German
Die Schlangenkönigin
Translated by Victor Jungfer
In alter, alter Zeit lebte einstmals ein Mann mit seiner Frau. Sie hatten zwölf Sohne und drei Töchter, von denen sie die jüngste „Tännlein“ hiessen.
An einem Sommerabend gingen alle drei Schwestern ans Meer um zu baden. Als sie sich im Wasser getummelt und gebadet hatten und zum Ufer emporstiegen, um sich anzukleiden, da sieht die jüngste im Aermel ihres Hemdes zusammengeringelt eine Schlange. Sie erschrak und sprang zur Seite, aber die Aelteste ergriff einen spitzen Stock und sprang auf die Schlange los, um sie zu vertreiben. Da sprach die Schlange mit menschlicher Stimme zu Tännlein: „Gib, Tännlein, mir dein Wort, dass du mich heiraten wirst, dann will ich gutwillig fortkriechen“. Tännlein begann zu weinen. Wie konnte sie eine Schlange heiraten! „Gib mir“, sagte sie, „mein Hemd wieder, und geh deines Weges, wo du hergekommen bist“. Aber die Schlange gab nicht nach. „Gib“, sagte sie noch einmal, „mir dein Wort, dass du mich heiraten wirst, dann werde ich fortkriechen“. Was sollte das Mädchen tun? Es rief die Schwestern zur Hilfe herbei, aber als schliesslich garnichts half, musste es der Schlange sein Wort geben und ihr versprechen, sie zu heiraten. Da kroch die Schlange aus dem Hemd und verschwand im Meer, aber Tännlein zog sich an und ging mit ihren Schwestern nach Hause.
Zu Hause erzählte sie ihren Eltern alles, was sich am Meere begeben hatte, und die Eltern gerieten in grosse Sorge, denn sie wussten nicht, was weiter geschehen werde.
Nach drei Tagen sehen sie auf einmal, wie eine ganze Schar von Schlangen in den Hof kriecht. Da erschrecken alle und schauen hin wie gebannt. Einige Schlangen hängen sich oben ans Tor, andere ringeln sich um die Lilien, wieder andere um die Stangen und Pfähle des Zauns. Die Brautwerber aber schlüpfen gerade hinein ins Haus, um mit den Eltern und der Braut zu sprechen.
Als Tännleins Eltern und ihre Schwestern eine so grosse Menge von Schlangen sahen und begriffen, was vor sich gehen sollte, da schickten sie Tännlein in die Klete und hiessen sie, sich nicht zu zeigen. Sie würden ohne sie die Schlangen schon fortbringen. Tännlein lief in die Klete, nahm die Spindel zur Hand und begann Flachs zu spinnen. Sie spann eilig und versuchte ihr Herz zu beruhigen, aber ihr war so ängstlich und traurig zumute, und die Tränen flossen und flossen aus ihren Augen…
Indessen reden und sprechen die Brautwerber im Hause. Um keinen Preis wollen die Eltern es zugeben, dass die Tochter eine Schlange heiratet. Aber sie erhalten nur zur Antwort: „Ihr müsst sie hergeben, es ist versprochen, und damit basta!“ Als die Eltern schliesslich einsehen, dass sie sich mit Worten nicht freimachen können, lassen sie eine weisse Gans bringen und übergeben sie den Werbern. „Was sollen wir schon machen“, sagen sie, „da, nehmt unser Töchterchen“.
Da nahmen die Brautwerber die Gans und gingen ihres Weges. Aber unterwegs rief der Kuckuck ihnen zu:
Kuckuck! Kuckuck! Man hat euch betrogen!
Das ist nicht die Braut — eine weisse Gans.
Kuckuck! Kuckuck! Man hat euch betrogen!
Und dann plauderte der Kuckuck aus, wo die Braut sei.
Da kehrten die Schlangen zurück, warfen die Gans hin, verlangten die Braut und sprachen:
Das ist das Bräutchen nicht,
Das ist ein weisses Gänschen.
Unser Bräutchen in hoher Klete
Spinnt Flachs und weint bitterlich.
Da sannen die Eltern in ihrem Kopfe, was zu tun sei, und liessen ein weisses Schaf bringen. Das nahmen die Schlangen und gingen wiederum ihres Weges. Aber als sie durch den Wald fuhren, rief der Kuckuck:
Kuckuck! Kuckuck! Man hat euch betrogen!
Das ist nicht die Braut — ein weisses Schaf.
Kuckuck! Kuckuck! Man hat euch betrogen!
Die Schlangen kehrten noch einmal zurück, verlangten die Braut und sprachen:
Das ist das Bräutchen nicht,
Das ist ein weisses Schäflein.
Unser Bräutchen in hoher Klete
Spinnt Flachs und weint bitterlich.
Jetzt gaben die Eltern ihnen eine weisse Kuh, aber der Kuckuck plauderte unterwegs auch diesmal die Wahrheit aus, sodass die Schlangen zurückkehrten und nun mit strengen Worten die Herausgabe der r i c h t i g e n Braut forderten. Da sahen die Eltern, dass sie auf keine Weise ihre Tochter behalten würden, und führten das jüngste Töchterlein, das schönste und liebste von allen, heraus, damit es die Schlange heirate.
Als die Schlangen die Braut erhalten hatten, eilten sie klappernd davon und kehrten nicht mehr zurück. Die zu Hause aber beweinten und bejammerten das Tännlein, meinten sie doch, dass sie es direkt ins Verderben gesandt hätten. Und auch das Tännlein ging weinend mit wehem Herzen fort.
Nicht lange, so gelangte sie mit dem ganzen Schlangengewimmel ans Meer und schaute furchtsam ins Wasser. Da kräuselte sich plötzlich die See und wogte auf, und aus der Tiefe empor stieg — nicht eine furchtbare Schlange, sondern ein schöner Jüngling, der Sohn des Meerkönigs. Er trat aus dem Wasser, grüsste Tännlein und erzählte, er sei die gleiche Schlange, die in den Aermel ihres Hemdes hineingekrochen sei, als sie badete.
Sogleich liessen sich alle ins Meer hinab, wo auf dem Grunde der Palast der Schlange lag, mit Bernstein und vielerlei köstlichen Dingen geziert. Hier wurde eine prächtige Hochzeit angerichtet, und drei Wochen hindurch war man fröhlich bei Trinken, Essen und Tanzen.
Auch Tännlein war nicht mehr traurig. Es war lustig und fröhlich für sie, im Schlangenpalaste zu leben, wo sie alle Freiheit hatte und allerlei gute Dinge, sodass sie ihr Elternhaus endlich ganz vergass.
Neun Jahre vergingen. Tännlein gebar drei Söhne, von denen der Aelteste den Namen Eiche bekam, der zweite den Namen Erle und der dritte den Namen Birke, dazu ein Töchterchen, das Espe genannt wurde. Das war die Jüngste.
Einmal fragte der älteste Sohn Tännlein beim Spielen: „Wo wohnen denn deine Eltern, Mütterlein? Werden wir sie einmal besuchen?“ Da erinnerte sie sich auf einmal ihrer Eltern, Brüder, Schwestern und ihrer ganzen Verwandtschaft: Wer mochte wissen, wie sie drüben lebten, ob sie gesund waren, ob überhaupt noch am Leben oder vielleicht schon längst gestorben. Und auf einmal verlangte es sie, sich aufzumachen, um ihre Heimat wiederzusehen. So lange war sie nicht dort gewesen, hatte die Ihren nicht gesehen und sehnte sich nach ihnen. Da bat sie ihren Mann, es ihr zu erlauben. Aber die Schlange wollte sie gutwillig nicht fortlassen. „Du kannst gehen“, sagte sie, „aber zuerst musst du mir dieses Wickel Seide verspinnen“. Damit gab sie ihr die Spindel.
Die Frau setzte sich sofort ans Spinnrad und spann einige Tage hindurch ununterbrochen. Sie spann und spann, aber das Seidenwickel blieb immer das gleiche und wurde auch kein bisschen kleiner. Da sah sie, dass sie betrogen war. Das Bündel war sicherlich verzaubert und liess sich nicht aufweben. Da sie sich nun keinen Rat wusste, ging sie zu einer alte kundigen Zauberin, die in der Nähe wohnte, und fragte: „Liebes Mütterchen, sag mir und lehr mich, wie man dieses Seidenwickel aufspinnt“. Die Alte forschte Tännlein aus und sagte dann: „Wirf das Wickel ins Feuer, wenn du den Ofen heizt, denn auf andere Weise wirst du es niemals zuende spinnen können“.
Als Tännlein nach Hause gekommen war, heizte sie den Backofen und warf dann das Wickel hinein. Wie die Seide nun herunterbrannte, sah sie, wie eine Kröte sich im Feuer wand. Die war so gross wie ein Waschholz. Jetzt verstand sie, weshalb sie das Wickel nicht zuende weben konnte: Die Kröte hatte immer wieder neue Seide von sich gegeben.
Als sie so mit dem Weben zu Ende gekommen war, bat Tännlein wiederum ihren Mann, dass er sie wenigstens auf ein paar Tage zu den Eltern lassen möge. Der Mann zog unter der Bank ein Paar eiserne Schuhe hervor und sagte: „Wenn du diese Schuhe durchgetragen hast, dann darfst du die Reise antreten“. Sie zog die Schuhe an und ging mit ihnen herum, sie scheuerte sie gegen Ziegel und Steine, wo sie nur welche fand. Aber die dicken Schuhe wurden auch kein bisschen abgerieben, und die Frau sah ein, dass sie ihr für das ganze Leben ausreichen würden. Da ging sie wiederum zu der Alten, um Rat einzuholen. Die Alte sprach: „Trage die Schuhe zu einem Schmied hin und bitte ihn, sie im Schmiedeofen zum Platzen zu bringen“. — Das tat sie denn auch. Die Schuhe brannten im Feuer an, und Tännlein hatte sie nach drei Tagen zerrissen.
Nun drang sie wiederum in ihren Mann, dass er ihr erlauben möge, die Eltern zu besuchen. Endlich sagte dieser: „Gut, du darfst gehen. Aber zuvor musst du für die Kinder deiner Brüder und Schwäger noch Hasenbrot backen. Mit leeren Händen zu kommen ist nicht schön“. Indessen hatte er selbst schon den Befehl gegeben, alles Geschirr und alle Gefässe zu verbergen, dass sie nur ja kein Brot backen könnte.
Tännlein greift hierhin, greift dorthin — wie soll sie Wasser ohne Eimer tragen, wie soll sie den Fladen ohne Gefässe anrühren? Und wiederum geht sie zu der Alten. Die sagt zu ihr: „Nimm von dem Sauerteig, der vom Einteigen des Brotes übrig geblieben ist, und streiche damit ein Fischnetz aus. Dann schöpfe dir Wasser und rühre darin den Fladen an“. Das tat sie denn auch: sie rührte den Teig an, sie buk das Hasenbrot und rüstete sich zur Reise.
Jetzt musste die Schlange sie schon fortlassen. Tännlein verabschiedete sich von ihrem Manne und den Hausgenossen und ging. Der Schlangenkönig ging mit ihr hinaus, um sie zu begleiten. Als er sie zum Ufer des Meeres geführt und ihr anbefohlen hatte, nicht länger als drei Tage im Elternhause zu weilen, sagte er zu seiner Frau: „Wenn du zurückkehrst, so komme allein mit den Kindern, ohne Begleiter, und wenn du ans Meer kommst, so rufe mich mit den Worten:
Žilvinė, Žilvinėli!
Wenn du lebst, dann sei es Milchschaum,
Wenn du nicht lebst, Schaum des Blutes.
„Und wenn du“, sagte er, „auf der See einen Schaum wie Milch anschwimmen siehst, dann wisse, dass ich noch am Leben bin, wenn es aber ein Schaum von Blut ist, dann lebe ich nicht mehr. Und ihr, Kinder, hütet euch, und plaudert nicht aus, wie man mich zu rufen hat“. Nachdem er so gesprochen, sagte er noch einmal den Kindern und seiner Frau lebewohl und wünschte ihnen glückliche Rückkehr vom Besuche der Eltern.
Als Tännlein mit ihren Kindern ins Elternhaus kam, gab es dort eine unbeschreibliche Freude: ihre ganze Verwandtschaft, nahe und ferne Nachbarn und Gevattern versammelten sich, um sie zu begrüssen, und einer nach dem andern forschte sie aus, wie sie dort lebe bei den Schlangen, ob es schön, ob es fröhlich sei bei ihnen, und alle konnten sich an ihren Erzählungen nicht genug weiden und darüber staunen. Alle bewirteten sie und sprachen freundlich mit ihr — so fühlte sie nicht, wie neun ganze Tage verflogen.
Indessen überlegten ihre Brüder, Eltern und Schwestern, wie man sie zu Hause festhalten könne, um sie nicht mehr zu den Schlangen zurückzulassen. Sie kamen überein, die Kinder auszufragen, wie die Mutter den Vater rufen werde, wenn sie ans Meer zurückgekehrt sei. Dann wollten sie selbst ans Meer gehen, die Schlange rufen und sie töten.
Eines Nachts, als Tännleins Brüder in den Wald ritten, um die Pferde weiden zu lassen, nahmen sie ihren jüngsten Sohn Eiche mit. Sie liessen die Pferde frei, setzten sich ins Dickicht, zündeten sich ein Feuer an und begannen zu plaudern und den Knaben auf allerlei Art auszuforschen, wie sein Vater hiesse, und wie die Mutter ihn rufen werde, wenn sie nach Hause zurückkehren würde. Aber der Knabe antwortete, er wisse es nicht. Da begannen sie ihm zu drohen und ihn furchtbar zu ängstigen und schlugen ihn zuletzt mit Ruten. Aber der Knabe gab trotzdem seines Vaters Namen nicht preis.
Als sie am Morgen nach Hause zurückkehrten, waren die Augen des Knaben verweint, und die Mutter fragte ihn: „Lieber Junge, was sind deine Augen so rot?“ — „Hab keine Sorge, Mütterchen“, antwortete er, „wir sassen am Feuer, das Holz war feucht, und der Wind hat mir den Rauch ins Gesicht getrieben“.
In der zweiten und dritten Nacht führten die Brüder die andern beiden Söhne Tännleins — Erle und Birke — in den Wald und versuchten sie gleichfalls zu zwingen, den Namen des Vaters preiszugeben und zu sagen, wie die Mutter ihn rufen werde, wenn sie bei der Heimkehr ans Meer käme. Aber auch diese beiden Kinder Tännleins plauderten nichts aus, wenn sie auch geschlagen wurden.
In der vierten Nacht nahmen Tännleins Brüder Espe, das Töchterchen ihrer Schwester, mit in den Wald. Auch diese sagte zuerst, sie wisse nicht, wie die Mutter den Vater rufen werde, aber als sie ihr drohten und Ruten unter dem Rock hervorzogen, da erschrak sie und erzählte ihnen alles.
Als der Morgen dämmerte, kehrten die Brüder zurück, nahmen ihre Sensen und gingen an den Strand, ohne dass es jemand bemerkte. Am Meere stiessen sie den Ruf der Schlange aus, und als diese aus dem Milchschaum ans Ufer kroch, überfielen sie sie und zerhackten sie mit ihren Sensen. Dann gingen sie nach Hause und hingen die Sensen vor der Tür auf.
In Tännleins Herzen hatte es einen Stich gegeben. Waren die Brüder in guter Absicht so früh mit den klingenden Sensen fortgegangen? Sie begann sich zurechtzumachen, sich anzukleiden — sie wollte nach Hause. Nachdem sie den Eltern und ihrer Verwandtschaft lebewohl gesagt hatte, nahm sie die Kinder und ging fort. Am Strande angelangt rief sie, wie ihr befohlen war:
Žilvinė, Žilvinėli!
Wenn du lebst, dann sei es Milchschaum,
Wenn du tot bist, Schaum des Blutes.
Da blitzte es, die See wogte von der Tiefe auf, und Tännlein sah, wie ein blutiger Schaum langsam von den Wellen näher getrieben wurde. Aus der Tiefe des Meeres aber vernahm sie die Stimme ihres Mannes:
Deine Brüder mit stählernen Sensen
Zerhackten mich.
Unser Töchterlein, unsere Espe
Hats ihnen gesagt, hat sie gelehrt,
Wie man mich ruft, wie man mich nennt.
Da war Tännlein bis ins Herz getroffen, und zu ihren Kindern gewandt sagte sie schluchzend:
Mein Töchterlein, du meine Junge,
Dass du dich wandeln mögest in eine Espe,
Dass du zittern mögest bei Tag und bei Nacht,
Dass dir der Regen das Mündlein wasche,
Dass dir der Wind deine Haare kämme…
Doch ihr meine Söhne, ihr meine teuren,
Sollt stehen von heute als feste Bäumlein,
Ich, euer Mütterchen, bleibe ein Tännlein.
Und wie sie ausgesprochen, so geschah es: Tännleins drei Söhne verwandelten sich in kräftige Bäumlein, aber ihr Töchterlein — das ist die allen Menschen bekannte Espe. Eiche, Erle und Birke sind noch jetzt unsere festesten Bäume, aber die Espe erzittert noch heute, wenn sie vom leisesten Lüftchen berührt wird.