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Die Ferne ist nah genug

Original Text

Sie eroberten die Stadt und gaben ihr einen neuen Namen, sie nannten sie Kaliningrad, und von diesem Tage an wurden die Brötchen schwarz und klitschig, und das Brot wurde naß und kostete achtzig bis hundert Rubel je Laib. Das waren die ersten Veränderungen, die sich mit dem neuen Namen der Stadt ergaben, nasses Brot und schwarze Brötchen; die Bevölkerung dachte jeden Tag an den neuen Namen der Stadt, sie mußte an ihn denken, denn wenn ein Laib Brot unters Messer kam, wenn eine Hand von oben auf das Brot drückte, lief an der offenen Seite Wasser heraus - und sie mußten Brot schneiden, jeden Tag. Aber es war nicht leicht, das nasse Brot zu besorgen, mit dem neuen Namen der Stadt war auch das Brot seltener geworden; es war rar und kostbar geworden, es forderte von dem, der es besitzen wollte, jeden Tag neue Überlegungen, neue Listen und neue Wachsamkeit, das Brot forderte plötzlich seine Abenteuer. Es war nicht mehr wie früher, als die Stadt Königsberg hieß und das Brot billig und weiß und gefahrlos zu be­kommen war, der neue Name der Stadt hatte das alles geändert. Er hatte auch die Augen der Menschen geändert, die Augen waren groß und gleichgültig geworden, ferne abwesende Blicke, hinter deren Scheu sich aber ein unentwegtes Lauern verbarg.

Auch in den Augen der Kinder lag ein Ausdruck dieses scheuen Lauerns, auch in den Augen der beiden Brüder Kurt und Heinz, die schon morgens zu einer Ausfallstraße hinausgegangen waren, barfuß, nur mit kurzer Manchesterhose und Hemd bekleidet, der eine vier­zehn, der andere neun Jahre alt. Sie durften nicht betteln, das war nur den Blinden erlaubt, und Geld besaßen sie auch nicht. Geld besaßen kaum die russischen Zivilisten, und so gingen sie zu einer Ausfallstraße hinaus, wo es die schwarzen Märkte gab. Sie setzten sich in einen Graben und warteten. Sie beobachteten schweigend das nervöse Ge­dränge und dachten an ihre Mutter, die sie hinausgeschickt hatte, und an ihren Plan, der ihnen zu warten befahl. Sie warteten auf einen sowjetischen Milizsoldaten, bei dessen Erscheinen stets eine panische Flucht einsetzte, die Leute liefen mit ihren Körben und Kästen und Bündeln nach allen Seiten davon, stolpernd und fallend, und manch­mal verlor dann ein Flüchtender schwarze, klitschige Roggenbrötchen aus einem Korb oder einige Kartoffeln oder womöglich gar ein Stück Räucherspeck. Ihr Plan befahl ihnen, auf das Erscheinen des Milizsoldaten zu warten, aber ein dünner Schnürregen ging nieder, und dies­mal schien der Milizsoldat etwas anderes vorzuhaben. Er kam nicht. Und Kurt stand von dem alten Eimer auf, auf dem er gesessen hatte, und sagte: »Wir können lange warten, Heinzi. Ich glaube, es hat keinen Zweck. Heute kommt er nicht.«

»Wir können es ja bei den Tonnen versuchen«, meinte der Kleine. »Wir können es dort gut noch mal versuchen. Manchmal läßt man etwas liegen, und wenn wir es jetzt finden, ist es gut. Was meinst du, sollen wir zu den Tonnen gehen?«

»Nein«, sagte Kurt, »es hat keinen Zweck. Beide brauchen wir nicht dahin. Du kannst allein zu den Tonnen gehen, Heinzi, und wenn du etwas findest, bringst du es gleich nach Hause.«

»Warum können wir nicht zusammen gehen«, fragte der Kleine, »wo willst du denn hin?«

»Ich geh zum Bahnhof«, sagte Kurt, »bei den Tonnen sind mir zu viele. Komm, wir wollen jetzt gehen.«

Und sie gingen schweigend die Straße zurück, und der Kleine trug eine verrostete Luftpumpe in der Hand und stieß sie bei jedem Schritt gegen das nasse Pflaster; ein helles, metallisches Klicken begleitete sie unter dem tief hängenden Himmel, und sie gingen durch tote Straßen und kletterten über Bettgestelle und verkohltes Balkenwerk, und an einer Kreuzung verabschiedeten sie sich. Heinzi ging zu den Tonnen hinab, und sein Bruder schlug den Weg zum Bahnhof ein; es regnete, aber der Regen war warm.

Er zog sich am Gras die Böschung des Bahndammes hinauf, er ging langsam und geduckt zwischen den Schienen weiter; er wußte, daß er nur so den Bahnsteig erreichen konnte, denn zur Straße hin war alles von der Miliz abgesperrt. Er sah die Milizsoldaten am Rinnstein der Straße sitzen, große breitschultrige Männer in gefetteten Stiefeln und mit lose baumelnden Maschinenpistolen vor der Brust, und der Junge legte sich zwischen die Schienen, wenn sie herübersahen, und preßte sein Gesicht gegen die nassen Schottersteine. Er gelangte ungesehen bis zum Stellwerk, er hatte die gefährlichste Strecke hinter sich und beob­achtete den Bahnsteig. Da spürte er, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte und wie jemand hinter ihm lachte. Er kannte das La­chen, er wußte sofort, daß er sich nicht in Gefahr befand, und als er sich langsam umwandte, erkannte er Fips. Fips war etwas älter als er, er trug Schuhe und eine grüne Joppe, und sein Haar war blond und verfilzt und naß vom Regen, und er sagte lachend: »Tag, Kurtchen, so sieht man sich wieder. Was machst du hier?«

»Das siehst du doch«, sagte Kurt. »Ich dachte, hier wäre etwas zu haben.«

»Das ist mein Revier«, sagte Fips. »Hier bin ich zu Hause, hier kenn' ich jeden Winkel, Jungchen. Aber ich sag' dir, hier ist nichts zu ma­chen. Da - paß auf, der Mongole hat uns gesehen. Wenn sie uns jagen sollten, müssen wir nach hinten, zu den alten Lokomotiven. Der Mon­gole ist gutmütig, ich kenne ihn, aber man kann nie wissen.« Sie sahen aufmerksam zum Bahnsteig hinüber, und als der mongolische Soldat sich umwandte und zurückging, sagte Fips: »Nein, Jungchen, hier ist nichts zu machen. Auf dem Bahnhof wirst du kein Glück haben. Es ist schlecht geworden in der letzten Zeit. Zu viele Aufpasser. Aber ich weiß eine Möglichkeit, Kurtchen. Ich weiß etwas, worüber du nur staunen wirst. So etwas hast du noch nicht erlebt.«

»Was meinst du?«

»Es kommt gleich ein Zug«, sagte Fips.

»Wir können ja vorher verschwinden.«

»Nein«, sagte Fips, »eben nicht. Wir warten auf den Zug. Ich warte auf ihn, und du auch. Du sollst doch etwas zu essen besorgen, Jung­chen, nicht? Deine Alte hat dich doch bestimmt weggeschickt, damit du was zu essen besorgst. Und ich weiß eine Möglichkeit.«

»Ich breche nirgendwo ein«, sagte Kurt, »wenn du auf den Zug wartest, um in den Verpflegungswagen einzubrechen — ich mache das nicht mit, Fips. Wir kommen nicht weit.«

»Davon hat niemand etwas gesagt. Von Einbrechen ist überhaupt nicht die Rede gewesen. Die Züge haben keine Verpflegungswagen mehr, und außerdem war' das gefährlich.«

»Was meinst du denn?«

»Etwas anderes.«

»Was denn?«

»Ich weiß, Jungchen, wo es Eier gibt, wo es Brot gibt und Butter und Schinken und alles, was du haben willst. Aber dazu müssen wir ein Stück mit dem Zug fahren.«

»Aber wir haben doch keine Fahrkarte.«

»Nein«, sagte Fips, »wir haben keine Fahrkarte. Aber ich sage dir, von den Russen, die mit diesem Zug fahren, hat auch nicht jeder eine Fahrkarte. Und wir machen's genau so. Und wenn wir ein Stück gefahren sind, haben wir alles, was wir brauchen, und du kannst es deiner Alten nach Hause bringen.«

»Warst du denn schon da, wo es all das gibt?«

»Nein«, sagte Fips. »Nein. Ich war noch nicht da. Aber ein Freund von mir war da, und er ist mit vollem Rucksack nach Hause gekom­men.«

»Ohne Geld?«

»Ohne Geld. Mit Geld kann's jeder.«

»Wie hat er denn all das Zeug bekommen?«

»Gebettelt, Jungchen, langsam und anständig zusammengebettelt.«

»Das ist doch verboten«, sagte Kurt.

»Natürlich«, sagte Fips, »ist es verboten. Aber nur hier, Jungchen. Hier darf man sich nicht dabei fassen lassen. Dort, wo wir hinwollen, ist das Betteln erlaubt. In Litauen darf man betteln.«

»Litauen?« fragte Kurt.

»Ja«, sagte Fips, »Litauen. Du hast richtig gehört.«

»Aber das ist doch weit. Das ist doch ziemlich weit entfernt von hier, da können wir bis Mittag doch gar nicht zurück sein, Fips.«

»Mit dem Zug ist es nicht so schlimm. Mit dem Zug könnten wir bald zurück sein.«

»Es geht nicht«, sagte Kurt. »Ich kann auf keinen Fall mitfahren. Ich muß hierbleiben, Fips.«

»Warum denn?«

»Wegen meiner Mutter. Sie ist krank. Sie kann allein nichts machen, und Heinzi ist noch zu klein. Deswegen muß ich hierbleiben, Fips.«

»Nein«, sagte Fips. »Gerade darum mußt du mitkommen, Jungchen. Gerade weil deine Alte krank ist, mußt du mitkommen. Was meinst du, wie schnell sie wieder gesund wird, wenn du ihr die richtigen Sachen nach Hause bringst.«

»Aber sie weiß dann nicht, daß ich weg bin. Ich müßte erst einmal nach Hause. Ich müßte ihr vorher Bescheid sagen.«

»Das geht nicht mehr«, sagte Fips, »dazu haben wir keine Zeit, der Zug fährt gleich ab, und der nächste ist erst morgen abend. Und mor­gen abend können wir längst zurück sein. Paß auf, da kommt der Zug!«

Sie liefen um das Stellwerk herum und sahen dem Zug entgegen, sie standen sprungbereit da, auch Kurtchen, den der plötzliche Sog der Verheißung erfaßt hatte; sie sahen abschätzend den Zug heranrollen, ein gleichgültiges, schweres Tier, das sie nach Litauen bringen sollte, in ein Land, das sie nie gesehen, von dem sie keine Vorstellung hatten. Und als die schwarze Lokomotive vorbei war, drückten sie sich fast gleichzeitig ab, erreichten das Trittbrett, balancierten über die Puffer und kletterten auf das Dach eines Waggons. Es war ein gewölbtes, mit Teerpappe überzogenes Dach, und sie setzten sich in die Mitte; sie waren nicht die einzigen, die sich auf dem Dach befanden, außer ihnen hockte noch ein altes Ehepaar da, das auf unerklärliche Weise hinauf­gelangt war, und hinter ihnen lag ein sowjetischer Major, der seinen Körper flach an die Teerpappe preßte, um von der Miliz nicht entdeckt zu werden. Der Regen traf ihre Gesichter, und sie setzten sich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, schlugen den Kragen hoch und verwahrten die Hände in den Taschen. Die beiden Alten saßen starr und schwei­gend wie Vögel nebeneinander, reglos, als ob eine geheime Erwartung, ein unausgesprochenes Einverständnis sie zusammenhielte und ihre Wünsche lenkte. Auf den Dächern anderer Waggons saßen ebenfalls Menschen, meistens Kinder; sie winkten hinüber und herüber, wenn sie sich wiedererkannten, und riefen sich etwas zu, das im Fahrtwind unterging.

Und dann hielt der Zug in Wehlau, und als sie vom Dach herabsa­hen, erkannten sie einen Postenring, mit dem der Zug sorgfältig um­geben war, und einige Milizsoldaten kletterten auf die Wagendächer und stießen die Leute hinab. Fips wartete, bis auf dem Bahnsteig ein Gedränge unter den Verhafteten entstand, dann gab er Kurt ein Zei­chen, und beide sprangen auf ein Nebengleis und liefen zu einem Zaun und warfen sich auf die Erde. Sie blieben nicht lange liegen, ihre Sinne waren geschärft für das Abenteuer, und nach einer Weile gaben sie ihr Versteck auf und schoben sich durch Brennesseln und Löwenzahn am Zaun entlang, sie krochen vorsichtig weiter, bis sie in Höhe einer höl­zernen Behelfsbrücke waren, die der Zug passieren und auf der er seine Geschwindigkeit bremsen mußte, und sie kauerten sich vor einem Bretterstapel nieder und beobachteten ruhig den Zug. Sie sahen, daß die Miliz einige Leute mit Gewalt von den Dächern herunterholte, und daß man sie zusammentrieb und abführte, aber sie sahen auch, daß es nur sehr wenige waren, die die Miliz bekommen hatte; viele, die sie bei der Abfahrt auf den Dächern entdeckt hatten, waren auf geheimnis­volle Weise verschwunden. Sie hatten sich verborgen wie sie, und als es weiterging, als sie dem Zug entgegensprangen und über die Puffer auf das Wagendach kletterten, sahen sie viele wieder; einige fehlten, aber viele sahen sie wieder. Auch die beiden Alten saßen schon oben, sie hockten still nebeneinander, als wäre nichts geschehen. Der Zug fuhr nach Osten; er hielt nur auf wenigen Stationen, aber wo er hielt, dau­erte der Aufenthalt längere Zeit; überall wo er hielt, wurde er von einer Anzahl Milizsoldaten erwartet, die auf die Dächer kletterten und die Wagen oben und unten absuchten, und jedesmal blieben einige auf der Strecke, sie blieben hängen in dem immer enger werdenden Netz der Kontrollen.

Aber die Jungen kamen durch, und die Alten und der sowjetische Major auf ihrem Dach kamen auch durch, sie saßen auf der Teerpap­pe, und dem Zug folgte von Westen die Dunkelheit. Als es dunkel wurde, froren sie auf dem Dach, der Hunger marterte sie, denn sie hatten den ganzen Tag nichts gegessen, aber niemand war da, der etwas mit ihnen geteilt hätte. Sie kniffen sich in den Arm, um wach zu bleiben, der Rhythmus, der Hunger und die Erschöpfung hatten sie müde gemacht, aber niemand konnte es sich leisten, einzuschlafen. Wer einschlief, war gerichtet. Das sahen sie an dem russischen Offizier; sie sahen, wie er gegen die Müdigkeit ankämpfte, wie er sich fortwäh­rend drehte und einen Halt zu finden versuchte, und dann wurde die Silhouette seines schlaffen Körpers kleiner und kleiner, unmerklich, so daß sie nicht ahnten, was sich vollziehen würde. Und plötzlich neigte sich der Mann zur Seite, und als sie aufspringen wollten, um ihm beizustehen, war es schon zu spät: er kippte über das Wagendach, jäh, mit erschreckender Lautlosigkeit, und die Zurückgebliebenen hörten nicht einmal einen Schrei. Fips zog seine grüne Joppe aus; sie war schwer geworden vom Regen, aber sie hielt gut den Wind ab, und sie rückten nah aneinander heran und bedeckten mit der Joppe ihre Bei­ne. Sie dachten beide an Litauen, und Fips sagte: »Wart' nur, Jungchen, wenn wir da ankommen, wird es anders aussehen. Wenn wir erst in Litauen sind, wird die Sonne scheinen, und es wird warm sein, und wir werden alles haben, was wir zu unserem Glück brauchen. Morgen schon, Jungchen, morgen, wenn wir in Litauen ankommen ...«

Litauen: Ein träger, geduldiger, schwerer Strom: der Njemen, Wie­sen und alte Wälder, endlose Äcker. Litauen: Breite, erhitzte Gesichter, lachend, Heumähen, Schnaps und Schinken, bärenhafte Gutmütigkeit; der Großvater am Ofen, Fleiß und Geiz, Export von Eiern, Butter und Geflügel ... Litauen: Niemand weiß, woher seine Einwohner gekommen sind, niemand, wann sie sich an den Unterläufen des Njemen und der Dwina niedergelassen haben; ihre Sprache ist den Gelehrten ein Rätsel... Litauen: Tragödie eines Randstaates ...

... Bei Sonnenaufgang hielt der Zug in Kowno, und die Jungen glitten vom Teerdach herab und schlichen an der Rückseite des Zuges zum Ausgang; sie erreichten ihn ungefährdet und gingen hinaus auf den Bahnhofsplatz. Es war ein großer, schlecht gepflasterter Bahnhofs­platz, aber er hatte seine Grünflächen, und vor ihnen standen niedrige getünchte Bänke, auf denen sowjetische Soldaten saßen und rauchten oder schliefen. Alles war still und friedlich, die Sonne schien und leckte sie trocken und wärmte sie. Langsam schlenderten sie über den Platz, und dann wurden sie auf eine Gruppe von Menschen aufmerksam, die sich um etwas, das am Boden liegen mußte, versammelt hatte, und sie gingen näher heran und sahen die alte Frau auf der Erde, die mit ihnen auf einem Dach gesessen hatte; der Hunger und die Erschöpfung hat­ten sie besiegt, sie war zusammengebrochen, kurz vor dem Ziel hatte sie es aufgeben müssen, vielleicht wenige Meter vor dem ersten Stück­chen Brot. Ihr Mann kniete verzweifelt neben ihr und sprach fortwäh­rend auf sie ein, aber die Frau rührte sich nicht, und nach einer Weile kam eine Milizstreife und fragte den Mann nach seinen Dokumenten, und als er die Fragen der Miliz unbeachtet ließ, rissen sie ihn empor und nahmen ihn mit. Dann erschienen zwei Zivilisten mit einer Trag­bahre; sie legten die alte Frau auf die Tragbahre und schaukelten da­von, aber die Zuschauer blieben schweigend stehen, als ob die Alte immer noch zu ihren Füßen läge.

Die Jungen wollten sich langsam aus der Gruppe lösen, sie nahmen sich bei der Hand und wollten aus dem Zentrum der Gruppe hinaus, da stieß Fips mit einem Milizsoldaten zusammen; es war ein alter, freundlicher Soldat, der die Mütze schief trug und kleine, lustige Augen hatte, und er hielt Fips mit seinen breiten Fingern am Hals fest und sagte: »Chalt! Chalt. Wohin ihr wollt hüpfen, junge Heuschrecken, hm?«

»Wir sind nur kurz hier«, sagte Fips.

»Was ist?« sagte der Soldat. »Wo ihr hab Dokumente, Papier, hm? Wo ist?«

»Verloren«, sagte Fips. »Wir haben Dokumente verloren.«

»Ah«, sagte der Soldat mit gespielter Traurigkeit, »ah, alles verloren. Großmutter verloren, Papiere verloren, alles fftt -, alles verloren. Ihr seid gekommen mit Zug? Richtig?«

»Wir sind schon gestern mit dem Zug gekommen. Wir wollten -«

»Gestern?« sagte der Soldat, »warum du mußt schwindeln, ha? War­um gestern? Hab ich Augen. Hab ich gesehn mit Augen wie ihr seid gesprungen von Zug. Cheute! Cheute! Nicht gestern. Dawai! Nach Kommandantur!«

Er ließ die Jungen vorangehen, und sie gingen über den schlecht gepflasterten Bahnhofsplatz und schlugen den Weg zu einer Brücke ein. Der Soldat forderte sie auf, langsam zu gehen, es war ein freund­licher, redseliger Mann, und er sagte: »Ihr seid gekommen aus Deutschland, richtig? War ich gewesen in Breslau, in Frankfurt. Prima. Du warst gewesen in Breslau? Viel fftt! Alles fftt«, und dazu machte er eine wegwerfende Geste.

»Ich war in Breslau«, sagte Fips.

»Du warst gewesen«, sagte der Soldat, glücklich überrascht.

»Ja«, sagte Fips, »aber jetzt kommen wir aus Königsberg.«

»Königsberg? Was du nicht sagst. War ich auch gewesen in Königs­berg. Viel fftt! Ah, nicht gut. Fschistko bombarduiä. Alles fftt. Was ihr hier wollt?«

»Hunger«, sagte Fips.

»Chunger«, wiederholte der Soldat, »alles Chunger. Alle kommen chier. Was ich soll machen? Zurrick, alles zurrick.«

Sie gingen über die Brücke, und Fips tat, als ob er auf das Wasser hinabsah, und er beugte sein Gesicht an Kurtchen heran und zischte ihm zu: »Paß auf, hinter der Brücke sausen wir los. Immer mir nach.«

Der Soldat hatte die Worte gehört, aber er hatte sie nicht verstanden, und darum fragte er mißtrauisch: »Was du chast gesagt zu ihm? Ha? Was du chast gesagt, schnell.«

»Ich habe ihn gefragt, ob er auch Hunger hat«, sagte Fips.

»Ah«, sagte der Soldat, »arme kleine Mann, alles Chunger.«

Sie überquerten die Brücke, und am Ende der Brücke begannen sie unwillkürlich schneller zu gehen, so daß sich der Abstand zwischen ihnen plötzlich vergrößerte. »Hei«, rief der Soldat, »warum ihr mißt so rennen? Chaben wir Zeit, werden wir schon kommen zur Kommandantur. Chalt! Stoi!«

Er sah, daß die Jungen sich nicht nach seinem Befehl richteten, sie hörten nicht auf ihn und gingen immer schneller, und dann stieß Fips den Kleinen in die Seite, und beide begannen zu laufen, sie rasten, während der Soldat hinter ihnen herrief, über den Damm, sie hörten ihn einmal schießen, aber sie wußten, daß er nur in die Luft geschossen hatte und daß für sie selbst keine Gefahr bestand, denn sie konn­ten, wenn sie sich umwandten, den Soldaten nicht mehr erkennen, und als sie an die Lagerschuppen kamen, fühlten sie sich endgültig sicher und gingen ans Wasser hinab. Das Laufen hatte sie ausgepumpt, und sie setzten sich auf eine Kiste und ruhten sich schweigend aus, und dann sagte Kurt: »Was sollen wir jetzt machen, Fips, ich kann bald nicht mehr.«

»Mach' dir keine Sorgen, Jungchen. Wir müssen nur aus der Stadt raus. Wenn wir aus der Stadt raus sind, ist alles gut. Dann sind alle Sorgen fftt, das kannst du mir glauben.«

»Aber wie kommen wir jetzt nach Hause?«

»Nach Hause?« sagte Fips. »Du bist kaum hier und willst schon wieder nach Hause. Jetzt geht's doch erst richtig los. Wir wollen doch etwas haben von unserer Reise.«

»Aber wie kommen wir hier raus«, fragte Kurtchen ängstlich.

»Da«, sagte Fips.

Er streckte die Hand aus, und seine Finger zeigten auf einen alten schwarzen Flußdampfer, einen Raddampfer, der an der Pier lag. Der Dampfer lag noch an der Leine, aber die Jungen sahen, daß alle Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen wurden, Kisten wurden festgezurrt und große Fässer über den Laufsteg gerollt, und auf einem Poller saß ein Mann, der die Leinen loswerfen wollte.

»Da«, sagte Fips, »der wird uns aus der Stadt rausbringen. Das wird sogar ganz gemütlich. Eine Dampferfahrt habe ich lange nicht mehr gemacht.«

»Hast du denn Geld?«

»Geld«, sagte Fips verächtlich, »ich habe genau soviel Geld wie du. Wir bezahlen unsichtbar, Jungchen. Wir schleichen uns von hinten ran und verschwinden hinter den Säcken und Kisten. Da brauchen wir kein Geld.«

»Und wenn sie uns sehen?«

»Dann müssen wir bezahlen. Aber komm jetzt.«

Sie gingen dreist an den Dampfer heran, mit absichtsloser Neugierde, wie es schien, aber als die Vorleine losgeworfen und das Heck des Dampfers gegen die Pier gedrückt wurde, sprangen sie rasch nacheinander hinauf, warfen sich hinter die Säcke, damit sie von der Brücke nicht gesehen werden konnten und beobachteten, wie die Schaufelräder das Wasser walkten und der Dampfer langsam zur Mitte des Stromes drehte.

Der Dampfer fuhr mit der Strömung, er fuhr an ertrunkenen Wie­sen vorbei, an weiten, flachen Feldern, vorbei an strohgedeckten ein­samen Gehöften und an dichten Wäldern; auf manchen Feldern waren Menschen bei der Arbeit, angestrengt gebückt, und als der Dampfer vorbeikam, richteten sie sich auf und sahen stumm herüber, ohne zu winken.

Fips untersuchte die Säcke auf ihren Inhalt, er schlitzte sie unten mit dem Taschenmesser auf, hielt die Hand unter den Schlitz und sah zu, wie eine braune, funkelnde Splittermasse herauslief. Es war Zucker und sie leckten gierig die süßen Splitter aus ihrer Hand auf, kauten knirschend und füllten, nachdem sie sich einigermaßen gesättigt hat­ten, ihre Taschen. Fips wischte sich die klebrigen Hände an den Hosen ab und verschränkte die Beine zum Schneidersitz, und dann legte er einen Arm um Kurtchen, und beide sahen zum Ufer hinüber, das lautlos vorüberglitt.

»So, Jungchen«, sagte Fips, »jetzt fühl ich mich schon besser. Das war erst der Anfang, Jungchen. Du wirst sehen, Litauen wird uns nicht enttäuschen. Wart nur ab. Ich glaube, wir werden bald eine Eier­schlacht machen können. Wir fahren noch ein Stück weiter, Jungchen, je weiter, desto besser. Wir müssen aufs Land, denn da läßt sich am meisten holen.«

»Und wenn der Dampfer nicht mehr anhält?«

»Nicht anhält?« sagte Fips.

»Ja«, sagte Kurtchen, »ich kann nicht schwimmen.«

»Dann fahren wir einfach, soweit der Zuckervorrat reicht«, sagte Fips.

»Aber eines Tages müssen alle Dampfer anlegen. Einmal müssen sie alle an die Pier, Jungchen. Auch dieser Kasten hier, das laß dir gesagt sein. Und dann kommen wir auch nach Hause, und deine Mutter wird bestimmt gesund, wenn du ihr eine Speckseite aufs Bett wirfst. Wart nur ab. Du wirst...« Er sprach nicht weiter, denn er spürte plötzlich einen harten Schlag auf der Schulter. Und bevor er sich umdrehen konnte, erhielt er einen neuen Schlag ins Genick und gegen die Rippen, und er hörte auch Kurtchen aufschreien und wußte, daß sie ent­deckt worden waren. Sie legten sich zwischen den Säcken flach hin und verbargen den Kopf unter den Händen, um ihn gegen die Schläge zu schützen, aber der Matrose riß sie am Hemd hoch und zog sie aus ihrem Versteck heraus. Es war ein junger, mürrischer Matrose mit schwarzen Augen und zähem schwarzem Haar, er sagte kein einziges Wort zu ihnen, er stieß sie den Aufgang zur Brücke hinauf und über­gab sie dem Kapitän. »Sie saßen hinter den Säcken«, sagte er zum Kapitän.

Der Kapitän des Flußdampfers sah sie grinsend an; er war klein für einen Kapitän, er trug eine blaue Ballonmütze und warmes blaues Wollzeug.

»Kann ich gehen?« fragte der Matrose.

»Ja«, sagte der Kapitän, »du kannst gehen, Jonas.«

Er wartete, bis der Matrose verschwunden war, dann sah er wieder auf die Jungen und lachte.

»Herr Kapitän«, sagte Fips, »auf der nächsten Station steigen wir schon aus. Wir steigen bestimmt aus und kommen auch nicht wieder an Bord. Wir sind aus Königsberg, Herr Kapitän. Wir wollen aufs Land zu den Bauern.«

»Das merke ich.«

»Der Kleine kann nicht schwimmen, Herr Kapitän, werfen Sie uns nicht rein.«

»Hört zu«, sagte der Kapitän, und seine Stimme klang verändert und das Lachen verschwand aus seinem Gesicht. »Hört zu, Jungens, ihr dürft nicht bis zur nächsten Station mitkommen. Die nächste Station heißt Vilki, und da kommt die Miliz an Bord, und ihr wißt, was euch blüht, wenn die Miliz euch findet. Man wird euch einsperren und zurückschicken, und ihr habt eure Reise umsonst gemacht. Ich will euch helfen. Aber ihr dürft keinem erzählen, daß ich euch mitnahm.«

»Nein«, sagte Fips, »nein, Herr Kapitän, ich werde keinem davon etwas erzählen. Auch der Kleine nicht, Ehrenwort.«

»Paßt auf«, sagte der Kapitän, »kurz vor Vilki passieren wir eine Sandbank, sie ist dicht an der Fahrrinne, gar nicht tief, höchstens bis zu den Knien; ich werde euch sagen, wenn es soweit ist. Dann müßt ihr springen. Ihr stellt euch am besten am Heck hin und springt dann mit aller Kraft außenbords. Hab keine Angst, Kleiner, das geht schon klar, das haben schon viele vor dir gemacht, noch jüngere sogar. Und sagt keinem ein Wort davon, sagt auch nichts dem Matrosen, der euch hierherbrachte. Habt ihr mich verstanden?«

»Ja«, sagten Fips und Kurtchen wie aus einem Mund.

»Gut«, sagte der Kapitän, »dann bleibt hier auf der Brücke und wartet, bis ich euch ein Zeichen gebe; ihr werdet die Sandbank auch selber erkennen, wenn das Wasser hell und gelb wird; und geht über­haupt nicht nach Vilki, Jungens, da liegt viel Miliz, und ihr werdet schnell auffallen, und man wird euch schnappen. So, und jetzt setzt euch dahin und seid ruhig.«

Vor der Sandbank gab ihnen der Kapitän ein schnelles Zeichen, er hob nur einmal seine Hand, und sie verstanden ihn und gingen vor­sichtig zum Heck des Dampfers. Es war eine lange Sandbank, sie sahen selbst, daß es nicht allzu tief sein konnte, denn das Wasser war gelb und nicht bleifarben wie über der Fahrrinne. Als erster sprang Fips; er drückte sich vom Bordrand ab, flog mit ausgebreiteten Armen durch die Luft und klatschte ins Wasser, während Kurtchen ihn stumm be­obachtete. Als er sah, daß Fips sich gleich wieder aufrichtete und das Wasser kaum seine Knie erreichte, sprang auch er und landete eben­falls glatt.

Der Matrose, der sie zwischen den Säcken entdeckt hatte, hörte den Aufschlag der Körper auf dem Wasser und kam zur Reling, und er sah, daß die Jungen lachten und langsam zum Ufer wateten - er konnte ihnen nichts mehr anhaben.

Sie setzten sich glücklich und erschöpft ins Gras, und nachdem sie sich ausgeruht hatten, standen sie auf und sahen sich um. Sie befanden sich auf einer Wiese; am Rande der Wiese erhob sich ein einzelnes Gehöft, und dahinter begann der Wald, und Fips deutete auf das Ge­höft und sagte: »Da, Jungchen, jetzt kann's losgehen! Wir werden ab­wechselnd fragen. Bei diesem Haus frage ich, beim nächsten du. Ein­verstanden?«

Kurtchen nickte, und sie gingen über die tauschwere Wiese, und als sie sich vor dem Gehöft befanden, schlug ein Hund an.

Der Hund lag an der Pumpe, und sie gingen zögernd in großem Bogen um die Pumpe herum, und blieben vor der Tür stehen und klopften. Es dauerte lange, bis sie Schritte hörten; eine Frau öffnete ihnen und schüttelte, ohne daß ein Wort gefallen wäre, den Kopf. Es hat keinen Zweck, sollte es heißen, spart euch alle Fragen. Aber Fips sagte: »Ich wollte mal fragen ...«

»Du brauchst nicht zu fragen«, sagte die Frau auf deutsch. »Ich habe nichts. Versucht es woanders. Ich hab' nichts, das ich euch geben kann.«

»Ein winziges Stück nur«, sagte Fips.

»Jetzt nicht«, sagte die Frau. »Geht fort. Aber geht nicht für immer fort. Kommt zurück, wenn es dunkel ist. Klopft dann ans hintere Fenster. Und jetzt geht, ich hab' nichts.«

»Nachts?« fragte Kurtchen.

»Wenn es dunkel ist, Kleiner, ja.«

Die Frau schloß die Tür, und die Jungen schlugen einen Weg in den Wald ein. Es war ein feuchter, weicher Weg, den sie gingen, er führte sie von dem Gehöft fort und parallel zum Fluß in eine Richtung, in der sie vom Dampfer aus mehrere Gehöfte gesehen hatten. Sie versuchten es auch bei den Einwohnern dieser Gehöfte, aber überall sagte man ihnen: Geht fort. Aber geht nicht für immer fort. Kommt zurück, wenn es dunkel ist. Jetzt können wir euch nichts geben.

Die Jungen merkten sich die Lage der Gehöfte und gingen wieder zum Fluß hinab. Sie gingen wieder zu der Stelle, an der sie gelandet waren, und sie tranken Wasser aus dem Fluß und aßen ein wenig von dem Zucker, den sie in den Taschen hatten, und dann legten sie sich dicht nebeneinander ins Gras und schliefen ein. Sie schliefen bis zur Abenddämmerung. Sie schliefen so lange, bis der Strom den Nebel entließ, bis der Nachtfrost kam und sie in die nackten Beine kniff; da erhoben sich alle beide, rieben die Hände warm, reckten ihre Körper und sahen nach dem Licht des Gehöfts. Starr, gelb und klein leuchtete es ihnen entgegen, und sie machten sich auf den Weg.

Sie brauchten diesmal nicht zu warten. Als sie auf dem Hof standen, wurde die Tür geöffnet, und sie sahen die dunklen Umrisse der Frau und daß sie ihnen winkte. Sie wurden erwartet, und es wurde ihnen zu verstehen gegeben, daß es nicht nötig sei, viel zu sprechen; die Frau brachte sie in eine Kammer und sagte: »Redet nicht viel, Kinderchen, setzt euch hin und eßt. Da ist Suppe.«

Und die Jungen setzten sich hin und aßen von der Suppe, und als die Schüssel leer war, brachte die Frau Brot und mageren Speck; sie sah zu, wie die Jungen aßen, sie wachte argwöhnisch darüber, daß keiner von ihnen etwas in die Taschen schob. Sie durften essen, soviel sie wollten, aber nichts mitnehmen. »Ihr müßt alles hier aufessen«, sagte die Frau. »Ihr dürft nichts mitnehmen. Nachher fangen sie euch unterwegs, und wenn sie rauskriegen, wer euch den Speck gegeben hat, dann ist es für euch nicht gut und für mich auch nicht.«

Und die Jungen aßen und aßen, und als nichts mehr auf den Tellern lag, erhoben sie sich stöhnend und wackelten zur Tür; ein Gefühl der Gleichgültigkeit überkam sie. Sie wollten sich gleich neben den Brun­nen legen und schlafen, aber die Frau schob sie auf den Weg und sagte: »Hier dürft ihr nicht schlafen, Jungens, so nah am Haus dürft ihr nicht bleiben. Geht in den Wald, da ist es wärmer und weicher. Geht dorthin und legt euch unter einen Strauch, und laßt euch nicht bei Tage hier sehen.«

Sie drangen, nachdem sie sich bedankt hatten, in den Wald ein, suchten eine günstige Stelle und fielen um; sie schliefen bald ein, und der Kleine kaute noch im Schlaf...

... Die Jungen schliefen bis in den späten Morgen; das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos weckte sie, und sie gingen in die Rich­tung, aus der das Geräusch zu ihnen gedrungen war, und entdeckten eine Chaussee. Sie setzten sich in den Chausseegraben, und Kurtchen sagte:

»Wir können hier warten, Fips. Wir können hier sitzenbleiben, bis ein Auto kommt. Wir werden es anhalten und uns ein Stück mitneh­men lassen. Vielleicht bis zum nächsten Dorf.«

»Nein«, sagte Fips, »nein, Jungchen, ein Auto dürfen wir nicht an­halten. In den Autos sitzt die Miliz. Ich will lieber langsamer vorwärts­kommen, aber sicherer. Außerdem wird die Miliz uns auch nicht mit­nehmen.«

»Was meinst du, Fips, wenn wir heute etwas bekommen, im näch­sten Dorf oder so, dann könnten wir doch abends nach Hause fahren. Wir behalten heimlich etwas von dem Brot und fahren abends zu­rück.«

»Auf keinen Fall«, sagte Fips. »Wenn du willst, Jungchen, kannst du allein nach Hause fahren. Ich bleibe noch einige Tage hier. Ich bin doch nicht hergekommen, um mich nur einmal vollzufressen. Du mußt die Gelegenheiten besser ausnutzen, Jungchen, sonst kommst du nie zu was. Deine Mutter wird schon warten.«

Sie hoben beide den Kopf und sahen die Chaussee hinab; sie hörten das Geräusch eines Wagens und bemerkten zwischen den Bäumen einen großen Heuwagen, der langsam näher kam.

»Das ist das Richtige«, sagte Fips hastig. »Von dem lassen wir uns mitnehmen. Langsam, aber sicher, Jungchen, und dazu noch gepol­stert. In den Autos sitzt die Miliz.«

»Soll ich ihn anhalten?« fragte Kurtchen.

»Nein«, sagte Fips, »wir halten ihn überhaupt nicht an. Wir klettern einfach hinten am Balken rauf; das merkt niemand. Laß ihn nur vorbeifahren.«

Sie ließen den Wagen vorbeifahren; dann sprangen sie auf, liefen wenige Schritte hinterher und zogen sich am Balken auf das Fuder empor. Es schwankte hier oben mächtig, und sie ließen sich ins warme Heu fallen und lachten sich lautlos zu. Aber plötzlich geschah etwas Unerwartetes: Sie sahen fast gleichzeitig, wie aus einer Heumulde der Lauf einer Maschinenpistole hervorstach; sie sahen die kleine dunkle Öffnung auf sich gerichtet und hoben die Hände hoch. Und dann tauchte der Kopf eines Milizsoldaten auf, und sie erschraken bei der Feststellung, daß es derselbe Soldat war, dem sie an der Brücke in Kowno davongelaufen waren. Der Soldat lachte und befreite sich vom Heu, das auf seiner Mütze und seiner Schulter hing, und er sagte: »Oi, oi, oi, was ist Welt klein, oi, oi, Vögelchen nicht haben Nester zum Verstecken. Alles fftt, alle Verstecke fftt!«

Diesmal paßte der Soldat besser auf, und er brachte die Jungen nach Veliouna, zu einer kleinen Kommandantur. Sie wurden für mehrere Tage eingesperrt, aber sie wurden gut behandelt, bekamen regelmäßig zu essen, und nachts erhielten sie eine Decke zum Schlafen. Sie blieben sechs Tage in Veliouna, und der Kleine weinte anfangs viel, und Fips gab ihm jeden Morgen etwas von seiner Brotration ab, da man ihnen den Zucker bei einer Leibesvisitation weggenommen hatte. Und am siebten Tag wurden sie verhört und dann von demselben Soldaten, der sie geschnappt hatte, zur Grenze gebracht. Es war ein sonniger, bie­derer Vormittag, an dem sie zu dritt zur Grenze gingen. Die Schwalben kurvten hoch im Blau, und die Straße war lang und gleichgültig und bot keine Abwechslung. Soweit das Auge reichte, war Straße, grausam monoton, nicht auszuhalten; nirgendwo ein Knick, eine willkommene Täuschung: zu Ende. Sie liefen vier Stunden, und als der Soldat es nicht mehr aushielt, rief er: »Stoi! Chalt! Alles chalt! So. Zuhören. Ich jetzt zurrick. Ich nach Haus. Ihr: Grenze. Ihr immer mißt laufen dieser Straße. Grenze zwei Stunden, kann auch sein finf Stunden. Was weiß ich. Ihr nicht zurrickkommen! Sonst fftt! Du und du. Alle beide fftt! Verstanden?«

»Und wie kommen wir nach Königsberg?« fragte Fips.

»Geradeaus«, sagte der Milizsoldat, »immer weiter, bald Grenze, bald Königsberg.« Und er faßte in die Tasche und holte einen großen Kanten Brot heraus; er reichte Kurtchen das Brot und sagte: »Chier, kleine Mann, chast Brot. Fier Chunger. Lauf, schnell! Dawai!«

Und die Jungen gingen ohne den Soldaten weiter, sie gingen ge­mächlich, und wenn sie sich von Zeit zu Zeit umdrehten, sahen sie den Soldaten immer kleiner werden auf der hitzeflimmernden Straße.

»Der hatte keine Lust mehr«, sagte Fips. »Na, hinter den Birken setzen wir uns hin und warten. Dann kann er uns kaum noch erkennen.«

»Sollen wir denn nicht zur Grenze?«

»Zur Grenze? Erstens, Jungchen, werden sie uns nicht 'rüberlassen über die Grenze, und zweitens könnten sie uns in ein Lager stecken. Hast du Lust dazu?«

»Ich bestimmt nicht«, sagte Kurt. »Ich brauch' nur unbedingt ein Paar Schuhe, Fips. Ich muß Schuhe haben, das piekt so verdammt auf den Steinen. Bei dir nicht?«

»Bei mir nicht«, sagte Fips. »Ich hab' jetzt schon 'ne Hornhaut, seitdem mir der Matrose die Schuhe weggenommen hat, hab' ich mir schon 'ne Hornhaut gelaufen, dick wie ein Kamm, Jungchen. So was mußt du dir auch anschaffen. Da geht nichts durch.«

Er verstummte plötzlich und drängte Kurt in den Graben; sie hörten mehrere Feuerstöße aus einer Maschinenpistole und auch einige Schreie, und als sie den Kopf über die Böschung hoben, sahen sie den Milizsoldaten auf der Straße liegen, und neben ihm standen einige bewaffnete Zivilisten. Sie beugten sich über ihn und nahmen ihm die Maschinenpistole fort, und dann verschwanden sie im Wald, und zwei von ihnen schleiften den toten Milizsoldaten in ein Gebüsch. Es waren Partisanen ...

... Im Wald von Passelautskinne, in dem seit mehr als zweihundert Jahren kein Holz geschlagen wurde, stießen die Jungen auf eine Gruppe von Partisanen; die Partisanen waren gut bewaffnet, sie hatten alle eine russische Maschinenpistole, denn sie mußten sich, wie sie sagten, auf russische Waffen verlegen, da sie für die deutschen keine Munition mehr bekamen. Die Partisanen sprachen fast alle deutsch, und die Jungen erhielten Essen und Trinken von ihnen, und man gab ihnen auch Ratschläge, in welche Dörfer sie gehen und welche sie nicht be­treten sollten, und sie wären gern noch eine Weile bei den Partisanen geblieben. Aber im Morgengrauen kam ein nervöser junger Bursche zu ihnen und sagte: »Ihr müßt jetzt verschwinden, Jungens, wir sind um­zingelt.«

»Der ganze Wald?« fragte Fips.

»Frag nicht soviel. Und gnade euch Gott, wenn ihr etwas erzählt. Ihr habt gesehen, was wir mit Spitzeln machen. Ihr habt sie an der Birke gesehen. Verschwindet jetzt. Es ist egal, wohin ihr geht. Sie sind an allen Ecken. Wenn es zu schießen anfängt, dann werft euch sofort hin.«

»Oder wir klettern auf einen Baum«, sagte Fips.

»Wenn sie Bluthunde haben, holen sie euch runter wie Krähen. Aber ihr könnt's ja versuchen. Los. Verschwindet jetzt.«

Die Jungen schlichen zögernd davon, und plötzlich rief Kurtchen leise: »Da, Fips!«

»Wo?«

»Unter der Fichte.«

»Das ist eine Kuh«, sagte Fips. »Die ist da angebunden, Jungchen. Wahrscheinlich hat die ein Bauer hier versteckt. Der ist schlau, was? Melkt die Kuh im Wald. Hat immer Milch und braucht nichts abzu­liefern. Komm, auf diese Fichte klettern wir rauf.«

»Aber wenn sie kommen, Fips, werden sie die Kuh finden, und dann -«

»Dann«, sagte Fips, »werden sie für nichts mehr Augen haben als für die Kuh. Sei nur ruhig. Du bist kein guter Menschenkenner, Jungchen. Ist doch klar. Die werden mit der Kuh so beschäftigt sein, daß sie die Bäume in der Nähe gar nicht absuchen werden.«

»Aber ...«

»Nichts aber, Kurtchen, mach zu. Du kletterst als erster rauf.«

Sie kletterten auf die Fichte und lauschten atemlos auf alle Geräu­sche, und nach einer Weile sahen sie zwei Milizsoldaten auf die Lich­tung treten; die Soldaten hatten keine Bluthunde bei sich, aber sie trugen die Maschinenpistole lose im Arm, und die Jungen saßen reg­los im Wipfel der Fichte. Die Soldaten fanden die Kuh, und sie ent­deckten auch die Leiche des Spitzels an der Birke, aber sie entdeckten die Jungen nicht und auch nicht die Partisanen. Die »Grünen« waren auf geheimnisvolle Art verschwunden, es kam zu keiner Schießerei, sie wurden nicht aufgestöbert, obwohl die Milizsoldaten das Wald­stück mehrmals durchkämmten, bevor sie auf Lastwagen davonfuh­ren.

Die Jungen stiegen erst am Abend von der Fichte herab; sie wußten nicht, daß alle Soldaten weggefahren waren, und darum blieben sie ruhig sitzen und warteten. Sie konnten warten, sie hatten es gelernt in den Tagen, die sie hier schon verbracht hatten; unmerklich hatten sie ein anderes Zeitgefühl erhalten, das Zeitgefühl des Ostens.

An einem Abend kamen sie in ein Dorf. Es war ein kleines Dorf, das nur aus wenigen strohgedeckten Hütten bestand, und es machte einen friedlichen Eindruck. Es sah nach Feierabend und Ruhe aus, und die Jungen beobachteten das Dorf, bevor sie zwischen die Häuser traten, aber sie bekamen keinen Menschen zu Gesicht; die Hütten lagen wie ausgestorben da, niedrige, graue Hütten, die sich an den Boden duck­ten.

Kurtchen sagte: »Die schlafen wohl schon alle, Fips. Die sind aber früh ins Bett gegangen.«

»Das glaub ich nicht, Jungchen.«

»Meinst du, daß sie alle tot sind?«

»Nein.«

»Was denn? Vielleicht haben sie sich versteckt.«

Sie gingen an eine Hütte heran, und Kurtchen warf einen Blick durch das vordere Fenster, und im gleichen Augenblick sagte er: »Da, Fips, es ist nichts drin in dem Haus. Kein Stuhl, kein Bett, nichts. Sieh nur! Hier wohnt niemand. Die Leute sind alle weggezogen. Vielleicht ging es ihnen zu schlecht hier.«

»Oder zu gut«, sagte Fips. »Wahrscheinlich hat man sie alle mit dem Lastwagen irgendwohin gebracht. Das glaube ich wohl.«

Sie betraten die Hütte und untersuchten die Küche und den Boden und den Rauchfang, aber sie konnten nichts finden, das sich gelohnt hätte, mitgenommen zu werden; nur ein Stück Schnur fanden sie und einen Räucherhaken. Sie betraten mehrere Hütten, aber alle waren leer und verlassen, und Fips sagte:

»Es hat keinen Zweck, Jungchen, hier ist nichts zu holen. Wir gehn jetzt noch mal zu dem größeren Haus, und wenn das auch leer ist, müssen wir weiter zum nächsten Dorf.«

Aber als sie an das Fenster des größeren Hauses pochten, wurde die Tür geöffnet, und ein alter, freundlicher Mann erschien auf der Schwelle; er forderte sie auf, hereinzukommen, und führte sie in ein Zimmer, in dem nur in einer Ecke Deckenreste und Laub lagen, of­fenbar als Schlafstelle.

»Ich wollte nur fragen, ob Sie ein Stück Brot haben«, sagte Fips. »Aber nicht für mich, ich halte es schon noch aus. Ich frage nur wegen des Kleinen hier.«

Der alte Mann lachte hilflos und sagte: »Was soll ich euch denn geben, Kinderchen? Ich hab' nichts. Aber meine Frau ist fortgegangen. Vielleicht bringt sie ein paar Pilze mit oder Blaubeeren. Wenn ihr wollt, dann setzt euch ruhig hin und wartet.«

»Du bist doch nicht von hier, Opa?« sagte Fips.

»Nein«, sagte der alte Mann. »Ich bin nicht von hier.«

»Du kommst aus Ostpreußen, nicht?«

»Ja«, sagte der Alte, »aus Palmnicken. Ihr auch?«

»Nein, wir sind aus Königsberg.«

»Aus Königsberg«, sagte der Alte beglückt, »was ihr nicht sagt, Kin­derchen. Ich hab' gedient in Königsberg. 1900. Ja, ich kenn' Königs­berg gut. - Daher kommt ihr also.«

»Wir sind aber schon einige Wochen hier, Opa. Sag mal: wo sind denn die Leute im Dorf? Sind die alle weggezogen?«

»Weggezogen?« fragte der Alte. »Wenn ihr wüßtet, wie die weggezogen sind. Ein Grüner hat es uns erzählt, einer von den Partisanen.«

»Wurden sie erschossen?«

»Nein«, sagte der Alte, »Gott bewahre. So gnädig war man nicht zu ihnen. Das war ganz anders: Eines Abends, da wurde hier im Dorf ein kleines Fest gefeiert, es wurde getanzt und getrunken, und alles war sehr lustig. Und plötzlich kamen die Grünen aus dem Wald, es waren wohl vierzig Männer. Und alle brachten ihre Gewehre mit, und sie reinigten ihre Gewehre vor dem Gasthaus und begannen dann auch zu tanzen und zu feiern. Sie hatten natürlich einige Posten aufgestellt, die melden sollten, wenn die Russen kämen, aber die Posten merkten nicht, daß sich der Bruder des Partisanenführers wegschlich und alle an die Russen verriet. Es gab eine furchtbare Schießerei hier, und es wurden zweiunddreißig Russen getötet, aber auch mehr als zwanzig Grüne.

Und nachdem die Partisanen wieder im Wald waren, kam die Miliz, und alle Leute im Dorf wurden auf Lastwagen getrieben und fortge­bracht. Ich weiß nicht, wohin sie gebracht wurden, aber wiederkom­men werden sie wohl nicht. Na, und jetzt sitzen wir hier, meine Frau und ich; hier wird man zumindest in Ruhe gelassen. Ab und zu kommt nur mal ein Grüner und sieht bei uns 'rein, der Mann, dem das Haus gehört. Er hat nichts dagegen, daß wir hier sind, er sagt immer: bleibt ruhig hier, solange ihr hierbleibt, habe ich die Hoffnung, zurückzu­kommen. Aber wenn erst das ganze Dorf leer ist...« Ein kurzes Klopfen an der Tür unterbrach den Alten; seine Frau kam herein mit einer Konservendose voll Blaubeeren, und nachdem sie den Besuch ken­nengelernt hatte, stellte sie die Dose vor die Jungen hin und sagte: »Eßt nur, Kinderchen. Ich werde uns neue pflücken. Komm, Kleiner, fang du an.«

Aber Fips sagte: »Nein, nein. Der Kleine will nichts mehr. Das hab' ich vorhin nur so gesagt. So, Kurtchen, jetzt wollen wir mal auspacken. Jetzt wollen wir uns alle mal richtig satt essen. Gib den Speck her, Jungchen, und das Brot. Und die Eier können wir auch gleich hierlas­sen.«

Und sie holten beide aus geheimen Taschen und unter der Kleidung versteckten Beuteln alles heraus, was sie hatten, und dann forderten sie die beiden Alten auf, Platz zu nehmen und zuzugreifen, und sie aßen vergnügt und andächtig, soviel sie konnten. Die Alten hatten lange keinen Speck mehr gesehen und kein Ei, und die Jungen baten sie, alles aufzuessen.

»Na«, sagte der Alte, »was sagst jetzt, Mutter? Hättest du gedacht, daß wir in unserm verlassenen Dorf noch mal so was zu sehen bekom­men? Ein reines Wunder, wahrhaftig. Ein reines Wunder in diesem Dorf.«

Nach dem Essen blieben sie auf der Erde sitzen und tauschten Neu­igkeiten aus, oder das, was sie Neuigkeiten nannten. Sie erzählten sich, daß das nicht das einzige verlassene Dorf in Litauen war und daß immer mehr Deutsche in dieses Land kamen. Sie zogen bettelnd von Haus zu Haus, und wo die Einheimischen helfen konnten, da wurde geholfen; und wenn Wandernde ein leerstehendes Haus ausfindig machten, dann blieben sie manchmal und richteten sich ein, und wenn sich das herumsprach, folgten ihnen andere, und so entstanden an vielen Orten kleine deutsche Gemeinschaften. Sie wurden zwar ständig kontrolliert, aber die NKWD-Offiziere waren vielerorts ausnehmend freundlich zu den Deutschen. Und die Litauer halfen ihnen, halfen, wo sie konnten, auch wenn sie sich dabei selbst in Gefahr begaben.

An Markttagen fuhren die Deutschen viele Meilen weit, um einan­der zu sehen und gute Ratschläge zu geben, und das neue Land verän­derte sie, ohne daß sie dessen gewahr wurden; sie hatten einen anderen Blick und andere Gedanken, und sie alle unterlagen einem neuen Ge­fühl der Zeit ... Zeit, was ist im Osten die Zeit? Still sein und warten. Die Fußnägel wachsen, der Großvater stirbt, und der Sommer sinkt um, und dann tritt sich der Herbst die Füße ab, und hinterm Wald liegt schon der Winter auf der Lauer.

Eines Tages trennten sich die Jungens, sie gingen ohne großen Ab­schied auseinander. Fips arbeitete bei einem Bauern, und der Kleine ging in den Wald und half beim Holzfahren. Beide wurden registriert, beide trugen neue Dokumente bei sich und sprachen litauisch und russisch. Sie verdienten sich ihr Brot; sie bekamen Rubel ausgezahlt, und in jedem Monat trafen sie sich während des Marktes und brachten einander Zigarettenpapier und Tabak mit, und sie umarmten und freuten sich.

Aber dann erschien Fips auf einmal nicht mehr, und obwohl Kurtchen bis zum Abend wartete, bekam er den Freund nicht zu Gesicht, und da fragte er einige Leute, ob sie wüßten, wo Fips sei, und ein Mann erzählte ihm, daß Fips im Wald gefunden worden sei, tot. Niemand habe eine Verletzung an ihm entdecken können, er habe tot auf einer Lichtung gelegen, vielleicht, meinte der Mann, sei er erdrosselt wor­den.

Da fuhr Kurtchen allein mit seinem Pferdewagen nach Hause und dachte an Fips; und plötzlich, da er allein war, begann er sich zurück­zusehnen; die Erinnerung brannte in ihm, und er dachte an seine Mutter und an Heinzi, seinen jüngeren Bruder. Er erschrak über die Feststellung, daß er mittlerweile fast achtzehn Jahre alt geworden war, und er sann und sann, wie er nach Hause kommen könnte.

Als dann im Winter Vorbereitungen zum Abtransport aller Deut­schen aus Litauen getroffen wurden, ließ der Kleine sich registrieren, und seine litauischen Freunde brachten ihn zur Bahn, und es war ein großer und rührender Abschied, und eines Tages kam er nach dem Westen, und hier traf er seinen Bruder wieder und erfuhr von ihm, daß die Mutter die Zeit nicht überlebt hatte. Und er fand auch Aufnahme und Arbeit in einem Lehrlingsheim.

Bei der Arbeit findet er wenig Zeit, an Litauen zu denken. Doch wenn er manchmal nachts erwacht, dann tauchen plötzlich vor seinen Augen Wiesen und dichte, verfilzte Wälder auf, und er sieht den alten, gleichmütigen Strom zu seinen Füßen und hört eine ferne Musik. Und dann verspürt er so etwas wie Sehnsucht.

© Hoffmann und Campe, 2016

  • Country in which the text is set
    East Prussia
  • Featured locations
    Königsberg / Kaliningrad
    Lithuania

     

  • Bibliographic information
    Siegfried Lenz, Die Erzählungen Bd. I. 1948-1963, Hamburg: Hoffmann und Campe 2015, S. 190-210
  • Year of first publication
    1954
  • Place of first publication
    Hamburger Sonntagsblatt