Wüste Küste

Man schlug uns vor, die Nehrung zu besuchen. Gut, wir fuhren also für einige Tage nach Nidden auf der Kurischen Nehrung und waren so erfüllt von der Landschaft, dass wir beschlossen, dort Hütten zu bauen, wie es in der Bibel heißt. Dies ist zwar bei uns nichts Neues, denn wir beschließen es phantasieweise fast überall, sei es bei St. Moritz oder Assuan. Aber diesmal war es ernster. Der Eindruck war tief. Man findet einen erstaunlich südlichen Einschlag. Das Wasser des Haffs ist im Sommer bei blauem Himmel tiefblau. Es wirkt wie das Mittelmeer. Es gibt dort eine Kiefernart, Pinien ähnlich. Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein. Wir fassten einen Hügel am Haff ins Auge und begannen mit einem Bauplatz zu kokettieren. Als wir abreisten, hatten wir uns soweit gebunden, dass wir nicht mehr zurückgekonnt hätten, selbst wenn wir gewollt hätten. Durch Vermittlung Einheimischer kam ein Pachtvertrag mit der Litauischen Forstverwaltung zustande, eine Memeler Architektenfirma wurde engagiert, und so bauten wir brieflich ein Holzhaus. Alles war furchtbar einfach, nur Holz und Schleiflack. Als der nächste Sommer kam, stand das Haus fix und fertig da. Wir kamen an und saßen auf der Veranda unseres Häuschens, als ob es schon immer so gewesen wäre.

Im Süden liegen die großen Dünen, ein wirklich sehr merkwürdiges Naturphänomen. Sie gehören zu den Hauptsehenswürdigkeiten für die Fremden und haben wohl Humboldt hauptsächlich zu seiner Äußerung veranlasst1. Sie sind eine halbe Stunde von unserem Häuschen entfernt, auf einem sehr reizvollen Weg zu erreichen vorbei an einer Bucht, die wir Portofino genannt haben. Die ungeheueren Sandwände der Düne soll man lieber nicht hinaufklettern, denn das Herz wird dabei sehr angestrengt. Kennen Sie die Dünen bei List auf Sylt? Man muss sie sich verfünffacht denken, man glaubt in der Sahara zu sein. Der Eindruck ist elementarisch und fast beklemmend, weniger wenn man sich auf den Höhen befindet und beide Meere sieht, als in den tiefen eingeschlossenen Gegenden. Alles ist weglos, nur Sand, Sand und Himmel.

[Die Ostsee] ist vollkommen offen nach Westen bis nach Schweden hinüber, und stark wie an der Nordsee ist die Brandung bei Westwind. Die Brandung ist von eigenartiger Großartigkeit. Auch hier haben Meer und Strand einen primitiven, elementaren Charakter. Ich denke zuweilen, dass das Meer, das Hochgebirge im Schnee und die Wüste eine Kategorie von Naturerscheinungen für sich ist. Wer nicht den nötigen Respekt vor dem Meer hat, kann leicht zu Schaden kommen. Die Wellen haben selbst ganz nahe am Strand noch eine Kraft, dass man glaubt, Löwenpranken schlügen auf die Schultern. Im Sog ist schon mancher zu Schaden gekommen. Schwimmt man zu weit hinaus, so gerät man in diesen Sog, der einen immer wieder zurückzieht und gegen den alle Anstrengungen vergeblich sind. Mancher, der in diesen Sog geriet, wurde nachher mit geplatzten Lungen aufgefunden. Man beklagt ihn dann, aber im Grunde hat er es sich selbst zuzuschreiben, weil er eben nicht genügend Respekt vor dem Meere hatte. Der Strand empfiehlt sich nicht durch Komfort. Nur wir haben einen Strandkorb, alle anderen Gäste bauen sich Sandburgen.

Bezieht sich auf Wilhelm von Humboldts briefliche Äußerung aus dem Jahr 1812 über die Kurische Nehrung als Landschaft, die man gesehen haben müsse, wenn einem nicht ein Bild der Welt in der Seele fehlen solle.

From: Thomas Mann, Mein Sommerhaus. Vortrag gehalten anlässlich der Zusammenkunft des Rotary Clubs München am 1. Dezember 1931 (somewhat abridged)