Vertrauensvoll schliefen Christine und Eberhardt ein, auf Hildes Schoß, mit dem Kopf gegen Alexanders Brust, wurden hinausgetragen, in ein Bett gelegt, vorsichtig geküßt, im Schlaf besehen.

Am nächsten Morgen beschossen die Küstenbatterien auf dem Hohen Ufer das Meer, und Gesine wartete nach dem ersten dumpfen Wummern darauf, daß Alexanders Stimme durch die Decke dringe und die Großdeutsche Wehrmacht wegen ungebührlichen Benehmens beschimpfe. Aber Alexander war nicht mehr da.

Der Morgen war fast weiß, mit fransigen Wolkenbooten im Himmel. Der Widerschein des Lichtes im Bodden war ein köstlicher Schmerz in den Augen. Die Wege zwischen den Büdnereien waren warm zugestellt mit den hoch aufgebuschten Knicks. In den Wiesen saßen die Malerinnen wie jedes Jahr und mühten sich, das Dornenhaus auf die Leinwand zu bekommen, obwohl der alte Katen kaum zu sehen war unter seinem Kröpelwalm, versteckt hinter ausgewachsenen Dornenbüschen, die noch übers Dach hingen, 45 Grad schräg vom Wind, dick und nicht durchdringlich. Neben dem Grenzweg liefen die vertrauten Schleetzäune her, unverändert fiel die Steilküste ab, wo Pommern anfing, und die Kinder erinnerten sich an Alexanders Erzählungen vom Durchbrechen des Meeres an dieser Stelle. Kahl auf der althäger Seite, war der Grenzweg auf der ahrenshooper dicht bebaut mit Häusern in großartigen Farben, in dem berühmten Blau, mit den Gärten, die gegen den Wind geschützt waren, südlich von der Sonne gepflegt, tief unter dem hohen Anstieg zum Weg, mit Malven in allen Farben bis zum Dach. Die Kinder dachten an Alexanders ernsthafte Erklärung, daß diese Häuser einen Hinterausgang nach Norden hatten aus den Zeiten, in denen Mecklenburg und Pommern Streit hatten und die Bewohner nicht auf den Grenzweg treten durften. Es war das Fischland, und nicht das richtige. Ohne Alexander schienen die Ferien nicht möglich.

Hilde sah bis zum Abend an, daß die Kinder mit ihr und der Welt zerfallen waren. Alexander hatte nicht Urlaub gehabt, sondern einen Reisebefehl nach Südfrankreich, und war gegen den Befehl ausgestiegen, um ihr mit den Kindern nach Althagen zu helfen, die Kinder noch einmal zu sehen. Er hatte es nicht von sich verlangen mögen, ausgesprochen Abschied zu nehmen von den Kindern. Hilde stellte es ein wenig als ihre Schuld hin, daß er am frühen Morgen hatte zurückgehen müssen zu seinem Befehl. Dann verordnete sie im Ton einer Strafe, daß alle Briefe an Alexander schreiben sollten, und hatte die Aussicht auf den nächsten Tag gerettet.

Hilde schickte die Kinder mit den Bauern aufs Feld. Sie fuhren mit auf den holpernden Wagen, liefen mit beim Mähen, versuchten sich im Garbenbinden, saßen und aßen mit den Bauern auf dem schmalen Streifen Erde zwischen den beiden Wassern, kamen ausgetrocknet nach Hause, schweigsam von Müdigkeit, und dachten, sie hätten gearbeitet. Die Hocken auf dem Fischland wurden nicht wie in der Jerichower Gegend wie Hausgiebel aufgesetzt, sondern rund, und waren indianische Zelte zum Spielen. Im nassen Mückenwald, dem vom Darss durch die Einbruchspuren der Ostsee getrennten Waldstück, suchten die Kinder Blaubeeren, bekamen sie abends mit Milch vorgesetzt und glaubten, sie lebten von ihrer Hände Arbeit. Hilde war imstande, einem Kind bis in den Mückenwald nachzulaufen, wenn es seinen Sonnenhut vergessen hatte. Das althäger Haus war mit einem dichten Damm aus Kieselsteinen umlegt, der das Regenwasser vom Dach gleichmäßig im Erdreich verteilen sollte. Die Reinigung des Damms von Unkraut wurde als ehrender Auftrag vergeben und hieß »Damm puken«. Der abendliche Gang zum Baden war wie Arbeitslohn. Durch ein sehr hohes Feld auf der niehäger Seite lief ein Weg zum Hohen Ufer, zwischen vom Wind geschonten Weiden und Pappeln, ein gewöhnlicher Karrenweg, der immer wieder unverhofft vor dem Abgrund zum Meer anhielt. An Alexander wurden Briefe geschriebenen über den Kettenhund auf dem Nagelschen Hof, der einen öffentlichen Durchgang zum Deich und Boddenweg nicht dulden wollte, über Begegnungen auf der Dorfstraße, über Besuche bei Alexanders Freunden. Es erwies sich, daß Ferien zu erfinden waren, hatte man sie einmal von Alexander gelernt.

Heute weiß ich, daß die Ferien von anderer Art waren.

Nicht weit von Althagen, auf der anderen Seite des Saaler Boddens, war das Konzentrationslager Barth. Darin wurden Häftlinge aus der Sowjetunion, aus Holland, aus der Tschechoslowakei, aus Belgien, aus Ungarn gehalten und mußten für einen ausgelagerten Betrieb der Ernst Heinkel Flugzeugwerke A.G. arbeiten. Der tschechische Arzt Dr. Stejskal hat eine Liste geführt über die Frauen und Männer, die auf dem Friedhof von Barth und in Massengräbern beerdigt wurden. Es sind 292 Namen. Aus Barth wurden 271 Leichen von Häftlingen an das rostocker Krematorium geschickt. Die Todesursachen hießen »Tuberkulose«, »Lungenentzündung«, »Selbstmord«. Dort wurden Menschen »auf der Flucht erschossen«, und wenn eine Frau immer noch nicht an Flugzeugen zum Einsatz gegen ihr eigenes Land arbeiten wollte, wurde sie zurückgebracht ins Konzentrationslager Ravensbrück und mit Gas ermordet. Wir wußten es nicht. Hilde Paepcke ist mit uns nach Barth gefahren, über die Drehbrücke, damit wir die Stadt ansahen. Wir haben nichts gesehen. Die Bahnstrecke, auf der Cresspahls Kind zum Fischland kam, passierte Rövershagen. In Rövershagen war ein Konzentrationslager, dessen Häftlinge für die Ernst Heinkel Flugzeugwerke A.G. arbeiten mußten. Heute weiß ich es.

Alexanders Verwandtschaft hatte einander verständigt, daß Hilde in diesem Sommer nicht allein bleiben sollte, und reiste zu Wochen und Wochenenden an, Großonkel, Tanten, würdige alte Personen, eher wie zu Begräbnis als zu Ferien gekleidet. Die Kinder merkten nicht, daß im Hause besorgte Beratungen abgehalten wurden; die Kinder machten ein Spiel mit den Erwachsenen. Sie eröffneten einen Blumenladen in der Veranda, verkauften eine Butterblume für einen Pfennig, an Gänseblümchen für zwei Pfennige, und die Herrschaften standen Schlange zu sechs, zu acht, bis in das Eßzimmer hinein. Es war ein lang eingeübter Ton unter den Besuchern, förmlich und vertraulich in einem, da jeder von jedem die Familie bis zum Urgroßvater und zum fünfzigsten Jubiläum eines Kinderstreichs auswendig wußte. Es war ein Mantel aus dicht verwobenen gegenseitigen Kenntnissen, unter dem eine Person weniger auffiel als ihre Zugehörigkeit, ihre Verträglichkeit mit den anderen. Den Vorsitz der Beratungen hatte Alexanders Tante Françoise übernommen, obwohl sie ihm den Ausschluß aus der mecklenburgischen Anwaltskammer nie hatte verzeihen wollen. Sie war streng, unnachsichtig, schwarz und weiß noch in heißem Wetter gekleidet; sie war die erste, auf die Einfälle der Kinder einzugehen. Die Kinder sollten nichts merken.

Die Geschenke, die Alexander den Kindern hinterlassen hatte, waren weiße Regenmäntel aus der Sowjetunion, mit einem gummiähnlichem Stoff beschichtet. Sie fühlten sich ungetragen an, rochen fabrikneu, aber in den Taschen waren Sonnenblumenkerne. Wenn Alexander von den wieder besetzten baltischen Ländern erzählt hatte, war es wunderlich erschienen, daß auch dort die Ostsee war, in so dichten kräftigen! Wäldern. Die Ostsee war da wie eine glänzende Schlange im Wald.

Aus der Zeit nach dem Krieg weiß ich: Alexander hatte in der Organisation Todt Zivilpersonen zur Arbeit einweisen müssen, die die S.S. ihm aus der sowjetischen Bevölkerung zuführte. In einem Fall hatte er sich ein wenig gegen die Annahme eines Trupps von fünfzig Juden gewehrt, weil darunter Kinder waren. Er war ohne Verfahren davongekommen; die Armee hatte ihn zurückgenommen und auf einen Unteroffizierslehrgang geschickt. Mehr war nicht zu tun gewesen. Inzwischen ließ der Krieg nicht mehr mit sich reden. Alle Beziehungen der Familie Paepcke richteten nichts aus, nicht über die mecklenburgische Burschenschaft Leonia, nicht über Offiziere aus der alten Reichswehr, nicht über die Heeresintendantur Stettin. Es war unbegreiflich, daß die Familie nicht imstande war, ihn an eine ungefährliche Stelle zu holen.

In Althagen gab es ein Spiel, da setzte sich Alexandra Paepcke auf die eine Seite des Drehkreuzes im Grenzzaun, Gesine auf die andere, beide drehten sich und sangen: Jetzt bin ich in Pommern! Jetzt bin ich in Mecklenburg!

Das Drehkreuz, die Ferien weiß die Erinnerung von diesem Sommer. Er war nicht so.

*

In der Ostsee zum erstenmal schwamm das Kind das ich war, vor dem Fischland und in der Lübecker Bucht, an den Seegrenzen Mecklenburgs, ehemals Provinz des Deutschen Reiches, jetzt Küstenbereich des sozialistischen Staates deutscher Nation. Schwamm mit Kindern, die tot sind, mit Soldaten der geschlagenen Marine, die das große mächtige Ostseemeer die überschwemmte Wiese unter den Ozeanen nannten. Aber in den Geographiebüchern dieses Landes heißt sie Baltic Sea [...]

*

Im dritten Sommer nach dem Krieg war Mecklenburg sicherer als die Stadt, in der wir jetzt leben.

Gestern ging ein Mann, in seinen Vierzigern, stämmig, schwarzhaarig, weißes Unterhemd, schwarze Hose, dunkle Socken, in die weibliche Abteilung der Bedürfnisanstalt im Central Park an der 85. Straße und schoß da auf ein vierundzwanzigjähriges Mädchen, wonach die Kugel ihr durch den Hinterkopf in die Kehle in die Brust drang, so daß sie tot war. Danach zog er sich aufs Dach und schoß um sich, ziemlich ruhig, aber nach Belieben. Das war an der Seite der Fifth Avenue, wo Leute wie Jack Kennedys Witwe wohnen, und über hundert Polizisten stürmten das friedliche Gelände. Einer will den Mörder zehnmal getroffen haben. Er soll in der Sowjetunion, in Bulgarien, in Jugoslawien gelebt haben, kam hierher mit einem griechischen Paß; an den Wänden seiner Wohnung hingen Porträts von Hitler, Göring, Goebbels. Die Leute oben in der Fifth Avenue saßen Rang. »Die Polizei war absolut großartig« sagte Mrs. David Williams, Hausnummer 1035. »Es war so spannend wie nur irgend was im Fernsehen.«

Im Winkel um Jerichow wurde vornehmlich geklaut, und die Kettenhunde genossen ein ungeahntes Ansehen. Mundraub bis zu zehn Pfund Mehl galt als Steuer an den Hunger, eine verschwundene Flasche Schnaps reichte zu Racheschwüren gegen Unbekannt; von dem einen wie dem anderen erfuhren die Polizisten kaum, wozu Rechtshüter einladen zum Besichtigen, die fingen einen Hasen nicht mit einem Sack voll Salz. (Bei Cresspahls, hinter dem Friedhof, so dicht an der Kommandantur, kam selten etwas weg.) Für einen Aufschwung in der Wirtschaft wurde genommen, daß auch Gerät gestohlen wurde, zum Arbeiten. Das Hauszeichen ließ sich einschnitzen in den Stiel der Sense, wie aber ins Blatt? Warum Duvenspeck das Aufenthaltsrecht in der Stadt Jerichow im Stich ließ, als Willi Köpcke Zuzug nahm von den sowjetischen Lagern, der Direktor des Gaswerks floh wohl nicht von ungefähr, und wenn Mine Köpcke eine ganze Weile nicht zu sehen war auf der Stadtstraße, danach gleich müde wie zahm, so war sie gewiß für ein anderes Vergehen verhauen worden.

Die Straßen waren fast sicher, sowjetische Feldpolizei und vielerlei Marodeure ausgenommen; ein Kind konnte unbesorgt auf Reisen gehen, zumal wenn es einen recht weiten Pullover anhatte, ausgebeulte Hosen, deren Muster diskret an eine großkarierte Übergardine gemahnte, und wenn es an der Hand ein Netz trug, in dem ein Reisegenosse Sämtliches sehen konnte und erkennen, es verlohne den Griff nicht. Gesine Cresspahl stieg auf dem Fischland am Kiel aus einem Bus und ging durch Fulge nach Norden, rasch weg von dem gelben Ätzgestank des Holzgenerators; ihr fiel auch nicht ein, worauf sie vor drei Tagen in Jerichow noch vertraut hatte. Sie ging schamlos vorbei an der Bürgermeisterei; eine zurückkehrende Einheimische wird doch keine Kurtaxe zahlen. Hinter dem Ostseehotel, an Malchen Saatmanns Ecke bog sie ganz richtig ins Norderende ein, als wolle sie sich bei Bauer Niemann für die Ernte vermieten, blieb dann aber stehen vor einem ganz roten Katen, der mitsamt dem Dach zugestellt war von Hecken und wilden Büschen und üppigen Bäumen. Das war in dieser Gemeinde ihr Haus, nun ging sie nicht hinein. Dazu war sie zwar gekommen.

Sie vergaß, daß Alexander Paepcke es ihrem Vater ins Eigentum geschrieben hatte; es gehörte ihr bloß, weil sie hier mit Paepckes Kindern eine Heimat gelernt hatte. Der Zettel am Pfahl verriet, daß nun ganz Fremde auf dieser Büdnerei lebten; wer sonst in Althagen braucht ein Namensschild. Bloß Fremde waren imstande, den Damm aus Rollsteinen um das Haus nicht frei zu puken von Unkraut. Das Rohrdach war struppig an der Südwestecke, da würde es durchregnen schon im Herbst. Die Erinnerung verweigerte.

Sie wäre wohl weitergegangen auf dem festen Sand zwischen den dichten Hecken zur Kaufmannsecke, zur Bushaltestelle an der ahrenshooper Post, sie hatte auf dem Fischland nichts mehr zu suchen; bloß verjährte Gewohnheit führte sie zu dem Katen, wo die Paepckes die Schlüssel für den Winter abgegeben hatten. Sie war da nicht allein, ihr war bloß so zumute; unfehlbar grüßte sie die frühabendlichen Spaziergänger, immer zuerst, nicht weil sie jünger war, streng der englischen Sitte zuliebe, so daß manche der Herren Verwunderung zeigten. Die entging ihr. Sie stand endlich vor Ille, und beide erschraken vor einander fürchterlich.

Ille hatte den oberen Flügel ihrer Tür an die Wand geklappt, so daß es eine Snackdoer war; unverhofft stand sie so still, eingerahmt war sie. Sie sah das Kind, das früher immer mit denen von Paepckes gekommen war, die aber wußte sie tot. Ille war leicht zu erkennen, unveränderlich besinnlich im Gesicht, ihre Sommersprossen schienen noch mehr eingewachsen, ihr sprödes rötliches Haar ließ an das von Männern denken. Ille trug, im Haus, ein weißes Kopftuch, wie Leute auf dem Fischland es tun aus Trauer um einen Toten; sie hatte ihren Kapitän doch noch geheiratet mit zweiundvierzig Jahren. Der Schreck dauerte einen Lidschlag lang. Dann war Ille die Ältere und sagte, kaum tadelnd, kaum besorgt: Gesine. Du bist utrætn.

Gesine Cresspahl war ausgerissen von zu Hause, und Ille brachte ihr bei, daß der Zettel auf dem Küchentisch in Jerichow nicht ausreichte für Jakobs Mutter. Am gleichen Tag noch mußte sie oewe den Pahl zur Post mit einem Brief, in dem stand, sie sehe hier nach Verwandten. Es war die Wahrheit, sie hatte so etwas vorgehabt. Weiterhin brachte Ille in Schick, daß das Kind bei ihr unterm Dach schlafen sollte, wenn es ihr denn zu zweit nicht genierlich war. Es war doch wohl eigentümlich, zu Bauer Niemann in Arbeit und Brot zu wollen, wenn sie einmal angefreundet gewesen war mit Inge Niemann. Was das anging, was zu tun hatte Ille selber zu vergeben. Das war verstanden und ausgemacht von Anfang an: Gesine gehörte nicht mehr zu den Herrschaftskindern. Willkommen war sie, für Bett und Tisch mußte sie nun arbeiten.

Was zu tun fing morgens an im Garten, da waren Wurzeln zu ziehen, Stachel- und Johannisbeeren zu pflücken, Beete umzugraben. Dreimal am Tag war Wasser in die Küche zu tragen, nur noch nach Eimern waren die Kartoffeln zu rechnen, die sie schälte, es gingen wohl acht Liter in die Milchkanne, die sie jeden Abend bei Grete Nagel füllen ließ. Es fehlte bloß, daß Ille sie an den Herd gelassen hätte. Eben aber um die gebührende Andacht zu bekommen fürs Kochen hatte sie Gesine angenommen. Gesine durfte einen Gurkensalat machen, Brote streichen. Auch sollte sie das Essen auf die Zimmer tragen.

Denn Ille hatte Gäste, zahlenden Besuch aus den Städten, wie in früheren Zeiten. Nur eine Familie Flüchtlinge war dabei, die schickte sie allerdings aufs Feld zu den Bauern, da\ die sich besonnen hatten auf die Arbeitspflichten einer Büdnerei; wenn diese Biedenkopfs aus Rostock bleiben wollten über den Winter, würden sie Ille nicht mit Miete zahlen müssen, sondern mit Hilfe. Von den zeitweiligen Leuten nahm sie Geld, unbedenklich. Gesine begriff es erst, als eines Morgens im Schuppen hinter dem Haus zwei Ferkel waren, die sie nun obendrein versorgen mußte, als eine Nähmaschine abgegeben wurde und einmal ein Wäschekessel mit fast gar nicht abgestoßener Emaille. Was Gesine auf dem Fischland zu denken gehofft hatte, kam ihr kaum ein Mal in den Kopf vor lauter Beschäftigung; die volkswirtschaftliche Belehrung begriff sie und wollte sie Jakob weitersagen: die Flucht in die Sachwerte bekam vielleicht einen Termin.

Auch von den Gästen hatte sie eine Meinung; freundlich war die selten. Es waren Leute aus dem britischen und dem sowjetischen Sektor von Berlin, aus Leipzig, aus der Landeshauptstadt. Einer nannte sich einen Maler, nur war er schon zehn Tage lang nicht beim Malen zu sehen. In alten Zeiten war so etwas der Gemeindeverwaltung gemeldet worden. Die anderen waren ein Arzt, ein ostpreußischer Landschaftsschriftsteller, der aus Schwerin verwaltete innere Angelegenheiten des Landes Mecklenburg und mochte es genauer nicht sagen. Die stritten sich oft und blieben doch auf dem Weg zum Strand wie am Wasser zusammen, als hielte sie noch etwas anderes zusammen denn die Unterkunft bei Ille. Die Künstler wehrten sich gegen etwas, was sie Produzieren nannten. Das verlangte der Funktionär von ihnen. - Nu laßt uns doch all das Leid erst mal verarbeiten! stöhnte der Maler, - Ihr werdet dann schon sehen: kündigte sein Kollege in den Musen an, unbestimmt düster, aber um redliche Miene bemüht. Gesine sah sich die Herrschaften noch einmal an daraufhin. Gewiß, sie waren nicht eben gemästet am Leib. Aber ihre Anzüge, mochten sie um geringere Masse schlottern, sie waren doch aus begehrenswerten, geschonten Stoffen. Die Gesichter waren glatt, aufmerksam, beweglich. Denen nahm sie Verhärmtheit nicht ab. Sie sah, wie entschlossen die einhieben in Illes Räucherbraten, wie verschwenderisch sie einen Hühnerschenkel angingen mit einem einzigen, umfassenden Biß. Von trauernden Leuten wußte sie eine andere Art des Essens. Wenn die Herren hier in Luft und Sonne und Stille etwas verarbeiten wollten, warum brachten sie ihre Ehefrauen zum Streiten mit und lebten jeden Abend in drangvoller Enge zwischen den dichtgestellten Betten? (Ihren Kindern gönnte Gesine die Ferien, so erwachsen kam sie sich vor; mit denen des Schweriners sprach sie nicht mehr, seit die sie hatten anstellen wollen, ihnen die Betten zu richten.) Nein, da war sie lieber ungerecht. Wenn die sich kümmern wollten um ein Leid, es würde wohl das anderer Leute sein.

Die Gäste hatten gleich verstanden, bis wohin sie erwünscht waren, und hielten sich fern vom Garten, vom Stall, von der Küche, wo immer gearbeitet wurde. In ihre Kammern gesperrt, hörten sie nichts von dem Gespräch, das an vielen Abenden die Einheimischen unter sich führten. Ja, Ille bekam Besuch wie in Paepckes Zeiten, ob sie nun mit einer Kelle Wasser den Sand aus dem Mund spülen wollten oder ernsthaft sich hinsetzen zu etwas, das mochte nun nach Belieben ein Schnacken werden oder ein Klönen oder am Ende doch eine Geschichte. Nur daß nur wenige Männer dabei waren, und so manche von den Frauen nahm das weiße Kopftuch nicht ab. Niemals wurde Gesine begrüßt als die Kusine von Alexandra Paepcke; allmählich begriff sie, daß sie hier durch ihren Vater bekannt war und erinnert wurde. Gleichwohl kam es nicht vor, daß sie nach Cresspahl gefragt wurde. Besprochen wurde, was anlag; so lernte Gesine das Fischland kennen als eins, in dem ging es nicht zu wie im übrigen Mecklenburg. Wie in Illes Haus lebten in fast allen Häusern Sommergäste, die ihre Arbeit im Kopf vorbereiteten. Hier hatte der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands mehr zu sagen, als sein Platz in den mecklenburgischen Wahlen sollte vermuten lassen. Hier hatte die Regierung der sowjetischen Zone eine Spielwiese hergerichtet für die Intellektuellen, die sie für artig ansah, oder benutzbar. Im Hotel Bogeslav ging es zu wie in den alten Zeiten; nur daß Leute wie Bankier Siepmüller dort nicht mehr vorkamen. Ach doch, wenn sie aus dem englischen Sektor waren, oder noch besser aus England. - Engländer? fragte Gesine versehentlich. Die Rüge für vorlautes Betragen blieb aus, warum das nun wieder. Ja, Engländer. Bogeslav hieß Kurhaus jetzt. Die bekamen Sonderzuteilung »aus der Reserve«, was immer, wessen immer die war. Den Intellektuellen der Zone wurde das Fischland zugeteilt wie eine Medizin; nach vierzehn Tagen mußten sie Platz machen. Welche gab es, die badeten schon seit Juni hier. Einer hatte Baugenehmigung bekommen, gottlob in Ahrenshoop. Wenn die bloß nicht in Althagen anfingen mit ihren ausgedachten Häusern. Die wurden mit Pferdewagen durch den Darss gefahren. Ja, Gesine, in der Ernte. Wir kriegen das Unsere auch so vom Acker. Ja, was mit dem Jagdhaus des Reichsjägermeisters Hermann Göring war, Keiner weiß das, an die Stelle im Darss kam man nicht heran. Sonst kaum ein böses Wort über die Rote Armee. Offenbar hatte sie es mit diesem Landstrich anders angefangen. Doch, die waren bewaffnet auf Suche gezogen im Kleinen Darss, als Alfred Partikel verschütt gegangen war. Im Ernst, ihn retten wollten sie. Weißt, Gesine, der Maler. Ein Ahrenshooper zwar, wenigstens nicht Kultur-Bund. Was Gesine vom wirtschaftlichen Treiben der Einheimischen mitbekam, es klang nicht weniger exterritorial. Als gäbe es hier kein Finanzamt, als sähe die Wirtschaftskommission hier nicht her, als bekäme die Polizei keinen Zutritt. Auf dem Fischland schien die Kategorie »Selbstversorger« ziemlich genau das selbe zu bedeuten was das Wort meinte. Ach was, Lebensmittelkarten! Gelegentlich war die Rede von dem Haus mit der Sonnenuhr, so dicht am Hohen Ufer. Wann das wohl runterfallen werde. Mit türhohen Fenstern in Richtung Westen. Die mochten sie winters abdecken mit Holzplatten, da stand der Wind in der Stube und tanzte mit dem Sand. Des öfteren wurde gesagt: Nu tu das doch, Ille. Es sei nicht gefährlich. Tu das endlich, Ille.

Wenn Gesine Milch geholt hatte, war sie frei zu gehen, wohin sie wollte. Die Erinnerung blieb weg, es kam bloß der Anstoß an eine Minute Vergangenheit, der so sich nennt. Was aber sie meinte, war der Eintritt in die ganze Zeit der Vergangenheit, der Weg durch das stockende Herz in das Licht der Sonne von damals. Einmal hatten sie auf dem Hohen Ufer nebeneinander gestanden und unzweifelhaft die Umrisse von Falster und Möen gesehen; Alexandras Oberarm war mit einer leichten Körperdrehung an Gesines Schulter gerückt, ohne sie zu berühren; das Gefühl der Annäherung lag verkapselt im Gedächtnis, begraben gleichsam, wurde nicht lebendig. Einmal ging sie durch die Boddenwiesen, bis zum Knöchel im quatschenden Wasser, wollte Paepckes Katen heimlich von hinten ansehen, hoffte gar nicht mehr als auf den Anstoß. Sie sah die verwilderte Hecke, den Rundlauf, ein Stück Fenster vom Boddenzimmer. Die Stahltür mit dem Maschendraht war mit Kette und Vorhängeschloß gesichert. Sie hörte eine Frau sprechen, wie man es tut mit kleinen Kindern, die schon Worte annehmen. Alles das brachte die verlorene Zeit nur wieder als einen Gedanken: Als wir...; die gedachten Worte kamen nicht zum Leben. Fast jeden Abend beim Milchholen geriet sie in die Nähe des Moments, in dem Grete Nagel Alexandra und ihr ein Glas Milch angeboten hatte, jedoch frisch aus dem Euter, und die Kuh wandte ihre Augen um zu ihr. Es fiel ihr jetzt ein wenig schwerer, Milch zu trinken. Mehr fand sie nicht; ohnehin lag es wohl bloß daran, daß die Milch von Emma Senkpiel in Jerichow gepantscht war. Abends, wenn die Zeesenboote in den althäger Hafen liefen, patschten die Katzen durchs Schilf und warteten auf ihre Quartiergeber, auf ihren Fischanteil am Fang; Katzen, im Wasser! Sie hörte Alexandras Stimme nicht. Sie versuchte, beschreibende Ausdrücke zu finden für Alexandras Stimme in jenem Augenblick; da entging ihr fast die Ahnung davon. Vor Bauer Niemanns Dreiständerhaus hingen drei Leinen Wäsche, vier malende Leute nebeneinander malten das ab. Es war wie damals. Es war fest und undurchdringlich über das Andenken Alexandras gedeckt; übrig blieb nur ein Wissen, daß sie darunter verborgen war. Abends saß das Licht von Malchen Saatmanns Hinterzimmer im Gebüsch. Sie konnte denken: Der Abend, als wir noch Brot von Malchen holen mußten, Alexander saß vornehm auf dem Sofa, angedüdelt wohl, sagte zu seiner Tochter: Nun, du braves Kind? als kennte er sie nicht wieder... Gesine konnte es denken. Sie konnte es sich vorstellen als geschrieben. Es war nicht da. Sie war sich bewußt, daß in dieser Minute Stillstehens vor Frau Saatmanns freundlich verstreutem, heimlichem Licht der Wind stillstand, als verhalte er den Schritt. Sie fragte sich, ob sie das dereinst auch werde vergessen haben und bloß noch in Worten aufbewahrt.

Ille tat es schließlich. Sie bat Gesine um einen »furchtbaren« Gefallen; dann war es bloß die Begleitung zu einer Gelegenheit, nach der Gesine nicht fragen sollte. Die ganze Zeit müsse sie schweigen. Die Stimme Illes war wacklig. Gesine hätte ihr mehr versprochen, wäre es zum Trösten gut gewesen. Die Gelegenheit war Besuch bei einer alten Frau in einem Katen von Niehagen. Ille stellte im Vorraum bei einer Gehilfin den Korb Eier ab, das Honorar. Innen, bei gegen das Sonnenlicht verdunkelten Fenstern und Kerzenschein, mußte sie vor die Besprecherin ein Foto des Kapitäns hinlegen, dazu ihren Ehering an einem seidenen Faden. Die Alte enthielt sich aller Fisimatenten; ihr Benehmen schien einem Arzt abgeguckt. Ihr Blick war der einer Geschäftsfrau, die etwas Bestelltes zum ausgemachten Preis liefert. Ein offener, heimlich verdeckter Blick. Sie stemmte die Ellenbogen auf und verschränkte Hand über Hand. Von einem vorher unsichtbaren Finger baumelte der Ring am Faden über dem Bildgesicht des Kapitäns. Er baumelte nicht, er hing von Anfang an still. Der Ring bewegte sich nicht, volle fünf Minuten lang. Wenn man in Gedanken bis Dreihundert zählt. Dann fing Ille an zu weinen. Draußen wurde ihr von der Gehilfin, offenbar der Schwester oder Partnerin in diesem Unternehmen, regelrecht wie einer Witwe Beileid ausgesprochen, sachlich, reell, in einer Manier, als sei ein solcher Ausgang unfehlbar zu erwarten gewesen.

- Du auch? fragte die Gehilfin. Gesine hatte bloß versprochen zu schweigen. Die Begleitung hatte sie hinter sich, nun durfte sie weglaufen.

Ille bestand zu Hause nicht darauf, darüber zu sprechen. Wir nahmen einander nicht übel. Wir konnten mit einander reden. Fünf Tage später oder so ging ich mit Lohn zurück nach Jerichow.

Das Fischland ist das schönste Land in der Welt. Das sage ich, die ich aufgewachsen bin an einer nördlichen Küste der Ostsee, wo anders. Wer ganz oben auf dem Fischland gestanden hat, kennt die Farbe des Boddens und die Farbe des Meeres, beide jeden Tag sich nicht gleich und untereinander nicht. Der Wind springt das Hohe Ufer an und streift beständig über das Land. Der Wind bringt den Geruch des Meeres überallhin. Da habe ich die Sonne vor mir untergehen sehen, oft, und erinnere mich an drei Male, zwar unbeholfen an das letzte. Jetzt sackt das schmutzige Gold gleich ab in den Hudson.

Da wußtest du, daß ich nicht wiederkomme, Gesine.

Ja, Alexandra.

Da warst du fertig mit dem Wunsch, dich umzubringen.

Ja, Alexandra.

Du hast noch daran gedacht.

Ja, Alexandra.

Aber du wirst es nun nicht mehr tun.

Nein, Alexandra.

Ich hatte mich bloß versteckt, weißt du.

Ich weiß, Alexandra.

1947, im Sommer, war ich auf dem Fischland. Niemals mehr. 

© By kind permission of Suhrkamp Verlag 


  • Country in which the text is set
    Mecklenburg, Germany; New York
  • Featured locations
    Rande, Fischerdorf vor Jerichow (Klütz)
    Klützer Winkel
    Gneez
    Ribnitz
    Fischland, Darss (Darß)
    Althagen
    Ahrenshoop
    Kaskinen (Kaskö)
  • Bibliographic information
    Frankfurt/Main: Suhrkamp 1970, S. 7-10; 16-18; 30-34; 153-155
    Frankfurt/Main: Suhrkamp 1971, S. 878-887; 951-956
    Frankfurt/Main: Suhrkamp 1983, S. 1488-1496
  • Translations
    Language Year Translator
    Danish  2015  Henning Vangsgaard 
    English 1975 & 1987 Leila Vennewitz / Leila Vennewitz and Walter Arndt 
  • Year of first publication
    1970, 1971, 1973, 1983
  • Place of first publication
    Frankfurt/Main